#ausgruenden: Warum die iWatch ein epischer Erfolg wird

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Mythos iWatch: Das Freundschaftsband für den Apple-Fan
Mythos iWatch: Das Freundschaftsband für den Apple-Fan(© 2014 CURVED)

Die Gerüchteküche brodelt  am Siedepunkt: Mit jedem Tag rücken die beiden wichtigsten Produktneuerungen Cupertinos seit Jahren näher – das iPhone 6 und die mutmaßliche iWatch. Während beim Smartphone-Bestseller im Grunde nur noch die Display-Größe diskutiert wird, bleibt die sagenumwobene iWatch weiter ein Interpretationsvakuum. Den eigentlichen Erfolgsfaktor lassen die Spekulationen indes bislang völlig außer Acht: Die iWatch wird zum fleischgewordenen Identifikationsobjekt mit dem Apfel-Konzern.

Es begann mit 13 oder 14. Plötzlich war es cool, ein Freundschaftsband zu tragen. Es war aus festem Garn, ein Segelband, man trug es immer mit sich herum. Ein, zwei Jahre später war die Idee dann immer noch cool, die Freundschaft aber beendet – das Freundschaftsband landete im Lago Maggiore.

Doch dabei blieb es natürlich nicht. Wenig später, als die Partyphase begann, verschönerten Clubbänder mein Handgelenk – lange noch, nachdem die Party zu Ende war. Als die großen Rockfestivals dazukamen, war es Pflicht, während des Studiums stolz mit seinem Roskilde-Bändchen herumzulaufen.

Das Armband: Subtile Zugehörigkeit  dokumentieren

Die Rockfestivals wurden weniger, doch die Anziehungskraft des Bandes blieb auch Jahre später. Es gibt, vor allem für Männer, weniger minimalistische Accessoires, mit denen man subtil seine Zugehörigkeit zu etwas dokumentieren kann, als mit einem kleinen Band am Handgelenk. 

Ein T-Shirt, ein Trikot, macht einen immer zum Fan, es braucht einen Anlass, um getragen zu werden – selbst der größte FC Bayern-Fan läuft nicht sieben Tage in seinem roten Jersey herum. Anders das unauffällige Armband, das schnell unter dem Hemdärmel versteckt werden kann, wenn man in einem Business-Meeting ist, aber mit Ärmelziehen dann auch wieder für die Außenwelt kenntlich gemacht werden kann.

Livestrong-Kultbändchen: Nächste Ebene des Armbands  

Als großer Radsport-Fan bin ich dann vor knapp einem Jahrzehnt meiner bislang größten Band-Begeisterung verfallen, die mich heute in der Rückschau eindeutig als Fan auf der falschen Seite aussehen lässt: Ja, ich gestehe, ich lief jahrelang mit einem knallgelben „Livestrong“-Bändchen herum, das ich 2005 bei eBay ersteigerte und mir sogar aus den USA schicken ließ. 

Die Story stimmte: Ich liebe die Tour de France und war fasziniert von Lance Armstrongs unbändiger Willenskraft. (Etwas Vergleichbares wie das Comeback 2003 auf der 15. Etappe nach Luz Ardiden habe ich nie wieder gesehen.)

Vor allem jedoch war das Livestrong-Band eine Sache für den guten Zweck: Ein Teil des Kaufpreises ging an die Krebsforschung. Also lief ich jahrelang mit meinem knallgelben Livestrong-Band herum, und beantwortete alle Nachfragen geduldig, auch wenn ich vielleicht nur acht, neun lange Radtouren im Jahr fuhr – es war schlicht cool, Teil des #TeamLivestrong zu sein.

Die iWatch ist das Freundschaftsband für den Apple-Fan – sie wird getragen werden, weil sie ein Statement ist: Ich gehöre zum #TeamApple

Bevor es uncool wurde, übernahmen andere Bänder mein Handgelenk: Die Konferenz-Bänder der next, DLD, re:publica. Ich kann nicht sagen, ob unbewusst der Wunsch mitschwang, es länger als nötig zu dokumentieren, dass ich diese Digitalkonferenzen besucht hatte, aber ich konnte mich nicht entschließen, die Bänder nach Beendigung der Events zu zerschneiden. Sie blieben. Am Ende sogar Monate, bis sie verwaschen waren. 

Was meine persönliche Chronik des Armbands nun mit der iWatch zu tun hat? Die iWatch ist das Freundschaftsband für den Apple-Fan! Sie wird 24 Stunden am Tag  getragen und nicht mal zum Duschen abgenommen werden, denn natürlich ist sie wasserdicht. Die iWatch ist endlich das Symbol, auf das Apple-Fans 38 Jahre gewartet haben. Ganz gleich, was sie technisch am Ende eigentlich kann – sie wird getragen werden, weil sie ein Statement ist. Ich gehöre zum #TeamApple, das drückt der iWatch-Träger aus.

Mit dem iPod kam Apples erneuter Aufstieg – und die tiefere Verbindung zum Kunden

Diese Botschaft war in ihrer Unmittelbarkeit bislang so nicht möglich. Der Mac, mit dem der Apple-Kult begann, war ein Arbeitsgerät, das noch darum kämpfen musste, Einzug in das Privatleben zu halten – Computer und ‚lebensfeindlich‘, diese Klammer musste Apple erst aufbrechen.  Erst in der zweiten Amtszeit von Steve Jobs folgte die Coolness-Komponente. Der iMac wurde von Jony Ive bewusst als Computer konzipiert, der tragbar war und mal eben von A nach B transportiert wurde und gut genug aussah, um ihn auch im Wohnzimmer stehen zu lassen.

Die tiefere Verbindung zu der – zumeist neuen – Käuferschaft stellte Apple indes mit dem Dreiklang aus iPod-iPhone-iPad her. Plötzlich joggte David Beckham mit dem iPod, Bono stand schulterklopfend mit Steve Jobs auf der Bühne des Moscone Centers, während eine eigene U2-iPod-Linie enthüllt wurde – und dann kam das iPhone und veränderte alles.

Die Beziehung des Nutzers zum iPhone war so intensiv wie keine andere

Vor allem in den ersten ein, zwei Jahren nach dem Launch war die Faszination des „Jesus Phones“ so groß, wie wohl kein anderes technisches Gerät in der Geschichte der Verbraucherelektronik – ich wurde auf Partys wegen des iPhones so oft angesprochen wie seit zehn Jahren nicht mehr. 

Die Beziehung des Nutzers zum iPhone war so intensiv wie keine andere zu einem technischen Gerät zuvor, was sich in der Neigung spiegelte, das Apple-Smartphone einfach nicht aus der Hand legen zu wollen. Das iPhone fühlte sich unfassbar gut an, es besitzt ein gewisses Gewicht und die richtige Größe, was der Hauptgrund für Steve Jobs und Tim Cook gewesen sein dürfte, am Formfaktor eines 4-Zoll-Displays festzuhalten – man trägt es am Ende so gerne mit sich herum wie ein Tamagotchi hätte herumgetragen werden sollen.

Dasselbe kann man über das iPad nicht sagen: Ein Tablet ist schlicht nicht so intim wie ein Smartphone, was möglicherweise einer der Gründe ist, warum es nicht ganz an den Erfolg des iPhones anknüpfen konnte. Das iPad ist einfach weniger im Einsatz als ein iPhone, die emotionale Verbindung ist schlicht geringer.

Die iWatch besitzt das Potenzial, Apples meistverkauftes Gerät zu werden

Bei der iWatch ist die Gerät-Mensch-Verbindung nun die engste, die es in der Historie von Apple jemals gegeben hat. Das Apple-Band ist immer da, 24/7. Im Idealfall wird es nicht mehr als fremdes Gadget begriffen, sondern als natürlicher Teil des Alltags, der über körperliche Befindlichkeiten informiert: Wie viele Stunden habe ich geschlafen? Wie viele Kalorien habe ich verbrannt? Wie viele Schritte habe ich bislang zurückgelegt? Wie hoch ist mein Blutdruck?   

Wenn es richtig gemacht wird, ist das Potenzial von Apples Wearable schlicht unbegrenzt und unbegrenzbar. Es gibt keine Provider-Bindung, die den Kauf erschwert,  die Preisbarriere dürfte mit 200-300 Dollar/Euro deutlich niedriger liegen als beim iPhone, der Anwendungsbereich ist mit dem Fokus auf die Gesundheit und den eigenen Körper universeller – mit einem Wort: die iWatch könnte im Idealfall Apples meistverkauftes Gerät werden.

Die iWatch – die größte Devotionalie der Welt 

Ob diese technischen Anwendungsmöglichkeiten am Ende aber das hervorstechendste Argument sein wird, das Hunderte von Millionen Käufern zu Fitness-Freaks macht und damit sogar einen Beitrag für das Gesundheitssystem liefert, bleibt zunächst hypothetisch.

Am Ende des Tages wird die iWatch mit einem bislang völlig unterschätzten Killerargument punkten: Die iWatch ist das Fanband, mit dem 400 Millionen Apple-Kunden ihre Leidenschaft für den Kultkonzern aus Cupertino dokumentieren können. Die iWatch dürfte zur begehrteste Devotionalie der Welt werden – und sich aus dem Stand heraus millionen- und abermillionenfach verkaufen.


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