Hardware, my ass! Apples WWDC-Keynote war ein Erfolg

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CEO Tim Cook: iPhone boomt in den Schwellenländern
CEO Tim Cook: iPhone boomt in den Schwellenländern

Tim Cook nannte es “die Mutter aller Releases”, doch die Nutzer in den Social Networks zeigten sich enttäuscht. Hat Apple also alles falsch gemacht, wieder keine Innovation demonstriert und an den Wünschen der Nutzer vorbeientwickelt? Oh nein, weit davon entfernt! Das, was Cook und Co. gestern während der knapp zweistündigen Keynote präsentierten, wird in den kommenden Monaten mehr Einfluss auf die Leben vieler iOS- und OS-X-Nutzer haben, als es ein größeres iPhone 6 — das Zulieferer Foxconn kurz vor der Keynote offiziell bestätigte — schaffen könnte.

Rückkehr zu den Wurzeln und Fortschritt zugleich

Denn der komplette Verzicht auf die Präsentation neuer Hardware ist gleichzeitig eine Rückkehr zur den Wurzeln der WWDC, die in erster Linie das ist, was der Name verspricht: eine Konferenz für Entwickler. Sie sind das Herzstück des Apple-Kosmos. Ihre Kreationen sorgen dafür, dass sich Nutzer für iOS und gegen Android entscheiden. Das Zusammenspiel mit der Entwickler-Community funktioniert — besser als bei Windows oder bei Android. Da ließ es sich Cook auch nicht nehmen, ein, zwei Spitzen gegen die Konkurrenz zu setzen.

CEO Tim Cook stichelte gegen Android

Mehr noch: Die Keynote war der Beweis, dass Apple auf die Kritik von Developern und Nutzern hört. iOS 8 und OS X Yosemite sind gespickt mit jeder Menge Features, die sich viele von uns schon lange gewünscht haben. Einige kennen wir zweifelsohne von bekannten Drittanbieter-Apps, andere sind neu.

Wohl die größte Neuerung: iOS und OS X verschmelzen immer stärker. Dabei ist Apple natürlich nicht ganz uneigennützig. Denn mit den neuen Features lohnt es sich für Nutzer umso mehr, neben dem Mac auch ein iPhone oder iPad zu nutzen — und andersherum. Das Zauberwort heitß “Continuity” und das soll ein nahtloses Arbeiten zwischen den beiden Betriebssystemen ermöglichen. Was heißt das genau? Zum Beispiel, dass Ihr über Euren Mac künftig telefonieren könnt. Der Rechner dient dabei als Freisprecheinrichtung für Euer iPhone und SMS könnt Ihr auch bequem mit der Tastatur schreiben. Ganz recht: SMS! Das bedeutet, Ihr bekommt auf den Mac künftig nicht nur iMessages von anderen Apple-Geräten gesendet, sondern auch Nachrichten von Geräten anderer Hersteller.

Bald möglich: Auf dem iPhone eine Mail anfangen, auf dem Mac weiterschreiben

Seht Ihr auf dem Mac eine Telefonnummer, die Ihr anrufen wollt, braucht Ihr sie nur anzuklicken und OS X stellt die Verbindung über das iPhone automatisch her. Die neue Funktion wurde auch gleich genutzt, um Dr. Dre bei Apple willkommen zu heißen. Darüber hinaus soll die Nutzung der Hotspot-Funktion von iPhone und iPad so einfach zu nutzen sein, wie das Verbinden mit einem WLAN-Hotspot.

Apple öffnet seine Pforten

Fast genauso wichtig für viele Mac- und iPhone-Nutzer: AirDrop funktioniert mit iOS 8 und Yosemite auch zwischen den Betriebssytemen. Mit "Handsoff" verknüpft Apple seine beiden Betriebssysteme an einem weiteren Punkt: Aktivitäten, die Ihr auch einem Mac begonnen habt, könnt Ihr auf einem mobilen Gerät fortsetzen — umgekehrt funktioniert das auch. Sie müssen nur nah genug beieinander sein. Ziemlich cool!

Endlich erlaubt Apple smarte Tastaturen unter iOS 8

Mein persönliches Highlight war allerdings eines, das Apples Mann für Software, Craig Federighi, nur beiläufig erwähnte: iOS 8 lässt Tastaturen von Drittanbietern zu. Das bedeutet endlich, endlich, endlich kommen Apps wie Swiftkey und Swype auch aufs iPhone. Bisher hatte sich Apple aus unerklärlichen Gründen dagegen gesträubt, derlei Anwendungen zuzulassen. Dabei sparen Sie Euch so viel Zeit und Mühe beim Tippen von Texten in WhatsApp, Facebook und Co..

 Cupertino zeigt die Zähne

Sowieso war die Keynote ein Beleg dafür, dass Apple teilweise von seinem “Walled Garden”-Prinzip abweicht und seine Systeme offener gestaltet. Touch ID, den Fingerabdruckscanner im iPhone 5s, können künftig auch Drittanbieter nutzen, um Logins zu verschlüsseln. So könntet Ihr zum Beispiel die App 1Password mit Eurem Fingerabdruck sichern. Ohenhin dürfen Drittanbieter-Apps unter iOS 8 mehr als bisher: Erlaubt Ihr als Nutzer den Zugriff und schaffen Entwickler in ihren Apps die Möglichkeit, dann dürfen die Anwendungen künftig auch untereinander auf Informationen zugreifen. Und implementieren Developer entsprechende Features, dann könnt Ihr künftig direkt aus dem Notification Center auf Nachrichten antworten, Kalendereinträge verwalten und vieles mehr. Bislang war das nur mit Apples System-Apps möglich. Und mit HealthKit und HomeKit könnt Ihr künftig viele unterschiedliche Dienste vieler unterschiedlicher Anbieter an einem Ort auf dem iPhone bündeln.

iCloud Drive macht Dropbox und Google Drive Konkurrenz

Bei all der neuen Offenheit hat Apple es aber auch nicht verlernt, Zähne zu zeigen. Etliche Neuvorstellungen der Keynote sind eine klare Ansage an die Konkurrenz. Gruppenchats und Audio-Nachrichten in iMessages sollen die Nutzer von WhatsApp und Co. weglocken, iCloud Drive ist Apples Pendant zu Dropbox und Google Drive. Wie bei Dropbox ist die iCloud jetzt im Finder integriert. Alle Dateien, die Ihr in dem Ordner "iCloud Drive" ablegt, werden automatisch mit dem Speicherdienst auf Apples Servern synchronisiert. Den unkomplizierten Zugriff auf Eure Dateien habt Ihr aber nicht nur von OS X aus, sondern auch von iOS und sogar Windows. Damit kommt die iCloud in Sachen Komfort deutlich näher an Dropbox und andere Dienste heran.

Ebenfalls sehr praktisch: Ist der Anhang einer E-Mail zu groß, verschickt die Mail-App sie per Maildrop. Bis zu fünf Gigabyte-große Dateien könnt Ihr so verschicken, ohne Rücksicht auf die Größe des Empfänger-Postfachs nehmen zu müssen.

Emanzipation von der Ära "Jobs"

Das ganz große Redesign bei OS X und iOS bleibt vorerst aus. Aber das ist auch gut so. Mit iOS 7 hat sich Apple vom berüchtigten Skeuomorphismus des Scott Forstall verabschiedet, nun gibt es Evolution statt Revolution. Und neben all den großen Neuerungen dürften viele Updates “unter der Haube” in wenigen Monaten — spätestens dann ab Herbst — Wirkung zeigen. Mit der Grafikschnittstelle Metal will Apple "3D-Spiele in Konsolen-Qualität auf mobile Geräte bringen", indem die Leistung des A7 Chips auf das 10-Fache der bisherigen Geschwindigkeit maximiert wird. Die Grafik-Demos, darunter ein Port der Konsolen-Version von “Pflanzen gegen Zombies”, machen schon mal Lust auf mehr. Und weil iPads und iPhones in Familien oft von mehr als einer Person genutzt werden, hat Apple neue “Family Sharing”-Funktionalitäten in iOS 8 eingebaut. Eltern können Apple-IDs für ihre Kinder erstellen und mit "Ask to Buy" dürfen die Kleinen Einkäufe erst mit der Erlaubnis ihrer Eltern durchführen. Damit dürften Nachrichten über kleine Racker, die mit In-App-Käufen die Konten ihrer Eltern erleichtert haben, endlich der Vergangenheit angehören.

Also nochmal die Frage: Hat Apple seinen Drive verloren? Können die in Cupertino wirklich keine Innovation mehr betreiben? Mitnichten! Cook hielt sein Versprechen und lieferte am Montag die “Mutter aller Releases” ab, das ganz nebenbei auch noch eine neue Programmiersprache beinhaltet: Swift. Mehr noch, Apple erfüllt seiner Community zwei große Träume — zum einen verschmelzen iOS und OS X immer mehr und unterstützen sich künftig kongenial, zum anderen öffnet Apple die Pforten für Drittanbieter-Apps. Zwar längst nicht so umfassend, wie es unter Android der Fall ist, aber doch weit genug, um uns Nutzern künftig mehr Usability zu bieten.

Erst vor Kurzem diskutierte die Techbranche darüber, dass sich Apple in einer Neustart-Phase befindet. Die Krise des vergangenen Jahres scheint vergessen. Die Keynote zur WWDC, sie war ein Beleg dafür, dass Apple sich von der Ära “Jobs” emanzipiert — und dennoch seinen Wurzeln treu bleibt.


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