Debatte: Hat Apple wirklich 100 Milliarden verbrannt?

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Money for nothing? Apple-CEO Tim Cook muss sich die Frage nach den größten Aktienrückkäufen der Wirtschaftsgeschichte gefallen lassen
Money for nothing? Apple-CEO Tim Cook muss sich die Frage nach den größten Aktienrückkäufen der Wirtschaftsgeschichte gefallen lassen(© 2014 Apple, CURVED Montage)

Der Vorwurf wiegt schwer: Hat Tim Cook 100 Milliarden Dollar verschwendet? Das behauptet der Vermögensverwalter Eric Jackson angesichts des immensen Einsatzes von Barmitteln für Aktienrückkäufe und Dividendenzahlungen. Seine These: Die Aktie stünde auch ohne die Kapitalrückführungsmaßnahmen dort, wo sie heute steht.

Man kann es ja mal versuchen. Apple hat ein absolutes Traumjahr – doch einen Fleck auf die weiße Weste bekommt man immer. Den wollte dem wertvollsten Konzern in der vergangenen Woche der Vermögensverwalter Eric Jackson, der immer für eine provokante These gut ist, zufügen. Sein schlagzeilenträchtiger Vorwurf: Apple hat 100 Milliarden Dollar verschwendet!

Wie Jackson dazu kommt? Der Vorwurf entspricht knapp der Summe der Kapitalrückführungsmaßnahmen, die der wertvollste Konzern der Welt seit 2012 in Form von Dividendenzahlungen (26,4 Milliarden Dollar) und vor allem Aktienrückkäufen (68 Milliarden Dollar) getätigt  hat – tatsächlich waren es bis Ende September 94,4 Milliarden Dollar, die bis Ende des Geschäftsjahres 2015 auf 130 Milliarden Dollar ausgeweitet werden.

Apple-Aktionäre blicken auf ein Traumjahr zurück

Die Aktienrückkäufe, die vor allem im ersten und dritten Kalenderquartal beschleunigt wurden, waren die Medizin, die der berühmt-berüchtigte Großinvestor Carl Icahn als Maßnahme zur Steigerung des Aktienkurses gefordert hatte. Und Icahn sollte recht behalten, wie der Kursverlauf der Apple-Aktie bestätigte.

Der wertvollste Konzern der Welt wurde immer wertvoller und durchbrach nicht nur im August erstmals seit 2012 wieder die 100 Dollar-Marke, um kurz darauf auch noch die alten Hochs zu überbieten – vor zwei Wochen konnte Apple als erstes Unternehmen der Welt sogar die Bewertungsgrenze von 700 Milliarden Dollar knacken!

Marktexperten diskutieren daraufhin angeregt, ob Apple das erste Unternehmen sein dürfte, dem es gar gelingen würde, die magische Marke von 1 Billion Dollar zu knacken – mehr richtig machen konnte Tim Cook in einem Jahr, in dem er den Wert der Apple-Aktie um fast 50 Prozent steigerte, nicht. Oder?

Aktienrückkäufe lange ohne Wirkung

Nach Jacksons Meinung doch. Nämlich: Eben jene 100 Milliarden Dollar sparen (oder vielmehr den Löwenanteil von 68 Milliarden Dollar für die Aktienrückkäufe). Warum?  Weil Apple auch ohne die Kapitalmaßnahmen auf dasselbe Kursniveau gestiegen wäre! Jacksons These:  Der eigentliche Kurstreiber waren nicht die Kapitalmaßnahmen, sondern die Geschäftsentwicklung. 

Betriebswirtschaftlich macht die Argumentation Sinn, zumal sich die Kursausbrüche analog zur verbesserten Bilanzentwicklung nachvollziehen lassen: Obwohl Apple bereits ein Jahr zuvor die massive Ausweitung des Aktienrückkaufprogramms einleitete und im Februar nochmals ausweitete, passierte mit der Aktie lange Zeit nichts.

Kurscomeback nach März-Bilanz

Auslöser der enormen Comebackrally 2014 waren tatsächlich die Ende April bekannt gegebenen Quartalszahlen, die eine Rückkehr des Gewinnwachstums erkennen ließen. In den Folgequartalen zogen Apples Gewinne immer stärker an und erreichten in der Septemberbilanz mit einem Zuwachs des Gewinns je Aktie von 22 Prozent den besten Wert seit sieben Quartalen.

Angetrieben von der Euphorie um das iPhone 6, das Apple ein furioses Weihnachtsgeschäft bescheren dürfte, kletterte die Aktie weiter und weiter empor - bis auf das Allzeithoch von knapp 120 Dollar vorvergangene Woche. Als Tim Cook im April 2013 die Ausweitung des  Aktienrückkaufprogramms ankündigte, notierte die Aktie nicht mal halb so hoch.

Die Ausweitung der Aktienrückkäufe hatte 2013 einen absichernden Charakter

Entsprechend erscheint Jacksons Argumentation tatsächlich logisch und nachvollziehbar – aus heutiger Sicht. Die Crux liegt jedoch in der Vergangenheit: Vor 1,5 Jahren war weder die Rückkehr zum Gewinnwachstum sicher – noch das Ausmaß der iPhone 6-Nachfrage (tatsächlich dürfte sich die Planung der beiden großen iPhones ein halbes Jahr nach dem iPhone 5-Launch noch im frühen Stadium befunden haben).

Die Ausweitung der Aktienrückkäufe von seinerzeit 10 auf 60 Milliarden Dollar hatte einen eindeutig absichernden Charakter – für leidgeprüfte Aktionäre, die eine Höllenfahrt von über 700 Dollar auf unter 400 Dollar vor dem Aktiensplit hinter sich hatten, aber auch für den angeschlagenen CEO Tim Cook selbst. Die Botschaft, die Cook seinerzeit aussandte war deutlich: Bis hierhin - und nicht weiter.

Tim Cook zahlte den Preis der Sicherheit

Es erscheint keinesfalls als sicher, dass der Aderlass ohne die Aktienrückkäufe ebenfalls vergleichsweise schnell hätte gestoppt werden können. Es dauerte zwar ein weiteres Jahr, bis die Apple-Aktie wieder Fahrt aufnahm – die Jahrestiefs testete das Papier in den Folgemonaten indes nur noch einmal.

Entsprechend verfehlten die 60 Milliarden Dollar ihre Wirkung nicht: nämlich den Kurs zu stabilisieren. Man kann es den Preis der Sicherheit nennen, den Tim Cook seinerzeit zahlte. War er zu hoch? Angesichts von Barmitteln in Höhe von 124 Milliarden Dollar (159 Milliarden abzüglich 35 Milliarden Dollar Schulden) kann davon kaum die Rede sein, zumal eine bessere Verwendung bis heute weiter unklar erscheint. Selbst meinen Übernahme-Favoriten Tesla könnte sich Apple heute weiter locker mit einem Scheck über 50 Milliarden Dollar leisten.

2015 verpufft die Wirkung der Aktienrückkäufe

Was allerdings in diesem Zusammenhang auch deutlich und bislang kaum thematisiert wurde: Die Honig-und-Nektarperiode der immer weiter steigenden Kapitalrückführungsmaßnahmen geht zu Ende. 35 Milliarden Dollar hat Apple noch bis Ende September 2015 an Barmitteln zur Verwendung über – mehr als 10 Milliarden werden davon an Anteilseigner in Form von Dividenden ausgeschüttet.

Bleiben knapp 25 Milliarden Dollar für Aktienrückkäufe, rund 6 Milliarden Dollar pro Quartal. Auf Kanonenschüsse wie im abgelaufenen dritten Kalenderquartal, als alleine mit 17 Milliarden Dollar eigene Aktien aufgekauft wurden, sollten Anleger als Kurstreiber in der Zukunft also nicht mehr hoffen. 2015 muss somit vor allem das Kerngeschäft als Kurstreiber herhalten – was zumindest Eric Jackson  dann die Argumente nimmt…


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