#ausgruenden: WhatsApp – Sieg des schlechten Geschmacks

Unfassbar !16
Werbung per Kurznachricht: Öffnet sich WhatsApp für Werbekunden?
Werbung per Kurznachricht: Öffnet sich WhatsApp für Werbekunden?(© 2014 CURVED)

19 Milliarden Dollar für ein nicht mal  fünf Jahre altes Unternehmen? Die WhatsApp-Übernahme warf vergangene Woche einige Fragen auf. Die größte von allen jedoch blieb unbeantwortet: Wie konnte sich eine so schlechte App am Ende durchsetzen? Für CURVED-Chefredakteur Nils Jacoben bleibt WhatsApp ein Mysterium – er kommuniziert über die App nur mit seiner Friseurin oder den Handwerkern…

Es ist im Flughafenbus von Mailand Malpensa passiert. Es ist stickig. Eng. Man ist eingeklemmt in einer Situation, aus der es kein Entkommen gibt. Minuten des Lebens, die verrinnen und nicht wiederkommen. Es gibt nichts zu tun, außer zu warten, die Augen zu schließen und sich der Müdigkeit zu ergeben.

Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich einen halben Meter vor mir eine vielleicht Zwanzigjährige wie besessen auf ihr Smartphone einhämmern. Mit vier Fingern wird der Trommelwirbel erzeugt, ein neuer Eintrag erfolgt fast im Sekundentakt. Wie sooft in solchen Situationen bleibt einem nichts als purer Voyeurismus.

WhatsApp-Wahnsinn: Gefangen in einer Welt aus Smileys, Herzchen und Küsschen im Sekundentakt

Ich lerne in der nächsten Minute, dass Lenka ein Nachwuchsmodel ist, das gerade aus Mailand von einem Shooting kommt, dass sie in London Kunstgeschichte studiert und dass sie sich selbstverständlich über ihr Smartphone ausführlich über ihr Privatleben auslässt. Der ersten Chat-Partnerin teilt sie mit, dass es zwischen Karolina und Erasmus-Student David wohl aus ist. Dann poppt ein neues Fenster auf und Lenka ergänzt mit jeder Menge Smileys und Herzchen, dass sie wohl gegen 21.30 Uhr in Heathrow landet; ihre Mitbewohnerin antwortet darauf mit einem Doppelpunkt, Spiegelstrich und zehn geschlossenen Klammern.

Unterdessen blinkt ein neuer Balken auf, der erste Chat meldet sich zurück, was denn nun mit David los sei, er sei doch so sportlich? Offenbar nicht überall in Hochform lolollol… Dann ein neues Chat-Fenster: Hallo Leute, habt Ihr eine Idee, wo ich diese Woche einen Crashkurs in Excel machen kann, ich brauch das für die Agentur.  Zsusza antwortet, Agnieszka auch. Wieder Smileys, Herzchen und Küsschen – bevor ich zuordnen kann, von wem an wen, geht die Bustür auf ...und Lenkas WhatsApp-Welt mir verloren.

WhatsApp macht offenkundig süchtig

Drei Monate ist das jetzt her. Es war der Tag, an dem ich WhatsApp endlich verstanden habe. WhatsApp macht offenkundig süchtig.  Seit knapp drei Jahren führt die App mit Telefonsymbol, von dem es doch so weit entfernt ist wie wir inzwischen vom Festnetzzeitalter, bei mir ein seltsames Eigenleben.  

Widerwillig lud ich die App schließlich irgendwann herunter, nachdem sie in Techblogs eine gewisse Beachtung gefunden hatte – und vergaß sie schnell wieder. WhatsApp macht als iPhone-Nutzer relativ wenig Sinn: Warum noch einen Kommunikationsdienst, wenn es iMessage gibt?

Eine Name, der klingt wie eine Studenten-Idee

Doch Android sollte die Welt übernehmen – und nach dem „Winner takes it all“-Prinzip WhatsApp das Messaging. Es hätte auch Viber sein können, das eine Woche zuvor für nicht mal ein Zwanzigstel an Rakuten ging. Es wurde aber eine App, die nach einer Studenten–Idee in den ersten Tagen des AppStores klingt – was man sich so einfallen lässt, wenn unbedingt das Buzzword „App“ in der eigenen App vorkommen muss und man krampfhaft lustig klingen will. Whatsuuuup, Alter?

Vom schlechten Eindruck der ersten Stunde hat sich WhatsApp bei mir nie erholt: WhatsApp ist eine hässliche App, die extrem billig aussieht, schlecht programmiert und voller Mängel ist – mal nach Datenschutz-, mal nach Verbindungskriterien, wie der Ausfall am gestrigen Abend eindrucksvoll bewies. Kann passieren, passiert aber bei WhatsApp zu oft.

Kontroll-GAU: Wie, Schatz, Du siehst meine Message, aber antwortest nicht?

Doch hier endet es nicht. WhatsApp ist eine App des schlechten Geschmacks, die wirkt, als wäre sie für immer dort stehen geblieben, wo sie gelauncht wurde - im vergangenen Jahrzehnt. Das Wallpaper sieht fürchterlich aus. Das Status-Update-Feature kommt aus einer Zeit, als man in Facebook noch ein Status-Update zu seinem Profil schrieb – also 2008. 

Aber da ist noch mehr: Der letzte Login wird per Standardeinstellung angezeigt, was wie ein konstanter Kontrollmechanismus wirkt – genau wie der zweite Empfangshaken, dessen Rätsel zuletzt geklärt wurde: gepusht ist nicht gleich gelesen. Es dürfte nicht wenige Beziehungen gegeben haben, die ihren WhatsApp-GAU erlebt haben: Wie, Schatz, Du siehst meine Message, aber warum antwortest Du nicht?

Meine WhatsApp-Kommunikation: Mit der Friseurin und Handwerkern

Ich habe mehr als zwei Jahre gebraucht, um WhatsApp zu verstehen. In diesen zwei Jahren sind  ganze sieben Chats entstanden. Gerade mal zwei Freunde ziehen in ihrer Kommunikation mit mir WhatsApp Facebook vor. Auf Nachfrage erklärt mir der eine Freund, iPhone-Besitzer und Facebook-Heavy User mit 700 Freunden: die Frauenwelt würde mit ihm einfach über WhatsApp kommunizieren, deswegen sei die App bei ihm das Standard–Kommunikationstool geworden. iMessage? Facebook Messenger? Egal, WhatsApp ist das neue Normal!

Ein anderer Freund ist Anwalt und will bei Facebook lieber inkognito bleiben. Die andere WhatsApp-Kommunikation: Mit meiner Friseurin mache ich die Termine inzwischen lieber via WhatsApp aus – kann man auch um 2 Uhr nachts noch vereinbaren, wenn einem einfällt, dass dann doch mal wieder ein paar Zentimeter ab sollen. Und mit dem Handwerker, dem ich schnell Bilder aus dem Möbelhaus schicke, ob die neue Wohnwand denn da an der löchrigen Altbauwand auch wirklich hält.

Ich bin nie Teil der WhatsApp-Welt geworden

Nach 450 Millionen Nutzern, die wiederum 19 Milliarden Dollar wert sind, ist es Zeit für ein Eingeständnis. Ich bin irgendwie nie Teil der WhatsApp-Welt geworden – und vielleicht ist das auch gut so, dachte ich lange. Nach diesen drei Minuten im Shuttlebus in Mailand bin ich dann allerdings für einen Moment stutzig geworden. Wie wäre es eigentlich, von Lenka im Minutentakt WhatsApp-Messages zu bekommen? 

Bevor ich das weiter durchdenken kann, geht die Bustür auf und Lenka stolpert ins Freie, knallt gegen die Rolltreppe, das Smartphone, ein Galaxy S4, gleitet ihr aus der Hand und fliegt mir vor die Füße. Ich hebe das Objekt des Wahnsinns auf, betrachte das angekratzte Display für einen Moment und gebe es ihr zurück.

„Hey! What’s up?“, kann ich nicht widerstehen. „Of course, WhatsApp“, nuschelt Lenka zurück, nimmt das Galaxy an sich, entsperrt es, schreitet die Treppe voran, um sich dann doch kurz vor der Luke mit zurückgeworfenen Haaren und diesem Blick umzudrehen: „You also use it?“ Ich ahne es: Dies könnte der Beginn einer wunderbaren WhatsApp-Freundschaft werden…


Weitere Artikel zum Thema
Tim Cook zieht AR vor: Apple inves­tiert weiter in Augmen­ted Reality
Guido Karsten
Her damit !6Ob Tim Cook ein AR-Headset irgendwann als "One more thing" vorstellen wird?
Apple investiert in Augmented Reality. Wie Tim Cook nun erklärte, könne die Technologie den echten Kontakt zwischen Menschen noch verstärken.
Star Wars – Rogue One: Der finale Trai­ler ist da
Guido Karsten
Her damit !9Rogue One: A Star Wars Story
Die Star Wars-Auskopplung "Rogue One: A Star Wars Story" startet am 15. Dezember in die Kinos. Nun ist der finale Trailer erschienen.
Waipu.tv gest­ar­tet: der bessere Mix aus Inter­net-TV und Kabel­fern­se­hen
Jan Johannsen
Her damit !12Waipu.tv: Fernsehen über das Internet mit dem Smartphone als Fernbedienung.
Waipu.tv ist angetreten, das lineare Fernsehen wieder interessant zu machen. Der neue Dienst ist eine Mischung aus Streaming, Kabelanschluss und IPTV.