#ausgruenden: Macht uns Instagram Facebook-müde?

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Das neue Normal: Instagram ist längst das coolere Foto-Facebook
Das neue Normal: Instagram ist längst das coolere Foto-Facebook(© 2014 Instagram, Facebook, CURVED Montage)

Es ist wieder so weit: Die besten Tage des Jahres sind da – und mit ihnen auch noch die WM. Natürlich müssen wir der Welt in inflationären Smartphone-Fotos zeigen, wie sehr wir den Sommer genießen. Allein: Was auf Instagram funktioniert, lässt uns beim Mutterkonzern inzwischen überwiegend kalt. Wie Facebook-müde sind wir eigentlich durch die Filter-App geworden?

Es ist so eine Sache mit dem Altern – es lässt sich nicht aufhalten, vermeiden schon gar nicht. Der Rückspiegel wird immer länger. Schuld daran ist natürlich auch Facebook. In nie da gewesener Form haben wir unter dem sozialen Druck des sozialen Netzwerks damit begonnen, unser Leben zu dokumentieren – und das natürlich meist von der Sonnenseite.

Seit wir Facebook nutzen – das dürfte bei den meisten seit mindestens einem halben Jahrzehnt so gehen – posten wir wie verrückt Erinnerungen an den supertollen Sommerabend in Südfrankreich, den einzigartigen Wochenendausflug in die mecklenburgische Schlosslandschaft oder den perfekten Junisonntag an der Elbe.

Facebook ist zu einer unterschwelligen Instanz geworden, die uns konstant ein schlechtes Gewissen  bereitet

Der News Feed ist längst unser Livestream geworden: Ein schönes Bild an der Strandperle erinnert uns daran, dass wir den Hamburger Sommerabend  ebenfalls wieder einmal dort verbringen sollten –  Facebook ist unsere passive Erinnerung, eine unterschwellige Instanz, die uns konstant ein schlechtes Gewissen  bereitet, etwas zu verpassen.

Instagram(© 2014 Instagram/crackr, CURVED Montage)

Doch der Effekt wirkt auch anders herum – als Inspiration. Wir vertrauen den Empfehlungen unserer Facebook-Freunde weit mehr als einem abstrakten Reiseführer. Was wollen, müssen wir beim Wochenende in Lissabon erleben?  Die Posts unserer Facebook-Freunde sind unser bester Guide geworden. Dort, am Rande der sandigen Bucht von Cascais, wo die coole Alphabloggerin aus Berlin ihren Latte Macchiato getrunken hat, müssen wir natürlich auch hin.

Facebook hat gewonnen: Wir haben uns der sozialen Supermacht längst ergeben

So lassen wir unser Leben unmerklich immer stärker vom nach Google wertvollsten Internetkonzern steuern, obwohl wir uns in der Rolle gut gefallen, immer wieder die Privatsphäre-Einstellungen zu kritisieren. Dabei haben wir uns der Supermacht Facebook längst ergeben. Das Facebook-Leben ist seit Jahren das neue Normal. Facebook hat gewonnen.

Also machen wir, was noch vor Jahren undenkbar schien, heute aber alle machen: Wie keine Generation vor uns sind wir zu perfekten Posern geworden; die soziale Akzeptanz des Selfies verbunden mit immer höherauflösenden Front-Kameras befeuert den Trend weiter. Wir sind, was wir posten – auch Angela Merkel weiß das.

Facebook-Müdigkeit: Das Posten, die Selbstinszenierung ist längst zur Routine geworden

Der totale Siegeszug des Social Networks fordert indes auch seinen Tribut. So sehr wir uns von der  Pseudodiskussion befreit haben, Facebook verlassen zu müssen (nein, das wird nie passieren), so seltsam passiv sind viele von uns inzwischen auch Facebooks überdrüssig geworden.

Das Posten, die Selbstinszenierung ist längst zur Routine geworden. Wir konsumieren Selfies und  Filterbilder inzwischen in nahezu inflationärem Maße. Deutlicher als in  Sommertagen kann es kaum werden. Wieder und wieder posten wir uns den ultimativen  Sonntagsschuss, machen dabei jedoch eine erstaunlich Erkenntnis: Er scheint immer weniger zu interessieren.

Unser siebter mobiler Facebook-Sommer bricht an

Meine Interaktionsrate ist gegenüber früheren Jahren deutlich gesunken, obwohl die Freundesanzahl konstant geblieben, wenn nicht marginal gewachsen ist und die Bilder, dem iPhone 5s und immer neuen Foto-Apps sei Dank, so viel besser geworden sind als 2008, als mit dem iPhone 3G der AppStore geöffnet und vor ziemlich genau sechs Jahren die mobile Facebook-App auf iOS gelauncht wurde.

Richtig: Es bricht bereits unser siebter mobiler Facebook-Sommer an. Trotzdem: Nur mickrige 2, 3 oder 4 Likes für Sonnenuntergangsstrand-Bilder auf Sylt – früher wären es 20 gewesen. Ein ganz anderes Verhältnis auf Instagram, wo ich die Bilder zuerst poste. 18 Likes, 20 Likes, 25 Likes – bei nur einem Drittel Follower im Verhältnis zu den Facebook- Freunden. Wie kommt das – von der Verschlagwortung via Hashtags abgesehen – nur?

Facebooks Instagram-Dilemma: Schön, eine coole Tochter zu haben – problematisch wird es nur, wenn man dabei selbst alt aussieht

Im zweiten Jahrzehnt des Firmenbestehens wird Facebooks eigentliches Problem in der Wertschätzung des wichtigsten Rohstoffs – der Fotos –  offenbarer. Natürlich hat Mark Zuckerberg mit dem aus heutiger Sicht spottbilligen Zukauf von Instagram alles richtig gemacht – es waren die bestinvestierten 715 Millionen Dollar des Social Networks.

Instagram(© 2014 Instagram/crackr, CURVED Montage)

Doch hier fängt das Problem für den Mutterkonzern an: Schön, eine coole Tochter zu haben – problematisch wird nur, wenn man dabei selbst alt aussieht. Genau das ist immer mehr der Fall: Das 1,3 Milliarden Nutzer große Netzwerk ist der Goldstandard der sozialen Netzwerke – es wird bleiben, egal, welcher Untergangsprophet den nächsten Abgesang anstimmt.

Bei Facebook herrscht der Like-Geiz, bei Instagram wird experimentiert

Allein: Wie es bei uncoolen Eltern so ist, kann es passieren, dass sich die Nutzer immer öfter woanders aufhalten – eben weil dort keine Verpflichtung zu etwas besteht. Instagram ist die coole Anything goes-Chilloutzone, in die man sich vom isolierten Schulhof Facebook zurückziehen kann, nach Schlagworten etwas Neues entdeckt und  nach Herzenslust likt, während die Facebook-Freunde längst der Like-Geiz befallen zu haben scheint.

Der Eindruck, den das weltgrößte Social Network in den vergangenen ein, zwei Jahren vermittelt, ist alarmierend – und dabei geht es nicht mal um vermeintlich experimentierfreudige Teenager, die sich auf Snapchat sexten. Facebook ist 2014 ein ziemlich langweiliger Ort geworden, an dem immer weniger passiert, weil die früheren Nutzer  in der Abgeschiedenheit ihres undurchlässigen Netzwerks immer weniger Lust haben, sich zu verbreiten.

An den besten Tagen des Jahres wirkt das Social Network so träge wie eine übergewichtige Mutter am Strand – es zeigt einfach nicht den schönsten Anblick. Das ist, am Ende, wohl der Lauf des Lebens. Doch die neue Normalität kann auch erschreckend sein: Instagram ist längst das coolere Foto-Facebook.


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