#ausgruenden: Mein total verrücktes iPhone 4-Wochenende

Unfassbar !43
Das iPhone 4s bekommt die Spider-App, das iPhone 4 feiert sein unerwartetes Comeback
Das iPhone 4s bekommt die Spider-App, das iPhone 4 feiert sein unerwartetes Comeback(© 2014 CURVED)

iPhone 6 Plus? iPhone 4 Minus! Nicht nur, dass CURVED-Chefredakteur Nils immer noch auf sein Apple-Phablet wartet – das vergangene Wochenende verbrachte er erkältet mit einem iPhone 4. Was er bei der ungewollten Zeitreise in die iPhone-Ära der Jahre 2010/11 über unser digitales Leben gelernt hat...

Es hat nicht sein sollen. 12. September, Vorbestellungstag. Auch tief in der Nacht werden noch keine iPhone 6 Plus-Orders entgegengenommen, keine Frage, dass ich die Maxi-Version des iPhones will. Als ich am nächsten Vormittag aufwache, bin ich spät dran – zu spät. Schon am Vormittag die unvermeidliche Bestell-Info: „Versandfertig in 3 - 4 Wochen“.

Für einen Moment ziehe ich das iPhone 6 in Erwägung, das noch binnen einer Woche verschickt werden soll. Man weiß ja: Aus „drei bis vier Wochen“ können schließlich noch mal mehr werden. Doch ich verwerfe schnell den Gedanken: Ich will das 6 Plus – warum, hatte ich ja schon im Video verraten. Also in den sauren Apfel mit der XXL-Order beißen, Mitte Oktober kommt schließlich schneller als man denkt, und in der Redaktion haben wir beide iPhones als Testgeräte ab Tag eins…

Auf das iPhone 6 Plus warten, aber plötzlich die alten iPhones noch mal nutzen müssen

Das ist die Vorgeschichte zu einer denkwürdigen Zeitreise vier Wochen später – nur nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit. Passiert ist dies: Während ich auf mein Maxi-iPhone warte, den Kollegen Shu um sein 6 Plus beneide und mich in der Redaktion an das 6er, vor allem aber 6 Plus gewöhne, erwischt mich die Erkältungswelle.

Zu Hause angekommen stelle ich am Freitagabend fest, dass ich mein iPhone 5s nicht finden kann, vermutlich habe ich es in der Redaktion liegen gelassen. Kein Problem, es ist ein Fußweg von Tür zu Tür, doch bei 38,5 Fieber ist jeder Schritt einer zu viel. Also ab ins Bett und den Tag abhaken, es gibt ja noch fünf andere iPhones zu Hause. Das heißt: vier. Das iPhone 5 gehört inzwischen meiner Verlobten, also ein letzter Griff zum iPhone 4s und zum klobigen Netzteil, das wie aus der Zeit gefallen scheint, bevor ich in den Fiebertraum abgleite.

Meine iPhones sind das digitale Archiv meines Lebens

In meinem Traum bin ich wieder zurück im Jahr 2011, ich denke an die laubumhüllten Spaziergänge im Heine Park in Richtung Elbe, die  ersten Bilder, die ich mit der tollen 4s Kamera geschossen habe – und ich denke an Steve Jobs, denn jener Schleier lag über dem iPhone 4s Launch im Oktober vor drei Jahren, als der Apple-Gründer am Tag nach der iPhone 4s-Keynote starb. Ich bin wieder halb wach und will die damaligen Bilder betrachten, ich habe sie alle noch auf den alten und neuen iPhones, meine iPhones sind das digitale Archiv meines Lebens, von dem ich mich nicht trennen kann, ich lösche ja kaum etwas…

Dann passiert es: Im Dunkeln greife ich nach dem iPhone 4s, vergesse, dass ich dabei war, es zu laden, vergesse, dass da ein heißer Tee daneben steht, reiße also beides gleichzeitig herunter und schaffe, was mir in drei Jahren nie passiert ist: iPhone 4s und Teetasse krachen auf den Boden, zusammen – die Tasse ist in Scherben, das iPhone in Splittern, der Teppich nass. Jürgen Klopp würde es "einen gebrauchten Tag" nennen, genug für heute.

Endlich geschafft: Das iPhone 4s Display ist doch noch zersplittert…

Nach 12 Stunden Fieberschlaf bin ich bereit, den Verlusten ins Auge zu sehen: Der Teppich lässt sich reinigen, es war nur Pfefferminztee, wenn auch mit Honig, neue Tassen sind so überfällig wie der Besuch bei IKEA in meiner Nachbarschaft, nur das iPhone 4s hat es erwischt – ich habe tatsächlich geschafft, das Display zu zerdeppern, nach drei Jahren. Und ein Flackern ist nun auch zu beobachten: „Restschrott“, ist das erste Wort, was mir in den Sinn kommt, auch wenn ich so nie über ein iPhone denken würde.

Also noch tiefer zurück in die Vergangenheit, hallo iPhone 4! Wie gut, dass ich alle iPhones bis zum ersten besitze – wer hätte gedacht, dass ich jemals die vierte Generation noch mal für ein Wochenende brauchen könnte…

Achtung, Suchtgefahr: Wer einmal das iPhone 6 in der Hand hatte, kann nicht mehr zurück

Es ist ja auch immer ein bisschen eine Zeitreise. Keine vier Wochen ist es her, dass ich das iPhone 4 für unsere Retrospektive von Apples Kultsmartphone noch einmal in der Hand hatte, doch ausgiebig benutzt habe ich das vierte iPhone natürlich nicht mehr. Nun nimmt es mich an diesem Wochenende noch einmal zurück ins Jahr 2010.

Das Erste, was mir dabei auffällt, ist, wie unfassbar klein das iPhone 4 oder 4s im heutigen Vergleich erscheint. Es ist wie so oft im Leben: Man kann nicht mehr zurück. Wer einmal das iPhone 6 oder gar 6 Plus länger als eine halbe Stunde in der Hand gehalten hat, wird mit seinem iPhone 4 oder 4s nicht mehr richtig froh.

Kreative Zerstörung: Kaum irgendwo deutlicher als bei Smartphones

Und das ist noch nicht mal eine Frage der Hard- oder Software, sondern alleine der Haptik: Das iPhone 4 ist zwei ganze Upgrade-Zyklen alt und kommt einem doch vor, wie aus der Zeit gefallen. Über welches Produkt aus dem Jahr 2010/11 kann man das schon sagen?

Meinen letzten Kleiderschrank habe ich Ende 2009 gekauft – und sieht heute noch aus wie neu, wie eine Glas-Aluminium-Fortsetzung des iMacs. Mein Sofa, ebenfalls fünf Jahre alt, hat das halbe Jahrzehnt ohne erkennbare Verwüstungen oder Rotweinflecken überstanden – ich käme nicht auf die Idee, dass es veraltet wäre. Ein Sideboard im Wohnzimmer ist so alt wie das iPhone 4s – in weißem, kantigem kunststoffbeschichteten Material gehalten, ich würde es heute noch genauso kaufen wie vor drei Jahren.

Wie kann es sein, dass ein gerade mal drei bis vier Jahre altes Smartphone, das bis zur Vorstellung des iPhone 5 noch als State-of-the-Art galt, uns heute so hoffnungslos überholt vorkommt, dass wir für die Benutzung fast belächelt werden? Der von Schumpeter beschriebene Prozess der kreativen Zerstörung findet wohl nirgends seine drastischere Versinnbildlichung als in der Evolution der Smartphone-Branche.

Kein Platz für Nostalgie: Alte Hard- und Software ist nicht schön, sondern einfach veraltet  

Unter der Oberfläche gewinnt die Zeitreise noch mal an Dynamik. Was ich sehe, als das entladene iPhone nach zehn endlosen Minuten endlich wieder hochfährt, ist eine Software-Welt, die mir unglaublich überholt vorkommt. Ich frage mich, woran ich das festmache.

Sofort fällt mir der Begriff des „Skeuomorphismus“ ein, den ich erst gelernt habe, als Tim Cook iOS-Chef Scott Forstall vor zwei Jahren feuerte – und der die betonte Visualisierung von Gegenständen meint wie den Holz-Look der iBooks-Bibliothek, den Leder-Einband des Kontakte-Ordners oder das Mikrofon bei den Sprachaufnahmen, das aussieht, als würde es aus der Hochzeit von Capitol Records stammen, eine Ära, mit der viele den Glamour der mittleren Sinatra-Jahre verbinden.

Ich frage mich, wie das kommt, dass das Alte, das wir sehr gerne nostalgisch verklären und damit überhöhen, im Software- und Internet-Bereich links liegen gelassen wird. Mit Ausnahme historischer Geräte wie dem ersten Macintosh, iMac, iPod, iPhone oder iPad , die wir würdigen, weil sie wohl ihren verdienten Platz in der Geschichte haben, kommt es uns nicht in den Sinn, dass älter besser sein könnte.

Hochzeit der App-Ökonomie: Mehr Apps auf iPhone 4 als heute auf iPhone 5s 

Wie war nun aber mein iPhone-Leben 2010/11, war es trotz technischer und, meinetwegen, design-ästhetischer Unzulänglichkeiten anders als heute? Die Apps, die mich auf dem Startbildschirm anstarren, sind zunächst die gleichen wie von heute: Facebook, Instagram, Twitter, Camera+.

Interessant jedoch: Mein iPhone 4 war mit weitaus mehr Apps beladen als mein aktuelles iPhone 5s, das mich seit Monaten vor erhebliche Speicherplatzprobleme stellt –  erzwungenermaßen habe ich so nicht nur immer wieder auf alte Fotos und Videos verzichtet, sondern auch auf Apps. Zwar beschränke ich mich nicht wie Marc Cuban auf ganze 13 Apps, doch mein aktuelles App-Repertoire reduziert sich auf ganze 46 Apps, 23 davon von Apple vorinstalliert.

Zeitreise in den Facebook Newsfeed von 2011

Was mir noch auffällt: Wie enorm wichtig mir Facebook damals war. Ich habe so viel gepostet damals, jede Reise wurde mit einem ausgewählten Album dokumentiert. Im Moment, als ich die Facebook-App starte, sehe ich für den Bruchteil einer Sekunde den letzten geladenen  Newsfeed, 13. Oktober 2011, eine Facebook-Freundin, die heute keine mehr ist, postet wenige Tage nach dem Tod von Steve Jobs ein Bild von halb verhungerten afrikanischen Babys: „1 Person dies and 1 Million cry. 1 Million die and no one cries“.

Ich will auf die Kommentare klicken, doch dann springt der Newsfeed in die Gegenwart, trotz iOS 5 und einer Facebook-App, die drei Jahre nicht mehr upgedated wurde. Bei Instagram klappt es nicht so reibungslos: Die App öffnet sich, ich sehe meine ersten 100 Bilder und gerade mal 15 Follower damals, aber es wird nichts aktualisiert – bis heute finde ich den Followeraufbau bei Instagram trotz Herzen im Überfluss ja extrem mühsam

Der Aufstieg und Fall von Hipstamatic

Was mir schlagartig auffällt: Diese ausgefransten, abgeschnittenen, retromäßig verfremdendeten ersten Bilder, die ich zuvor mit Hipstamatic bearbeitet hatte. Wie verrückt wir damals nach dem ziemlich zufälligen Linsen-Look der Retro-Kamera-App waren – und wie vollkommen ins Vergessen sie heute, im Zeitalter von Instagram, geraten ist!

Ich springe zurück in mein Foto-Archiv, zu den damals schon 13.000 Bildern, die letzte Hälfte geschossen 2011 in Moskau bei Minus 20 Grad, Tallinn mit eisverwinkelten Gassen im März, der Sommersonnenuntergang in Barcelona, der scheinwerfergeflutete Burj Al Arab in  Dubai – alles poppiger, verfilterter als im wirklichen Leben.

„Nostalgie ist Verleugnung“: Worin liegt die Faszination des Vergangenen?

Und dann sind da die Bilder vom Jardin du Luxembourg in Paris, ein magischer Ort, 400 Jahre alt inzwischen – die Plattenkamera-Ästhetik von Hipstamatic nimmt einen zweifellos einige Jahrzehnt mit in die Vergangenheit, einige Linsen sogar ein ganzes Jahrhundert – ganz so, als würde man in Woody Allens Midnight in Paris direkt ins Paris der 20er fahren…

Doch wäre das besser? Worin liegt die Faszination des Vergangenen? „Nostalgie ist Verleugnung“, lässt Woody Allen seinen Protagonisten Paul, der in Midnight in Paris zeitweise aus der Gegenwart ins Paris der 20er-Jahre und wieder zurückreist, philosophieren: „Verleugnung der schmerzlichen Gegenwart ... der Name für diese Ablehnung ist das Denken des Goldenen Zeitalters – diese falsche Vorstellung, dass eine andere Zeit besser ist als die, in der wir leben. Das ist der Kardinalfehler in der romantischen Phantasie der Menschen, die es schwierig finden, in der Gegenwart zu leben…“

Bevor ich weiter in meine Zeitreise einsteigen oder sie doch besser abbrechen und das iPhone 4 ins Jahr 2011 zurückgeben kann, öffnet meine Verlobte die Tür: „Geht es Dir etwas besser heute?“
Ich nicke.  „Ja, viel besser“, entgegne ich. „Ich habe eine seltsame Zeitreise ins Jahr 2011 gemacht."
„Du hattest Fieber und hast 12 Stunden geschlafen“, lacht sie.
Ehe ich insistieren und erklären kann, dass das durchaus mit dem iPhone 4, das plötzlich verschwunden zu sein scheint, und alten Bildern zu tun haben könnte, reicht sie mir mein iPhone 5s und ein Paket ans Bett.  „Lag unter der Decke auf dem Sofa. Und schau mal, das kam gerade per DHL. Das iPhone 6 Plus?! Dann brauchst Du ja Dein 5s nicht mehr…“


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