GoPro Hero 3+: Mensch und Kamera im absoluten Härtetest

Unfassbar !14
Extreme Anstrengung auf 2500 Metern Höhe: GoPro-Test beim Bad Ass Dash in Colorado
Extreme Anstrengung auf 2500 Metern Höhe: GoPro-Test beim Bad Ass Dash in Colorado(© 2014 GoPro)

GoPro hat ein Problem: Das Unternehmen baut seit Jahren Kameras für Einsätze bei schlechter Witterung, Schlamm und unter widrigen Bedingungen. Und wie nutzen wir den Knirps? Im Stadion, beim Picknick, höchstens einmal auf einer ausgedehnten Radtour. Das weiß GoPro. Und genau aus diesem Grund veranstaltet der Action-Cam-Hersteller jedes Jahr seine MountainGames: Der wunderschön gelegene Skiort Vail im US-Bundesstaat Colorado wird dann zu “GoPro Town”. Extremsportler aus den Bereichen Kayak, BMX, Mountain Biking, Slacklining, Bouldering u.v.m. versammeln sich, um in Wettkämpfen quer über das Areal verteilt gegeneinander anzutreten.

Nur Extremsportler? Nein! Denn GoPro war so wahnwitzig, inmitten dieses Extremsport-Getümmels eine kleine Schar von Journalisten durch die Berge zu peitschen. Der Titel: Tech Challenge. So kurz der Name, so ausdauernd die Strapazen. Die Idee dahinter: Journalisten sollen einmal die Möglichkeit haben, die GoPro in ihrer natürlichen Umgebung nach allen Regeln der Kunst auszutesten. So viel schon einmal vorab: Nicht nur die Maschine wurde auf Herz und Nieren getestet - auch meine eigene “Fitness”.

Auf einen Schnack mit Lindsey Vonn

Nach einer 24-stündigen Anreise von Hamburg über New Jersey, Denver, Eagle und einer weiteren Fahrt mit einem Shuttle durch die Berge erreichten wir das Lodge at Vail, das älteste und größte Hotel im legendären Skiresort, das in diesen Tagen gute 30 Grad warm war. Der Schlafmangel während des Flugs war die perfekte Vorbereitung, um in aller Seelenruhe nach dem Einchecken ins Hotel gleich ins Reich der Träume einzuchecken.

Am nächsten Tag stand dann erstmal der Ortstermin auf dem Kalender. Neben der Erkenntnis, dass offenbar jeder Zweite im Ort entweder ein extrem durchtrainierter Profisportler oder ein Hund - dazu kommen wir noch - war, fiel umso positiver auf: Die komplette Stadt verfügt über kostenloses WLAN. Kostenlos. Überall. Apropos überall: Selbst das Shuttle, das uns vom Flughafen zum Hotel brachte, hatte WLAN. WLAN! Im Shuttle! Wenn es einen Grund gibt, die USA zu lieben, dann wohl für flächendeckendes WLAN.

Schnell vorgespult: Nach einer ersten Ortsbegehung ging es abends zum Kennenlernen. Was ich bis dahin nicht wusste: Ich würde den Abend neben Lindsey Vonn verbringen — Ihr wisst schon: die mehrfache Weltmeisterin, Olympiasiegerin und derzeit wohl begnadetste Skifahrerin der Welt, die mir aus erster Hand erzählte, wie die kleine Kamera ihre Trainingsmethoden verbessert hat — auch wenn die Modifikationen am Trainingsgerät ihr einigen Ärger mit dem US-Skiverband eingebracht hatte.

Was nach Lindsays Auftritt und vor dem Startschuss für die Tech Challenge wenige Stunden später passierte, mag jetzt manch einer nicht unbedingt als optimale Vorbereitung für ein ausdauerndes sportliches Event werten. Aber wenn einmal die internationale Journalisten-Szene aufeinandertrifft, dann zieht man nun einmal um die Häuser und trinkt das ein andere Gezapfte über den Durst. Schließlich war die Vorgabe: Keep hydrated! War ja nicht die Rede davon, dass das nicht durch Bier geschehen darf ...

Der potenzielle Kater war am nächsten Morgen sowieso vergessen, denn die erste Etappe der Tech Challenge markierte das Kayak Down River auf 2,5 Meilen, umgerechnet rund vier Kilometer durch einen überdurchschnittlich schnellen Fluss vorbei an der malerischen Landschaft. Dick eingepackt in einen Drysuit begleitete die GoPro mich durch diese Etappe um die Brust geschnallt. Dafür kam der sogenannte “Chesty” zum Einsatz. Knifflig: Um den richtigen Winkel zu bekommen, muss die GoPro kopfüber montiert werden. Das Problem: Würde ich das Material so überspielen, stünde auch das Video auf dem Kopf. Um das zu beheben, kann man in der Kamera einen Upside-Down-Modus einstellen.

Für Anfänger nur "bedingt einsatzbereit"

Ins Event startete ich als absoluter GoPro-Neuling. Dabei zeigte sich ziemlich schnell: Auch wenn der Knirps nur über drei Buttons - Power, Kameramodus und WLAN-Funktion - verfügt, ist er noch lange nicht einsteigerfreundlich. Wirklich komfortabel lässt sich das Gerät mit der zugehörigen App für iOS und Android bedienen. Hier kann ich schell und einfach die verschiedene Aufnahmemodi und Zusatzfeatures einstellen. Der Haken: Wenn ich weiß, dass meine Technik den Tag über nass und schmutzig werden könnte, dann nehme ich kein Smartphone mit, erst recht nicht mein iPhone 5s. Der Mittelweg ist eine spezielle Fernbedienung, die GoPro seiner Kamera beilegt. Kleiner Tipp: Packt sie an eines dieser langen Halsbänder, die es bei Konzerten oder anderen Events gibt und hängt sie um den Körper.

Mit voll aufgeladenem Akku ging es dann zur ersten Etappe: vier Kilometer “White Water” Kayak Down River. Auf Deutsch: das erste Mal auf einer Plastiknußschale durch Stromschnellen, allerlei Hindernisse und immer im Kampf gegen den Fluss. Zum Mensch: Ich hatte wohl noch sie so viel Durst wie mitten auf einem Fluss und konnte mich trotz anfänglicher Schwierigkeiten behaupten und ohne Sturz ins Ziel kommen. Zur Maschine: Man lernt schnell, dass die GoPro einem Einiges verzeiht. Durch den Drysuit plus dicker Schwimmweste rutschte das Chesty immer mal wieder nach oben, sodass man Panik hatte, plötzlich nur noch den Himmel abzufilmen. Doch das Fisheye schluckt solche Kleinigkeiten einfach weg, die dann im Ergebnis keinen Unterschied machen.

Auch die Halterung an sich kann überzeugen. Nur eine heftige Welle sorgte dafür, dass die GoPro ihre ursprüngliche Position verließ und plötzlich mein Kinn filmte. Meine größte Befürchtung - Wasser auf der Linse - entpuppte sich als harmlos. Zwar fand sich hier und da ein Tropfen auf der Hülle, allerdings verschwanden die auch recht schnell wieder. Auch hier ein Tipp: Nicht mit nassem Material drüberwischen, das vergrößert die Tropfen nur! Von der kurzen Wartezeit am Start über die Fahrt bis ins Ziel vergingen rund 18 Minuten. Wer hätte gedacht, dass vier Kilometer so lang sein können? Die komplette Zeit filmte die GoPro mit und produzierte mit 1080p und 48 Bildern pro Sekunde rund 13 Gigabyte an Daten. Was mich verwundert: Die Kamera speichert solche großen Dateien nicht an einem Stück ab, sondern splittet sie.

Mordsmäßige Bildqualität

Auch wenn ich kein Kamera-Spezi bin: Das Ergebnis im Video ist bombastisch. Die Farben sind satt, selbst Details sind gut erkennbar und - hätte ich das nur vorher gewusst - trotz des wasserdichten Cases sind auch die Geräusche sehr gut hörbar. Das ganze Gestöhne und Gegrunze nach einer geschafften Stromschnelle - alles im Kasten. Also: Passt auf, was Ihr sagt, wenn die GoPro läuft. Das verbaute Mikro ist besser als gedacht.

Das Ziel war der Ortskern von Vail, von dem aus es nach einer kurzen Pause zum Wechseln der Kleidung zur zweiten Etappe ging. Dem Badass Dash. Wer jetzt denkt: Hey, das klingt so ähnlich wie dieses “Tough Mudder” — jepp, nur mit dem Unterschied, dass diejenigen, die schon an einem “Tough Mudder” teilgenommen hatten nach dem Badass Dash behaupteten, dass der “Mudder” dagegen ein Kinderspiel war.

Bad Ass Dash: Hätte ich nur vorher gewusst, was mich erwartet(© 2014 GoPro)

Was uns auf dem Papier bevorstand, war ein Hindernis-Parcour mit 20+ Hindernissen auf knapp über sieben Meilen. Erst am Start, bei rund 30 Grad Celsius erfuhren wir, dass daraus rund 8 Meilen - rund 13 Kilometer - und 32 Hindernisse geworden waren. Umpf! Naja, für einen geordneten Rückzug war es zu spät. Obwohl mir das Pärchen, das kurz vor uns plötzlich rückwärts den Hang heruntergelaufen kam und den Contest nach allen Regeln der Kunst “skippte”, zu denken hätte geben sollen.

Nach dem Startschuss dann Folgendes: Ich mache das, was ich immer mache, und renne viel zu schnell los. Es geht direkt bergauf und nach einer ersten Etappe über Eis (bei 30 Grad?!) und mehreren Bunny-Hops erwischt es mich: Die Teilnehmer, mit mir rund 25 an der Zahl, müssen bergauf unter einem Netz hindurchrobben. Weil ich keine Zeit verlieren will, gehe ich aus den Knien in die Hocke und drücke meinen Rücken am Netz entlang. Ein Fehler! Denn plötzlich geht gar nichts mehr.

Ins Netz gegangen: Beim Bad Ass Dash mit der GoPro verhakt(© 2014 GoPro)

Mein Chesty hat sich komplett im Netz verhakt. Links und rechts ziehen die Läufer an mir vorbei. Ein bis heute Unbekannter befreit mich nach endlosen Sekunden aus dem Schlamassel. Erste Lektion gelernt: Steht Dir eine Event bevor, bei dem Du viel auf dem Rücken oder dem Buch liegen musst, dann zieh bloß kein Chesty an. Die Kollegen, die gegen die Regeln der Coolness auf einen Head Mount gesetzt hatten, hatten einen klaren Vorteil.

Die GoPro hält länger durch als ich

Spätestens dann war auch klar: Als Landratte, die das Hamburger Normalnull gewohnt ist, hat man auf 2500 Metern Höhe das Nachsehen. Die Luft ist vergleichsweise dünn, die Lunge kommt nicht hinterher. Die Folge war, wohl auch “dank” der ausreichenden Hydration nachts zuvor die Mutter aller Seitenstechen, die auch noch Tage später meine Lunge schmerzen ließen. Dabei hätte ich die Luft gut gebrauchen können: bei ausgiebigen Liegestütz, Kletterpartien, rollenden Reifen, militärischen Robb-Aktionen, Purzelbäumen, extremen Anstiegen über Schnee, Balance-Akten, Hängepartien und menschlichen Autowäschen. So viel zum Mensch.

Die Maschine, also die GoPro, bewies da weitaus mehr Ausdauer als ihr Träger. Allerdings war das nicht immer klar erkennbar. Denn an der Akku-Anzeige seiner smarten Kamera sollte GoPro noch schrauben: Nach der ersten Etappe schwankte die dreistufige Akku-Anzeige immer zwischen einem und zwei Balken. Wer nur noch einen Balken angezeigt bekommt, der schaltet die Kamera weitaus seltener ein als es bei zwei Balken der Fall ist. So sind leider längst nicht alle Hindernisse im Kasten. Zumal man sich bei solchen Events schlicht keine Gedanken über die Akkulaufzeit machen will. Schließlich erfordern die anstrengenden Hindernisse schon genug Konzentration. Kleiner Tipp: Auch wenn die Piep-Töne beim Starten und Stoppen der Aufnahme nerven, solltet Ihr sie dennoch nicht abschalten. So spart Ihr Euch den ein oder anderen Kontrollblick, wenn Ihr gerade anderweitig beschäftigt seid.

Brusthalterung eignet sich nicht immer

Durch alle Hindernisse hinweg entpuppte sich der Chesty nicht unbedingt als die beste Wahl, denn er macht Euch dicker. Euer Brustumfang vergrößert sich. Zumal die weiblichen Teilnehmer sich darüber beklagten, dass das Trägersystem nicht gerade für ihre Formen optimiert ist. Rund anderthalb Stunden und viel zu viele Höhenmeter später, ist es dann soweit: Ein letztes Mal die Kräfte mobilisieren für den Endspurt. Gott sei Dank, wir sind nicht die Letzten! Im Ziel angekommen mischt sich Erschöpfung mit Stolz und Neugier auf das Material. Hier die grundlegenden Erkenntnisse:

  • selbst Steigungen von über 30 Grad sehen mit dem Fisheye aus wie plattes Land
  • bei Tageslicht ist die Bildqualität top
  • schnelle Bewegungen sehen bei Aufnahmen mit 48 Bildern pro Sekunde verlangsamt aus. Der erste schnelle Lauf nach dem Startschuss sieht auf Video wie ein tumbes Poltern aus, bei dem die Arme links und rechts recht amüsant durchs Bild schwingen
  • Man vergisst allzu oft, den richtigen Bildwinkel auszuwählen. So hat man beim Robben auf dem Rücken durch ein Hindernis mal nur den Himmel auf Video - oder filmt den Rasen ab, wenn man auf dem Bauch liegt. Besser: Vorher Gedanken machen, dann erst den Aufnahme-Knopf drücken. Gar nicht so einfach!
  • Der Akku hatte auch nach den beiden Events noch Kapazitäten. Doch mit einer winzigen Anzeige und nur drei angezeigten Ladebalken lässt sich das nur schwer vorab einschätzen. Schade!

In aller Ehrlichkeit muss ich festhalten: Eigentlich bestand die Tech Challenge aus drei Disziplinen. An das Kayak Down Driver und den Bad Ass Dash hätte sich eigentlich noch eine Mountain-Bike-Tour über 24 Kilometer (!) angeschlossen. Diejenigen, die die beiden ersten Disziplinen mitbestritten haben, darunter auch ich, lehnten dankend ab. Die Ressourcen waren aufgebraucht. Nur zwei Kollegen mühten sich den ersten, zwei Kilometer langen Anstieg hoch, um dann schlussendlich doch zu passen. Erholung am Pool und ein wohlverdienter Burger waren dann doch die bessere Belohnung für die Strapazen.

Die Kamera lebt von ihrem Zubehör

Zurück zur Technik: Taugt die GoPro nun als Allwetter-Cam oder nicht? Nach einem Tag mit Mensch und Maschine im Volleinsatz kann ich getrost behaupten: Das tut sie. Bei den Ergebnissen, die der Knirps liefert, muss man sich die Frage stellen: Warum sind andere Kameras so groß? Und warum sind sie vergleichweise teurer. Doch spätestens hier muss man anmerken: Ja, die GoPro Hero 3+ kostet zwar nur 399 Euro. Doch was die Action-Cam zu einem teuren Vergnügen werden lässt, ist ihr Zubehör. In meinem Fall kam zur reinen Kamera noch

  • ein Tauchgehäuse: 59 Dollar
  • ein Zusatz-Akku: 10 Dollar
  • eine microSD: 49 Dollar
  • eine Wifi-Remote: 79 Dollar
  • ein Chesty: 39 Dollar

Macht insgesamt 635 Dollar! Ihr merkt schon: Geld verdient GoPro vor allem mit dem Zubehör. Das mag man angesichts des vielen Plastik als Wucher bezeichnen. Aber hey: Erstens bleibt das System dadurch leicht und resistent gegen Stöße, darüber hinaus hat es GoPro verstanden, seinen Kunden das zu liefern, was sie wollen. So war etwa bei den MountainGames nicht der WorldCup der Boulderer oder das ziemlich spektakuläre Slacklining die Hauptattraktion. Nein, es war der “DockDogs Big Air”, bei dem Hunde im Weitsprung in ein Wasserbecken gegeneinander antreten. Das Learning für GoPro war einfach: Hunde und Action-Cams, das könnte funktionieren. Das Ergebnis ist eine Halterung für Hunde, die in diesen Wochen gelauncht werden soll.

Kurzum: GoPro hat ein verdammt smartes Ökosystem aus Lifestyle, Community und Innovation auf die Beine gestellt. Die MountainGames zu Füßen der Rocky Mountains zeugen davon. Würde ich es nochmal machen? Absolut. Dann aber mit vollen Akkus - bei Mensch UND Maschine.

Wenn Ihr Euch jetzt fragt: Und wo bleibt das Video? Das reichen wir in Kürze nach.


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