Health im Detail: Das taugt Apples Gesundheitszentrale

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Mächtiges Tool: Apple Health trackt Gesundheit und Fitness
Mächtiges Tool: Apple Health trackt Gesundheit und Fitness(© 2014 CURVED Montage)

Fitness-Tracking mit Wearables und Apps ist ein Megatrend. Gerade zum Jahresbeginn wollen wir uns endlich gesund ernähren und mehr Sport treiben. Apple hat zusammen mit iOS 8 Apple Health gelauncht, eine Gesundheitszentrale, die alle Fitness- und Gesundheitsdaten sammeln und aufbereiten soll. Aber das Tool geriet schnell in Vergessenheit. Zu Unrecht.

Und das weiß auch Apple. Aus diesem Grund hat der Konzern vor wenigen Tagen zu einem Termin geladen, bei dem ich mir die Gesundheitszentrale und ihre Features in aller Ruhe anschauen konnte. Apple Health? HealthKit? Die waren bei mir vor allem als unfertige Schnittstelle für Wearables und Apps abgespeichert, die Apple mit dem Release von iOS 8 unfertig veröffentlicht hatte. Damit bin ich kein Einzelfall. Spätestens als Apple im September wegen diverser Bugs einen Rückzieher machen musste, landete das Icon mit dem kleinen Herzen in einem Unterordner auf dem zweiten oder dritten Homescreen vieler Nutzer - und da blieb es auch. Nun unterstützen immer mehr Hersteller von Wearables und Apps den Dienst. Grund genug also, sich die Software einmal ganz genau anzuschauen.

Was trackt Apple Health?

Die Frage müsste eigentlich lauten: Was kann Apple Health tracken? Die kurze Antwort: eine Menge. Die lange Antwort: So viel, wie es angeschlossene Apps, Wearables und allerlei Fitness-Gerät zulassen. Mit anderen Worten: Ohne ein entsprechendes Ökosystem aus Hard- und Software ist die Applesche Gesundheitszentrale reichlich nutzlos. Zwar trackt der im iPhone 6 und 6 Plus verbaute M8-Chipsatz Schritt und Höhenmeter, allerdings erfasst das Gerät damit nur einen winzigen Bruchteil dessen, was Apple Health eigentlich zu messen in der Lage ist. Denn das Tool will nicht nur Eure Fitness tracken, sondern Eure - wie der Name es schon erahnen lässt - Gesundheit. Das heißt:

  • Kalorienverbrauch
  • Atemfrequenz
  • Ballaststoffe
  • Biologisches Geschlecht
  • Blutalkohol
  • Blutdruck
  • Blutgruppe
  • Body-Mass-Index
  • Einsekundenkapazität FEV1
  • Forcierte Vitalkapazität
  • Gewicht
  • Größe
  • Herzfrequenz
  • Inhalatorgebrauch
  • Körperfettanteil
  • Körpertemperatur
  • Magere Körpermasse
  • NikeFuel
  • Peak Flow (Spitzenfluss)
  • Periph. Durchblutungsindex
  • Ruhekalorien
  • Sauerstoffsättigung
  • Schlafanalyse
  • Schritte
  • Strecke (Fahrrad/Gehen/Laufen)
  • Stürze
  • Treppensteigen
  • Ballaststoffe, Biotin, Chlorid, Cholesterin, Chrom, Einfach ungesättigte Fette, Eisen, Ernährungskalorien, Folsäure, Gesamtfettanteil, Gesättigte Fette, Jod, Kalium, Kalzium, Koffein, Kohlenhydrate, Kupfer, Magnesium, Mangan, Mehrfach ungesättigte Fette, Molybdän, Natrium, Niacin: Panthothensäure, Phosphor, Protein, Riboflavin, Selen, Thiamin, Vitamin A, B12, B6, C, D, E, K, Zink und Zucker

Kurzum: Apple Health kann theoretisch Eure komplette Ernährung und sämtliche messbaren Vitaldaten tracken und entsprechend visualisieren. Was Fitness-Apps nicht automatisiert in die mobile Gesundheitszentrale eintragen, das lässt sich händisch nachpflegen. Einfach im entsprechenden Menüpunkt auf “Datenpunkt hinzufügen” klicken.

Notfallpass in Apple Health: Praktisch - vorausgesetzt, der Notarzt kennt sich mit dem iPhone aus(© 2015 CURVED)

Außerdem könnt Ihr in Apple Health noch einen Notfallpass für das iPhone erstellen. Einfach auf den Menüpunkt "Notfallpass" navigieren, Erkrankungen, Allergien, Unverträglichkeiten, Medikationen, den Notfallkontakt, die Blutgruppe und Infos zur Organspende, Gewicht und Größe hinterlegen. Anschließend ist, insofern Ihr das Feature aktiviert, der Notfallpass im Lockscreen mit einem Klick auf "Notfall" und "Notfallpass" für Rettungskräfte und Ärzte auch ohne PIN-Eingabe einsehbar.

Warum ist Apple Health mehr?

Der eigentliche Clou von Apples Gesundheitszentrale ist allerdings nicht, die Daten nur zu sammeln. Vielmehr ist die Schnittstelle eine Art Stellgleis für Euer ganz persönliches Ökosystem an Wearables und Fitness-Apps. Denn was viele nicht wissen: Ihr könnt in der App dezidiert einstellen, welche Apps Daten liefern dürfen. Mehr noch: Ihr könnt auch entscheiden, ob diese App nur Daten schreiben oder auch lesen dürfen. Das heißt wiederum: Wenn Ihr etwa mit Runtastic Eure gelaufene Strecke und verbrauchten Kalorien trackt, die App wiederum in Apple Health Daten exportieren darf und Ihr gleichzeitig mit MyFitnessPal Euren Kalorienhaushalt trackt und diese App wiederum Daten aus Apple Health lesen darf, habt Ihr auf diese Weise einen besseren Überblick über Euren Kalorienhaushalt. Warum das Ganze? Weil wir nun einmal nicht unbedingt immer ehrlich sind, wenn es um das geht, was wir den lieben, langen Tag über zu uns nehmen - und weil diese Werte vor allem stark schwanken. Oder seid Ihr Euch sicher, dass Ihr jeden Tag die gleiche Menge Kalorien zu Euch nehmt? Tragt Ihr Eure Lebensmittel hingegen in eine App ein, die die Kalorienmenge automatisch in einer Datenbank erfasst und die wiederum automatisiert mit einer Fitness-App kommunizieren kann, bekommt Ihr auf diese Weise einen genaueren Überblick über Eure Fitness.

Ihr ahnt es schon: Je mehr Daten Apple Health bekommt, desto umfangreicher wird Euer Gesundheitsbild auch. Und genau das lässt sich dann gesammelt abrufen. Apple Health führt den Wust an gesammelten Daten aus all den Wearables und Services, die Ihr nutzt, zusammen und präsentiert sie in farbig markierten Dashboards.

Theoretisch ist noch viel mehr möglich: “So kann die App, die deinen Blutdruck misst, die Werte zum Beispiel automatisch an deinen Hausarzt weiterleiten. Oder deine Ernährungsapp kann deinen Fitnessapps sagen, wie viele Kalorien du am Tag zu dir nimmst”, heißt es auf der entsprechenden Apple-Seite. Allerdings ist das zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr als ein Versprechen. Eines, das nicht Apple einlösen kann, sondern das Engagement der Fitness-App-Betreiber erfordert. Hier offenbart sich auch die größte Schwachstelle von Apple Health.

Wie funktioniert die Synchronsierung mit Apps?

Um Herbert Grönemeyer bzw. die Fanta4 zu zitieren: “Es könnte alles so einfach sein, isses aber nicht.” Tatsächlich ist die Erst-Einrichtung viel zu kompliziert geraten. Denn obwohl ich etliche Fitness-Apps auf meinem iPhone installiert habe, zeigt mir Apple Health keine Quellen an. Hmm, dann vielleicht man in den Einstellungen nachschauen? Hier gibt es unter dem Menüpunkt Datenschutz ebenfalls einen Eintrag für Apple Health. Doch auch hier: keine Quellen. Nanu, funktioniert die Synchronsierung doch nicht? Doch, allerdings scheint sie nicht standardisiert - oder zumindest für den Nutzer verständlich umgesetzt. Denn tatsächlich müsst Ihr in den Einstellungen Eurer Apps gesondert nachschauen, ob der Betreiber die Synchronisierung erlaubt - und diese dann freigeben. Unter Runtastic etwa gibt es in den Einstellungen den Unterpunkt “Partneraccounts”, wo sich das Feature freischalten lässt.

Kann ich das abschalten?

Bis zum jetzigen Zeitpunkt ist das Messen der gelaufenen Schritte und absolvierten Treppen-Höhemeter obligatorisch. Das heißt: Es lässt sich nicht abschalten. Warum, das weiß nur Apple. Für jede weitere Datenquelle, ob reine Fitness-App oder angeschlossenes Wearable, lässt sich dediziert einstellen, ob sie Schreib- und Leserechte für Apple Health bekommen. So kann ich etwa für Runtastic einzeln auswählen, ob ich die verbrannten Kalorien, die Streckenkilometer und meine Trainings synchronisieren möchte.

Was ist mit meinen Fitness-Apps und bisher gesammelten Daten?

Nicht jeder Hersteller von Wearables und Apps unterstützt standardmäßig Apple Health. Noch nicht. Allerdings wird, so viel steht fest, auf lange Sicht jede App, die Eure Fitness, Ernährung und Gesundheit misst, auch die Schnittstelle von Apple HealthKit nutzen. Momentan unterstützen Runtastic, Health Mate, FitPort, Jawbone UP, MyFitness Pal, Carrot Fit, Yummly, MapMyRun, MotionX, Sleepio, Zova, Noom Coach und etliche mehr die Synchronisierung.

Doch es gilt: In jeder App muss zuerst die Freigabe geschaffen werden. Auch ärgerlich: Im Januar bin ich bereits 50 Kilometer gelaufen, die ich mit Runtastic auch entsprechend getrackt habe. Nachträglich lassen sich die Daten aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr importieren, sondern erst ab dem Zeitpunkt, ab dem Ihr der App Schreibrechte für Apple Health gegeben habt. Dann funktioniert die Synchronisierung allerdings fast in Echtzeit bzw. mit nur einigen Sekunden Verspätung.

Welches Zubehör wird unterstützt?

Hier gilt die Faustregel: Unterstützt die Companion App des Wearables Apple Health, dann wird auch das dazugehörige Wearable unterstützt und kann die gesammelten Daten über die Software an die Applesche Gesundheitszentrale übertragen. Doch ausgerechnet Fitbit, neben Jawbone einer der Wearable-Pioniere, ist außen vor. Nach dem Release von Apple Health unter iOS 8 erklärte das Unternehmen, vorerst nicht die neue Schnittstelle zu unterstützen. Die Folge: Apple erklärte, den Vertrag über den Verkauf von Fitbit-Geräten in den Apple Stores einzustellen. Laut Fitbit habe man ein Interesse daran, die eigenen Devices mit möglichst vielen Geräten kompatibel zu machen. Apple hingegen würde sich gegen die Synchronisierung mit Googles Standard GoogleFit sträuben. Weil Apple aus wirtschaftlicher Sicht verständlich keine Geräte vertreiben will, die nicht mit der eigenen Software funktionieren, sind die Fronten nun verhärtet.

Per se unterstützt die Fitbit-Software also nicht die Weitergabe von Fitness-Daten an Apple Health. Allerdings gibt es eine Lösung: Der Entwickler James McAndrew hat die App Sync Solver for Fitbit herausgebracht. Diese greift auf die Fitbit-Infos zu und teilt sie Apples Gesundheitszentrale mit. Leider funktioniert das nicht in Echtzeit, sondern per täglich einmaliger Synchronisierung. Allerdings macht die 1,99 Euro teure App noch Probleme. So können mitunter die gezählten Schritte von Apple Health zu denen der Fitbit-App hinzugezählt werden - somit kommt Ihr auf die doppelte Menge und damit auf verfälschte Werte.

Wo sind meine Daten?

Gerade im auf Privatsphäre bedachten Deutschland. Die Ansage von Apple ist klar: Die Daten bleiben auf dem Gerät, der Verkauf gesammelter Daten ist untersagt. Auf der Privacy-Seite heißt es dazu: “Apps, die mit Health zusammenarbeiten, dürfen nach unseren Richtlinien für Entwickler die Daten aus Health nicht an Werbeplattformen oder Datenhändler geben. Diese Apps müssen auch eine Richtlinie für Datenschutz besitzen, die für dich einsehbar ist. Deine Daten in der Health App werden verschlüsselt, geschützt durch deinen Code, und bleiben immer auf deinem Gerät, sofern du sie nicht woanders sicherst oder den Apps anderer Anbieter Zugriff darauf erlaubst. Sicherst du die Daten der Health App mit iCloud, werden sie bei der Übertragung und auf unseren Servern verschlüsselt.”

Was hakt?

So beeindruckt ich von den Möglichkeiten bin, so unzufrieden lässt mich die Visualisierung der Daten zurück. Von meinen Fitness-Apps bin ich es gewohnt, meine Leistungen nach Tagen, Wochen, Monaten und Jahren strukturiert zu sehen. So kann ich ganz genau nachvollziehen, inwiefern sich mein Trainingspensum gesteigert hat. Apple Health bietet in seinen Diagrammen auch eine Aufteilungen nach Tag, Woche, Monat und sogar Jahr an. Allerdings ist diese zum jetzigen Zeitpunkt, und zumindest für mein Verständnis, nicht wirklich hilfreich.

So zeigt mir das Tool etwa, obwohl ich die Wochenansicht gewählt habe, oben rechts prominent die am aktuellen Tag absolvierten Kilometer an - dabei will ich doch wissen, wieviel ich in den vergangenen sieben Tagen gerannt bin. Und links? Da ist der Tagesdurchschnitt zu sehen. Ich will doch meine Wochenleistung sehen! Wo ist die denn nun? Ach, da unter dem “Heute” gaaaanz klein zu sehen. Dabei soll Apple Health doch nicht nur meine Fitness analysieren, sondern mich auch motivieren. Das funktioniert aber nicht, wenn ich nach meinen Leistungen mit der Lupe suchen muss.

Wie stehen die Chancen?

Mit der Apple Watch kommt der Durchbruch für Apple Health als mobile Gesundheitszentrale - wenn die Smartwatch denn ein Erfolg wird.  Die Uhr trackt neben Bewegungen auch die Herzfrequenz sowie zurückgelegte Entfernungen und berechnet verbrannte Kalorien. Sie überwacht Euren ganzen Tag, inklusive Pausen und Aufstehen vom Schreibtisch. Beim Training und Aufstehen setzt Apple auf seiner Uhr fixe Werte. Mindestens eine halbe Stunde intensiver Bewegung am Tag hält der Konzern für sinnvoll - wobei schon zügiges Gehen als Training zählt und Ihr die 30 Minuten nicht in einem Stück absolvieren müsst. Außerdem solltet Ihr stündlich mindestens eine Minute lang nicht sitzen.

Wird die Apple Watch ein Erfolg, dann wird Apple Health ein Erfolg. Wird Apple Health ein Erfolg, ziehen weitere Hersteller von Fitness- und Gesundheits-Apps und -Wearables nach.

Fazit: Da geht noch was!

Noch ist Apple Health ein Versprechen. Ein hätte, würde, könnte. Apple Health könnte Smartphones zur mobilen Gesundheitszentrale machen, die automatisiert Gesundheitswerte an meinen Arzt schickt und mir einen umfassenden Einblick in meine persönliche Fitness gibt. Aber davon ist Apple Health noch weit entfernt. Das liegt zum einen an der umständlichen Erst-Synchronisierung, die viele Nutzer fraglos bleiben lassen dürfte. Zum anderen müssen sich alle Hersteller auch an den Standard halten, den Apple vorgibt. Wenn ausgerechnet ein Fitness-Juggernaut wie Fitbit Nein sagt, gehen auch andere Hersteller in Wartestellung.

Verbessern muss Apple außerdem auch die Visualisierung der Fitness-Daten. Etwa für die absolvierten Schritt und die gelaufene Strecke sind die Diagramme wenig einleuchtend. Hier lohnt ein Blick auf die Menüs der etablierten Fitness-Apps, wie etwa Runtastic, die mir auf Anhieb meine Leistungen nach Zeiträumen sortiert wiedergeben. Wenn die Apple Watch ein Erfolg wird und wenn Apple hier und da nachbessert, ist Apple Health eine Killer-App.


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