Ist das Silicon Valley die neue Wall Street?

San Francisco Bay Bridge
San Francisco Bay Bridge(© 2014 CC: Flickr/jitze)

Wall Street-Banker zieht es in Hoffnung auf mehr Lebensqualität in den Westen. Dafür nehmen sie auch große Gehaltskürzungen in Kauf. Aber hat das Silicon Valley das Potenzial, der neue Finanz-Hub zu werden?

Die Nerds bleiben hier

Jered Kenna saß erschöpft auf seiner Couch, als ich ihn im Mai vergangenen Jahres in seinem Büro mit Blick auf die San Francisco Bay Bridge zum Interview traf. Das Schlafdefizit stand dem Jungunternehmer in den Augen. Die Business Week bezeichnete ihn ein Monat zuvor als Mitglied des "Bitcoin Millionaire Clubs". Die virtuelle Währung erhielt gerade Aufmerksamkeit von Mainstream-Medien. Mit seinem Startup, das Bitcoin-Handelsportal Tradehill, verwaltete er die Bitcoin-Portfolios der Reichsten des Silicon Valleys. Wer Kunde von Tradehill werden wollte, musste einen Background-Check bestehen. Das Klientel: "Vermögende Venture Capitalists", das durchschnittliche Investment: 200.000 US-Dollar.

"Wird San Francisco die Wall Street des Westens?", fragte ich den Bitcoin-Millionär. Immerhin hatte sich die Stadt innerhalb weniger Monate zur Metropole der virtuellen Währungen entwickelt. "Die Nerds bleiben hier, die Jungs in Anzügen werden weiterhin das Geld in New York herumschieben", prognostizierte Kenna. Vielmehr glaubte er, dass Finanzservices, die im Silicon Valley entstehen, früher oder später nach New York ziehen werden.

Lebensqualität lockt junge Banker

Damit lag der Tradehill-CEO falsch. Die Bitcoin-Community fängt zu Bröckeln an. Geldwäsche-Skandale, Verhaftungen und Sicherheitslücken machen der virtuellen Währung zu schaffen. Die Jungs in Anzügen zieht es trotzdem in den Westen, allerdings aus einem anderen Grund.

"Die Jungs in Anzügen zieht es in den Westen."

Kevin Roose, Autor für das New York Magazine, hat für sein neues Buch "Young Money" junge Vertreter der Wall Street begleitet. Bei seinen Recherchen bemerkte er, wie sehr sich die Banker für das Silicon Valley interessieren. Sie hoffen auf eine bessere Work-Life-Balance, die sie hier meist auch finden. Aber die hat ihren Preis: Für einen Berufswechsel nehmen die Ex-Banker Gehaltskürzungen in Kauf. Dafür locken mehr Freizeit und angenehmes Klima. Weitere Gründe für den Umzug in die San Francisco Bay Area sind der gute Arbeitsmarkt und nicht zuletzt die Risikobereitschaft der Wall Street-Arbeiter.

Wirtschaftsabsolventen bevorzugen Technologie-Sektor

Die Tech-Riesen nehmen die Banker mit offenen Armen auf. Denn je mehr sich die Branche professionalisiert und VCs einsteigen, umso mehr steigt der Bedarf an Fachkräften, die mit Geld umgehen können.

Nicht nur das New Yorker Finanzmekka, sondern die Finanzindustrie allgemein hat bei Berufsteinsteigern Attraktivität verloren. Wie das Wall Street Journal im November berichtete, nahm fast jeder fünfte Absolovent der Elite-Uni Harvard einen Job im Tech-Sektor an. Die Zahl jener, die einen Job im Finanzwesen annehmen, lag 2013 bei 27 Prozent. Im Vorjahr waren es noch 35 Prozent. Ein ähnliches Bild zeichnet sich an der Business-Uni Stanford ab, wo vergangenes Jahr erstmals mehr Absolventen in die Tech-Branche als in die Finanzbranche einstiegen.

Jered Kenna musste übrigens seine Bitcoin-Plattform Tradehill schließen. Regulierungen machten ihm das Geschäft schwer. Mittlerweile moderiert er die Web-Show "Money and Tech" - und verbindet damit zwei Welten, die immer mehr voneinander abhängig sind.


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