Küsse erklären, was wir vom Netz erwarten

Werbung ist immer ein Spiel mit Wirklichkeiten, das Netz ebenso.
Werbung ist immer ein Spiel mit Wirklichkeiten, das Netz ebenso.

Na gut: So einfach ist es natürlich nicht. Am Ende aber ein bisschen doch. Wer hat es denn nicht gesehen, das Video mit den küssenden Menschen? Eben. Erst seufzten und hachten und teilten es alle, danach verurteilten dieselben Menschen das Video als "Verarsche". Was wir daraus über unseren Blick auf die Welt und das Netz lernen können...

Hübsch sah es aus, fanden viele: das Schwarz-Weiß-Video, in dem sich Menschen küssen, die sich angeblich zum ersten Mal treffen. Wie in so einem Hollywoodfilm. Wie in der Vorstellung von romantischen Begegnungen, stimmt's? Und niemand hinterfragte. Sondern teilte und likete und ach. Bis dann herauskam, dass hinter dieser Hochglanzproduktion nicht allein die Künstlerin Tatia Pilivea stand, sondern das Video im Auftrag der Bekleidungsfirma Wren entstanden ist, die dann mit der Künstlerin zusammen das Video produzierte. Und schwupps - fühlten sich alle verhohnepiepelt und beschwerten sich über diesen "Betrug".

Gleichzeitig zeigt diese Umkehr der öffentlichen Meinung auch, wie naiv mit Inhalten aus dem Netz immer noch umgegangen wird. Menschen denken und erwarten, das Netz sei ständig "echt" und "authentisch", die Inhalte, die darin geteilt würden, kämen wirklich von den "normalen Menschen". Und das ist schlichtweg falsch. Werbung ist immer ein Spiel mit Wirklichkeiten, das Netz ebenso.

Im Netz funktioniert Kommunikation und Selbstdarstellung immer in einem Rahmen, die Entscheidung zur Publikation ist immer eine bewusste und damit schon eine Auswahl von Inhalten. Andere sollen nur sehen, was der Urheber selbst für sehenswert erachtet. Das ist Werbung. Wenn auch für sich selbst, eine Geschichte oder sonst etwas. Der naive Gedanke, das Netz spiegele die Realität, muss sich auflösen. Denn das Netz spiegelt zwar - aber eine andere Realität, eine ausgewählte, eine redigierte, eine editierte, eine äußere, eine selbstdarstellerische. Das kann man gut finden, das kann man schlecht finden.

Wer also im echten Leben nicht aufpasst, woher er Informationen bezieht, wer keine Quellen überprüft, wer nicht hinter die Fassade blickt, bei Menschen ja auch, wer immer sofort frisst, was ihm hingestellt wird, verhält sich vermutlich genau so im Netz. Nur ist die Erwartung an das Internet seltsamerweise eine andere.

Das echte Leben passt in keinen Tweet

Aus dem Umgang mit Werbung sind Komplexe und verfremdete Selbstwahrnehmung entstanden, auch hier brechen sich immer noch erzählte Geschichten, gebaute Menschenbilder und vor allem Phantasiegebilde an der Unfähigkeit des Konsumenten, dies als "erzählt" anzuerkennen, als gebaut und nicht "wahrhaftig", zweckgebunden also. Denn es ist natürlich einfacher zu glauben, Frauen sehen immer so aus wie all jene auf den Plakaten und in den Spots. Und es ist einfacher und disney-romantischer zu glauben, erste Küsse liefen so ab wie in einem Schwarzweiß-Video mit Models. Oder das Leben aller sei genauso blank poliert wie ihr Instagram-Stream.

Und wenn dann rauskommt, das das Leben ja doch anders ist - huch -, dann ist es natürlich einfach, sich beim Anbieter von Inhalten zu beschweren. Dabei fängt die Verantwortung vor allem bei einem selbst an. Nachfragen, genau hinsehen, sich Zeit nehmen für Dinge, die man rezipiert, recherchieren statt klick klick klick in drei Sekunden. Ist unbequemer. Aber das echte Leben passt in keinen Tweet und hat auch keine Instagram-Filter. Live with that!


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