Kratzer im Glas: Die fragwürdige Pleite von GT Advanced

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Apple Watch mit Saphirglas: Kann GT AT liefern?
Apple Watch mit Saphirglas: Kann GT AT liefern?(© 2014 CURVED)

Bislang galt Saphirglas als die Zukunft. Jetzt ist der Hersteller insolvent - und schweigt sich zu den Umständen aus. Schuld daran soll Apple sein.

Wie groß sind die Probleme? Wie will sich die insolvente Firma sanieren? Auf diese Fragen bekommen Aktionäre und die Öffentlichkeit vorerst keine Auskunft. Denn GT Advanced Technologies hat im laufenden Insolvenzverfahren beantragt, dass wichtige Dokumente vorerst unter Verschluss bleiben. Kurzum: Man will keine umfassenden Angaben darüber machen, wie es um die Finanzen des Saphirglas-Herstellers bestellt ist. Der Grund: GTs Anwalt erklärt, man habe sich an ein Vertraulichkeitsabkommen mit Apple zu halten.

Erst am Montag hatte GT Advanced Insolvenz angemeldet. Die Pleite kam für Außenstehende mehr als überraschend. Schließlich galt Saphirglas als die Zukunft. Bislang nur bei Touch ID und Kameralinse der iPhones eingesetzt, sollten künftig damit komplette Displays ausgestattet werden. Das Material ist härter und kratzfester als das zuvor eingesetzte Gorilla Glass von Corning.

Zweifel an der Serienreife

Doch schon vor Monaten kamen Zweifel darüber auf, ob die Technologie wirklich massentauglich ist. Vor allem Corning hetzte gegen die neue Konkurrenz: Zehnmal teurer, 1,6 Mal schwerer und aufgrund eines 100 Mal höheren Energieverbrauchs in der Herstellung auch noch schlecht für die Umwelt, so schlecht sei Saphirglas. Zudem lasse es auch noch weniger Licht durch und setze so eine stärkere Display-Beleuchtung voraus.

Offenbar scheint auch Apple Bedenken beim Einsatz des neuen Materials gehabt zu haben. Denn obwohl Saphirglas-Displays in den iPhones als gesetzt galten, entschied sich der Konzern aus Cupertino für ionen-gehärtetes Glas. Der Grund laut VentureBeat: Displays mit Saphirglas hätten bei Falltests keine gute Figur gemacht. Das Material sei recht spröde und splittere somit leichter. Experten zufolge soll GT Avanced aber in erster Linie die Deadline für die Massenproduktion verpasst haben und nun die getätigen Investitionen und laufenden Kosten ohne den lukrativen iPhone-Deal nicht decken können. So scheint es doch möglich, dass Apple GT Advanced hat über die Klippe springen lassen. Offenbar glaubte man in Cupertino nicht an eine Produktion im ganz großen Stil.

Ironie des Schicksals: Nur wenige Woche nachdem Apple seine iPhones ohne Saphirglas vorgestellt hat steht GT Advanced Technologies vor einem Scherbenhaufen. Laut GT Advanced-CEO Tom Gutierrez sei das zugrunde liegende Geschäftsmodell aber solide. Die Verkündung bedeute nicht, das GT Advanced aus dem Geschäft sei. Vielmehr wolle man weiter Technologieführer auf dem firmeneigenen Spezialgebiet bleiben. So heißt es zumindest.

Apple-Produktion sei "Geldverbrennung"

Wie will das Unternehmen das schaffen? Angeblich ohne Apple. Offenbar will GT Advanced vor Gericht erwirken, dass es seine ausstehenden Verpflichtungen gegenüber Apple nicht mehr erfüllen muss. Demnach empfindet man es als bedrückend und repressiv, dass man trotz des vor Kurzem eingereichten Bankrotts die Produktion an Saphirglas aufrechterhalten soll, berichtet Phys.org. In Papieren, die diesbezüglich vor einem Gericht in den USA eingereicht wurden, wird die weitergeführte Produktion als "anhaltende Geldverbrennung" bezeichnet, die eine Gefahr für die Liquidität von GT AT darstelle. Um seinen Vermögensstand zu schützen, müsse man deshalb Saphirglas-Fabriken in Arizona und Massachusetts schließen.

Mit anderen Worten: Der Druck durch Apple wurde für das noch junge Unternehmen zu schnell zu groß. Ein Zulieferervertrag sah vor, dass Apple GT AT 578 Millionen Dollar für die Ausrüstung eines Saphirglas-Werkes im US-Bundesstaat Arizona zur Verfügung stellt. Das Geld sollte Apple wiederum in den kommenden fünf Jahren zurückgezahlt werden. Doch ursprünglich wollte GT Advanced gar nicht Saphirglas produzieren. Angetreten war man, um Maschinen zu entwickeln, mit denen sich wiederum das extraharte Glas produzieren lässt.

Bei Nichteinhaltung der Schweigevereinbarung muss die Firma angeblich 50 Millionen Dollar Strafe zahlen. Insolvenzrichter Henry Boroff entschied nun, dass der Zulieferer die Apple-Anwälte darüber unterrichten muss, welche Informationen das Gericht verlangt. Apple wiederum kann dann abwägen, ob diese Daten weitergegeben werden dürfen oder nicht. Eine prekäre Situtation für GT Advanced. Bislang ist das Unternehmen wohl noch in der Lage, den normalen Betrieb fortzuführen. Zudem will das Unternehmen einen Sanierungsplan entwickeln, um die Bilanzprobleme schnellstmöglich zu lösen. Der angebliche Maulkorb durch Apple ist in dieser Situation allerdings nicht gerade förderlich.

Kein Kaufgrund für Apple

Hat Apple zu hoch gepokert? Fakt ist, dass sich der Konzern auf seinen einzigen Saphirglas-Zulieferer verlassen hat. Allerdings soll das Material in der kommenden Apple Watch verbaut werden. Ob diese jetzt, wie ursprünglich geplant, Anfang 2015 in den Handel kommt, bleibt unklar.

Viele unserer Leser spekulierten ob der überraschenden Insolvenz, ob nun Apple nicht die angeschlagene Firma aufkaufen könne. Genug Cash ist schließlich vorhanden. Bislang gibt es keine Hinweise, dass Apple abseits des enormen Invests von über eine halben Milliarde Dollar Anstalten macht, GT Advanced zu kaufen. Vieles spricht sogar dagegen. Schließlich scheint die Technologie noch immer nicht über die entsprechende Marktreife zu verfügen, um die hohe Nachfrage nach Apple-Produkten zu decken. Zudem würde sich Apple langfristig an Saphirglas als das Material der Wahl für seine Smartphone- und Tablet-Displays binden. Dabei steht mit Corning ein erfahrener Zulieferer mit den notwendigen Ressourcen zur Stelle.

Probleme bei der Produktion der Apple Watch

Nein, ein Einstieg von Apple bei GT Advanced ist unwahrscheinlich. Allerdings haben die beiden Unternehmen für die Apple Watch eine Zweckehe eingegangen. Und auch hier zeichnen sich Probleme ab. Offenbar kommt der Zulieferer mit der Produktion nicht hinterher, die Smartwatch könnte demnach nur in eingeschränktem Maße verfügbar sein.

Das Saphirglas wird für das Display der Apple Watch und der Apple Watch Edition benötigt. Lediglich in der mutmaßlich günstigen Variante Apple Watch Sport wird der Bildschirm aus Ion-X-Glas hergestellt. Dazu kommt, dass Apple das Material auch für die Kameralinsen und die Abdeckung des Fingerabdruckscanners benötigt – diese Teile kommen im Apple iPhone 5s, dem Apple iPhone 6 und dem Apple iPhone 6 Plus zum Einsatz. Zuvor waren Analysten noch davon ausgegangen, dass die Produktion der Apple Watch durch die Insolvenz nicht beeinflusst wird.

Auch wenn große Teile der plötzlichen Pleite und die Beteiligung Apples daran im Unklaren bleiben: Das Projekt Saphirglas, einst enorm gehypt, ist erst einmal gescheitert. Unter Umständen gelingt es der Firma, sich aus dem Vetrag mit Apple zu lösen und sich wieder auf die Produktion von Maschinen zu konzentrieren. Doch zu welchem Preis? Apple steht nun vor der Aufgabe, die Produktion seiner Apple Watch zu sichern. Mehr noch: Alternativen für die Zukunft müssen her.


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