iPhone Xr und Galaxy S10e im Vergleich: Kontrahenten auf Augenhöhe

Mit dem Galaxy S10e hat Samsung für eine kleine Überraschung bei der diesjährigen Präsentation der neuen Premium-Smartphones gesorgt. Mit seinen 5,8 Zoll ist das S10e zwar nicht gerade "mini", aber dennoch erstaunlich kompakt – und vor allem im Vergleich zum Galaxy S10 und dem S10+ günstiger. Was liegt da näher als ein Vergleich zum iPhone Xr – Apples "günstigem" Einsteigergerät?

Die Frage nach dem besseren Gerät lässt sich kaum fair beantworten. Fans von Apple und iOS stellt sich die Frage erst gar nicht, gleichermaßen sieht es bei Samsung- und Android-Jüngern aus. Wer allerdings nicht von vornherein auf eine der Marken oder Betriebssysteme festgelegt und durchaus offen für was Neues ist, steht mitunter vor einer schweren Entscheidung. Vielleicht hilft der direkte Vergleich der beiden Geräte, die Wahl zu erleichtern.

Das Display: OLED vs. LCD

Ausgehend von der Größe müssten wir eigentlich das S10e mit dem iPhone Xs vergleichen. Beide messen 5,8 Zoll in der Diagonale. Dass wir stattdessen das größere Xr mit 6,1 Zoll zur Gegenüberstellung heranziehen, liegt vor allem am Preis. Dazu gleich mehr. Darüber hinaus teilen die beiden Geräte noch weitere Gemeinsamkeiten, die wir uns im Detail angeschaut haben.

Legt man die beiden Smartphones nebeneinander, überragt das Xr das S10e in alle Richtungen: Es misst 150,9 x 75,7 x 8,3 Millimeter gegenüber den 142,2 x 69,9 x 7,9 Millimeter des S10e. Mit 194 Gramm ist es zudem fast ein Drittel schwerer als das S10e (150 Gramm). Das Xr wirkt angesichts des kompakten S10e fast schon klobig.

Das S10e gibt Inhalte auf einem 5,8 Zoll großen AMOLED-Display mit einer Auflösung von 1080 x 2280 Pixeln wieder. Damit erreicht es eine Pixeldichte von 438 ppi. iPhone-Xr-Nutzer müssen sich bei den 6,1 Zoll mit einem LCD-Display und 828 x 1792 Pixeln zufrieden geben, das ist nicht einmal Full-HD. Und auch die Pixeldichte fällt mit 326 ppi über 100 Bildpunkte pro Zoll niedriger aus. Einzelne Pixel lassen sich aber bei beiden Geräten auch bei genauerem Hinschauen nicht ausmachen.

Während Samsung beim kleinsten S10-Modell ein Premium-Display verbaut, greift Apple beim Xr auf den kostengünstigeren LCD statt OLED zurück – da hilft auch das werbewirksame Versprechen vom sogenannten "Liquid Retina" nichts, das letztlich nicht mehr ist als Marketing.

Das AMOLED-Display überzeugt durch farbintensive, kontrastreiche und lebendigere Bilder sowie die höhere Helligkeit und intensivere Schwarzwerte. Im Gesamteindruck zieht das LCD-Display des Xr zwar den kürzeren, allerdings fallen die Unterschiede nur im direkten Vergleich auf. Für sich genommen produziert auch das Xr ansehnliche Bilder, die die Bezeichnung "Premium-Smartphone" durchaus rechtfertigen und immer noch besser aussehen als die meisten Bilder anderer LCDs.

Gerahmt werden beide Screens von unübersehbaren Rändern mit abgerundeten Ecken. Von randlos kann weder beim S10e noch beim Xr die Rede sein. Die Notch, also die Kamera-Einbuchtung, die Apple mit dem iPhone X 2017 etablierte, ist auch beim Xr Bestandteil der Designsprache. Neben der Frontkamera sind darin die Sensoren für Face ID verbaut. Samsung hat sich für die dezentere Option einer Punch-Hole-Kamera entschieden. Ein kleines "Schlagloch" ziert die rechte obere Ecke des Display, aus dem heraus die Frontkamera ihre Fotos schießt.

Auch das S10e unterstützt das Entsperren per Gesichtserkennung. Der Test ergab aber, dass sich das S10e von einem Foto des Nutzers austricksen lässt. Zudem arbeitet Face ID beim iPhone Xr schneller und präziser, selbst in dunklen Umgebungen. Beide Makel beim S10e lassen sich durch den ebenfalls vorhandenen Fingerabdrucksensor im rechten Rahmen umgehen. Dieser sitzt zwar deutlich zu hoch, regiert aber zuverlässig und gleichermaßen schnell wie Face ID. Beim Xr fehlt der Fingerabdrucksensor als alternative Entsperrmöglichkeit.

Technisch: kein Vergleich

Technisch lassen sich die Smartphones nur schwer miteinander vergleichen. Denn die nackten Zahlen der Hardware lassen sich nur bedingt auf die reale Nutzung übertragen.
In Europa verbaut Samsung seinen aktuellen Chipsatz, den Exynos 9820 mit acht Kernen, nebst sechs Gigabyte Arbeitsspeicher und 128 Gigabyte internem Speicher – andere Speichervarianten bietet Samsung hierzulande nicht an. Zumindest lassen sich die 128 Gigabyte Hauptspeicher per microSD-Karte um bis zu 512 Gigabyte erweitern.

Apple kontert mit dem A12-Bionic-Chip, ebenfalls hausgemacht, und drei Gigabyte Arbeitsspeicher. Neben einer 64-Gigabyte-Variante haben Speicherhungrige noch die Wahl zwischen 128 Gigabyte und 256 Gigabyte, jeweils nicht per Speicherkarte erweiterbar. Die Entscheidung sollte im Vorfeld also gut abgewogen und mit dem Portemonnaie abgesprochen sein. Für die kleinste Speichergröße ruft Apple 849 Euro auf, 909 Euro sind es bei 128 Gigabyte und 1019 Euro für 256 Gigabyte. Samsung bittet mit 749 Euro zur Kasse.

Edle Optik: Schick aussehen tun beide Geräte. Einen Makel haben sie beide. Die Hauptkamera steht bei beiden aus dem Gehäuse hervor.(© 2019 CURVED)

Bei keiner der drei Varianten legt Apple ein Schnellladegerät bei. Enttäuschend, denn Samsung gibt sich auch hier keine Blöße. Folglich zieht das S10e beim Ladetest problemlos am iPhone Xr vorbei. Mit den beiliegenden Netzteilen braucht das S10e gut 90 Minuten, um die 3100 mAh des Akku aufladen. Trotz geringerer Kapazität benötigt das Xr mit 173 Minuten fast doppelt so lange für die 2942 mAh. Nach einer Stunde waren 48 Prozent geladen, beim S10e hingegen 90 Prozent.

Lobenswert, Samsung legt dem S10e zwei zusätzliche Adapter bei: einen von Micro-USB auf USB-C und einen von USB-A auf USB-C. Da gibt es bei Apple mit dem proprietären Lightning-Anschluss deutlich weniger Optionen.

Staub- und wassergeschützt sind beide Telefone. Das S10e trotz Klinkenanschluss sogar nach IP68, also bis zu 30 Minuten bei maximal zu 1,5 Meter Wassertiefe. Das Xr hält Wasserdruck maximal bei einem Meter Tiefe für 30 Minuten stand (IP67). Wichtig: Der Wasserschutz greift natürlich nur bei Frischwasser; Salzwasser greift die Dichtungen sehr viel schneller an – in beiden Fällen.

Premium-Performance

Im alltäglichen Gebrauch schlagen sich beide Telefone hervorragend. Apps öffnen umgehend, Wischen auf dem Homescreen und Scrollen über längere Webseiten hinweg laufen flüssig, ruckelfrei und unmittelbar – da sitzt jede Reaktion punktgenau. Einzig bei längeren Spielrunden macht die CPU des S10e durch spürbare Wärmeentwicklung auf sich aufmerksam. Das iPhone Xr hingegen behält auch über mehrere Stunden "PUBG" am Stück eine kühle Oberfläche.

Apropos mehrere Stunden: Sowohl das Xr als auch das S10e liefern mit ihren Akkus genügend Energie, um bei normaler Nutzung einen ganzen Tag durchzuhalten. Würdet ihr das Gerät ununterbrochen nutzen, wäre in beiden Fällen nach gut zehn Stunden Schluss, bei intensivem Spielen sind es, je nach Spiel, drei bis vier. Für längere Film- und Serienabende sind beide Batterien ausgelegt, sofern ihr die Helligkeit und Lautstärke jeweils in der Mitte austariert. Dann ist auch die "Herr der Ringe"-Trilogie im Extended Cut problemlos am Stück machbar – zumindest für das Smartphone. Insgesamt ist der Unterschied zwischen den Geräten marginal und bewegt sich lediglich im Minutenbereich. Die Laufzeit ist bei beiden gut, das Xr nutzt mit seinem kleineren Akku die Energie aber effizienter.

Der größte Unterschied: die Software

Bei der Wahl des eigenen Favoriten ist die auf ihr laufenden Software oft wichtiger als die Hardware. Samsung stattet das S10e mit aktuellem Android 9 Pie aus. Darüber legt der Hersteller seine eigene Benutzeroberfläche One UI, die ein paar Änderungen an Googles Betriebssystem mit sich bringt.

iPhone-Xr-Nutzer bekommen das volle Apple-Paket. Auf dem Xr läuft iOS in der neuesten Version – mit der langfristigen Aussicht auf regelmäßige und sofort verfügbare Updates.
S10e-Nutzer müssen aufgrund der Anpassungen seitens Samsung mehr Geduld bei Updates mitbringen. Überhaupt ist das Thema “Updates” bei Android ein kompliziertes Unterfangen. Mitunter dauert es mehrere Monate, bis Smartphone-Hersteller auf die neueste Version aktualisieren, das ist angesichts des anfälligeren Betriebssystems ein deutlicher Malus.

Ansonsten nehmen sich beide Betriebssysteme nichts in ihrem Bedienkomfort und ihrem Umfang. Persönlich bevorzuge ich iOS, weil es sich einen Hauch runder und vollendeter anfühlt. Klar, Apple hat hier den Vorteil, Hard- und Software in Einklang zu entwickeln und beides perfekt aufeinander abzustimmen – Apple hat sein Ökosystem über Jahre hinweg optimiert. Deshalb spielen zum Beispiel auch die drei Gigabyte weniger Arbeitsspeicher unter realen Bedingungen keine Rolle.

Samsung muss sich beim Betriebssystem mit den Vorgaben Googles zufrieden geben und entsprechend nachjustieren. Gleichwohl bietet auch das S10e ein rundes, sauberes und reaktionsfreudiges Nutzererlebnis.

Die Kamera: Sind zwei doppelt so gut?

Apple spendiert dem iPhone Xr eine einzelne Hauptkamera. Das schießt Fotos mit zwölf Megapixel und einer f/1.8-Blende und optischem Bildstabilisator. Videos nimmt die Hauptkamera mit bis zu 2160p bei 60 Bildern pro Sekunde auf. Zeitlupenaufnahmen sind mit bis 240 Bildern pro Sekunde bei 1080p möglich.

Das S10e beherbergt zwei Objektive: eine 12-MP-Linse mit variabler Blende (f/1.5-2.4) und eine 16-MP-Linse mit f/2.2-Blende und Ultraweitwinkel mit 123 Grad Sichtfeld. Eine Telelinse für optischen Zoom sucht man in beiden Fällen vergebens.

Dafür sei gesagt, dass ihr – egal, für welches Gerät ihr euch entscheidet – in jedem Fall überdurchschnittlich gutes Fotos schießt – zumindest aus technischer Sicht. Ein klarer Favorit lässt sich hier nicht ausmachen, beide Kameras haben ihre Stärken und Schwächen. Das iPhone Xr punktet mit insgesamt natürlich wirkenderen Farben. Dafür unterstützt euch die intelligente Kamera-KI des S10e bei optimalen Aufnahmen – meint es in manchen Fällen aber zu gut mit der Farbsättigung. Bei beiden Geräten müsst ihr auf einen dezidierten Nachtmodus verzichten (wie ihn etwa das Google Pixel 3 bietet), das Xr liefert hier dennoch die besseren Ergebnisse. Zumal euch das S10e bei Dunkelheit eine wirklich ruhige und geduldige Hand abverlangt. Da verwackelt gerne mal das erste Foto. Dennoch leisten bei Kameras mehr als überzeugende Arbeit.

Entscheiden kann Samsung das Rennen für sich bei der Kamera-Software. Wer beim Fotografieren nach kreativem Spielraum verlangt, dürfte mit der nativen Kamera-App des iPhone Xr nämlich nicht glücklich werden. Manuelle Einstellungen sind nahezu nicht vorhanden, wer darauf besteht, muss zwangsläufig auf Apps von Drittanbietern zurückgreifen. Samsungs App hingegen lässt bei den Einstellungen eigentlich keinen Platz für Kritik.

Fazit

Sowohl Samsung mit dem Galaxy S10e als auch Apple mit dem iPhone Xr bieten zwei vollwertige und technisch beeindruckende High-End-Smartphones an. Das belegen nicht nur die jeweiligen Einzeltests der Geräte, sondern auch der Vergleich, in dem die beiden Geräte nahezu gleichziehen. Vor- und Nachteile finden sich auf beiden Seiten. Am Ende entscheiden die Vorlieben für das Design, das Betriebssystem und der Geldbeutel.

Denn machen wir uns nichts vor: Einsteigerfreundlich sind die Preise auch weiterhin nicht, sondern zählen ganz klar weiterhin zum Premium-Segment. Wer sich etwas gedulden kann, behält das S10e im Auge, denn üblicherweise fallen bei Samsung die Preise bereits nach wenigen Wochen. Apple hingegen bleibt auch Monate nach Release preisstabil, das Xr kostet ein halbes Jahr nach Erscheinen noch so viel wie zum Start. Dafür bekommt ihr bei Apple die Verlässlichkeit der Updates und das insgesamt rundere Betriebssystem mit dem Hauch mehr Präzision.


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