Kritik zur Netflix-Serie Altered Carbon: ein Fest für Science-Fiction-Fans

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Takeshi Kovacs soll einen Mord aufklären, bei dem das Opfer noch lebt.
Takeshi Kovacs soll einen Mord aufklären, bei dem das Opfer noch lebt.(© 2018 Netflix)

Ab Freitag zeigt Netflix eine Serie, die sicherlich für reichlich Diskussionen sorgen dürfte. Der kompromisslose Sci-Fi-Thriller, den Autor Richard Morgan als seinen Debütroman veröffentlichte, wurde für Netflix ohne große inhaltliche Abstriche umgesetzt – und steckt voller Gewalt und Sex. Aber das hat hier Methode.

Schon lange hat kein Autor mehr einen derart furiosen, ersten Roman vorgelegt wie der heute 52-jährige Brite Richard Morgan im Jahr 2002. Das knapp 600 Seiten dicke Werk spielt in einer düsteren, kalten Zukunft und strotzt nur so vor Ideen, die auch einem "Blade Runner" alle Ehre gemacht hätten. Warum ihr euch jetzt unbedingt die Serie dazu ansehen solltet, erfahrt ihr hier.

Das Universum von "Altered Carbon"

Bevor wir euch auch nur die Handlung erklären können, braucht ihr zunächst einmal das Verständnis für das Universum, das Morgan für seinen Roman schuf: Durch die Entdeckung eines offenbar längst ausgestorbenen Volkes von "Marsianern", wie die Menschen die Aliens nennen, hat die Technologie einen gewaltigen Sprung gemacht. Unter anderem ist es jetzt möglich, das Bewusstsein eines Menschen auf einem Chip, einen so genannten Stack, zu speichern, der jedem Menschen im Alter von einem Jahr im Nacken eingesetzt wird. Stirbt man, kann der Chip entnommen und in einen neuen Körper, einem so genannten Sleeve, eingesetzt werden – und man lebt wieder. Das führte dazu, dass extrem reiche Menschen schon jahrhundertelang leben und durch High-Tech quasi unsterblich werden (daher der deutsche Titel: "Das Unsterblichkeitsprogramm"). Als Strafe werden Menschen für Jahre oder Jahrzehnte als bloßer Stack verwahrt und verbringen diese Zeit quasi im Tiefschlaf.

Die Handlung: Ein Mordopfer gibt seinen eigenen Fall in Auftrag

Nach mehr als 250 Jahren "auf Eis" wird der Elitekämpfer Takashi Kovacs (Will Jun Lee) per Datentransfer auf die Erde geschickt und erwacht dort in einem neuen Körper (Joel Kinnaman). Der speziell ausgebildete Geist Kovacs‘ soll einen Mordfall aufklären. Und das Opfer engagiert ihn sogar selbst! Der unermesslich reiche Laurence Bancroft (James Purefoy) wurde in seinem eigenen Büro erschossen, sein Stack dabei verdampft. Nur die Tatsache, dass er sein Bewusstsein alle 48 Stunden als Backup an einen Satelliten sendet, wo er gespeichert wird, verdankt der Jahrhunderte alte Mann sein Leben. Weil der Mord aber 10 Minuten vor der nächsten Sicherung geschah, fehlen Bancroft nun volle zwei Tage. Kovacs soll herausfinden, was in diesen beiden Tagen geschah und wer Bancroft erschossen hat.

Schnell entdeckt Kovacs, dass nicht nur Bancrofts Frau Miriam (Kristen Lehman) Geheimnisse hat, sondern dass auch die Polizei von Bay City (dem früheren San Francisco) in Form der ständig wütenden Kristin Ortega (Martha Higareda) hinter ihm her ist. Nur langsam gelingt es Takeshi Kovacs, Licht in das Dunkel des komplexen Falls zu bringen. Und er muss feststellen, dass auch seine eigene Vergangenheit damit zu tun hat …

Detective Ortega hat eine spezielle Beziehung zu Takeshi Kovacs.(© 2018 Netflix)

Was bedeutet Unsterblichkeit?

Mit dieser Frage setzt sich Morgan in seiner ersten Geschichte um Takeshi Kovacs auseinander (es gibt noch zwei weitere Romane mit dieser Figur). Und die Antworten sind sehr eindeutig: rücksichtslose, dekadente Menschen, die es mit Moral oder Gesetzen nicht mehr allzu genau nehmen.

Und das zeigt auch die Serie in harten, kompromisslosen Bildern. Produzentin Laeta Kalogridis hatte die Rechte an Morgans Roman bereits kurz nach Erscheinen erworben, aber jahrelang weder ein Filmstudio noch einen Sender gefunden, der den beinharten Cyberkrimi verfilmen wollte. Erst Netflix traute sich, den Stoff so auf den Bildschirm zu bringen, wie Morgan ihn entworfen hat.

Und so begegnen wir schon in der ersten Folge einem kleinen Mädchen, das in Ermangelung eines Ersatzes in einem alten Körper wieder zum Leben erweckt wird. Wir treffen Prostituierte, die sich für Geld töten lassen, um am nächsten Tag in einem neuen Sleeve wieder zu arbeiten. Und wir sehen Takeshi Kovacs zu, einem harten und zynischen Soldaten, der seine Gegner grundsätzlich mit einem Schuss durch den Stack tötet, damit sie ihn nicht noch einmal attackieren können. Allein die Tatsache, dass man hier ein und demselben Charakter in ganz unterschiedlichen Hüllen begegnet, ist fürs TV schon sehr ungewöhnlich.

Düsterer Krimiplot und Paranoia

Und doch sind alle diese Dinge nur Beiwerk und Grundlage der eigentlichen Story. Denn die Serie erzählt wie der Roman in der Hauptsache einen spannenden Kriminalfall, der durch die Technologie der Stacks überhaupt erst möglich wird. Dazu kommen aber viele weitere Ideen, die zusätzlich faszinieren: So wohnt Kovacs in einem KI-Hotel, dessen künstliche Intelligenz sich als Abbild von Edgar Allan Poe zeigt – und rabiate Methoden anwendet, wenn es um die Sicherheit der Gäste geht.

Dazu verbreitet die Serie eine ausgesprochen starke Paranoia-Stimmung. Denn wer weiß schon, ob in dem Körper, den wir neulich kennenlernten, tatsächlich immer noch das gleiche Bewusstsein steckt? Ist das wirklich die Kollegin von gestern, oder steckt in ihrem Körper gerade ein gnadenloser Killer, den meine Feinde auf mich angesetzt haben? Mit solchen Fragen muss sich Takeshi Kovacs ständig auseinandersetzen – und ist deshalb auch sicherlich einer der fiesesten und gnadenlosesten Helden, den je eine Serie gesehen hat.

Die KI Poe aus dem Raven-Hotel möchte dem Gast Takeshi Kovacs behilflich sein.(© 2018 Netflix)

Fazit: Komplex und fesselnd

Wer Gewalt nicht mag, für den ist "Altered Carbon" sicher keine gute Wahl. Allen anderen sei die neue Serie aber ausdrücklich ans Herz gelegt, denn der Plot ist derart komplex und fesselnd, dass man immer wieder erstaunt ist, was Richard Morgan so alles eingefallen ist. Die Mischung aus Science-Fiction-Setting mit knallhartem „Hardboiled“-Detektiv wie in „Sin City“ ist dazu für Filmfans extrem faszinierend und überrascht in fast jeder Folge mit einem neuen Highlight. Die Serie hat somit ein hohes Binge-Watch-Potenzial, denn sie wird immer spannender. Bleibt zu hoffen, dass sie ein Erfolg wird, denn zwei weitere Romane, die sich im gleichen Universum dann mehr mit den Außerirdischen ("Broken Angel")und der religiösen Ausrichtung einer solchen Gesellschaft ("Woken Furies") beschäftigen, warten noch auf ihre Umsetzung. Wer wird Takeshi Kovacs dann spielen? Aber startet zunächst mit "Altered Carbon" durch, wir versprechen, so etwas habt ihr vorher noch nie gesehen!

Takeshi Kovacs in dem Körper, in dem er geboren wurde.(© 2018 Netflix)

Noch mehr Düsteres aus der Zukunft

Wenn ihr hier gelandet seid, weil ihr auf Dystopie steht, dann möchten wir euch noch ganz explizit "Black Mirror" und Amazons "Electric Dreams" ans Herz legen – beide zeichnen eine überaus düstere Zukunft. (Falls ihr euch schon immer gefragt habt, woher "Black Mirror" eigentlich seinen Namen hat, dann hier entlang!). Und auch der Golden Globe-Gewinner unter den Drama-Serien, Hulus "The Handmaid's Tale" malt uns eine Zukunft, die – bis auf gruselige rote Umhänge – so schwarz ist wie die Nacht.


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