iPhone 6-Hype: Ist Apple noch so gut wie früher?

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Noch immer der wertvollste Apfel der Welt:  Aber besitzt Apple noch die Faszination der Steve Jobs-Ära?
Noch immer der wertvollste Apfel der Welt: Aber besitzt Apple noch die Faszination der Steve Jobs-Ära? (© 2014 CC: Flickr/Kawa0310)

Alles läuft wieder für Apple: Nachdem der iKonzern vor zwei Wochen seine jüngsten Geschäftszahlen verkündete, kennt die Aktie kein Halten mehr – zu Wochenbeginn knackte der Kultkonzern aus Cupertino erstmals seit 2012 wieder die 600-Dollar-Marke. Die Perspektiven, noch einmal die alten Hochs zu toppen, sind plötzlich wieder da. Allein: Ist es noch Steve Jobs' Apple?

„What, us worry?“ – Tim Cook, September 2013. [ad id="mobile_half"]

Und dann sprach Tim Cook doch noch.  Knapp ein Dreivierteljahr ist es her, als Apple anlässlich des iPhone-Launches seine PR-Maschinerie anschmiss und den Medien gab, wonach sie das ganze Jahr gierten: Rare, sehr rare Interviews. Und eine noch rarere Inszenierung, wie man sie vom Apple-Management nicht mehr seit der Hochzeit von Steve Jobs gesehen hatte.

Das neue Führungstrio um CEO Tim Cook, Designchef Jony Ive und der aufstrebende Software-Chef Craig Federighi, warf sich auf dem Cover der Business Week lachend in Pose, wie man Apple-Manager selten gesehen hatte: fast aufreizend selbstbewusst, vielleicht sogar: -gefällig. „What, us worry?“, lautete der ikonische Titel, der an ein Mad-Cover anspielte.

Krisenjahr 2013: Mit jedem Quartal traten neue Baustellen auf

Allein: Mit dem Timing schien etwas nicht zu stimmen. Der Kultkonzern aus Cupertino steckte im vergangenen Jahr in der ersten Krise seit mehr als einem Jahrzehnt. Für jedes andere Unternehmen der Welt wäre diese Art von Krise ein Glücksfall, für Apple indes schien sich die Zeitenwende aufzutun.

Mit jedem Quartal traten neue Baustellen auf: Erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt schrumpften die Gewinne; die Erosion schien sich von Bilanz zu Bilanz zu beschleunigen. Auch die Umsätze wuchsen kaum noch. Während der jüngste Hoffnungsträger, das iPad, ungewöhnlich früh einbrach, schien auch das Wachstum der wichtigsten Konzernsparte ausgereizt – das iPhone befand sich im bereits siebten Jahr seines Lebenszyklus’, und es hatte ein Problem.

Epochaler Börsenabsturz nach iPhone 5-Launch

Wir haben nicht das, was unsere Kunden wollen“, gab Apples Führung intern in jener Zeit zu und gestand ein, was angesichts der boomenden Phablet-Absätze nicht zu übersehen war: das iPhone war mit seinem 4 Zoll großen Display einfach zu klein gegen die Übermacht an 5-Zöllern, die aus dem Boden schossen wie Pilze. Die nur marginale Vergrößerung des Displays vom iPhone 4/4s zum iPhone 5 von 3,7 auf 4 Zoll war der erste große Fehler, der exakt in die Übergangsphase von Steve Jobs zu Tim Cook fiel.

Ein Zoll kann in der Technologiebranche ganz viel ausmachen – tatsächlich kann er 300 Milliarden Dollar kosten. So viel nämlich betrug der epochale Einbruch an der Börse, der just am Tag der Auslieferung des iPhone 5 begann: Die Apple-Aktie fiel von Allzeithochs bei 705 Dollar auf 385 Dollar zurück.

Tim Cook übersteht die Krise

Apples neuer Konzernchef Tim Cook, dessen Amtsübernahme von Steve Jobs im erstem Jahr noch so geschmeidig verlaufen war, geriet unter heftigen Beschuss, der sich von Woche zu Woche zu steigern schien. Man kann sagen, dass Cook in jenem eisigen Winter überfordert wirkte: Er entschuldigte sich für das Apple Maps-Debakel, der versprach immer wieder neue Produkte, die bis heute nicht das Licht der Öffentlichkeit erblickten, er wurde von Hedgefondsmanagern vorgeführt und tauchte ab, während die Aktie sturmreif geschossen wurde.

In "Das Apple-Imperium" habe ich über diese stürmische Übergangszeit geschrieben. 16 Jahre nach Steve Jobs’ Rückkehr bzw. 15 Jahre nach dem ersten iMac schien der iZyklus zu Ende zu gehen: Die Mac-Absätze entwickelten sich rückläufig, der iPod implodierte komplett, das iPad stagnierte bzw. schrumpfte, während das iPhone kaum noch wuchs. Und doch: „What, us worry?“

Apple $600: Die Rückkehr des Wall Street-Lieblings

Acht Monate nach dem ikonischen Business Week-Cover hat Tim Cook die Antwort gegeben: Apples jüngste Quartalszahlen mit endlich wieder deutlich steigenden Gewinnen erinnerten an den Geist von Steve Jobs. Das sah auch die Börse so – und schickte die Apple-Aktie in den vergangenen zwei Wochen in der Spitze um 80 Dollar oder 16 Prozent nach oben.

600 Dollar leuchteten an der Technologiebörse Nasdaq am Montag wieder auf – ein Kursniveau, das Apple-Aktionäre seit Oktober 2012 nicht mehr gesehen hatten. Nach der Ausweitung des Aktienrückkaufprogramms und der Ankündigung eines Aktiensplits im kruden Verhältnis von 7:1 erscheint es mehr als deutlich, dass Tim Cook die alten Hochs um buchstäblich jeden Preis wieder sehen will: 100 Dollar wären die neuen 700 Dollar. Financial engineering nennt der Wall Streeter die Manöver, bei denen Carl Icahn Pate gestanden haben könnte.

iPhone 6, iWatch, mehr Aktienrückkäufe, Aktiensplit: Tim Cook geht „all in“

Befeuert durch den ausufernden Hype um das iPhone 6 spricht nun einiges dafür, dass Apple zumindest an der Börse noch einmal an die alten Glanzzeiten anknüpfen kann. Allein: Ist Apple selbst so stark wie nie zuvor? Die Beurteilung der geschäftlichen Zukunftsperspektiven erscheint weitaus nebulöser als der vermeintlich kurzfristige Börsenerfolg.

Fast scheint es, als gehe Tim Cook wie ein Pokerspieler, der alles auf eine Karte setzt, „all in“. Das überschüssige Kapital wird aktionärsfreundlich zurückgeführt und die Börse und ihre Protagonisten in Form von Carl Icahn maximal befriedigt. Am Ende des Comeback-Jahres steht dann das größte aller Feuerwerke : der mutmaßliche Doppelschlag mit dem iPhone 6 und wahrscheinlich sogar der iWatch.

Glänzende Perspektiven in den kommenden sechs bis 18 Monaten

Die Aussichten für Apple sind damit in den kommenden sechs bis 18 Monaten vermeintlich so gut wie für kaum einen anderen Konzern der Welt: Das iPhone 6 dürfte nach Jahren in Wartestellung auf ein größeres Apple-Smartphone zur Mutter aller Upgrades werden. Fällt es, nicht zuletzt befeuert durch den Hebel über China Mobile, stärker aus als in den nicht gerade berauschenden Vorjahren, könnte Apples Umsatz- als auch Gewinn-Wachstum nach zwei Jahren in der Stagnation bzw. gar im Rückwärtsgang, wieder zweistellig anziehen.

Macs und iPads? Verkauft Apple nur 2 bis 3 Millionen iPhones mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres werden Absatzrückgänge überkompensiert. Enorme 75 Prozent der Nettogewinne wurden im jüngsten Quartal durch das iPhone erwirtschaftet – mehr denn je ist Apple die iPhone-Company. Daran wird auch ein nachhaltiges Wachstum der iTunes Division und ein erfolgreiches Debüt der iWatch zunächst wenig ändern.

Das iPhone ist Apples Rohstoff – und der iKonzern von seiner Lebensversicherung so abhängig wie Russland vom Öl.

Der aufkommende Abgesang des vergangenen Jahres ist zunächst Geschichte. Das iPhone ist weiter der Goldstandard unter den Smartphones, so wie das Smartphone der Goldstandard unter den Kommunikationsgeräten ist – die aufkommende Vision einer Zukunft mit Datenbrille erscheint nach dem Google Glass-Fiasko entfernter denn je.

So glänzend die Perspektiven für Apple mit Anbruch des iPhone 6-Zyklus auch sind, so problematisch erscheint die Abhängigkeit doch von einem Produkt, das ins achte Jahr seines Lebenszyklus’ eintritt. Apple hat längst ein russisches Problem: Das iPhone ist Apples Rohstoff – und die Abhängigkeit von seiner Lebensversicherung so fatal wie für Russland vom Öl.

Die Frage nach Apples Zukunft wird nicht dieses Jahr beantwortet – und auch nicht nächstes. Um auch im Jahr 2020 weiter zweistellig zu wachsen, müsste Apple – ein neues bahnbrechendes Produkt wie die iWatch einmal außer Acht gelassen – pro Quartal 100 Millionen iPhone 9 verkaufen. Silicon Valley-Größen wie Fred Wilson glauben nicht daran.  Aber wer glaubte im vergangenen Jahr schon an ein sich noch mal beschleunigendes iPhone-Wachstum in 2014?

Wie geht es weiter bei Apple? CURVED-Chefredakteur Nils Jacobsen hat im Januar bei Springer Gabler ein Buch über die Zukunft des iKonzerns veröffentlicht – „Das Apple-Imperium“.  Jacobsen zeichnet darin den Weg zum wertvollsten Konzern aller Zeiten nach und  geht der Frage nach, ob Apple seinen Zenit überschritten hat und wie die Zukunft des iPhone-Herstellers im Jahr 2020 aussehen könnte. 


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