Kritik zu "The End of the F**king World": der Netflix-Serien-Geheimtipp

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Zwei Jugendliche brennen gemeinsam durch – und einer von beiden ist ein mordlustiger Psychopath.
Zwei Jugendliche brennen gemeinsam durch – und einer von beiden ist ein mordlustiger Psychopath. (© 2018 Netflix)

Zwei 17-Jährige laufen zusammen davon. Er ist ihr Traumprinz (oder zumindest nicht so ätzend wie die anderen), in seiner Gegenwart fühlt sie sich sicher. Und er? Ist ein Psychopath, der nur auf den perfekten Moment wartet, um sie umzubringen. Entwarnung: Hier findet ihr keine Spoiler, sondern nur meine bescheidene Meinung zu Netflix' "The End of the F**king World".

James bezeichnet sich selbst als Psychopath. Die Auflagen dafür scheint er jedenfalls zu erfüllen: Als Kind hat er einmal seine Hand in die Fritteuse gesteckt, um überhaupt irgendetwas zu empfinden. Und die Tiere, die er regelmäßig zu Tode quält, reichen ihm schon lange nicht mehr aus. Etwas Größeres, Wichtigeres muss her. Sein Traum: einen Menschen töten. In Alyssa sieht er die perfekte Kandidatin, denn aus irgendeinem ihm unerfindlichen Grund fühlt sich dieser rotzfreche Teenager zu ihm hingezogen. Und auch wenn sie die ganze f**king Welt hasst, für James hat sie einen Funken Zuneigung. Sogar Händchenhalten ist drin – solange er ihr nicht seine entstellte Fritteusen-Hand reicht. Zusammen laufen die beiden davon, um Alyssas leiblichen Vater zu finden. Doch ziemlich bald steht fest: Die beiden unorganisierten Teenies haben sich mit ihrem spontanen Roadtrip komplett übernommen. Nicht nur das mangelnde Geld erfordert kriminelle Kreativität, auch James' Mordpläne sind nicht so leicht umzusetzen wie erhofft.

Normale Teenie-Probleme treffen auf makabere Mordgelüste

Ein Feature, das dem ganzen Geschehen eine ungewohnte Komik verleiht, sind die Voice Over beider Charaktere. Beide erzählen ab und zu aus dem Off, was sie gerade bewegt. Hier trifft das ganz normale pubertäre Treiben auf makabere Mordgelüste, die kurz vor der Umsetzung stehen. Wir sehen eine Alyssa, die den Tränen nahe ist und dringend Trost braucht, und einen unbeholfenen Teenie-Jungen, der aussieht als würde er nach einem Taschentuch suchen, aber in Wirklichkeit ist es das Taschenmesser, mit dem er sie zum Schweigen bringen möchte.

Und auch in Sachen Sex läuft es für die beiden nicht besonders gut. Als bekennender Psychopath kann James nie selbst etwas anzetteln, sondern ist – abseits seiner Mordgelüste – der ewige Mitläufer ohne eigene Meinung und Antrieb. Alyssa möchte unbedingt ihre Unschuld verlieren, lieber gestern als morgen. Verliert sie stattdessen (oder zusätzlich) ihr Leben? Fakt ist: Jemand in der Serie wird dran glauben müssen – und niemand wird traurig sein.

Glaubwürdige Charaktere, die nur selten liebenswürdig sind

Die Charaktere sind spannend und vielfältig und stellen den Zuschauer vor die Frage, wen von beiden er weniger ausstehen kann. Komischer Weise ist es oft gar nicht das Verhalten von James, das absolut verabscheuungswürdig ist, sondern das von Alyssa, die noch weniger Skrupel zu kennen scheint als er. Spätestens als sie im Diner nicht bestellen kann ohne die Kellnerin zu beleidigen und zu fluchen, dass sich gefühlt die Tore zur Hölle öffnen, möchte man sie am liebsten so lange prügeln, bis sie endlich ihr f**king Schandmaul hält. Kann man aber nicht, deswegen ist man zum Weiterschauen verflucht und gespannt ob (und wie) es mit ihr zu Ende gehen wird.

The End of the F***ing World: Beide Charaktere sind nicht unbedingt Sympathieträger.(© 2018 Netflix)

Ein spannendes Dilemma für den geneigten Zuschauer

Schon der Trailer zu dieser britischen Netflix-Eigenproduktion erntete in den ersten Tagen über vier Millionen Visits. Hat der Streaming-Riese mit dieser makaberen, morbiden Geschichte ins Schwarze getroffen und liefert Stoff, der sowohl Kennern als auch der breiten Masse gefallen kann? Ich denke schon. "The End of the F**king World" sorgte bei mir jedenfalls im Wechsel für ein ungläubiges Lachen und diverse WTF-Momente, die ich erstmal verdauen musste.

Sowohl James als auch Alyssa sind als Figuren herrlich ungeschönt und weit weg davon liebenswert zu sein, dennoch merkt man schnell, dass sie es in ihrem jungen Leben nicht leicht hatten. Warum sind die beiden so verkorkst, was ist da bloß in der Entwicklung schief gelaufen? Schnell wird klar: Von den Erwachsenen in ihrem direkten Umfeld konnten sie nichts lernen.

Wer von beiden hat sich trotz allem auch nur einen Funken Anstand und Etiquette bewahrt? Witziger Weise: der Psychopath. Oder ist er am Ende doch kein Psychopath? Welcher der beiden Teenies ist düsterer, kaputter und missverstandener? Welche Bezugspersonen und Ereignisse aus der Vergangenheit sind für die ganze Misere verantwortlich, und: Ab wann ist der Punkt in einer Beziehung erreicht, an dem man von Missbrauch spricht? Diese und viele andere Fragen gilt es in nur 8 Folgen zu klären. Die Episoden sind mit je 20 Minuten ungewohnt kurz und rauschen an einem kalten Nachmittag nur so durch. Das Ende lässt jedenfalls auf eine zweite Staffel hoffen. Ich werde sie definitiv schauen! Wann mit Staffel 2 zu rechnen ist und wie dieses aussehen könnte, lest ihr hier. 

The End of the F***ing World: Die beiden Teenies haben immer wieder scheinbar normale Momente.(© 2018 Netflix)

Noch mehr aus der Welt der Serien

Ihr liebt Serien? Dann haben wir hier bestimmt noch mer Inspiration am Start. Wie wäre es mit den krassesten News und Theorien zu "Game of Thrones" oder auch großartigen Mini-Serien für verregnete Tage? Außerdem findet ihr bei uns noch ein Sammelsurium an Serien, die einen qualvollen Tod starben oder einfach niemals enden werden. In dem Sinne: Viel Spaß beim Streamen!


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