Jahresrückblick Microsoft: Ein unerwartetes Comeback

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Microsoft ist wieder in:  Dem Redmonder Softwareriesen gelang das Tech-Comeback des Jahres
Microsoft ist wieder in: Dem Redmonder Softwareriesen gelang das Tech-Comeback des Jahres (© 2014 CURVED)

Damit hätte wohl zu Jahresbeginn kaum einer gerechnet: Nicht Google, sondern IT-Pionier Microsoft konnte sich 2014 wieder auf den zweiten Platz der Techbranche schieben. Maßgeblichen Anteil hat daran der neue Vorstandschef Satya Nadella, der an der Wall Street jede Menge Begeisterung entfachte.

Abschiede sind selten fair. Als Steve Ballmer im Februar schließlich ein halbes Jahr nach seiner Ankündigung den Hut nahm, wirkten Microsoft-Aktionäre wie befreit: Ein Ballast schien abzufallen.

Dass Ballmer Microsoft über Jahre Rekordgewinne beschert hatte – egal, der bärbeißige Studienfreund von Bill Gates wirkte wie ein Relikt vergangener Tage: rückwärtsgewandt und ohne die nötige Energie für eine Grunderneuerung, um mit  Erzrivale Apple und dem Internet-Platzhirsch Google mithalten zu können.

Statt ein aufstrebendes Internet-Start-up wie Instagram oder WhatsApp übernahm Microsoft unter Ballmer 2013 den kriselnden Handyriesen Nokia. Wie die zu Bloomberg gehörende Businessweek enthüllte, setzte Ballmer die Akquisition gegen den Willen des Aufsichtsrats durch - und besiegelte damit sein Schicksal. Die Übernahme ging bekanntermaßen für 7,2 Milliarden Dollar durch, doch Ballmers Abgang wurde gleichfalls forciert.

"Nadella räumt Ballmers Schrott weg"

Er erfolgte nach halbjähriger Suche im Februar dann mit der Übergabe an den neuen Überraschungs-CEO Satya Nadella. Der 47-jährige Nachfolger mit 22 Jahren Erfahrung bei Microsoft machte keinen Hehl daraus, was er von der Nokia-Integration hielt – er bewertete sie offenkundig als Fehler.

Entsprechend trennte sich Microsoft im Jahresverlauf in einem historischen Schritt von 18.000 Beschäftigten – mit mehr als zwei Dritteln auf Seiten des finnischen Handyherstellers. Die noch auf dem Mobile World Congress vorgestellten Android-Smartphones Nokia X, X+ und XL kassierte Nadella auch schnell ein. „Nadella räumt Ballmers Schrott weg“, kommentierte der Business Insider gewohnt bissig die Zeitenwende.

Microsoft verdient doppelt so gut wie Google...

Doch der 47-Jährige muss mehr als nur Aufräumarbeiten leisten: Microsoft hat bei seinen Cash Cows Windows und Office die Wachstumsgrenze erreicht und muss sich nach 14 langen Jahren unter Steve Ballmer grundlegend neu erfinden.

Nicht mal ein Jahr nach Übernahme der Amtsgeschäfte steht Nadella Ende 2014 nun wie der Heilsbringer da: Die Geschäfte brummen beim IT-Dino aus Redmond. Im abgelaufenen dritten Kalenderquartal konnte Microsoft seine Umsätze um üppige 25 Prozent auf 23,2 Milliarden Dollar steigern  – Analysten hatten lediglich mit Erlösen von 22 Milliarden Dollar gerechnet. Der Konzerngewinn ist mit 5,8 Milliarden Dollar rund doppelt so hoch wie Googles.

...und ist an der Börse wieder mehr wert

Tatsächlich vollzog sich die kaum mehr für möglich gehaltene Wachablösung an der Wall Street zwischen dem Software- und dem Internetriesen dann auch in den vergangenen Monaten: Seit Oktober ist Microsoft an der Börse wieder mehr wert als Google.

Und tatsächlich ist der vor Jahren noch als Techkonzern des 20. Jahrhunderts abgeschriebene Software-Riese plötzlich wieder so wertvoll wie seit Anfang 2000 nicht mehr!

Bei in der Spitze 50 Dollar notiert die Microsoft-Aktie im November nicht nur auf dem höchsten Stand seit 14 Jahren, sondern katapultierte den Windows-Hersteller wieder in Sphären, die Altaktionäre wohl einst schon für immer abgeschrieben hatten: Der Redmonder Software-Riese war plötzlich wieder über 400 Milliarden Dollar wert! Was treibt nun Microsoft unerwartetes Comeback? Es ist ein Comeback in sechs Akten:

Office für iPad und iPhone

Knapp vier Jahre nach dem Launch des iPad öffnete Microsoft sein Office-Paket 2014 doch noch für das Apple-Tablet. Die Office-Software steht seit dem Frühjahr im App Store bereit und wurde als Freemium-Modell angeboten. Dokumente konnten gelesen, aber nicht bearbeitet werden.

Im Herbst ging Microsoft noch einen Schritt weiter: Die Office Suite für iPhone und iPad wurde kostenlos, ohne dass dafür ein Office-365-Abo notwendig ist. Microsoft bietet Word, Excel und PowerPoint nun als Universal-Apps an.

Überraschende Kooperationen wie mit Dropbox

iPhone- und iPad-Nutzern von Office 365 dürfte es gleich aufgefallen sein: Der Zugriff auf Dokumente, die im beliebten Cloud-Speicherdienst Dropbox liegen, ist nun ebenfalls möglich.

Während Nutzer einer Office-App in Zukunft dank direkter Einbettung ohne Umwege auf ihren Dropbox-Ordner zugreifen dürfen, verweist Dropbox Nutzer beim Öffnen von Office-Dokumenten innerhalb der Cloud direkt auf den Download von Microsofts Büro-Software. Kurz: Auf Microsoft arbeiten und auf Dropbox speichern – das klappt ab sofort lückenlos.

Windows 10

Es war ein echter Überraschungscoup zum Ende des dritten Quartals: Microsoft überspringt Windows 9 und stellte auf einem eilig einberufenen Event in San Francisco seine kommende Betriebssystem-Generation direkt mit Windows 10 als große, gemeinsame Plattform für PCs, Tablets, Smartphones und das Internet of Things vor.

"Eine Produktfamilie. Eine Plattform. Ein Store“, lautet die Devise, unter der Microsoft seine Cash Cow im kommenden Jahr so radikal wie nie verändert. Natürlich wird Windows 10 auf einem PC sich von dem auf einem Smartphone unterscheiden, welches wiederum anders aussehen wird als auf einer Xbox One-Spielkonsole – trotz jeweils an die Hardware angepasster Oberflächen will Microsoft eine universelle Plattform über alle Geräte hinweg etablieren. Dazu sollen vor allem die Universal-Apps des gemeinsamen Stores mit übergreifenden Updates ihren Beitrag leisten.

• Hardware-Lösungen aus einem Guss mit Smartphones und Tablets

So viel kritisiert die Nokia-Übernahme war, die das Schicksal des langjährigen CEOs Steve Ballmer besiegelte, weil sie gegen den Willen des Aufsichtsrats und ohne die Rückendeckung von Bill Gates erfolgte – so erkennbar ist doch der Erfolg der Schnellintegration. Endlich verfügt der Software-Riese auch über die notwendige Hardware, um nach Apples All-in-one-Prinzip Soft- und Hardwarelösungen aus einem Guss anbieten zu können.

Tatsächlich trägt die Integration der Smartphone-Sparte, die seit zwei Wochen ohne Nokia-Logo firmiert, inzwischen beachtliche Früchte: Wie aus der im Oktober veröffentlichten Geschäftsbilanz für das erste Quartal des Fiskaljahres 2015 hervorgeht, konnte Microsoft im abgelaufenen Dreimonatszeitraum immerhin schon 9,3 Millionen Lumia-Geräte absetzen.

Der Lumia-Absatz hat somit im Vergleich zum gleichen Zeitraum im letzten Jahr um knapp sechs Prozent zugelegt und den bisherigen Rekord gebrochen: Im ersten Quartal 2014 waren es noch 8,8 Millionen verkaufte Einheiten. Die Handysparte von Nokia, die nach der im April vollzogenen Übernahme erstmals in die Bilanz mit einfloss, hat damit allein 2,6 Milliarden Dollar zu den Erlösen beigesteuert.

Noch auf einem kleineren Niveau, aber dafür mit weitaus explosiverem Wachstum entwickelt sich die Tablet-Unit: Microsoft setzte im abgelaufenen Quartal mit seinem Surface nunmehr immerhin schon 908 Millionen Dollar um. Die Konzern-Unit legte damit im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gleichwohl schon um enorme 127 Prozent zu.

• Mutige Milliarden-Übernahmen wie vom Minecraft-Entwickler Mojang

Cash-Reserven in Höhe von knapp 100 Milliarden Dollar hortet Microsoft inzwischen – die nach Apple mit Abstand größten Barmittel. Dass Satya Nadella keine Probleme damit hat, auch mal ein paar Milliarden Dollar in die Hand zu nehmen, wenn es darum geht, in die Zukunft zu investieren, dokumentiert die im September angekündigte Übernahme des schwedischen Spiele-Entwicklers Mojang.

Der Anbieter des Megahits Minecraft wurde Anfang November offiziell für 2,5 Milliarden Dollar von Microsoft übernommen. Minecraft hat bisher 100 Millionen Spieler angezogen und ist eine der Top-Bezahl-Apps sowohl auf Android als auch auf iOS. Seit dem Start vor fünf Jahren wurden bisher 54 Millionen Exemplare verkauft.

• Blitzstart mit Microsoft Band

Es war der Überraschungscoup zum Abschluss des Jahres : Microsoft launchte ohne erkennbare Vorboten den Fitness-Tracker Microsoft Band. Mit dem Smartband geben sich die Redmonder ungewohnt offenherzig: Das Microsoft Band lässt auch iOS- und Android-Smartphones ran – und das wohl mindestens vier bis fünf Monate, bevor der große Rivale aus Cupertino seine mit Spannung erwartet Apple Watch ins Rennen schickt.

Dank des kurzfristig angekündigten Launches kam es in den USA in dieser Woche vor Geschäften des Unternehmens zu Szenen wie man sie bisher nur bei einem iPhone-Launch kannte. Der Ansturm auf das 199 Dollar teure Band war zum Start tatsächlich so groß, dass es schnell ausverkauft war.

Kampf um Platz zwei der Börsenwelt

Keine Frage: Microsoft hat das beste Jahr seit dem Millenniumswechsel hinter sich und scheint so gut für die Zukunft gerüstet wie seit vielen Jahren nicht mehr.  Die Konzernsäulen Windows und Office verbuchen auch nach Jahrzehnten trotz der Kostenlos-Konkurrenz in Form von Google Docs und Chrome OS  immer noch solide Zuwächse und fahren Milliarden-Gewinne ein, die durch das boomende Cloud-Geschäft weiter wachsen. Dazu kommt die ebenfalls deutlich wachsende Xbox-Sparte und nun die Joker im Smartphone- und Tablet-Bereich.

Aktionäre goutierten die Runderneuerung mit einem satten Kursplus von 28 Prozent auf zuletzt 48 Dollar, durch das Microsoft nicht nur wieder zum ersten Apple-Herausforderer in der Techbranche avancierte – der Office-Anbieter ist auch in unmittelbarer Schlagdistanz zum zweitwertvollsten Konzern der Welt. Der Bruchteil eines Prozents trennt den 39 Jahre alten Tech-Dino von der aktuellen Nummer zwei der Wall Street, dem Öl-Multi Exxon – ein spannendes Finish bis zum letzten Handelstag am Mittwoch um den zweiten Platz der Börsenwelt ist garantiert.


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