Grado: Die Geschichte der besten Kopfhörer der Welt

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Grado Headphones: Hochwertiger Sound trifft hochwertige Verarbeitung
Grado Headphones: Hochwertiger Sound trifft hochwertige Verarbeitung(© 2014 Facebook/Grado Labs)

Wer das besondere Zubehör für die mobile Musikwiedergabe sucht, muss nach Brooklyn reisen. Seit mehr als sechzig Jahren produziert ein kleines Familienunternehmen Audio-Hardware von erhabener Qualität. Selbst Neil Young und Depeche Mode schätzen die Produkte von Grado Labs. Die Firma setzt auf Handarbeit statt Werbekampagnen.

Nicht weit vom Sunset Park im Süden des New Yorker Stadtteils Brooklyn ist einer der weltweit führenden Hersteller von High-End-Audio-Hardware ansässig. Doch wer an der Ecke 46th Street, 7th Avenue einen Showroom für Kopfhörer hinter blank geputzten Schaufenstern erwartet, wird enttäuscht. Nicht ein mal ein Firmenlogo ist an dem unscheinbaren Reihenhaus Nummer 14 angebracht. Graffitis schmücken stattdessen die Eingangstür. Und doch: Wer sich mit hochwertigen Kopfhörern auseinandersetzt, kommt an den Grado Labs nicht vorbei.

Tüfteln am Küchentisch

Seit Oktober 1955 befindet sich das Hauptquartier des Familienunternehmens an dieser Adresse, nahezu versteckt zwischen ein paar Bodegas. Auf insgesamt vier Stockwerken vollgestopft mit Audio-Equipment arbeiten hier heute John Grado, CEO, sein Sohn Jonathan, Vice President of Marketing, und knapp zwanzig Angestellte an revolutionären Kopfhörern und klassischen Tonabnehmern. Verkauft wird über einen Vertrieb in 68 Länder weltweit.

Die Manufaktur ist im Keller. Dort stehen schwere Maschinen. Sie sind seit den 1950er Jahren im Einsatz und produzieren unter anderem die Plastikteile der Kopfhörer. Einige der Maschinen hatte der Firmengründer Joseph Grado damals bereits aus zweiter Hand gekauft. Dabei wird alles, was nötig ist zur Kopfhörerproduktion, in den Grado Labs selbst hergestellt. Einzige Ausnahme: die Treiber. Diese fertigt ein externes Unternehmen speziell für Grado an. Grund ist der Platzmangel im Firmengebäude.

Im zweiten Obergeschoss werden die Einzelteile dann mit der Hand zusammengesetzt und im obersten Stockwerk die fertigen Produkte auf ihre Qualität überprüft. Dort befinden sich der "Listening Room", ausgestattet mit einer gemütlichen Ledergarnitur, Lautsprechern und zwei Regalen, bestückt mit Verstärkern und Plattenspielern. Zum Testen des Klangs der Geräte legen die Grados und ihre Mitarbeiter bevorzugt Eric Clapton, Duke Ellington oder Ella Fitzgerald auf. Bevor ein Kopfhörer das Werk verlässt, werden die Schwingsysteme gemessen und für Rechts und Links aufeinander abgestimmt. Grado verspricht eine Genauigkeit von 0,1 Dezibel. Seit dem Modell RS 225i garantiert der Hersteller sogar eine Präzision von 0,005 Dezibel.

Die Geschichte von Grado Labs beginnt bereits 1953. John Grados Onkel Joseph Grado tüftelte damals am Küchentisch in seiner Wohnung an Tonabnehmern für Schallplattenspieler. Bereits zwei Jahre später eröffnete er die Firma im Sunset Park in Brooklyn. Joseph Grado gilt als Erfinder des Moving-Coil-Prinzips, einer Bauart von Tonabnehmern, bei der die Spule mit der Abtastnadel verbunden ist. Wohl kaum jemand hat in seinem Leben mehr zur Weiterentwicklung der Technologie beigetragen wie Joseph Grado. Im Jahr 1982 erhielt er dafür einen Platz in der Audio Hall Of Fame.

Sein Neffe John Grado hat ihm schon als kleiner Junge über die Schulter geschaut. Zehn Jahre später half er regelmäßig neben der Schule in den Grado Labs aus und weitere zehn Jahre später wird er von seinem Onkel fest angestellt. Als Joseph Grado 1978 Brooklyn verlässt, um nach New Jersey zu ziehen, übernimmt John das tägliche Geschäft. "Es war wie in einen Fluss geschmissen zu werden. Da lernt man schwimmen", erinnert er sich heute. Seit 1990 ist er der Kopf des Unternehmens.

"Den Kopfhörermarkt bereichern"

In den 1950er Jahren verkaufte die Grado-Familie Tonabnehmer, Schallplattenspieler, Lautsprecher und Zubehör. Seit 1964 konzentrierte sich das Unternehmen vollends auf Tonabnehmer. Bis zu 10.000 Stück wurden pro Woche hergestellt und verkauft. Erst mit der Markteinführung der Compact Disc in den späten 1980er Jahren änderte sich das. Die Nachfrage nach Technik rund um den Plattenspieler ging deutlich zurück. Das Unternehmen war gezwungen, sich neu zu positionieren. "Wir dachten uns, vielleicht können wir mit unserem Wissen den Kopfhörermarkt bereichern", sagt John Grado.

Der erste Kopfhörer der Welt wurde 1958 vom Jazz Musiker John C. Koss in Milwaukee (Tennessee) entwickelt. Philips, Onkyo und Sennheiser folgten kurz darauf mit eigenen Modellen, und 1979 brachte Sony mit dem legendären Walkman den Kopfhörer auf die Straße, wo er heute nicht mehr wegzudenken ist. Grado Labs dagegen stieg erst 1989 in die Kopfhörerproduktion ein. "Am Anfang saßen meine Frau Loretta und ich zusammen an einem Tisch und haben die Kopfhörer zusammengebaut. Wenn wir eine Bestellung bekommen haben, sind wir vor Freude auf und ab gesprungen." Dabei hat sich Grado Labs von Beginn an allein auf Mund-zu-Mund-Propaganda verlassen anstatt in Werbung zu investieren. Dennoch machte sich das Unternehmen schnell einen Namen, weil die Kopfhörer einfach anders klangen: räumlicher, ganzheitlich und grundtonstark.

Bereits 1991, im gleichen Jahr, in dem John Grados Sohn Jonathan geboren wurde, stellte Grado Labs die heutigen Kopfhörerklassiker SR100, SR200 und S300 vor. 1993 folgten der SR125, der SR225 und der SR325. Die aktuellen Modelle bewegen sich in einer Preisklasse von weniger als 100 Euro für den SR60 bis hin zu mehr als 1.700 Euro für das Flagschiff, den PS1000, mit einem Frequenzbereich von 5 bis 50.000 Hertz. Das hochpreisige Modell wurde kürzlich vom australischen Business Insider auf Platz eins der besten Kopfhörer gewählt. Der offene High-End-Studiokopfhörer besteht aus Mahagoni-Holz und Aluminium. Diese ungewöhnliche Kombination sorgt für einen besseren Klang. Denn Mahagoni-Hölzer werden nicht nur, wie man denken könnte, wegen des Stylings verwendet, sondern vor allem weil Grado das Resonanzverhalten als besonders zuträglich für den Klang erachtet.

Alle Grado-Kopfhörer verwenden ein Bassreflexprinzip mit belüfteten Membranen und einer großen Luftkammer. Dadurch wird die Eigenresonanz und damit der Verzerrungsbereich nach unten verlegt und die Basswiedergabe verbessert. Somit können die Kopfhörer Stereoaufnahmen ebenso wiedergeben wie ein sehr gutes Paar Lautsprecher. Der PS1000 beeindruckt vor allem durch seine Offenheit und Dynamik und wird von Kritikern oft als Referenz herangezogen. Ein Indiz dafür, dass Grado heute bei den ganz Großen mitspielt: Startet man eine Google-Suche mit der Eingabe "Bester Kopfhörer unter ... Euro", ist es gleich, welchen Betrag man eingibt. Immer taucht auch ein Modell von Grado Labs in den Ergebnissen auf.

Beim Kauf von Kopfhörern ließen wir uns allerdings eher von geschicktem Marketing als von Qualität verleiten, stellte das Time Magazine fest. Die Entscheidung falle vielmehr für eine Marke als für den guten Klang. So verwundere es nicht, dass manche Käufer teilweise über 200 Euro für ein Modell ausgeben, obwohl es günstigere und zum Teil auch qualitativ hochwertigere Alternativen gibt. In Kooperation mit dem Verbraucherportal FindTheBest wollte das Magazin deshalb eine Antwort auf die Frage geben, welche Marken unsere Aufmerksamkeit wirklich verdienen und welche nicht.

Grundlage für die Untersuchung waren die bei FindTheBest gelisteten zirka 3.000 Kopfhörermodelle. Jedes Gerät konnte in der Time-Wertung maximal 100 Punkte erreichen. Diese speisen sich zu 75 Prozent aus Expertenberichten von namenhaften Fachmagazinen. Die anderen 25 Prozent decken Spezifikationen und Funktionen wie Frequenzgang und Geräuschunterdrückung ab. Die Top drei überzeugten durchweg mit guten Leistungen und haben zudem begeisterte Kritiken erhalten. Grado kommt dabei auf Platz zwei, vor Klipsch und hinter Shure.

Alles klingt besser

Während viele Firmen jedes Jahr mit einer meist nur optisch neuen Produktlinie an den Start gehen, verfolgt Grado eine andere Strategie. Der Hersteller präsentiert nur dann ein neues Modell, wenn er wirklich der Meinung ist, dass ein Produkt eine neue Idee verkörpert und den Vorgänger merklich verbessert, anstatt lediglich auf Änderungen des Designs zu setzten. Vor kurzem ist die "eSeries" erschienen, an der Grado zuvor fast zwei Jahre Entwicklungsarbeit geleistet hat. Das letzte Upgrade fand zuvor 2009 statt zur Einführung der "iSeries". Die "eSeries" bezeichnet man intern als die dritte Generation. Jonathan Grado beschreibt die Verbesserung zum Vorgänger als hörbaren Effekt, "als wäre ein Vorhang vor deinem liebsten Song aufgezogen worden". "e" steht in dem Fall nicht für ein einzelnes Wort, sondern Jonathan Grado nennt gleich mehrere Begriffe, die als Namenspate der neuen Serie herhalten: "enthralling" (spannend), "engaging" (bezaubernd), "euphoric" (euphorisch), "energizing" (antreibend) und "everything sounds better" (alles klingt besser).

Auch wenn die e-Serie offiziell erst seit kurzem vertrieben wird, kann es sein, dass mancher Käufer des i-Vorgängers bereits einen e-Kopfhörer sein Eigen nennt, ohne es zu wissen. Noch bevor das Branding der Produkte vollzogen wurde, seien bereits neue Modelle ausgeliefert worden, um einen Übergang zu erleichtern und Kunden nicht zu verärgern, die gerade erst ein i-Modell gekauft haben. Zu erkennen sind die e-Modelle an dem roten Treiber.

Mit 48 angemeldeten Patenten hat Grado Labs momentan fünf Kopfhörerfamilien im Angebot: die Prestige-Serie mit sechs Kopfhörern (iGrado, SR60e, SR80e, SR125e, SR225e, SR325e), die Reference- und die Professional-Serie mit jeweils zwei Kopfhörern (RS2e, RS1e und PS500e, PS1000e), die Statement-Serie mit bisher einem Modell (GS100e) und drei verschiedene In-Ear-Modelle (iGi, GR8, GR10). Außerdem stellt Grado Labs weiterhin noch Tonabnehmer für Schallplattenspieler her. In der Hochzeit konnten sie davon eine halbe Millionen Exemplare im Jahr absetzen. In den frühen 1990ern gingen die Verkäufe auf 12.000 Exemplare im Jahr zurück, doch der Vinyl-Hype der letzten Jahre kurbelte den Verkauf immerhin wieder auf 60.000 Einheiten pro Jahr an.

Auch bei den Tonabnehmern wird zwischen der Prestige-, der Reference- und der Statement-Serie unterschieden. Der teuerste Tonabnehmer ("The New Statement") liegt bei knapp 3.300 Euro. Technisch handelt es sich bei diesem um ein Moving-Iron-System, bei dem der Abtast-Diamant ein winziges Eisen-Plättchen in einem Magnetfeld bewegt. Die Änderungen des Magnetfeldes werden dabei über Spulen in elektrische Spannung umgewandelt. Viele Vinylhörer schätzen bei Grado-Systemen, dass beim Abspielen älterer Langspielplatten die Nebengeräusche bedingt durch Kratzer oder Verschmutzungen nicht stören.

Testimonials – nein danke!

Ende 2013 kooperierte Grado Labs mit dem Hollywoodstar Elija Wood. Der als Frodo aus der Trilogie "Der Herr der Ringe" bekannte Schauspieler ist nebenberuflich Disc Jockey. Er, sein Freund Zack Cowie und Grado entwickelten für Bushmills Irish Whiskey spezielle Kopfhörer, deren Ohrteile aus dem Holz alter Fässer bestehen, in denen Bushmills zuvor seinen Whiskey hat reifen lassen. Eigentlich ist das eine eher untypische Aktion für Grado. Laut John Grado bekommt die Firma täglich Anrufe von Testimonials, die sich gerne für Geld mit den Kopfhörern des Unternehmens schmücken würden. Das lehne er jedoch dankend ab, wie er sagt.

Warum also die Kooperation mit einer Whiskeymarke? Für John Grado war vor allem die Herausforderung interessant. Grado Labs hatte bereits zuvor Ohrteile aus Holz produziert. Doch ob auch das Holz eines Whiskeyfasses dafür geeignet ist, musste sich erst rausstellen. Das größte Problem: Um das Bushmills-Logo zu platzieren, musste ein geschlossenes Ohrenteil hergestellt werden, was Auswirkungen auf den Klang haben kann. Audiophile bevorzugen eigentlich offene Kopfhörer. Als Kompromiss blieben die Schalen an den Seiten offen. Jonathan Grado war verantwortlich zu überprüfen, ob der Kopfhörer dem Anspruch der jüngeren Generation standhalten kann. Er war zufrieden und sein Vater John froh, dass seine alten Ohren immer noch so gut funktionieren.

Überhaupt ist Jonathan Grados Einfluss auf die Firma in jüngster Zeit enorm spürbar. Erst im vergangenen Jahr ist er als Vice President of Marketing in das Unternehmen eingestiegen und wird es eines Tages leiten. Bislang hat sich der 23-Jährige vor allem darum gekümmert, das Unternehmen in das digitale Zeitalter zu führen. Er betreut die Facebook-Seite und den Twitter-Account. Bei Facebook hat Grado Labs seit 2009 knapp 50.000 Fans abgeholt. Im Gegensatz zur Konkurrenz allerdings nicht durch Werbekampagnen, sondern rein organisch, wenn auch in den ersten drei Jahren der Inhalt hauptsächlich aus Rezensionen und Gewinnspielen bestand. Grado Labs selbst "liked" die Seiten bekennender Grado-Nutzer wie Depeche Mode, Neil Young, Outrun The Sunlight oder John Mayer. Die britisch-amerikanische Tech-Webseite Mashable hat Grado Labs im März dieses Jahres für seine Aktivitäten in sozialen Medien ausgezeichnet. Das Unternehmen wurde in den Top acht der "America's Most Social Small Business" gelistet.

Auf Facebook geht es auch sehr persönlich zu. Da entschuldigt sich John Grado schon einmal dafür, dass es zwei Wochen lang etwas stiller war, weil die Söhne das College beziehungsweise die High School abgeschlossen haben. Oder aber Jonathan erklärt, wie froh er darüber sei, dass sich "Uncle Joe" damals gegen Äpfel und Orangen entschieden habe, obwohl ihm sein Vater nahegelegt hatte, das Obstgeschäft der Familie zu übernehmen. Wenn Mutter Loretta ins Krankenhaus muss, ist es Jonathan ebenso einen Facebook-Post wert, wie wenn Papa John Geburtstag hat, und er die Chance nutzen kann, alte Familienfotos raus zu kramen. Oft kommentiert er auch unter Beiträgen von seinem privaten Account aus.

Kundennähe steht im Vordergrund der Social-Media-Strategie. Jonathan Grado, der sich auch als Fotograf bereits einen Namen gemacht hat und auf Instagram zu finden ist, ist sich der Familientradition sehr bewusst: "Wir sind eine kleine Familie und wir stellen immer noch in Brooklyn unsere Produkte mit der Hand her, so wie wir es auch schon 1953 gemacht haben." Nur eines hat sich verändert: "Die Aufkleber auf unseren Boxen haben einen neuen Text. Da steht nicht mehr 'Made in USA', sondern 'Made in Brooklyn'. Denn es ist wichtig, dass die Leute das wissen."


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