„Jede Technologie braucht jemand, der sie anführt“

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"Microsoft hat viele Asse im Ärmel": Stephen Elop auf dem MWC 2014
"Microsoft hat viele Asse im Ärmel": Stephen Elop auf dem MWC 2014(© 2014 Nokia)

 Im Wettbewerb der mobilen Betriebssysteme hat Microsoft lange Zeit den Kürzeren gezogen. Das soll sich nach der Übernahme von Nokia und der Rückkehr von Stephen Elop ändern. Der ehemalige Nokia-Chef macht klare Ansagen Richtung Google und Apple und sieht sich mit CEO Satya Nadella als Architekt eines neuen Microsoft.

Anfang April hat Microsoft im Rahmen der Entwicklerkonferenz Build in San Francisco den Kurs für die Zukunft des Unternehmens festgelegt. Eine Schlüsselrolle übernimmt mehr denn je die mobile Sparte. Keine Rede mehr davon, dass man eigentlich den Zug verpasst und der scheidende CEO Steve Ballmer einst Apples iPhone verlacht hatte. Heute weiß man, dass das Smartphone die einzige Produktgruppe im Wettbewerb ist, auf die es wirklich ankommt.

Die immense Bedeutung dieser Strategie unterstreicht eine der Personalentscheidungen, die der neue Microsoft CEO Satya Nadella im Vorfeld der Konferenz bekannt gab. Stephen Elop wird das Kommando in dieser entscheidenden Schlacht um Marktanteile übernehmen. Noch vor einem Jahr saß Elop an der Spitze von Nokia. Als im September 2013 bekannt wurde, dass Microsoft den finnischen Mobiltelefonhersteller übernehmen wird, war Elop kurze Zeit als Nachfolger für Ballmer im Gespräch. Nun ist klar, dass er Leiter der Abteilung „Devices and Services“ wird. Seinen neuen Job als Executive Vice President übernimmt Elop allerdings erst nach Abschluss der Transaktion Ende April.

Die neue Position dürfte für den 50-Jährigen eine noch größere Aufgabe darstellen als seine Führungsrolle bei Nokia. Es ist genaugenommen die Fortsetzung dessen, was der Kanadier 2008 in Redmond begonnen hat. Damals war Elop Präsident von Microsofts Geschäftskunden-Abteilung und damit als Teil des höchsten Managements an der allgemeinen Strategiefindung von Microsoft beteiligt. 2010 wechselte er dann zum finnischen Telekommunikationsdienstleister, begleitet von den besten Wünschen des Microsoft CEO. Ballmer sagte, er hoffe auf eine weitere gute Zusammenarbeit in Elops neuer Rolle als Nokia-Chef.

Im Februar 2011 gaben die beiden Unternehmen ihre enge Partnerschaft bekannt.

Der Weg bis zur Übernahme

Ein halbes Jahr zuvor hatte Apple das iPhone 4 präsentiert. Die Kalifornier hatten nach eigenen Angaben in den ersten drei Tagen 1,7 Millionen Exemplare des Geräts mit Retina-Display verkauft. Der Verkaufsstart musste auf Grund der hohen Nachfrage von über 600.000 Vorbestellungen innerhalb der ersten 24 Stunden zunächst verschoben werden. Nun bereitete Cupertino den Launch der zweiten Generation des iPads vor.

Bei Google lag die Smartphone-Premiere mit der Nexus-Reihe gerade ein Jahr zurück, während Nokia, das von 1998 bis 2011 durchgehend weltgrößter Mobiltelefonhersteller war, zu wanken begann. Im ersten Quartal 2012 wurden die Finnen dann von Samsung mit einem geschätzten Marktanteil von 25,4 Prozent abgelöst; Nokia hatte noch 22,5 Prozent und Apple 9,5 Prozent. Der Marktanteil sank damit seit 2008 um mehr als ein Drittel.

Auch Microsoft blieb von den Umwälzungen auf dem Technik-Markt nicht unberührt. Zwar konnten die Redmonder 2009 bis 2011 noch steigende Umsätze und Gewinne verzeichnen, aber nicht verhindern, dass man den Titel „wertvollstes Unternehmen aller Zeiten“ am 20. August 2012 an Apple verlor. Die Apple-Aktie stieg an diesem Tag an der Wall Street in New York zeitweise auf einen Rekordkurs von mehr als 664 Dollar. Damit erhöhte sich der Börsenwert des Unternehmens auf rund 622 Milliarden Dollar. Die bisherige Höchstmarke hatte Microsoft Ende 1999 aufgestellt, als der US-Konzern während der Boomjahre der New Economy zeitweise mit rund 620 Milliarden Dollar bewertet worden war.

Ballmer und Co. hatten das Problem erkannt: Zwar sind das Betriebssystem Windows und die Bürosoftware Office immer noch die wichtigsten Geldbringer des Konzerns, aber inzwischen werden immer weniger PCs verkauft, weil die Nutzer lieber zu Smartphones und Tablets greifen.

Mit der Verkündung der engen Partnerschaft zu Nokia Anfang 2011 nährte man bereits die Spekulationen um eine bevorstehende Übernahme. Ein wichtiger Zwischenschritt folgte im Oktober 2011, als Nokia auf seiner Hausmesse Nokia World in London mit dem Lumia 800 das erste Smartphone mit Windows Phone 7.5 vorstellte. Die verbesserten Verkaufszahlen im Vergleich zu den anderen Nokia-Smartphones markierten einen Achtungserfolg, das schwächelnde Mobilfunkgeschäft der Finnen insgesamt konnte die Innovation aber nicht auffrischen. Nokia geriet 2012 in finanzielle Schieflage mit der Folge von Massenentlassungen und Werksschließungen unter anderem in Finnland, Deutschland und Kanada. Der Kurz der Aktie fiel auf das niedrigste Niveau seit 1996.

Nun begann Elop Schritt für Schritt das Mobilfunkgeschäft von Nokia abzukoppeln. Er rief bei den Finnen das Ziel aus, zum führenden Anbieter von Geodiensten zu werden. So stellte Nokia im Rahmen der Partnerschaft mit Microsoft die Kartendienste auf Geräten mit Windows Phone. Hinzu kamen Deals mit Groupon, Amazon und Oracle. Es galt, den nach einer Übernahme verbleibenden Unternehmensteilen HERE (Karten und Navigation) sowie NSN (Nokia Solutions and Networks) die Chance für eine Neuaufstellung zu öffnen.

Am 3. September 2013 machten Ballmer und Elop dann die Übernahme offiziell. Für 5,44 Milliarden Euro ging die Mobilfunksparte an Microsoft, Stephen Elop inklusive. Microsoft zahle 3,79 Milliarden Euro für das Geschäft mit Geräten und Diensten und gebe weitere 1,65 Milliarden Euro für Patentlizenzen aus, hieß es. In einem gemeinsamen Brief schrieben Ballmer und Elop, man wolle „das Beste von Microsoft und das Beste von Nokia vereinen“.

Der Neuanfang

Elops Rückkehr zu Microsoft soll nun die Wende in einem Markt herbeiführen, der bislang von Apple und Google dominiert wird. Vor seinen Jobs bei Nokia und Microsoft war der studierte Computertechniker unter anderem in Führungspositionen bei Adobe und Juniper Networks beschäftigt. Als erster Nicht-Finne hatte es der Kanadier auf den Chefsessel bei Nokia geschafft. Die wirtschaftliche Lage des Unternehmens brachte ihm aber auch regelmäßig Platzierungen auf den Listen der „schlechtesten CEOs“ von Daily Finance, CNBC and Wealth Wire ein. In seiner Freizeit ist Elop als begeisterter Hobbypilot bekannt. Das Scheidungsverfahren mit seiner Frau Nancy – die beiden haben fünf Kinder – gab Elop als Grund an, trotz öffentlicher Kritik nicht auf sein knapp 19 Millionen Euro schweres Vergütungspaket von Nokia verzichten zu wollen.

Seit seinem Weggang von Microsoft hat sich in dem Unternehmen viel geändert. Die Konzernstruktur wurde den Produktfeldern angepasst: Operating System, Apps, Cloud and Devices. Statt Steve Ballmer steht nun Satya Nadella an der Spitze, und mit dem Desktop- und Tablet-Betriebssystem Windows 8, der ersten hauseigenen Computerreihe Surface, der Spielekonsole Xbox One mit dem Bewegungssensor Kinect sowie der Cloud-Anwendung Office 365 hat man sich für den Weg in die Zukunft gerüstet. Elop steht mit Windows Phone die derzeit am schnellsten wachsende mobile Plattform zur Verfügung. Nach einer aktuellen Prognose des Marktforschungsunternehmens IDC soll der Marktanteil von derzeit 3,9 Prozent auf 7 Prozent 2018 steigen, während iOS (derzeit 14,9 %) und Android (78,9 %) auf hohem Niveau jeweils rund 0,3 Prozent verlieren. Dennoch wittert Elop Morgenluft. Er sei voller Vorfreude und werde dieses Ziel ohne Rücksicht verfolgen, sagte er im Gespräch mit curved.de.

Der Kampf um Marktanteile und Zielgruppen

Man nehme beispielsweise die Umsetzung von Microsoft Office für Apples iPad: „Wir haben das klar zum Nutzen von Microsoft gemacht“, erklärt Elop. „Denn wer Office auf dem iPad nutzt, wird möglicherweise auch Skype verwenden. In gewisser Weise macht es sich für uns bezahlt, auf dem iPad – auch wenn es seltsam klingt – als Parasit unterwegs zu sein. Wir kommunizieren mit den Nutzern auf dem iPad, um sie für Microsoft zu gewinnen.“

Microsoft nistet sich ist aber nicht nur als „Parasit“ auf Apple-Geräten ein. Umgekehrt holt man sich über Nokias neue X-Serie Google ins Haus. Die drei auf dem Mobile World Congress in Barcelona im März vorgestellten Modelle laufen mit einem angepassten Android-System. Es gibt nicht wenige, die meinen, hätte Nokia statt auf Windows Phone schon früher auf Android gesetzt, wäre der ehemalige Weltmarktführer bestimmt noch unter den Top drei der Smartphone-Hersteller.

Diese neue Offenheit bringt Elop aber auch Kritik aus den eigenen Reihen ein. Joe Belfiore, Leiter der Software-Abteilung, hat aus seiner Ablehnung zu dem Deal mit Google vor der Presse in Barcelona keinen Hehl gemacht: „Es gibt einige Dinge, die wir toll finden, andere weniger.“ Elop lassen solche Sticheleien kalt: „Es ist nicht unsere Absicht, Windows auf einem 15-Dollar-Gerät zu installieren, noch nicht.“ Elop hat erkannt, dass Apple und Google den Kuchen im mobilen Segment unter sich verteilt haben. Wer Marktanteile gewinnen und neue Zielgruppen gewinnen will, muss offen sein und Deals eingehen, etwa als Software-Lieferant für iOS oder als Hardware-Partner für Android.

Elop als Wegbereiter für ein neues Microsoft

„Microsoft hat viele Asse im Ärmel“, erklärt uns Elop. „Fragen Sie mal den Leiter des Skype-Teams. Der könnte Ihnen sagen, dass dort draußen 100 Millionen potenzieller Kunden unter den Menschen sind, zu denen Microsoft bisher nie Kontakt hatte, und die plötzlich ein Microsoft-Konto anlegen dank eines billigeren Android-Gerätes.” Elop beschwört die erweiterte Perspektive – den vollständigen Blick auf das Unternehmen Microsoft, das mit der Übernahme von Skype und Nokia strategisch wichtige Eckpfeiler gesetzt hat. „Das kann uns sehr große Chancen eröffnen.“

Auch wenn Belfiore offenbar wenig begeistert ist, räumt er ein, dass das Microsoft-Android-Hybrid-Modell „ein Experiment ist, dass Beobachtung verdient“. Seine Strategie sei es nun mal, Windows Phone erfolgreich zu machen. Man gewinnt den Eindruck, dass das Nokia X/Android-Projekt für ihn daher nur ein Experiment von kurzer Dauer ist, aus dem man aber eine Menge lernen kann. „Ich weiß nicht, wie sich das entwickeln wird“, sagt Belfiore. „Natürlich ist es prima, dass sich nun alle mit Services wie OneDrive verbinden. Wir werden herausfinden, was uns am Ende weiterbringt.“ Sobald die Nokia-Übernahme abgeschlossen ist, werde man diese Daten in Ruhe auswerten, so Belfiore.

Elop sieht sich indes in der Rolle des Wegbereiters. In seinen Augen öffnen sich durch die konsequente Integration von Microsoft-Software auf der einen und Hardware von Nokia auf der anderen Seite ganz ähnliche Möglichkeiten. Zwar sorge der Preisdruck dafür, dass der Mobilfunkmarkt im Billigsegment zusammenrückt, „im Zusammenspiel mit Microsoft hat Nokia aber eine andere Mission, nämlich neue Märkte erschließen und den Weg für andere Hersteller bereiten“, so Elop.

„Im besten Fall kommen weitere Hersteller hinzu“

„Jede Technologie braucht jemand, der sie anführt. Neue Experimente, Innovationen, jemand muss investieren“, sagt Elop. „Zusammen werden Microsoft und Nokia aus diesem Investment mehr herausholen, im besten Fall kommen weitere Hersteller hinzu.“ Aus jedem seiner Worte spricht uneingeschränkte Begeisterung für die Produkte von Microsoft, und Nokia ist sein Türöffner zu neuen Märkten. Ihm sei aber klar, dass es keine leichte Aufgabe wird, auch anderen Herstellern den vollen Zugang zu Microsoft sicherzustellen.

Was Elop meint, sind die über Jahre aufgebauten Bürokratiehürden, die den IT-Dinosaurier immer wieder hemmen. Legendär ist zum Beispiel die Kritik des ehemaligen Microsoft-Managers Dick Brass, der 2010 in der New York Times die Strukturen in Redmond anprangerte: „Im Gegensatz zu anderen Firmen hat Microsoft niemals ein Innovationssystem entwickelt.“ Es habe vielleicht sogar eine innovationsfeindliche Atmosphäre geherrscht. Obwohl Microsoft eines der größten und besten Software-Labore der Welt hat und nicht nur einen, sondern gleich drei Cheftechniker, schaffe es das Unternehmen routinemäßig, visionäre Denker in ihren Bemühungen zu frustrieren. Angeblich wurden Brass’ Bemühungen um einen Tablet PC im Jahr 2001 von Managern torpediert, die Weiterentwicklung durch innerbetriebliche „Sabotage“ behindert. In so einem Unternehmen etwas Neues zu schaffen, mache keinen Spaß, resümierte Brass.

Wer Elop zuhört, bekommt die Vision von einem anderen Microsoft. Einem Unternehmen, dass aus seiner Vergangenheit gelernt hat und in Zukunft spannungsärmer, reibungsloser und einfach zugänglicher werden soll. Ein Beispiel: „Heute, vor Abschluss der Übernahme, sprechen wir noch von dem ‚Nokia 1520 mit Windows Phone 8.1’“, sagt Elop. „Das heißt so, weil sich jeder in dem Produkt wiederfinden muss. Das können wir vereinfachen. Ich garantiere Ihnen, dass wir in Zukunft mit weniger Worten und auch weniger Ziffern auskommen werden.“ Es ist klar, woher der Wind weht: iPhone 5s, iPad Air, Nexus 5 – die Konkurrenz spricht eine klare Sprache und der Erfolg ist auf ihrer Seite, noch.

„Bei Smartphones ist nicht Schluss“

Wo frühere Geschäftseinheiten sich noch mit ihren Kollegen Grabenkämpfe geliefert haben, präsentiert er eine Version von einer offeneren Gesellschaft, die im Einklang mit Satya Nadellas einzigen Mission steht: Das Unternehmen als ganzes in die Zukunft führen. Selbst der neue Sprachassistent, genannt Cortana, steht von Beginn an den Entwicklern zur Verwendung in den eigenen Apps offen. Auch dahinter steckt die Idee einer ganzheitlichen Betrachtung, für Elop der Schlüssel der mobilen Technologie.

Smartphones sind aber nur ein Teil der Strategie und bei Weitem nicht das Ende. „Mobilität wird durch eine Menge Dinge definiert“, frohlockt Elop. „Wearables gehören dazu. Und auch Automobile.“


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