Kommentar: Wir haben zu hohe Erwartungen an Apple

Ich gucke mir seit Jahren die Apple Keynotes an und verfolge die Entwicklung des Technologie-Unternehmens aus Cupertino intensiv. Außerdem habe ich eine besonders intrinsisch-motivierte und global-strategische Sicht auf Apple - das mag vielleicht an meinem Studium liegen. Was auffällt: Die deutschen Blogs und Nachrichten-Portale haben fast immer einen Standardsatz auf Lager, wenn eine Keynote vorbei ist. „Wir sind enttäuscht.“ „Die Zuschauer hätten mehr erwartet.“ oder „Ist das Apples Niedergang? Wieder nichts neues vorgestellt.“ Dazu passend der Facebook-Post der FAZ auf Facebook vom 11. September 2013:

„Das iPhone 5s, der Nachfolger des aktuellen Apple-Flagschiffs, überrascht kaum. Beide sind auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden. Beim Preis des iPhone 5c staunt man hingegen. Das vermeintliche Billig-Smartphone ist keineswegs günstig.“ - FAZ.NET auf Facebook (siehe Bild)[ad id="mobile_half"]

 

Dabei macht doch Apple heute nichts anders, als zu Beginn der 2. legendären Ära um Steve Jobs und den Produkten rund um iTunes, iPod, MacBook, iPhone und iPad. Sie bringen regelmäßig neue Produkte heraus oder passen sie an, denken über Veränderungen nach und fahren stetig Werbung wie kein zweites Unternehmen. Das Ergebnis? Gewinne und Umsatzsteigerung seit Jahren. Trotzdem sind viele immer enttäuscht, wenn Apple wieder ein Produkt oder Dienst vorstellt. Woran liegt das? Dafür gibt es zwei kardinale Gründe, die das erklären.

1. Transformation der Gesellschaft und der Märkte in die New Economy

Die Einführung des Internets mit seinen Möglichkeiten hat ganze Wirtschaftsbereiche transformiert bzw. ist dabei dies zu tun. Die Verschiebung der Machtverhältnisse zwischen Nutzer und Marke (Von Push- zu Pull-Anwendungen) hatte/hat eklatante Auswirkung auf das täglich Leben vieler Menschen. Apple hat das clever erkannt und ist in den Prozess vor einigen Jahren eingestiegen und damit unglaublichen Erfolg gehabt. Aber wir können doch nicht erwarten, das Veränderungen alle 10 Jahre Raum für etwas neues bietet.

2. Mobiles Internet und komplexere Strukturen

Das mobile Internet ermöglicht den Austausch von Informationen viel schneller, also noch vor 7 oder 8 Jahren, was dazu führt, das Produkte, die eigentlich geheim gehalten werden sollen, schon vorab bekannt sind und damit die Spannung im Vorfeld nehmen. Auch die komplexen Strukturen, die zunehmend bei der Entwicklung der verschiedenen Produkte entstanden sind, verursachen mehr Löscher und damit einen größeren Durchsatz an Infos, die eigentlich geheim gehalten werden sollen.

Kurz: die technologische Entwicklung der Elektronikindustrie ist zum Abkühlen gekommen  und damit auch die Produkte, die einen essentiellen Mehrwert für den Nutzer haben. Apple war eben mit den richtigen Produkten zur richtigen Zeit am richtigen Ort - und dabei haben sie diese nichtmal erfunden, sondern einfach nur besser kopiert und clever vermarktet. Wäre das iPad vor dem iPhone veröffentlicht worden (was mal zur Debatte stand) wäre der Erfolg ganz sicher ausgeblieben, da das iPad vor allem auf dem Erfolg des iPhones und seinen Apps aufgebaut hat.

Über was wird denn geschrieben?

Wenn ich die deutsche Berichterstattung lese, dann habe ich immer zwei Gedanken im Kopf: 1. sind die deutschen Journalisten wirklich so unwissend gegenüber Apple oder 2. schreiben sie das nur, weil sie wollen, dass die Leser auf den Artikel klicken und damit Geld verdient wird? Ich hoffe zweites ist der Fall, aber selbst das macht den Journalismus moralisch nicht besser als erstes.

War eine Keynote vorbei, wird gemeckert, dass oftmals über viele Produkte nicht geredet wird und sich Apple nur auf ein Produkt fokussiert, so wie bei der aktuellen Keynote zum iPhone 5s/c. Nichts über das neue Betriebssystem OS X Mavericks, MacPro oder einer iWatch (die nie bestätigt wurde). Ja warum denn auch? Warum sollte Apple alle Neuerungen und Produkte in ein einziges Event stecken? Das wäre aus Sicht der globalen Aufmerksamkeit von Journalisten total kontraproduktiv, denn dann hätte Apple pro Jahr nur einen Tag, wo die Aufmerksamkeit sämtlicher Journalisten auf Apple fällt. Verteilt Apple jedoch die Ankündigung der Produkte über das Jahr hinweg, haben sie mehr Gründe zu Keynotes einzuladen und bekommen dadurch mehr Aufmerksamkeit. Gut Ding braucht eben Weile und Apple entscheidet selbst, wann es an der Zeit ist, über ein Produkt zu reden. Apple folgt keinem Trend wie NFC, Messen wie die IFA oder dem Mobile World Congress, wenn der Erfolg nicht sicher ist. Vielmehr folgt Apple einfach dem, was die Kunden wollen und schaut sich zahlreiche Marktdaten an. Das war bei iTunes und dem iPod nicht anders. Die Menschen wollten tragbare Musik, also bekamen sie es.

Auch war oft zu lesen, dass das iPhone 5c gar nicht billig sei! Kostet es doch in Deutschland 599€ für die 16 GB Variante. Ja und? Hatte Apple behauptet (im Vorfeld), dass das 5c billig sein wird? Nein! Wir müssen aufhören zu erwarten, dass Apple etwas billig oder preiswert verkauft, nur weil es alle anderen tun. Das wird Apple niemals tun. Warum? Weil sie kapitalistisch denken, mit ihren Produkten Geld verdienen wollen und den Anspruch haben das beste Produkt zu bauen und nicht das billigste.

Die Veränderungen und „Innovationen“, die immer erwartet werden, stecken bei Apple oftmals im Detail und vor allem in der Software. Software ist wesentlich relevanter, als Hardware die sich in immer größeren Zahlen á la Quadcore und Megapixeln ausdrückt, aber der Otto-Normal-Verbraucher kaum noch verstehen kann.