Apple und U2: Ein Geschenk an die Undankbaren

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Apple Keynote, Tim Cook, U2
Apple Keynote, Tim Cook, U2(© 2014 Apple)

Es war wohl das letzte Mal, dass Apple seinen Nutzer ein Musik-Album geschenkt hat. Warum sollten die Herrschaften in Cupertino noch einmal einige Millionen Dollar ausgeben, um die neuen U2-Songs kostenlos zu verteilen? Die Resonanz war teilweise ernüchternd. "Spam", "eine Sauerei" und ähnliche Kommentare gab es fast überall zu lesen. Und das ist die eigentliche Sauerei.

Ich glaube, es hackt. Wie kann man sich darüber aufregen, dass man ein Musikalbum geschenkt bekommt. Es ist ja noch nicht einmal eine Postwurfsendung, die den Briefkasten verstopft und eigentlich eine Umweltsauerei ist. Es ist ein digitales Gut, dass man vielleicht nicht gezielt ausgesucht hat, das man aber wieder löschen kann. Ganz ohne Schmerz. Viele Smartphone-Hersteller packen auf ihre Geräte ein paar Songs, die meisten sind grässlich weil billig. Und Apple? Holt mit U2 eine der größten Bands der Welt an Bord, zahlt für den Deal ein stattliches Sümmchen – und verschenkt ein ganzes Album der Iren.

Okay, das letzte Mal, dass ich mir ein Album von U2 gekauft habe, ist etwa 20 Jahre her. Die Musik kickt mich nicht mehr. Für mich ist Bono inzwischen genauso unerträglich wie Xavier Naidoo: große Gesten und viele Phrasen. Oder wie sagte mein Kollege: U2 erinnert ihn an eine Mischung aus Pur und Bap. Das ist sicher übertrieben, aber auch ich bin mir nie ganz sicher, ob es bei der Band wirklich noch um Musik oder eher ums Geschäft geht.

Aber da ist U2 nicht allein: Gruppen wie die Rolling Stones oder Sänger wie Bruce Springsteen stehen längst nicht mehr für innovative Musik, sie sind zu Marken mutiert. Oder erinnert sich noch irgendjemand an einen Song der genannten Künstler, der jünger als fünf – oder sagen wir sogar zehn Jahre alt ist? Fans vielleicht, aber auch die singen in Konzerten vor allem bei den Gassenhauern mit.

Dennoch laufen die Alben von U2 immer noch prächtig. "No Line on the Horizon" aus dem Jahr 2009 wurde weltweit fünf Millionen Mal gekauft und hielt sich wochenlang in den Charts. Und fünf Jahre später redet keiner mehr über die Musik von U2, sondern behandelt das neue Album "Songs of Innocence", als wäre es Spam.

Es ist schwer vorstellbar, dass sich das Image von U2 nach dem Shitstorm der vergangenen Tage erholen kann. Auch wenn mir die Musik der Band nichts mehr sagt: Ich fand es cool, mir das Album mal kostenlos anhören zu können. Aber ich freue mich auch jedes Jahr auf den Apple-Adventskalender mit Download-Geschenken – auch wenn viele der digitalen Goodies gleich wieder von meinem iPhone verschwinden.

"So als wäre der Download mit Ebola versucht"

Ich kann es nicht nachvollziehen, dass sich Apple-Nutzer gegen das Geschenk sträuben – so als wäre der Download mit Ebola verseucht. Als wäre es peinlich, mit einem U2-Album auf dem iPhone erwischt zu werden. Tim Cook hätte sicher nicht gedacht, dass die Reaktion auf das Geschenk so ausfallen würde. Er war am Ende der Keynote zum iPhone 6 und der Apple Watch so euphorisch, dass er Bono offenbar gerne stundenlang wegen der ach so genialen Partnerschaft umarmt hätte.

Und es hörte sich ja auch gut an, ein ganze Album exklusiv für iTunes-Nutzer. Kostenlos. Schließlich heißt doch bei fast jedem die Devise: "Einem geschenktem Gaul schaut man nicht ins Maul!" Nun gut, diesmal haben die iTunes-Nutzer dem Gaul sehr tief ins Maul geschaut – und das ist vielen von ihnen übel aufgestoßen. Auch CURVED hat sich die Angelegenheit zu Herzen genommen, und eine Anleitung zum vollständigen Löschen des kostenlosen Albums veröffentlicht. Kurz darauf schob Apple ein Software-Tool hinterher, mit dem "Songs of Innocence" komplett aus dem Sichtfeld verschwindet.

Nein, nein und nochmals nein!

Auf dem Weg zur Arbeit gehe ich regelmäßig an einem Laden mit Süßigkeiten vorbei. Manchmal steht davor der Verkäufer und verschenkt Drops an Passanten. Vielleicht schreie ich ihn das nächste Mal an. Einfach so. Warum er mir auch einen Drops hinhält. Und dann noch mit Wildkirsche-Geschmack. Dabei mag ich Erdbeere doch lieber. Was für eine Sauerei. Und wenn ich das nächste mal beim Online-Versender bestelle und irgendeine Gratisprobe im Paket liegt, dann können die aber was erleben.

Ach nee, so will ich nicht werden. Lieber höre ich mir jetzt erst einmal das U2-Album an. Und Ihr "Ich habe keine 70 MB Platz auf meinem iPhone"-Typen da draußen: entspannt Euch mal. Löscht das Ding doch bitte einfach still und heimlich – so wie das Album auch auf Euer Gerät gekommen ist. Wenn ihr nicht einmal "Danke" sagen könnt, will ich von Euch nichts mehr hören.


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