Apple, Google und WhatsApp vs. FBI: das unlösbare Daten-Dilemma

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Der Kern der Debatte: ein Schlüssel, der für alle passt
Der Kern der Debatte: ein Schlüssel, der für alle passt(© 2005 istock.com/Devonyu)

US-Behörden müssen draußen bleiben: Apple weigert sich, für das FBI eine Hintertür in die iPhones einzubauen. Google und WhatsApp pflichten CEO Tim Cook bei. Und das ist auch gut so. Allerdings ist das Silicon Valley in der unausweichlichen Rolle des Buhmanns.

Es ist zweifelsohne ein Kraftprobe: Apple stellt sich gegen eine Anordnung des FBI. Ein US-Gericht hat Apple dazu aufgefordert, das FBI beim Entsperren eines iPhones der Attentäter von San Bernardino zu unterstützen. Bei dem Terroranschlag im Dezember 2015 kamen 14 Menschen ums Leben. Offenbar ist die Verschlüsselung des Smartphones so gut, dass die Behörden keinen anderen andere Möglichkeit sahen, als den Hersteller aus Cupertino zur Mithilfe aufzufordern.

Apple will bei der Aufklärung helfen

Der Konzern weigert sich nicht, bei der Aufklärung des Falles zu helfen. Das betreffende iPhone war von Syed Rizwan Farook genutzt worden, der gemeinsam mit seiner Frau Anfang Dezember 14 Menschen im kalifornischen San Bernardino erschoss. Das Paar soll die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) unterstützt haben und starb in einem Gefecht mit der Polizei. Das Smartphone gehört der lokalen Behörde, bei der der Attentäter arbeitete, die aber das Passwort nicht kennt.

Wie Apple in dem von Tim Cook unterzeichneten Dokument erklärt, habe das Unternehmen die Ermittlungen bereits in jeder möglichen und legalen Form unterstützt und sogar eigene Techniker abgestellt, die dem FBI bei der Untersuchung des iPhones helfen sollten. Nun aber habe die US-Regierung Apple zu einem nie dagewesenen Schritt aufgefordert.

Zwar laute die FBI-Beschreibung des Tools, das von Apple gefordert werde, anders, jedoch handle es sich dem Schreiben zufolge um nichts anderes als eine Hintertür, mit der wichtige Sicherheitsfunktionen umgangen werden können. Die wichtigste Funktion, um die es dabei gehen soll, sei die Aufhebung der Beschränkung der Eingabeversuche eines Passwortes zum Entsperren des iPhones. Außerdem soll Apple eine Schnittstelle zur Verfügung stellen, über die Passworteingaben an das iPhone übertragen werden können, ohne sie manuell auf dem Smartphone vornehmen zu müssen.

"Angemessene technische Unterstützung"

Für alle iPhones? Geht es nach dem FBI, dann würde die Beschränkung auf ein einzelnes Gerät mit einer bestimmten Seriennummer genügen. Genauer: Es geht um die Aufhebung der Funktion, die die Daten des Geräts löscht, wenn zehn Mal ein falsches Passwort eingegeben wurde. Das FBI spricht hier von einer "angemessenen technischen Unterstützung". Darüber hinaus verlangen die Ermittler Hilfe dabei, die Passwörter über eine technische Schnittstelle auszuprobieren - und nicht über die Eingabe auf dem Bildschirim.

Apple betont in seinem Schreiben mehrfach, das FBI unterstützen zu wollen und deren Motive als richtig und ehrbar zu betrachten, jedoch sei solch eine Software ein gefährliches Werkzeug, mit dem im Grunde die Daten jedes iPhones extrahiert werden könnten. Weil Apple laut eigenen Angaben nicht über solch ein Tool verfügt, müsste dieses erst erstellt werden, was mit der Entwicklung einer neuen iOS-Version inklusive ausgehebelter Sicherheitsfeatures gleichzusetzen wäre.

 "Wir dürfen diesen gefährlichen Präzedenzfall nicht zulassen"

Damit hätten nicht nur Sicherheitsbehörden Zugriff auf die Smartphones, sondern theoretisch Cyberkriminelle. Ebenso wäre Industriespionage denkbar. Da ist es nicht verwunderlich, dass auch Google und WhatsApp beipflichten. Sunder Pichai spricht von einem "besorgniserregenden Präzedenzfall".  Der Google-Chef hofft auf eine bedachte und offene Diskussion zu dem Thema. Noch energischer formuliert es WhatsApp-Mitgründer Jan Koum: "Wir dürfen diesen gefährlichen Präzedenzfall nicht zulassen." Es ginge um die Freiheit.

Damit stellen sich die Mächtigen des Silicon Valley in nie dagewesener Vehemenz gegen die Politik. Kaliforniens Senatorin Dianne Feinstein, die zudem Vize-Vorsitzende des Geheimdienst-Ausschusses ist, erklärte bereits, notfalls Gesetzesänderungen anzustoßen: "Und ich bin überzeugt, dass es zu unserer Verantwortung und Pflicht als Regierung gehört, dafür zu sorgen, dass Apple diese Informationen liefert."

Der republikanische Senator Tom Cotton zeigt kein Verständnis: "Apple entschied sich, die Privatsphäre eines toten IS-Terroristen statt der Sicherheit des amerikanischen Volkes zu schützen." Der demokratische Senator Ron Wyden warnte davor, mit der Software zum Entsperren von iPhones könne die Online-Sicherheit für "Millionen Amerikaner" gefährdet werden.

Der vorläufige Höhepunkt eines jahrelangen Streits

Der nun aufkeimende Streit ist letzten Endes ein Symptom einer jahrelangen Auseinandersetzung zwischen US-Regierung und dem Silicon Valley. Microsoft stellte sich bereits 2014 öffentlich gegen vergleichbare Forderungen der Sicherheitsbehörden. Immer wieder scheitern die Behörden daran, selbst auf richterliche Anordnung hin Zugang zu verschlüsselten Daten zu bekommen. Denn mitunter sind diese Informationen end-to-end-verschlüsselt: Nur Sender und Empfänger können sie lesen, nicht aber das Unternehmen selbst.

Nun ist das FBI im Besitz eines iPhone 5c, das womöglich brisante Informationen über weitere geplante Anschläge enthalten könnte. Apple ist sich des Dilemmas zweifelsohne bewusst und hat deswegen proaktiv Mitarbeiter zur Verfügung gestellt, die bei der Aufklärung helfen sollen. Experten zufolge sei dieses Gerät auch leichter zu knacken als aktuelle Modelle mit Fingerprintsensor und einem dedizierten Sicherheitschip.

Dass sich Apple aber nun so vehement gegen die Forderung des FBI stellt, ist eine prinzipielle Entscheidung. Sicherheitstechnisch würde es für iOS einen Rückschritt bedeuten. Denn frühere Versionen ließen sich noch hacken, mittlerweile ist das mobile Betriebssystem für iPhones, iPads und iPods aber komplett verschlüsselt. Würde Apple also der Forderung des FBI nachkommen, würde diese Verschlüsselung zu großen Teilen ausgehebelt. Würde der Konzern zudem einknicken und den Forderungen nachkommen, hätte das Präzedenzcharakter: Google, WhatsApp und weitere Dienste und Unternehmen müssten nachziehen.

Ein Rückschritt für die Sicherheit

Würde Apple diese Hintertür entwickeln, hätten die Sicherheitsbehörden einen mächtigen Universalschlüssel, der die Türen zu rund einer Milliarde verkaufter Geräte öffnet. In welchem Ausmaß, ist dabei unklar. "Die Regierung könnte diese Verletzung der Privatsphäre ausweiten und fordern, dass Apple Überwachungs-Software entwickelt, die Ihre Nachrichten abfängt, sich Zugang zu Ihren Gesundheits- oder Finanzdaten verschafft, Ihren Aufenthaltsort verfolgt oder sogar ohne Ihr Wissen auf Kamera oder Mikrofon Ihres Telefons zugreift", schreibt Cook. Übertrieben? Wenn die Veröffentlichungen von Edward Snowden etwas gezeigt haben, dann dass die US-Sicherheitsbehörden alles überwachen, was sie überwachen können.

Dass die Auseinandersetzungen zwischen Silicon Valley und Washington irgendwann eskalieren würden, war abzusehen. Google, Apple und Co. stehen vor einem schier unlösbaren Dilemma: Verweigern sie sich, stehen sie in der Öffentlichkeit unter dem Verdacht, Ermittlungen zu gefährden. Oder noch schlimmer: Weitere Anschläge zu ermöglichen. Öffnen sie hingegen ihre Dienste für die Behörden, gefährden sie damit wissentlich die Sicherheit der Geräte und damit die Sicherheit der Daten von Millionen Nutzern. Ändern die USA tatsächlich die Gesetzgebung, hätte das drastische Auswirkungen auf Nutzer weltweit. Solange besteht zumindest ein kleiner Grund zur Freude: Offenbar ist iOS dieser Tage so sicher, dass sich selbst das FBI die Zähne daran ausbeißt.


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