#ausgruenden: Die Veränderung der Facebook-Freundschaft

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Schon wieder einer weniger: Defriending ist der neue Add.
Schon wieder einer weniger: Defriending ist der neue Add. (© 2014 istock.com/2xWilfinger, CURVED Montage)

Hilfe, schon wieder einer weniger: Die Freundesliste auf Facebook schrumpft. Der Trend täuscht nicht: Auf Facebook befreundet zu sein, ist kein Muss mehr. Nicht nur der Rückzug ist zu beobachten, sondern auch aktiv vorgenommene Entfreundungen. Defriending ist der neue Add. Warum?

Es gibt eine Zeit für alles. Eine Zeit, in der Facebook die aller-, alleraufregendste Sache der Welt war – ich habe darüber zum Auftakt der Kolumne geschrieben. Facebook, das war das Tor zur Welt: Plötzlich war es möglich, was das Internet zehn Jahre zuvor in den Winkeln  der Chaträume, Singlebörsen und Online-Foren angedeutet hatte – es war tatsächlich möglich, da draußen neue Menschen kennenzulernen.

Lange Zeit hatte es einen freakigen Charakter, Unbekannte über das WWW kennenzulernen. Freundesnetzwerke in den frühen Nullerjahren waren auf reale Kontakte beschränkt: StayFriends und Xing waren solche Fälle. Dann kam Facebook und veränderte alles. Es gab unzählige Gruppen, die die Idee des Couchsurfings weitertrugen – und das in einem zwanglosen Kontext. Facebook entfreakte das Online-Kennenlernen. Apps wie ‚Are you interested‘ halfen nach. Es war ok, jemand dazuzuklicken.

Facebook brachte die Vergangenheit zurück: Was wollte die Ex-Freundin von vor zehn Jahren da, was ging sie mein Leben heute an?

Und dann, als Facebook 2007/08 als das viel bessere StudiVZ auch bei uns abhob, war es plötzlich sogar cool. Der sehr deutsche Ansatz, nur Bekanntschaften aus dem wirklichen Leben als Kontakt zu bestätigen, verwischte zusehends. Facebook-Freunde zu sein, bedeutete in 2008, zu einem ziemlich coolen Club zu gehören. Es war der nächste Level: In war, wer drin war – man gehörte dazu.

So kam es, dass ich in jener Zeit mehr Freundesanfragen bekam, als ich eigentlich wollte – erst recht, nachdem ich begonnen hatte, über meine Erfahrungen mit Facebook zu bloggen. Musste man den Kollegen adden, wenn er einen am nächsten müden Morgen vorhalten könnte, dass man noch um zwei Uhr in der Rehbar eingecheckt hatte?

Wollte man nach 15 Jahren plötzlich wieder auftauchende Mitschüler nun virtuell an seinem Leben teilhaben lassen, so wie man mit deren Baby- und Gran Canaria-Fotos konfrontiert wurde? Und was wollte die Ex-Freundin von vor zehn Jahren da, was geht sie mein Leben heute an?

Facebook im Alltag: Gefangen in der ständigen Rechtfertigungsschleife

Höflichkeit ist bei Facebook nicht immer der beste Ratgeber, das wurde mir schnell klar. Ich versuchte es zunächst mit verschiedenen Filtergruppen, verhedderte mich dort aber zusehends und fand mich in der ständigen Rechtfertigungssituation wieder – gegenüber allen: Kollegen, Freunden,  Bekannten, neuen Bekanntschaften.

Was war für wen bestimmt, und warum konnte wiederum jemand anders mehr oder weniger sehen? Und überhaupt: Warum beantwortete ich die ganzen Freundschaftsanfragen nicht? Ich bekam diese Fragen sogar im Alltag zu hören und wusste keine plausible Antwort darauf.

Nachdem Facebook als Wundertüte gestartet war, wurde es in den kommenden Jahren zum überfüllten Ballungsgebiet, das nach Spielregeln suchte. War es ok, sich über die Pinnwand zu verabreden? Konnte man bedenkenlos das Bikini-Bild der Kollegin liken, ohne dass es als Flirt missverstanden wurde? Und wenn es ein Flirt sein sollte, war er deswegen weniger verfänglich, weil er auf Facebook passierte?

Das neue Normal: Wer sein Leben nicht auf Facebook verbreitete, hatte keins

Irgendwann zwischen 2009 und 2011 etablierte sich das neue Normal: Die Gewohnheiten spielten sich ein auf dem größten aller sozialen Netzwerke. Facebook wurde zum Alltag: geliebt für die Interaktionsmöglichkeiten, gehasst für die ständig wechselnden Privatsphäre-Einstellungen, auf jeden Fall aber nicht mehr wegzudenken aus dem Kommunikationsalltag – wer sein Leben nicht auf Facebook verbreitete, hatte schlicht keins.

Spätestens ab 2012 jedoch wurde das neue Normal dann zum beständigen Normal, was am Ende nichts anderes war als ein Synonym von ‚langweilig‘ – der Trend begann zu kippen. Man musste schon längst nicht mehr mit jedem auf Facebook befreundet sein, nur weil man zufällig für drei Minuten auf einer Internet-Konferenz bei einem Bier Banalitäten ausgetauscht hatte. Die Freundschaftsanfragen waren synchron zu den Likes weniger geworden – der Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis war längst abgedeckt – und die potenziellen Schnittmengen auch.

Dann jedoch die neue Erkenntnis: Es kam zu aktiven Entfreundungen! Das Facebook-Profil war weiter vorhanden – wir waren bloß keine Freunde mehr. 

Doch dann passierte es: die Freundesliste begann plötzlich zu schrumpfen. Zunächst waren da die Facebook-Verweigerer, die alle paar Monate mit Pauken und Trompeten den wohlinszenierten Facebook-Selbstmord beginnen – alles zu öffentlich, alles zu nervig, alles zu viel. Schon klar, wieder einer weniger, leicht identifizierbar über das Profil, das es nun nicht mehr gab. Die inzwischen deaktivierte App „Who defriended me“ hielt mich auf dem Laufenden.

Dann jedoch die neue Erkenntnis: es kam zu aktiven Entfreundungen! Das Facebook-Profil war weiter vorhanden – wir waren bloß keine Freunde mehr.  Dass sich die in der ersten Phase der Facebook-Euphorie 2008 namenlosen hinzugewonnen Freunde irgendwann auch wieder aus dem Staub machten, verstand ich: Die Schnittmenge mit der peruanischen Deutsch-Studentin, die mich aus der „Hamburg: Meine Perle!“-Gruppe dazugeklickt hatte, dem argentinischen Pseudomodel, das alle drei Monate den Freund oder Sponsor wechselte oder der 1,80 Meter großen Russin, die ein Freund von mir zu daten versuchte, waren bei Tageslicht nicht wirklich vorhanden.

Es war ein bisschen wie Trash-TV: Man klickte durch die Bilder, nahm an anderer Leute Leben teil und zappte dann doch wieder weg. Zunächst bedauerte ich den Verlust eines potenziellen Facebook-Freundes, den man irgendwann auf einer Weltreise mal hätte treffen können, dann hatte ich die Sache schon wieder vergessen.

Verschwindende Interaktion: Kann man nicht trotzdem weiter befreundet sein?

Doch dabei blieb es nicht. Spätestens ab vergangenem Jahr machte ich eine neue Entdeckung: Auch Facebook-Bekanntschaften, die ich im wirklichen Leben getroffen hatte, beendeten schon mal ihre Freundschaft. Ich wunderte mich: War etwas vorgefallen? Fiel ich anderen mit meinen ständigen Artikel-Links, Apple-Stories und Instagram-Posts so auf die Nerven? Und ging das so einfach, ohne dass etwas hängen blieb: Wir waren noch Xing- und LinkedIn-Kontakte, folgen uns auf Twitter – aber auf Facebook muss das nicht sein?

Ich fragte nach und bekam binnen drei Monaten gleich dreimal dieselbe Antwort: Alles cool, aber Facebook ist zu groß, zu unübersichtlich, und eigentlich haben wir uns doch seit mindestens einem Jahr nichts mehr auf Pinnwand geschrieben, gelikt oder kommentiert. Macht doch nichts, wandte ich gegenüber einer belgischen Facebook-Freundin, die ich vor fünf Jahren in Antwerpen getroffen hatte, wie ein Zehnjähriger ein: "Kann man nicht trotzdem weiter befreundet sein?"
"Wofür?" lautete die blitzschnelle Antwort.
"Der alten Zeiten wegen", beharrte ich ein, obwohl ich wusste, wie dumm das klang.
"Nils! Sei doch nicht so sentimental", bekam ich prompt zu lesen.

So wie sich Freundschaften im wirklichen Leben verliefen, ging es auf Facebook offenbar auch zu – es ist eben nur leichter geklickt als gesagt

Die Antwort verblüffte mich. War das nicht das mächtigste aller Argumente: Dass Facebook über die Jahre so sehr mit uns und unseren Erlebnissen verwachsen war, dass wir – egal, wie sehr uns das nächste Update störte – das Social Network niemals verlassen würden?

Die Entfreundungen der jüngeren Zeit sprachen indes eine andere Sprache: So wie sich Freundschaften im wirklichen Leben verliefen, ging es auf Facebook offenbar auch zu. Der Unterschied: Im wirklichen Leben gibt es selten einen Tag X, an dem eine verlorene Freundschaft so abrupt endet wie mit einem Klick auf Facebook. Es ist eben leichter geklickt als gesagt.

Es war ok, nicht mehr Facebook-Freunde zu sein

Und doch scheint dieser Realitätscheck immer weiter verbreitet: Facebook-Entfreundungen sind das neue Normal – die Entfreundung der neue Add, Apps wie „Who unfriended me“ das neue „Are you interested“.

Keine Frage: Der Zauber des Anfangs ist längst vorbei – Facebook ist keine große Party mehr.  So wie das Social Network in seiner zweiten Unternehmensdekade erwachsener wird, hat sich auch die Bedeutung der Facebook-Freundschaft verändert. Und nicht nur das weltgrößte Social Network, das inzwischen sehr voll und sehr vorhersehbar geworden ist, hat sich verändert – sondern am Ende vielleicht auch das Leben selbst. Es ist 2014, und es war ok, nicht mehr auf Facebook befreundet sein.


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