Carl Icahn: Wie der Finanzhai Apple auf Kurs brachte

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Ein Tweet, der die Finanzwelt veränderte: Vor einem Jahr machte Carl Icahn sein Apple-Investment publik
Ein Tweet, der die Finanzwelt veränderte: Vor einem Jahr machte Carl Icahn sein Apple-Investment publik(© 2014 Screenshot Twitter/Carl_C_Icahn, CURVED Montage)

Vor exakt einem Jahr verschickte der berühmt-berüchtigte Groß-Investor Carl Icahn einen Tweet, der die Finanzwelt veränderte. Der nach Warren Buffett zweitreichste Anleger der USA hatte begonnen, "eine große  Position" in Apple aufzubauen. Icahn kaufte mehr - und stellte Forderungen an Tim Cook. Verblüffenderweise ging der Apple-Chef zum Großteil auf Icahns Vorstellungen ein – und verhalf der angeschlagenen Aktie  zu einem dramatischen Comeback. Doch wie lange bleibt Icahn investiert?

Können 140 Zeichen 17 Milliarden Dollar wert sein? Diese Frage tauchte heute vor exakt einem Jahr auf, als Carl Icahn seinen inzwischen schon legendären Tweet verschickte.

We currently have a large position in APPLE. We believe the company to be extremely undervalued. Spoke to Tim Cook today. More to come.
— Carl Icahn (@Carl_C_Icahn) August 13, 2013

"Wir haben im Moment eine große Position in Apple. Wir glauben, dass das Unternehmen extrem unterbewertet ist. Habe heute mit Tim Cook gesprochen. Mehr in Kürze", verschickt am 13. August 2013 um 20.21 Uhr deutscher Zeit. Vier Minuten später legte Icahn, der bis zu diesem Zeitpunkt gerade mal zehn Tweets  abgesetzt hatte, weiter nach.

Had a nice conversation with Tim Cook today. Discussed my opinion that a larger buyback should be done now. We plan to speak again shortly. — Carl Icahn (@Carl_C_Icahn) August 13, 2013

"Hatte heute eine nette Unterhaltung mit Tim. Wir haben über meine Meinung gesprochen, dass ein größerer Aktienrückkauf jetzt getätigt werden sollte. Wir haben vor, bald wieder zu sprechen."

Die Wirkung konnte größer kaum sein. Die schwer abgestürzte Apple-Aktie, die sich seit fast einem Jahr im starken Abwärtstrend befand und vor dem Tweet bei 468 Dollar (splitbereinigt 67 Dollar) notierte, sprang sofort an und legte um 23 Dollar zu, um auf ein Jahreshoch bei 491 Dollar zu sprinten. Heute sind es splitbereinigt 96 Dollar, die 672 Dollar entsprechen würden – ein Kursplus von 48 Prozent binnen 12 Monaten.

48 Prozent Plus mit dem Apple-Investment: Carl Icahn hat gewonnen

In einem Satz: Carl Icahn hat gewonnen und mit seiner Wette recht behalten. Dabei konnte sein Einsatz tatsächlich größer kaum sein. Der streitbare Investor, der sich als "Corporate Raider" vor allem damit einen Namen gemacht hatte, angeschlagene Firmen zu attackieren, den Vorstandsvorsitzenden auszutauschen, zu restrukturieren, um dann die Kriegskasse zu plündern, legte fast im Wochenrhythmus nach.

"Habe mit Tim gesprochen.  Wir haben uns zum Dinner im September verabredet. Tim glaubt an Aktienrückkäufe und  führte welche durch. Was wir zu besprechen haben, ist die Größenordnung", twitterte die Investment-Legende nur 9 Tage später, am 22. August.

Spoke to Tim. Planning dinner in September. Tim believes in buyback and is doing one. What will be discussed is magnitude.
— Carl Icahn (@Carl_C_Icahn) August 22, 2013

Rund einen Monat später kam es dann tatsächlich zum Dinner, das im Vorfeld für Gesprächsstoff gesorgt hatte. Wie war es möglich, dass ein Investor, der mit zwei Milliarden Dollar seinerzeit gerade einmal 0,5 Prozent am gesamten Unternehmen hielt, das immer noch das wertvollste der Welt war, den Vorstandsvorsitzenden für ein privates Dinner an den eigenen Küchentisch bekam? 

Es war möglich, wenn dieser Investor Carl Icahn hieß. Tatsächlich: Das Abendessen fand in seinem New Yorker Penthouse statt. Die Höflichkeiten, mit denen Icahn Cook zunächst umgarnt hatte, wichen schnell den unterschiedlichen Geschäftsinteressen. Der 78-jährige Wall Street -Veteran wollte sein Investment, das zwischenzeitlich wieder die 500-Dollar-Kursmarke übersprungen hatte,  natürlich im Wert steigen sehen  – ähnlich wie Tim Cook, der wiederholt im Jahresverlauf betont hatte, er halte Apple für unterbewertet. 

Aktienrückkäufe zeigten zunächst kaum Wirkung

Was Cook und Icahn bei ihrem gemeinsamen Ziel nach Wertsteigerung unterschied, war die Strategie – der Apple-CEO sah sie vor allem in neuen Produkten, die in Form des iPhone 5s und iPhone 5c gerade auf den Markt gebracht worden waren, Icahn in einer Medizin, die seither an der Wall Street gewirkt hatte: Aktienrückkäufe.

Ein Rückkaufprogramm von stolzen 60 Milliarden Dollar hatte  Tim Cook bereits im April autorisiert, doch die Wirkung schien bislang zu verpuffen – die Apple-Aktie schlingerte durch den Sommer und testete Ende Juni bei 388 Dollar sogar nochmals die Jahrestiefs. Die anschließenden Quartalszahlen bestätigten die immer größer werdenden Bedenken der Techwelt – nämlich, dass Apple seinen Zenit überschritten haben könnte. Die Gewinne gaben um krachende 22 Prozent nach.

"Wir haben mit Nachdruck auf einen 150 Milliarden-Aktienrückkauf gedrängt"

Was tun? Mehr Aktien zurückkaufen, forderte Carl Icahn angesichts der immensen Barreserven Cupertinos, mit denen Cook offenbar nichts anzufangen wusste – an Groß-Übernahmen zeigte sich Apple sichtbar weiterhin nicht interessiert. Also das Geld zurück an die Aktionäre: "Wir haben mit Nachdruck auf einen 150 Milliarden-Aktienrückkauf gedrängt", machte Icahn sein Ansinnen direkt nach dem Dinner über den 140-Zeichen-Dienst deutlich.

Had a cordial dinner with Tim last night. We pushed hard for a 150 billion buyback. We decided to continue dialogue in about three weeks. — Carl Icahn (@Carl_C_Icahn) October 1, 2013

Das hätte der Ausschüttung von Apples gesamten Barmitteln entsprochen! Keine Frage, dass das nicht im ureigenen Interesse des Konzernchefs Cook sein konnte, der 1998 in der tiefsten Krise zu Apple kam und die Zeiten finanzieller Verbindlichkeiten noch gut kannte. Das Dinner wäre zeitweise "gereizt" verlaufen, verkündete Icahn gegenüber dem Finanzinformationsdienst CNBC, nur um die Daumenschrauben weiter anzuziehen.  "Wir haben entschieden, unsere Unterhaltung in etwa drei Wochen fortzusetzen", kündigte Icahn an.

Dabei blieb es natürlich nicht. Icahn variierte die Kommunikationstaktik: Auf das Telefonat folgte ein Brief, der tags darauf auf der frisch gelaunchten Webseite Shareholdersquaretable öffentlich wurde.

Just sent a letter to Tim Cook. Full letter will be disclosed on my website, the Shareholders’ Square Table, which will be launched tomorrow — Carl Icahn (@Carl_C_Icahn) October 23, 2013

Icahn griff in seinem offenen Brief u.a. frontal den Aufsichtsrat an. In den folgenden Wochen weitete er den längst schwelenden Konflikt medial weiter aus. Es folgten Auftritte in Finanzsendern und Anfang Dezember eine viel beachtete Titelstory im TIME Magazine, in der der Großinvestor erklärte, er werde Apple auf der nächsten Hauptversammlung mit einer Klage für aggressivere Barmittel-Verwendung überziehen.

Angetrieben durch den absehbaren China Mobile-Deal zog die Apple-Aktie Ende des vergangenen Jahres weiter an, ehe Anfang des Jahres 2014 die Skeptiker wieder die Oberhand behielten und die Aktie in Richtung 500 Dollar drückten. Carl Icahn kaufte weiter und machte das in Form von Tweets öffentlich.

Having purchased $500 million more $AAPL shares in the last two weeks, our investment has crossed the $3 billion mark yesterday. — Carl Icahn (@Carl_C_Icahn) January 22, 2014

Tags darauf folgte die nächste Tranche...

Bought another $500mil of $AAPL tday, bringing our total to $3.6 billion. If board doesn’t see AAPL’s ‘no brainer’ value we sure do.
— Carl Icahn (@Carl_C_Icahn) January 23, 2014

...und der nächste offene Brief an Apple-Aktionäre, der erneut voll von Spitzen gegen den trägen Apple-Aufsichtsrat war. Eine Woche später indes sah Icahn ziemlich alt aus. Apple hatte seine neue Geschäftsbilanz für das abgelaufene Weihnachtsquartal bekannt gegeben, die die Aktie erneut in den freien Fall übergehen und zurück auf die 500-Dollarmarke fallen ließ. Für Carl Icahn waren das natürlich Kaufkurse: 

Just bought $500 mln more $AAPL shares. My buying seems to be going neck-and-neck with Apple's buyback program, but hope they win that race. — Carl Icahn (@Carl_C_Icahn) January 28, 2014

Doch endlich reagierte auch Tim Cook. In den folgenden Tagen weitete Apple sein Rückkaufprogramm aus und verkündete Anfang Februar die Aufkäufe im Wert von 15 Milliarden Dollar. Die Aktie stabilisierte sich.

Für die eigentliche Trendwende sorgten dann jedoch erst die Quartalszahlen im April. Apple kehrte mit starken iPhone-Absätzen auf den Wachstumspfad zurück, überraschte jedoch mit Ankündigungen, mit denen kaum jemand gerechnet hatte.

Das Aktienrückkaufprogramm wurde deutlich auf 90 Milliarden Dollar ausgeweitet, die Dividende angehoben und sogar völlig unerwartet ein Aktiensplit im Verhältnis von 7:1 durchgeführt – deutlicher konnte Carl Icahns Handschrift kaum zu erkennen sein. In gerade einmal einem halben Jahr hatte der Investment-Tycoon Tim Cook die Spielregeln der Wall Street eingeimpft.

Agree completely with $AAPL's increased buyback and extremely pleased with results. Believe we’ll also be happy when we see new products. — Carl Icahn (@Carl_C_Icahn) April 23, 2014

Icahn jubelte – und die Börse mit ihm. Seit der Quartalsbilanz von Ende April und der Bekanntgabe des Financial Engineerings nach Icahnschem Schlag haussierte die Apple-Aktie beinahe wie in alten Zeiten. Icahn hatte selbst im April nochmals via Twitter darauf hingewiesen, wie unterbewertet das Papier ist.

As we said at conference yesterday, we continue to believe $AAPL remains meaningfully undervalued. Many analysts fail to understand company — Carl Icahn (@Carl_C_Icahn) April 23, 2014

Seitdem befindet sich Apple in einem furiosen Aufwärtstrend, der das Papier im Juli bis auf wenige Cent an die alten Hochs heranführte. 20 Prozent liegt Apple seit Jahresanfang vorne – 48 Prozent sind es sogar, seit Carl Icahn vor einem Jahr investierte. Kundgetan hat der Wall Street-Veteran die guten Gründe für sein Investment in den iPhone-Hersteller in epischer Breite.

Der 78-Jährige, der im vergangenen Jahr über ein Nettovermögen  von 20 Milliarden Dollar verfügte, hat bei seiner Apple-Wette mit einem denkbar hohen Einsatz gespielt. Es sind nicht nur die inzwischen 25 Prozent seines Vermögens, mit denen Icahn in Apple investiert ist, als vielmehr die Glaubwürdigkeit, die Icahn riskierte. Wäre das Apple-Investment nach hinten losgegangen, Icahn wäre bei seinem öffentlichen Kreuzzug für die Unterbewertung  des Kultkonzerns aus Cupertino bis auf die Knochen blamiert  und hätte seinenLegendenstatus eingebüßt.

Wann steigt Carl Icahn wieder aus?

Am ersten Jahrestag von Icahns Apple-Investment fällt die Bilanz für den  berüchtigten Hedgefondsmanager triumphal aus. Es ist eine Win-Win-Situation für alle: Icahn hat gewonnen, Aktionäre haben gewonnen, Tim Cook hat gewonnen, weil er sich lernfähig zeigte und sich auf die Ratschläge eines der erfolgreichsten Investoren der Gegenwart einließ.

Doch es ist auch eine Momentaufnahme. Carl Icahn hat langfristig am Kultkonzern aus Cupertino so wenig Interesse wie an allen anderen Unternehmen seiner über 50-jährigen Investmentkarriere. Es geht dem 78-Jährigen einzig und allein um die Motivation eines jeden erfolgreichen Großinvestors : Die  Maximierung des Einsatzes.

Noch scheint das Blatt nicht ausgereizt: Icahn hat per Ende des zweiten Quartals nichts verkauft. Doch der Tag, an dem Icahn die Apple-Aktie für fair bewertet hält und weiterzieht, wird kommen. Es ist der Tweet,  den Apple-Aktionäre nach einem Jahr der rasanten Kurszuwächse am meisten fürchten dürften.


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