10 erstaunliche Erkenntnisse der Apple Watch-Keynote

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Nach der Keynote ist vor der Detailanalyse: Auch diesmal bot Apple viel Gesprächsstoff
Nach der Keynote ist vor der Detailanalyse: Auch diesmal bot Apple viel Gesprächsstoff(© 2015 Apple)

Drei ganze Aufreger bot die Apple-Keyote gestern: Die Preise für die Apple Watch, den Überraschungscoup des vollkommen überarbeiteten MacBooks und die Apple TV-Kooperation mit HBO Now. Und sonst so? Zumindest für zehn Randnotizen waren die 94 Minuten im Yerba Buena Center in San Francisco gut...

1. Es ist immer noch nicht klar, was die Apple Watch sein soll

Keine Frage: Die Apple Watch ist durchdesigntes Schmuckstück, das buchstäblich nur aus Cupertino kommen kann. Bei 38 verschiedenen Modellen dürfte so ziemlich für jeden Geschmack etwas dabei sein.

Doch schon die ziemlich entrüsteten Reaktionen im Social Web und in unseren Buzz Tags auf die nun nicht vollkommenen überteuerten Apple-Uhren machen deutlich, dass Apple-Fans – anders als bei iPhone oder iPad – auch nach zwei Keynotes nicht vollständig verstanden haben, wofür sie nun ihr Geld ausgeben. Business Insider-Gründer Henry Blodget spricht wohl für viele Apple-Nutzer, wenn er fragt:

2. Bei Apple TV tut sich was im Hintergrund

Erst der erwartete Deal mit dem Bezahlsender HBO, der den Streaming-Dienst HBO Now für 14,99 Dollar im Monat exklusiv auf Apple TV bringt, dann die ungewöhnliche weitere Preisreduktion der Set-Top-Box um 30 Prozent auf nur noch 69 Dollar: Apple würde sein Hobby kaum so intensiv pflegen, wenn es im Hintergrund nicht längst an etwas Größerem feilen dürfte – der nächsten Apple TV-Generation und vielleicht sogar dem Apple Fernseher, der durch die beiden Ankündigungen eher wahrscheinlich geworden ist.

3. Es wird noch schwerer fürs iPad

Als wäre der Abschwung der vergangenen Quartale nicht schon dynamisch genug: Das neue, ultraflache, ultraleichte MacBook in 12 Zoll dürfte die Absatz-Probleme des iPads noch weiter verschärfen.

4. Tim Cook waren die Preise für die goldene Apple Watch Edition offenbar unangenehm

John Gruber hatte uns vorbereitet: Die Apple Watch, besonders die luxuriöse Watch Edition aus 18-karätigem Gold, würde ein extrem teures Vergnügen werden. 5000 Dollar? 8000 Dollar? "Sie beginnt ab 10.000 Dollar und wird in limitierter Auflage in ausgewählten Apple Stores erhältlich sein", hastete Tim Cook gegen Ende der Keynote durch das Einstiegspricing für die Apple Watch Edition, das selbst Apples ersten Personal Computer Lisa aus dem Jahr 1983 überbot.

Wohlgemerkt: Wer es noch exklusiver mag, kann auch 18.000 Euro für Modelle mit entsprechendem Lederarmband und Goldverschlüssen ausgeben. Dass der Goldpreis (die Feinunze steht aktuell bei 1160 Dollar) am Ende natürlich den Preis der aus 18-karätigem Rosé- oder Gelbgold bestehenden Apple Watch Edition mitbestimmt, sollte sich von selbst verstehen – doch Tim Cook, der bislang nur mit der Sport-Collection gesichtet wurde, fühlt sich offenbar noch nicht ganz wohl in der Rolle als Luxusgüter-Verkäufer.

5. Es dauerte in der Keynote 54 Minuten bis zur Apple Watch

Schon die Ankündigung vor knapp zwei Wochen war eine Überraschung. Noch eine Apple Watch-Keynote? Tatsächlich: Exakt sechs Monate nach der Enthüllung im Flint Center folgte nun im Yerba Buena Center das Detailprogramm mit Bepreisung und Launchterminen.

Warum Apple allerdings die ersten 54 von 94 Minuten mit den Nebenschauplätzen – der kurzen HBO Now-Ankündigung und dann der fraglos sehenswerten Macbook-Enthüllung – verbrachte, ehe das Main-Event begann, bleibt eines der Rätsel der "Spring Forward"-Keynote.

6. Kevin Lynch und die vermeintliche Rolle seines Lebens

Ein anderes wiederholte sich nach sechs Monaten zum zweiten Mal: Dem früheren Adobe-CTO Kevin Lynch, der seit zwei Jahren bei Apple unter Vertrag ist, wurde wie schon September die Hauptrolle bei der Apple Watch-Präsentation zuteil. Der Auftritt war erneut so fragwürdig wie für viele Apple-Fans bis heute die Verpflichtung des bei Adobe notorischen Flash-Verteidigers.

Apples neuer Technik-Chef, der neben Jony Ive den größten Einfluss auf die Entwicklung der Apple Watch gehabt haben soll, machte auf der Bühne erneut den schwächsten Eindruck. Das lag nicht nur an der leidenschaftslos vorgetragenen Präsentation, sondern auch an den trivialen Beispielen, die Lynch bot. ("Auch Instagram-Fotos können betrachtet werden. Schön").

7. Die Mickey Mouse-Obsession der Apple Watch

Eigentümlicher Höhepunkt: Auch Lynch blieb bei der Vorführung der Zifferblätter wieder bei Mickey Mouse hängen ("sehr spaßig"). Nichts gegen den fast 87 Jahre alten Sympathieträger von Walt Disney – aber ist das die Art der Ansprache, die sich der wertvollste Konzern der Welt für sein erstes neues Produkt seit fünf Jahren, das vor allem trendbewusste, junge Käufer ansprechen soll, ausgedacht hat: einen Disney-Charakter?

Tatsächlich scheint Mickey Mouse die heimliche Starrolle bei der Einführung der Apple Watch sicher: auch in Werbespots und Demos taucht immer wieder reflexartig das Zifferblatt mit dem Kinderhelden auf. Ist das die Zielgruppe, die sich Apple heimlich für sein Wearable vorstellt – oder sind es deren Eltern?

Eine andere Erklärung reicht tief zurück bis in Steve Jobs' Pixar-Jahre: Als der Apple-Gründer 2006 das Animationsstudio an Disney verkaufte, stieg Jobs zum größten Einzelaktionär des Dow Jones-Mitglieds auf. Jobs' Witwe Lauren Powell verwaltet das Vermögen des langjährigen Apple-Chefs heute treuhänderisch – und besitzt damit auch einen beträchtlichen Anteil Disney-Aktien.

8. Jony Ive droht als Video-Guru die Magie zu verlieren

Eines ist klar in Cupertino: Kein Wort gegen den heiligen Jony – alles andere würde Majestätsbeleidigung gleichen – welchen immensen Stellenwert Apples Designchef inzwischen besitzt, verdeutlichte unlängst noch einmal das Porträt im New Yorker.

Kein Wunder also, dass Apple auch auf dieser Keynote einer altbewährten Blaupause folgte: als Keynote-Höhepunkt und als Produkt-Untermauerung folgt stets der Videoeinspieler mit Jony Ive, der in sonorer Stimme zu Techporn-ähnlichen Zeitlupen-Sequenzen die Vorzüge des neuen  Apple-Gadgets anpreist.

Das Problem: Seit Ikeas genial-dreister Ive-Persiflage durch den Bookbook-Spot, den wir uns bei Curved seinerzeit auch genau angeschaut haben, kann man die Video-Clips von Apples Designguru kaum mehr ironiefrei betrachten. So undenkbar es klingt: Die Video-Einspieler von Apples Designzauberer drohen an Magie zu verlieren...

9. Wo war Angela Ahrendts?

Wie lange ist es nun her, dass die Verpflichtung der ehemaligen Burberry-Chefin zu Apple bekannt gegeben wurde? Eineinhalb Jahre sind es bestimmt, seit einem Jahr geht die Herrin über die Apple Stores in Cupertino ihrer neuen Arbeit nach, die ihr zum Amtsantritt gleich mit Aktienoptionen im Wert von 68 Millionen Dollar vergoldet wurde. Stimmen, Ahrendts wäre Cooks Königstransfer gewesen, wie man in Fußballkreisen so gerne sagt, kommen fast jede Woche auf.

Bleibt die Frage: Warum hatte die Frau, die wie keine zweite Personalie bei Apple für den Spagat zur Luxusgüterindustrie und damit für die neue Ära steht, die die Apple Watch prägen soll, nicht ihren Rockstar-Auftritt im Yerba Buena Center? Ahrendts bekam den Bruchteil von einer Sekunde Aufmerksamkeit – als die Kamera gegen Ende der Keynote kurz in die erste Reihe schwenkte. Doch ist das der richtige Ansatz, wenn Apple den Dauer-Vorwurf der "Old White Men" in der Führungsriege einmal loswerden will?

10. Aua, Euro: Apple verfolgt die Devisenmärkte centgenau

Und dann waren da noch die Europreise. Apple-Fans mussten gestern beim Blick auf den Apple Store zweimal hinsehen – und dann ganz schön schlucken.  Vorbei sind die Zeiten, in denen Euro und Dollar mit einem Wechselkurs von 1:1 übersetzt wurden (der mit US-Steueraufschlag selten genug aufging): willkommen in der schönen, neuen Weichgeld-Welt von EZB-Präsident Mario Draghi.

Wer sich bis heute kaum für Notenbankpolitik und Euro-Dollar-Wechselkurse interessiert hat, merkt den Unterschied nun in der eigenen Tasche: Der Euro befindet sich seit Monaten auf einer historischen Talfahrt und hat seit der iPhone 6-Keynote vor sechs Monaten rund 20 Prozent an Wert verloren. Apples Finanzchef Luca Maestri wies in der vergangenen Analystenkonferenz im Anschluss an Apples jüngstes Rekordquartal daraufhin, dass die Verwerfungen an den Devisenmärkten dem wertvollsten Konzern der Welt einigen Gegenwind beschert haben. In anderen Worten: Ohne die schlagartige Euro-Erosion hätte Apple noch mehr verdient.

Entsprechend steuern Maestri und Cook bei der Einführung neuer Apple-Produkte nun gegen – Cupertino will mehr europäisches Weichgeld sehen. So kostet  die günstigste Apple Watch, die in den USA für 549 Dollar an den Start geht, bei uns 649 Euro, während Käufer für das neue MacBook statt 1299 Dollar hierzulande happige 1449 Euro berappen müssen – bei der Apple Watch Edition gehen die Währungsturbulenzen gar in den vierstelligen Bereich. Die Eurokrise kommt nun also nach Jahren hierzulande selbst beim Apple-Fan an...


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