Apples iPad-Event: eine seltsam glanzlose Keynote

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Tim Cook ließ am Donnerstag viele Fragen unbeantwortet
Tim Cook ließ am Donnerstag viele Fragen unbeantwortet(© 2014 Apple)

Man kann es einen verpatzten Spannungsbogen nennen: Was Apple gestern in knapp 80 Minuten auf einer kleinen Bühne im Firmencampus abhielt und in der ganzen Welt als großes Presse-Event verkaufte, dürfte kaum zu einem der Glanzlichter der Tim Cook-Ära taugen. Apple hatte nichts Neues anzubieten, verkaufte aber graduelle Updates als etwas, "was  nur Apple tun kann". Wo war ein neues Apple TV, wo Näheres zur IBM-Kooperation? 

Wer fehlt mehr: Steve Jobs oder Katie Cotton? Ganz egal, wer sich diese Orchestrierung der beiden Keynotes zwischen Anfang September und Mitte Oktober ausgedacht hat – an irgendeiner Stelle hörte die Musik auf zu spielen. Die Dramaturgie stimmte einfach nicht.

So imposant der September-Launch mit dem neuen iPhones 6 und 6 Plus, vor allem aber der Präsentation der Apple Watch und Apple Pay ausfiel, so enorm verzichtbar und mitunter quälend langweilig erschienen doch die nuancierten Aktualisierungen der Produkte aus der zweiten Reihe am gestrigen Abend.

Eine bizarre Upgrade-Politik

Das iPad, seit einem Jahr das Problemkind in Apples Portfolio, blieb mit seinen beiden vorgestellten neuen Modellen iPad Air 2 und iPad mini 3 die entscheidenden Verkaufsargumente, die zu einer Beendigung des Abwärtstrends nötig wären, weitgehend schuldig. Ja, das iPad Air 2 ist ein fantastisches Tablet, das alles in allem noch ein bisschen schneller, schärfer und dünner geworden ist, doch ein klares Unterscheidungsmerkmal zum Vorgängermodell vermissen lässt.

Das iPad Air war bereits die größte Erneuerung in der bis dato 3,5-jährigen Geschichte des Apple-Tablets – doch alles wozu es gut war, war ein lumpiger Absatzsprung von 14 Prozent im Weihnachtsquartal. Und nun soll das iPad Air 2 zum gleichen Preis die Kastanien aus dem Feuer holen, während das nur unwesentlich schlechtere iPad Air für immerhin schon 100 Euro weniger zu haben ist? Wahrscheinlich ist das nicht.

Beim iPad mini wird die Upgrade-Politik noch bizarrer. Die Klassifizierung iPad mini 3 wird ein neuen Generation kaum gerecht: Die beiden eigentlichen Upgrade-Merkmale liegen im Fingersensor und einem goldenen Modell – verbaut wird ebenso der A7-Chip des Vorgängermodells als auch dieselbe Kamera.

Natürlich kann man die Sache auch anders betrachten: Die Upgrades waren so minimal, dass die Anreize für die immer noch annehmbaren Vorgängermodelle iPad Air und iPad mini 2 mit Retina für 100 Dollar weniger sprunghaft gewachsen sind. Für 289 Euro bietet Apple mit dem iPad mini 2 endlich ein Spitzen-Tablet zu einem konkurrenzfähigen Preis an. Wer 100 Euro extra für die Touch ID bezahlt, muss entweder zu viel Geld oder ein schlechtes Zahlengedächtnis (oder beides) haben. Und mit dem iPad mini für 239 Euro wagt sich Apple endlich in aggressivere Preissphären.

Nähert sich Apple Samsungs Vielproduktpolitik an?

Indes: Das bizarre Bild von gleich fünf iPads nebeneinander gegen Ende der Präsentation von Phil Schiller beschwört die Geister der Steve Jobs-Ära. Ein Apple-Produkt in 5 Variationen, davon 3 wenig differenziert? Das hätte es fürwahr bei Steve Jobs nicht gegeben. Steve Jobs stand für klare Unterscheidungsmerkmale – weniger war mehr. Im Apple 2014 scheinen die Grenzen zu verwischen – Tim Cooks Produktportfolio wird mehr und mehr zum Gemischtwarenangebot, das sich Samsungs Vielproduktpolitik annähert – eine durchaus bedenkliche Tendenz.

Wo ist ein Einsteiger-iMac in 21 Zoll mit Retina Display?

Der iMac mit Retina  Display ist der Computer, den sich viele Apple-Fans seit Jahren gewünscht haben, doch auch hier bleiben Fragen. Es erscheint verständlich, dass sich Apple den Joker eines MacBook Air mit Retina für das nächste Jahr aufheben wollte, um die beiden Laptop-Bestseller im mittleren und Premiumpreissegment noch klarer voneinander abzugrenzen. In dem Augenblick, in dem das MacBook Air zum halben Preis mit Retina Display erscheint, fallen schlicht die Kaufargumente für das Highendmodell weg.

Doch was ist mit dem Einsteiger-iMac in 21 Zoll? Der kleine iMac, der schon ab vernünftigen 1099 Euro zu haben ist, hätte mit Retina Display zu dem ultimativen Kassenschlager der Weihnachtssaison werden können – warum nur mit dem 27 Zoll-Modell als Premium-Variante beginnen? Der 5K-iMac wird schnell zum 5K-Investment – und konkurriert am oberen Ende damit preislich fast schon mit dem MacPro, ohne auch nur annähernd in seiner Liga zu spielen.  Pricing und Modellauswahl wirken nur bedingt durchdacht, daran ändert auch der günstigere Mac mini  wenig – viele Käufer wünschen sich das Gesamtpaket eines leistbaren Einstiegs-iMac mit möglichst scharfem Bildschirm.

Wo war das Apple TV?

Doch das betrifft nur das Line-up, das Apple vorgestellt hat. Was ist eigentlich mit dem, was noch möglich gewesen wäre? "It's been too long", schürte Apple im Vorfeld fast nostalgische Erwartungen. Was ist denn nun so lange her, welche Geräte hätten noch dringender einer Generalüberholung bedurft? Ein iPod touch? Geschenkt, spielt in Apples Bilanz, in der Zukunftsplanung aber erst recht keine Rolle mehr.

Doch was ist mit Apple TV? Es erscheint bei aller PR in eigener Sache, die Tim Cook bis vor einem Monat beim großen Interview mit Charlie Rose betrieb, schlicht nicht nachvollziehbar, was Apple wenigstens von einem graduellen Update auf die vierte Generation abhält. Amazon attackiert mit Fire TV. Google bringt den Nexus Player. Und Apple? Ruht sich auf seinem Hobby, dem letzten Release vom 16. März 2012 aus.

Die Keynote war nichts

Noch bemerkenswerter: Netflix vollführt einen erstaunlichen Siegeszug, der Traditionssender wie HBO und CBS zu Streaming-Angeboten zwingt – doch statt einem Content-Bundle in "only Apple can do"-Style bietet der Techpionier ... nichts. Dieselbe ausgelassene Chance nach der überraschenden IBM-Kooperation vom Sommer: Wäre das gestern nicht die ideale Bühne für IBM-Chefin Ginny Rometty und einen öffentlichkeitswirksamen Startschuss der Tablet-Allianz mit neuen iPads gewesen? Doch auch hier – nichts.

Kurz: Die Keynote war nichts. Tim Cook hätte gut daran getan, den Spannungsbogen zwischen dem iPhone 6-Event und der gestrigen Keynote mit einer späteren Präsentation der Apple Watch zu überbrücken. Die Apple Watch gestern: Es wäre eine ganz andere Keynote gewesen – und vor allem eine andere narrative, wie es im PR-Jargon so schön heißt.

Der Countdown und die Spekulation würden jetzt erst beginnen, die Inhaltsleere der iPad- und iMac-Upgrades wäre durch die Vorfreude auf das neue "one more thing" mehr als ausgefüllt worden, auch ein späterer Launchzeitpunkt wäre leicht zu kommunizieren gewesen als das vage "early 2015", das auch am 30. März noch Bestand hat.  So bleibt ein seltsamer Beigeschmack eines der verzichtbarsten Presse-Events der jüngeren Apple-Geschichte. Wenigstens ein Beats-Cameo von Dre. Dre oder Jimmy Iovine – man wäre gestern für so ziemlich alles dankbar gewesen...


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