Apple mit iPhone 6 auf dem Zenit: Was kann schiefgehen?

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Enorme Strahlkraft: Nie war Apple wertvoller als heute
Enorme Strahlkraft: Nie war Apple wertvoller als heute(© 2014 CC: Flickr/Andy)

Höher, immer höher: Apples Gipfelsturm nimmt immer erstaunlichere Züge an. 670 Milliarden Dollar ist der iPhone-Hersteller nun schon wert. Wo soll der Höhenflug noch hinführen? Und was könnte ihn stoppen?

Charles Dickens erlebt in der Welt der Hochfinanz seine Renaissance. "Es war die beste Zeit, es war die schlechteste Zeit. Es war das Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Torheit, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis: es war der Frühling der Hoffnung und der Winter der Verzweiflung; wir hatten alles, wir hatten nichts…“

So wie Eine Geschichte aus zwei Städten lässt sich auch die extrem wechselhafte Wahrnehmung von Apple in den vergangenen eineinhalb Jahren beschreiben. Rückblick Mitte 2013: Die Apple-Aktie befand sich Ende Juni bei splitbereinigten 55 Dollar auf dem tiefsten Stand seit Jahren, die Gewinne gaben zweistellig nach, über den Verbleib von Apple-CEO Tim Cook wurde bereits öffentlich spekuliert.

Mein Buch Das Apple-Imperium habe ich seinerzeit praktisch auf den Tag genau auf dem Höhepunkt dieser Krise Ende Juni 2013 beendet – entsprechend dunkel gefärbt liest es sich über weite Strecken. Es endete im Epilog mit der ergebnisoffenen Frage, wie es mit Apple in Zukunft weitergeht: Droht der Kollaps nach dem Vorbild Blackberrys und Nokias (unwahrscheinlich), kommt Apple in einem Boom-Szenario zurück (wahrscheinlicher) oder tritt es in eine Phase der Stagnation ein, in der eine gewisse zyklische Grenze erreicht ist (am wahrscheinlichsten).

Knapp 18 Monate später ist klar: Das Boom-Szenario hat sich für den Moment durchgesetzt. Apple im November 2014 ist so wertvoll wie nie, sprintet an der Börse von einem Allzeithoch zum nächsten und steht vor dem mit Abstand größten Quartal seiner Firmengeschichte. Bei 114 Dollar notiert die Apple-Aktie im heutigen Handelsverlauf erneut auf dem höchsten Stand aller Zeiten, der dem Techpionier den unglaublichen Börsenwert von nun schon 670 Milliarden Dollar beschert – nie war ein Unternehmen in der Wirtschaftsgeschichte wertvoller als Apple heute!

Diese enorme Achterbahnfahrt zwischen tiefsten Zukunftssorgen und nun wieder hochfliegenden Verheißungen illustriert eindrucksvoll das Wechselspiel der Kapitalmärkte – nur allzu oft gibt es nur ein Entweder-Oder. Doch was bedeutet das nun für die unmittelbare, mittelbare und ferne Zukunft des Kultkonzerns aus Cupertino? Ein Ausblick in drei  Akten:

Die nahe Zukunft: Das Weihnachtsquartal

Apple scheint in diesen Tagen nichts falsch manchen zu können. Befeuert durch den extrem starken Verkaufsstart des iPhone 6 und iPhone 6 Plus, aber auch unterstützt durch die robusten Geschäftszahlen des abgelaufenen vierten Fiskalquartals sowie den besser als erwarteten Ausblick aufs Weihnachtsquartal reitet die Apple-Aktie in diesen Tagen auf einer Welle der Euphorie, wie man sie seit Anfang 2012 nicht mehr gesehen hat, als seinerzeit das Weihnachtsgeschäft die Wall Street elektrisierte.

Das Geheimnis des Erfolgs ist in zwei Worten greifbar: accelerated growth, beschleunigtes Wachstum.  In anderen Worten: Apples Geschäftstätigkeit wächst nicht nur seit einem Jahr – sie wächst auch von Quartal zu Quartal schneller. Die Gewinne legen seit drei Quartalen immer dynamischer zu und stehen dank des iPhone 6 im Weihnachtsgeschäft vor der regelrechten Explosion.

20 Prozent Wachstum preist die Börse inzwischen beim iPhone- als auch Gewinnwachstum für das laufende Quartal ein. Bedeutet: Zumindest 61,5 Millionen iPhones sollte Apple zwischen Anfang Oktober und Ende Dezember mindestens absetzen, um die Erwartungen zu treffen. Der Gewinn je Aktie sollte unterdessen von 2,07 auf 2,51 Dollar steigen, erwartet der Markt.

Doch jüngste Analystenstudien wie die von UBS legen nahe, dass die Erwartungen vielleicht noch  zu konservativ sind. Was, wenn Apple 65 Millionen iPhones im laufenden Quartal absetzt. Oder sogar 70 Millionen? Solche Szenarien dürften bis zur Verkündung der Weihnachtsquartalsbilanz Ende Januar kursieren und könnten die Aktie durchaus weiter befeuern. Danach muss sich Apple dem definitiven Realitätscheck unterziehen, der klarstellt, ob Euphorie und Wirklichkeit noch zusammengehen.

Die mittelfristige Zukunft: Nach dem iPhone 6 ist vor dem iPhone 6s 

Eine echte Neubewertung Apples tritt entsprechend mit Bekanntgabe des Weihnachtsquartals ein, das den Trend für das ganze Jahr vorgibt: Wächst Apple noch kräftiger als erwartet, werden die Banken ihre Kursziele und Jahresprognosen reflexartig nach oben anpassen – werden die jetzt schon deutlich erhöhten Prognosen nur getroffen, könnte sich schnell Katerstimmung breitmachen.

Klar ist bis heute: Apple ist mehr denn je eine iPhone-Story. Präzise: Eine iPhone 6-Story. Die lang erwarteten großen Apple-Smartphones verkaufen sich so gut, dass sie selbst den überraschend massiven Einbruch der iPad-Sparte vergessen machen. Die Wahrnehmung kann sich jedoch schlagartig ändern. Liegt der größte iPhone 6-Boom im Weihnachtsquartal hinter Apple, verändert sich schlagartig the narrative.

Das März-Quartal dürfte zwar ebenfalls dank des späteren chinesischen Neujahrsfestes robust verkaufen, doch was dann? Anfang März präsentiert die weltweite Smartphone-Konkurrenz auf dem Mobile World Congress ihre potenziellen iPhone 6-Killer, wie relevant sie am Ende auch sein mögen. Ein halbes Jahr nach dem iPhone 6-Launch beginnt dann wieder der höchste Upgrade-Zyklus seine Schatten vorauszuwerfen: Nach dem iPhone 6 ist vor dem iPhone 6s?

An dieser Stelle steht Apples große Comeback-Story vor ihrer größten Herausforderung: nämlich der Frage, ob die kleine Upgrade-Generation, die die bestehenden Modelle mutmaßlich nur unter der Oberfläche verbessert, noch eine ähnliche Begeisterung auslösen kann wie aktuell das iPhone 6 und 6 Plus? In knapp einem Jahr droht das Pendel in die entgegengesetzte Richtung auszuschlagen: Der enorme Erfolg dieser Tage wird zur Hypothek für das Geschäftsjahr 2015/16.

Die fernere Zukunft: Warum die Apple Watch zum Erfolg verdammt ist

An dieser Stelle werden Apple-Fans reflexartig einwerfen, dass der Kultkonzern im nächsten Jahr doch nach einem halben Jahrzehnt des Wartens nun endlich ein neues Produkt in Form der Apple Watch anzubieten habe, die sich positiv auf die Konzernbilanz auswirken müsste. Keine Frage: Die Apple Watch ist ein Joker – aber er wirkt in beide Richtungen.

Sticht er mit ähnlichen Verkaufserfolgen wie das iPad 2010, verfügt Tim Cook über einen zusätzlichen Hebel, der die Wall Street glücklich machen dürfte.  Startet die Apple Watch jedoch schwächer als erhofft und bleibt dann hinter dem iPad zurück, verändert sich die Psychologie entsprechend gegen Apple. Die Bedenkenträger gewinnen Oberwasser: Vielleicht nur für ein Nischenprodukt haben Fanboys fünf lange Jahre gewartet?

Der Zeitpunkt ist kritisch: Startet die Apple Watch verhalten, während das iPhone 6s nicht an den Verkaufserfolg des iPhone 6 anknüpfen kann, hätte sich the narrative schlagartig gegen Tim Cook verschoben. Apple würde  2016 wieder auf eine Warteposition  zurückkippen, wenn das iPhone 7 erscheint, das gleichzeitig aber die Frage aufwirft, wie lange sich der Smartphone-Hype noch ausreizen lässt.

Ja, die Macintosh-Sparte wirkt stabilisierend, ja, die iPad-Unit könnte mit einem 12-Zoll-Maxi-Tablet eine Renaissance erfahren – doch diese Konzernbereiche sind nicht mehr als Beiwerk zum iPhone. Lässt die Faszination des Kultgadgets nach bzw. günstigere Herausforderer wie Xiaomi setzen Apple durch ihre preiswerten Angebote weiter zu, sind die Zukunftsperspektiven ungleich andere.

Der Apple Watch, die heute noch im Hype um das iPhone 6 gerne beiseite geschoben wird, kommt eine größere Bedeutung zu als die Produktkategorie vermeintlich ausmacht. Mit  kolportierten 30 bis 40 Millionen Einheiten kalkuliert Apple selbst im ersten Jahr. Tim Cook wird wissen, warum.


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