Hat die Apple Watch ein Preisproblem? Nein!

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Die Krone an der Seite ist Homebutton und Steuerrad zugleich
Die Krone an der Seite ist Homebutton und Steuerrad zugleich(© 2014 CURVED)

Bis zu 5000 Dollar für eine Apple Watch? 5000 Dollar? Ist das teuer? Ja. Ist das ein Problem? Mitnichten. Der Versuch einer Erklärung.

Seit der iPhone-Keynote, auf der Apple-CEO Tim Cook die Smartwatch enthüllte, hat sich offenbar recht wenig geändert in der öffentlichen Wahrnehmung der Apple-Smartwatch. Daran ist das Unternehmen auch selbst schuld. Denn bislang erfahren wir recht wenig zur Preisstruktur. Bisher sprach Apple lediglich von einem Einstiegspreis ab 349 Dollar für das Sport-Basismodell aus Aluminium. Zu den anderen beiden Varianten heißt es nun, dass das Mittelklassemodell aus rostfreiem Stahl für 500 Dollar zu haben sein wird und das Luxus-Wearable Apple Watch Edition zwischen 4.000 und 5.000 Dollar kosten soll. 

Das sind keine offiziellen Zahlen. Zumindest lässt sich festhalten, dass die Apple Watch viel, viel teurer wird als ihre Mitbewerber aus dem Smartwatch-Segment. Aber hier muss ich mich wiederholen: Die noch junge Geschichte der Apple Watch ist schon jetzt eine Geschichte voller Missverständnisse.

Es liegt nahe, die Apple Watch als schnöde Smartwatch mit Gold-Option abzutun. Doch damit würde man dem Gerät nicht gerecht werden. Schauen wir uns doch mal die Android-Konkurrenz an. Ob schnieke Moto 360 oder gelungene LG G Watch R:  Es handelt sich um Kleinstcomputer mit Android Wear. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Und wer sie ausprobiert hat, der weiß: Viel mehr, als Benachrichtigungen vom Smartphone aufs Handgelenk zu pushen mit der Bitte, doch aufs Handy zu schauen, ist das momentan noch nicht - gepaart mit einer Reihe von Apps, die nicht wirklich das Potenzial der neue Geräteklasse ausschöpfen.

Ich hatte die Apple Watch bereits am Handgelenk, durfte damit ein wenig spielen und kann getrost sagen: Das macht die Uhr aus Cupertino anders. Das liegt zum einen daran, dass Apple nicht einfach sein iOS auf Smartwatch-Größe eingedampft hat, zum anderen an den Steuerungsmodi. Mit der Kombination aus Touchsteuerung und seitlich angebrachter Krone sehe ich zum ersten Mal ein Bedienkonzept, das Navigieren auf so kleinem Raum sinnvoll umsetzt.

Purer Luxus

Smartwatches aus dem Android-Segment beschränken sich aufs Nötigste - so scheint es zumindest. Kein Knopf soll den Look stören. Nur ein Bildschirm, sonst nichts. Wer aber schon mal eine Smartwach am Handgelenk hatte, der bekommt schnell das Gefühl: Ein Bildschirm ist nicht das Nötigste, ein paar Buttons zur Kontrolle wäre doch ganz praktisch. Mit der „Krone“ lässt es sich prächtig tiefer in Menüs, Listen und Karten hineinnavigieren - und ebenso wieder heraus, ohne dass der Bildschirm durch die Finger verdeckt wird. Weniger genaue Bewegungen nach links, rechts, oben und unten werden über Wischgesten ausgelöst.

All das ändert nichts daran, dass die Apple Watch aber vor allem eines ist: purer Luxus. Sie macht Euer iPhone nicht besser, aber macht das Nutzen von iOS und OS X angenehmer. Wer daran zweifelt, dass die Smartwatch von Apple purer Luxus ist, der muss sich nur einmal die Beschreibungen für die einzelnen Komponenten auf der Sonderseite durchlesen. Beispiel gefällig?

"Das Gliederarmband wird aus derselben 316L Edelstahl-Legierung wie das Gehäuse gefertigt und besteht aus über 100 Einzelteilen. Der Bearbeitungsprozess ist so präzise, dass es fast neun Stunden dauert, die Glieder für ein einzelnes Armband zu schneiden."

Für die Ledervarianten der Armbänder arbeitet Apple mit Gerbereien in Italien und den Niederlanden zusammen, die noch von Hand herstellen. Nochmal: Von Hand! Natürlich wird ein iPhone von einer Schar von Foxconn-Mitarbeitern auch mitunter “von Hand” gefertigt. Allerdings wird hier mit vorgefertigten Teilen in Groß-Serie produziert.

Die Empörung ist programmiert

Und dennoch: Die Empörung der Techszene, wenn Apple die Preise für die einzelnen Modelle final enthüllt, wird riesig sein. Hier ist die Baseline: Das wird Apple nicht interessieren - von der vergleichsweise günstigen Sports-Edition einmal abgesehen. Das Unternehmen sieht sein Device noch nicht einmal in Konkurrenz zu anderen Smartwatches. So ist während der Keynote auch nicht einmal der Begriff "Smartwatch" gefallen. Denn die Apple Watch ist kein Gadget für die Techszene. Sie ist Luxus, sie ist Fashion. Kein Wunder, dass sich auf dem Gelände des Flint Center zur Keynote mindestens so viele perfekt gedresste Fashion-Blogger tummelten wie Tech-Experten - und mit Joshua Topolsky auch Personen, die irgendwo dazwischen anzusiedeln sind; zumindest mit Blick auf die modischen Socken.

Doch zurück zum Thema: Die Apple Watch ist Apples Türöffner in die Welt der Mode. Und dort spielt der Preis oft nur eine untergeordnete Rolle. Dass Apple das auch so sieht, das zeigte sich in Tim Cooks stolz geschwellter Brust während der iPad-Keynote, als der Apple-CEO verkündete, dass die Erfindung es aufs Cover der Vogue geschafft hätte.

Liu Wen und die Apple Watch auf dem Cover der Vogue China

Apple treibt es gekonnt auf die Spitze

Ich behaupte mal: zurecht. Denn welches Accessoire fürs Handgelenk verfügt über so viel Technik und lässt sich zusätzlich noch in bis zu 34 unterschiedlichen Varianten erwerben? Genau.  Wenn Ihr das Gefühl habt, dass das hier nach einer Liebeserklärung an die Apple Watch klingt: Durchaus, ich bin verliebt in die Idee, die Apple mit seiner Smartwatch umsetzt. Das kleine Device ist meiner Meinung nach nicht in der Pflicht, eine Gerätesparte zu retten, wie es Engadget formulierte. Es ist der Beweis, dass mobile Geräte längst mehr sind als Technologie, die wir nutzen. Sie passen sich uns an - und werden dadurch auch modischer. Natürlich treibt es Apple mit einer Smartwatch mit 18 Karat Gold auf die Spitze. Aber hey: Ist es nicht genau das, was Pioniere tun sollten?

Ja, es gibt freilich schon viele Smartwatches auf dem Markt. Apple hat für mich einmal mehr unter Beweis gestellt, dass man nicht der Erste am Markt sein muss - wie schon beim ersten iPhone und iPad. Die Apple Watch ist das Ergebnis eines Prozesses, bei dem die Ingenieure in Cupertino sich ausreichend Zeit genommen haben, um die anderen Fehler machen zu lassen. Und während Sony schon die dritte Generation seiner Smartwatch auf den Markt bringt, Samsung auch mit der neuen Gear S nicht überzeugen kann und die ach so gehypte Moto 360 offenbar unter der Haube vor allem alte Elektronik beherbergt, geht Apple mit einem überlegten Bedien- und Designkonzept an den Start.

Ob ausreichend viele Käufer dazu bereit sind, bis zu 4000 oder gar 5000 Dollar für eine Apple Watch auszugeben? Ich behaupte: Und ob! Denn Apple liefert gut betuchten Apple-Fans die Möglichkeit, sich von der Masse abzuheben - ein nicht zu unterschätzender Anreiz. In den Anfängen galt auch das erste iPhone als gnadenlos überteuert - nur wenig später war es im Mainstream angekommen. Mit seinen drei Modellen mit unterschiedlichen Armbändern, Größen und Cases bietet Apple als erster Smartwatch-Hersteller eine breite Palette, die vor allem modisch überzeugen wird. Der Konzern aus Cupertino würde allerdings gut daran tun, die Preise für die einzelnen Modelle bekanntzugeben. Schließlich steht bald Weihnachten vor der Tür...


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