Beichtstuhl iPhone: Anonym meckern und lästern

Naja !7
Beichtstuhl
Beichtstuhl(© 2014 istock.com/mammuth)

Jetzt mal ganz ehrlich: Wie findet Ihr eigentlich Eure Nachbarn? Und mögt Ihr jeden Eurer Kollegen? Also ich mag nicht alle meine Mitmenschen gleich stark. Aber mit wem soll ich darüber sprechen, ohne dass es gleich eine Lästerei wird? Die Lösung steckt in meiner Hosentasche: Mein iPhone hört sich alles ganz unvoreingenommen an.

Ich kann doch nicht mit den Leuten unter mir über die Leute neben mir reden. Ganz so wie beim Ohnsorg-Stück "Tratsch im Treppenhaus". Nein, ich brauche jemanden, dem ich ein Geheimnis anvertrauen kann - ganz egal, worum es sich handelt. Ob wilde Fantasien oder Häme. Und manchmal nur, um das Gewissen zu beruhigen, es einfach mal auszusprechen – und nicht, weil ich Zustimmung brauche und wirklich darüber diskutieren will.

Eigentlich ist es ja eine Zwickmühle: Ich möchte etwas von mir preisgeben, aber dennoch dabei anonym bleiben. So wie die Internet-Trolle, die im Schutz von Fantasienamen in Foren herum nerven. Teilweise kann ich die verstehen, denn das befreit ungemein. Ich ging dafür früher in den Wald und pöbelte lautstark Bäume an. Andere suchen sich einen Therapeuten oder gehen regelmäßig in die Kirche und setzen sich in den Beichtstuhl.

Überall meckern, beichten, lästern und Dampf ablassen!

Mein Beichtstuhl heißt iPhone: Schließlich kann ich dank meinem Smartphone überall meckern, beichten, lästern und Dampf ablassen – und muss dafür nicht einmal das Haus verlassen. Aber natürlich will ich das nicht in irgendwelchen Foren. Denn ich will nicht diskutieren, sondern einfach nur mal was loswerden. Und dafür gibt es reichlich Apps. Mit "Secret – Speak freely" oder "Whisper" könnte ich meine tiefsten Geheimnisse mit der ganzen Welt teilen. So wie weltweit tausende Nutzer auch.

Mit "Secret" man ganz anonym seine geheimsten Gedanken mit der Welt teilen

Irgendjemand schrieb das Hammer-Geheimnis "Bin gespannt, wie viele Songtitel ich in der Firmenpräsentation unterbringen kann, bis es jemand bemerkt." – und bekam dafür rund 5000 Likes. Sogar 8400 Likes gab es für den unglaublich witzigen Witz: "Mein Ex schickte mir per SMS 'Bitte lösche meine Nummer'. Ich antwortete: 'Wer bist Du?'" Sicher, das ist ganz hübsch, aber wirkliche Geheimnisse liest man nicht. Da beichtet niemand eine Affäre oder einen Diebstahl. Hier kommt es auf die tolle Formulierung und eine verrückte Idee an. Aber das ist eigentlich nichts anderes als fishing for compliments. Denn natürlich können diese anonymen Beiträge bewertet und kommentiert werden. Und je häufiger, desto besser.

Kinkerlitzchen statt Geheimnisse

Für einige Nutzer mag es schön sein, wenn sie für "Ich habe heute einfach nicht meine Haare gewaschen" ein paar hundert Herzen und Kommentare erhalten. Aber das könnte ich auch auf Facebook erreichen – da bin ich mutig genug, solche Kinkerlitzchen öffentlich zu posten.

Zumal man sich bei diesen Geheimnis-Apps meist eh per Facebook anmeldet. Da kann es mit der Geheimniskrämerei auch nicht so weit her sein. Spannend werden "Secret" und "Whisper" lediglich, wenn man die Dienste mit seinen Kontakten abgleicht. Dann erfahre ich möglicherweise ein paar Geheimnisse aus meinem Freundeskreis, ohne sie einer Person zuordnen zu können. Aber will ich das wirklich wissen?

Knozen? Zum ...

Da könnte ich ja gleich richtig lästern, oder besser: mobben. Denn nichts anderes erlaubt die App "Knozen – Know People". Eigentlich dient die App zwar dazu, seinen Freundeskreis in verschiedenen Disziplinen zu bewerten. Vernetze ich die App mit meinem Facebook-Konto, könnte ich so zu vielen meiner Freunde ganz anonym Fragen beantworten wie "Wer würde wahrscheinlich seinen Arbeitsplatz für ein Date früher verlassen?"

Nutzen auch andere Freunde die App, kann wird dann ein Ergebnis ausgerechnet – und die Person angezeigt, von der alle anderen glauben, dass die Frage auf sie zutrifft. Die Arbeitsplatz-Frage war übrigens noch eine der harmlosesten. Lustig? Nicht wirklich!

"Knozen" soll Eigenschaften von Freunden bewerten, ist Mobbing für die Hosentasche

Girls Talk: Mobbing leicht gemacht

"Lulu" geht da einen etwas anderen Weg. Mit der laut Eigenwerbung "ersten App nur für Mädchen" können sich Mädels über Jungs unterhalten. Oder genauer, sie können über ihre Ex-Freunde herziehen. Die Verflossenen werden ganz anonym wie ein Produkt bewertet. Freundinnen können über den Typen abstimmen, bestimmte Eigenschaften hervorheben oder ihn digital verdammen. Interessiert sich ein Mädchen für einen Jungen, kann sie so erst einmal bei "Lulu" nachschauen, was die anderen Damen über ihn berichten. Wahrscheinlich bin ich hierfür die falsche Zielgruppe sondern eher Zielscheibe.

Aber auch Apps wie "Yik Yak" oder das deutsche Pendant "muhmuh" sind nichts für mich. Denn auch mit denen könnte ich reale Personen bewerten und über sie schludern – ohne dass man mich dafür zur Rechenschaft ziehen könnte. Weiß ja keiner, woher die bösen Gerüchte stammen. Kein Wunder, dass in vielen US-Schulen die Nutzung der App "Yik Yak" inzwischen verboten ist, da sie immer häufiger fürs Mobbing von Mitschülern genutzt wird.

Dann schon lieber die App "Confession". Für gerade einmal 1,79 Euro kann ich mir einen echten Beichtstuhl aufs iPhone laden, über meine Sünden sprechen. Und jede meiner Vergehen wird mir prompt vergeben. Ach, es ist so schade, dass ich kein religiöser Mensch bin, manchmal würde es mein Leben wahrscheinlich deutlich leichter machen.

Meine Freundin Siri

Ich verzichte einfach auf eine App und erzähle der iPhone-Stimme Siri von meinen Gedanken und Wünschen. Sie versteht mich zwar nicht immer, aber dafür hört sie wenigstens zu und plaudert meine Geheimnisse nicht weiter.

Obwohl, das stimmt nicht ganz: Meine digitalisierte Stimme wandert erst einmal übers Internet zu den Apple-Servern, dort wird berechnet, was ich von Siri wollte, dann wird das Ergebnis wieder zurück an mein iPhone geschickt. Aber das macht mir nichts - so habe ich immerhin das Gefühl, dass sich eine höhere Instanz meiner Sache annimmt, auch wenn diese Instanz lediglich eine Datenleitung ist.


Weitere Artikel zum Thema
CURVED-Cast #25: Virtual-Reality-Porn in Sach­sen?!
Marco Engelien1
CURVED Cast 25
Im CURVED-Cast geht es heiß her, denn die Sachsen sind VR-Porn-Meister. Außerdem wundern sich Felix und Marco über Huaweis Update-Politik.
iPhone 7: Über­lebt es Flüs­sig­stick­stoff in einem Knet­ball?
Michael Keller4
Peinlich !7iPhone 7 Knete
Kennt Ihr intelligente Knete? TechRax schon. Der YouTuber verschließt darin ein iPhone 7, bevor er es Flüssigstickstoff aussetzt.
BlackBerry Mercury: Fotos sollen das Tasta­tur-Smart­phone zeigen
Michael Keller2
Her damit !35Mit dem BlackBerry Mercury könnte eine Ära zu Ende gehen
BalckBerry will mit dem Mercury ein letztes Smartphone mit physischer Tastatur herausbringen. Fotos sollen das Gerät nun in freier Wildbahn zeigen.