Googles Material Design: Ein Look, sie alle zu binden

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material-icons(© 2014 Google)

Das neue Material Design, das nicht erst mit Android 5.0 Lollipop Einzug auf Smartphones und Tablets hält, sondern in Form diverser Google Apps bereits seit einigen Wochen und auch auf älteren Geräten bewundert werden kann, ist mehr als nur OS-Kosmetik: Google versucht, endlich all seinen Produkten und möglichst vielen Apps auf sämtlichen Bildschirmgrößen eine einheitliche Identität zu verpassen. Das haben Android, Android Wear und all die anderen Google-Baustellen auch bitter nötig gehabt.

Android-Nutzer und -Fans, seinen wir mal ehrlich: An die Konsistenz, an die Optik und auch an die flüssige Bedienung eines iOS reichte das mobile OS von Google noch bis vor kurzer Zeit nicht wirklich heran. Wir haben uns in den vergangenen Monaten immer wieder ein wenig in die Tasche gelogen, als wir behaupteten, beide Betriebssysteme wären diesbezüglich inzwischen gleichauf. Sie waren es nicht — und das ist mir (als Google-Fan) erst bewusst geworden, als ich vor einigen Wochen die Entwickler-Preview von Android L auf meinem Nexus 5 installiert habe.

Plötzlich, bei der Benutzung des Einstellungsmenüs und der neuen Benachrichtigungsleiste mitsamt den Schnelleinstellungen wurde mir klar, dass Android jetzt erst das gleiche Level wie iOS erreicht hatte. Erst mit Lollipop und dem Material Design bewegt sich das Google OS optisch wie in Sachen flüssiger Bedienbarkeit auf einem ähnlich hohen Niveau, wie das, was iPhone- und iPad-Nutzer seit Jahren mit Begeisterung auf ihren Geräten bedienen. Und auch wenn Material Design erst der Anfang einer langfristigen Entwicklung ist, zeigt Google nach all der berechtigten Kritik der vergangenen Jahre zu visueller Fragmentierung, inkonsistenten Apps und Menüs sowie wildwüchsigen Benutzeroberflächen von Drittherstellern, dass man in Mountain View Design durchaus kann — und nun auch willens ist, es konsequent auf die Geräte zu bringen.

Livin' in a Material world

In diesem langfristigen Sinne stellt Material Design mehr dar als nur das Aufhübschen von Android: "Unsere Fragestellung [beim Erschaffen von Material Design] war 'Wohin geht Googles Design in der Zukunft?' Wir wollten nicht einfach nur über einen evolutionären Schritt nachdenken, sondern uns vielmehr fünf Jahre in die Zukunft versetzen und uns fragen, wie diese aussehen wird," erklärt Matias Duarte, Googles/Androids Design-Chef. Und weiter: "Wir wollten ein Design-System kreieren, das uns dabei helfen würde vereinheitlicht und vernünftig für alle Display-Größen, die wir bedienen, zu entwickeln — Laptops, Smartphones, Smartwatches, TVs, Automobile." Das Ergebnis ist Googles größtes Design-Projekt bislang, das bereits jedes Design-Team innerhalb des Unternehmens beeinflusst, wenigstens aber tangiert hat.

Dieser neue Corporate-Look (auch wenn Google ihn selbst wohl nicht so bezeichnen würde) ist also aus der Tatsache geboren, dass Mountain View zukünftig auf vielen Hochzeiten tanzen möchte und der Notwendigkeit, dass Android, Chrome, Android Wear und Android Auto ebenso wie die Google Apps im Browser ein gemeinsames Gesicht benötigen. Wer Google Produkte nutzt, soll zukünftig in einer Material-world leben — nicht das schlechteste Habitat für Design- und Tech-affine Nutzer.

Gehen wir optimistisch davon aus, dass es Google trotz der schieren Größe seines Ökosystems und vor allem der Vielzahl verschiedener Produkte, die auf unterschiedlichsten Plattformen laufen, gelingt, einen einheitlichen oder zumindest wiedererkennbaren Look durchzusetzen; was ist speziell im Falle von Android mit den Drittherstellern von Apps und Hardware respektive UIs? Stellte doch die fragmentierte Darstellung speziell in Applikationen, die nicht von Google kommen, und durch Benutzeroberflächen à la TouchWiz und Sense bisher den größten visuellen Bruch im Alltag mit dem mobilen Betriebssystem dar.

Ein Design, das ankommt

Um sicherzustellen, dass Material Design für Apps von Drittanbietern technisch wie visuell funktioniert, hat Google in der Entwicklungsphase unter anderem dedizierte Teams daran gesetzt, zu Versuchszwecken eine ganze Reihe von Anwendungen, die gar nicht von Google stammen, auf Material Design umzugestalten, dabei aber die jeweilige Markenidentität der App beizubehalten. So konnte sichergestellt werden, dass Material Design auch außerhalb von Google problemlos anwendbar ist.

Pushbullet und Pocket: Zwei Drittanbieter-Apps, die bereits im Material Design erstrahlen(© 2014 CURVED Montage)

Das Konzept scheint aufzugehen: Selten zuvor in der Geschichte Androids haben sich App-Entwickler so bereitwillig auf Googles Designvorgaben eingelassen — kaum ein Tag in den zurückliegenden Wochen, in denen nicht eine oder gleich mehrere Anwendungen mehr oder weniger tiefgreifende Material Design-Updates erhalten haben. Endlich scheinen Look und Feel aus Mountain View sowie dessen Handhabbarkeit bei Entwicklern und App-Schmieden auf Gegenliebe zu stoßen.

Sogar die diesbezüglich traditionell verbohrten Herstellern von Android-Smartphones, die in ihren UIs der Vergangenheit auf eine teilweise völlig eigene Designsprache setzten und dadurch oft genug mit den Vorgaben des OS darunter brachen, scheinen Material Design wahr- und anzunehmen: Selbst Samsung verpasst seinem TouchWiz mit dem Android 5.0-Update entsprechende vorsichtige Anstriche. Das dürfte nun nicht ausschließlich aus Liebe für den neuen Google-Look geschehen, Mountain View wird seine OEMs im Hintergrund wie schon zuletzt in Sachen Bootlogo und Software-Updates ein wenig an die Kandare genommen hat — aber auch das spräche positiv für die Konsequenz, mit der das Unternehmen Material Design durchsetzen möchte.

Denn diese Konsequenz tut in der Android- und Google-Welt, die anders als bei Apple nicht zentral gesteuert wird, Not. Und das Ergebnis wird Nutzer und OEMs belohnen: Über Geschmack lässt sich nicht streiten (oder trefflich streiten?) und gewiss gibt es Nutzer, die dem neuen Design nicht viel abgewinnen können — im Kern aber ist Material Design das absolut richtige Werkzeug, um den Google-Dschungel zu frisieren. Ich würde die Frage, die sich Matias Duarte und sein Team zu Beginn ihrer Entwicklungsarbeit gestellt haben — "Können wir ein Design-System für alle Bildschirmtypen kreieren?" —, mit "Ja, das könnt Ihr offensichtlich" beantworten. Denn: Mit dem aktuellen Stand des Material Design habt Ihr einen überzeugenden Anfang geschaffen.


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