iCloud-Fiasko: Apples neues Maps-Gate

Ein Malheur zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt: Eine Woche vor der wichtigsten Keynote seit der ersten iPad-Präsentation vor vier Jahren erschüttert Cupertino das Fiasko um die gehackten Promi-Konten in der iCloud. Die Apple-Aktie verliert so stark wie Jahresbeginn nicht mehr – auch, weil Banken zum Verkauf raten.

Das 100-Dollar-Märchen ist plötzlich zu Ende. Die mahnenden Stimmen, die nach dem Sprung  auf neue Allzeithochs auf mögliche Kursverluste nach der iPhone-Keynote hinwiesen, bekommen nun schon sechs Tage vor dem iDay recht – der Apple-Aktie scheint nach dem traumhaften Sommer kurz vor Herbstbeginn spürbar die Luft auszugehen.

Happige 4,22 Prozent – und damit so dramatisch wie seit den Quartalszahlen im Januar nicht mehr – kamen Anteilsscheine von Apple gestern unter die Räder. Nach den Maßstäben vor dem Aktiensplit von 1:7 entsprach der Einbruch von 4,36 Dollar einem Erdrutsch von über 30 Dollar. Erinnerungen an 2012 werden wach.

Andy Hargreaves von Pacific Crest rät zu Gewinnmitnahmen

Aber wieso erfolgt der Ausverkauf diesmal schon im Vorfeld der iPhone-Keynote? Lag es an Samsungs Produktfeuerwerk auf der IFA? An dem immer weitere Kreise ziehenden iCloud-Gate vom Prominenten? Oder an der ersten Herabstufung seit einer gefühlten Ewigkeit?

Vor allem letzterer Schritt erwischte Anleger, die seit Wochen eine Kaufempfehlung nach der anderen gewohnt waren, komplett auf dem falschen Fuß. Vor allem, weil Analyst Andy Hargreaves von Pacific Crest ungewöhnlich deutliche Worte wählte: „Wir raten dazu, Gewinne mitzunehmen“, schrieb Hargreaves an Bankkunden.

iPhone 6-Aufwärtspotenzial eingepreist

Der Grund: „Wir glauben, oberhalb von 100 Dollar ist der größte Teil des Aufwärtspotenzials durch den iPhone 6-Zyklus bereits eingepreist“, erklärte Hargreaves. Schlimmer noch: "Wir glauben, dass das neue Produkt, das Apple in den nächsten sechs Monaten auf den Markt bringt" – mutmaßlich die iWatch – "keinen maßgeblichen Einfluss auf die Gewinnentwicklung haben wird." In anderen Worten: Es dauert, bis die iWatch ihre Spuren in der Apple-Bilanz hinterlassen könnte.

Gebremste Euphorie also im Apfelland. Für wirklich Missstimmung sorgte indes ein anderer Nebensschauplatz, der von Tag zu Tag mehr Aufmerksamkeit erregt und fatal an das Fiasko des Kartendienstes Maps wenige Tage vor dem iPhone 5-Start 2012 erinnert: Das iCloud-Gate.

Vertrauensverlust wiegt beim iCloud-Gate am schwersten

Während Apple das Thema offensiv angeht und den enormen Hack, der offenbar seit Monaten in Planung war, auf Schärfste verurteilt, kann der Kultkonzern aus Cupertino doch nichts gegen die Verunsicherung tun, die plötzlich bei der Benutzung von Apple-Gadgets mitschwingt. Natürlich: Hollywoods Prominenz muss sich angesichts (halb-) nackter Selfies und offenbar schwacher Passwörter durchaus an die eigene Nase fassen.

Doch der Vertrauensverlust, der nach den Nacktfoto-Enthüllungen mitschwingt, muss Tim Cook fünf Tage vor der mit Abstand wichtigsten Keynote seiner Karriere zur Weißglut bringen: Dies ist sein Augenblick, die Enthüllung der iWatch der Moment, der seine Ära definiert – und ausgerechnet am Vorabend kommen Fragen zur Verlässlichkeit von Apples Online-Diensten auf, deren Sicherheitsstandards als führend angesehen wurden?

Der Schaden, obwohl mutmaßlich in einigen Monaten verschmerzbar, scheint wenige Tage vor der großen Keynote angerichtet. Entsprechend reagieren Apple-Aktionären, die nach einem Sommer voller Gewinne nicht nackt dastehen wollen: In unsicheren Zeiten safety first.


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