Mad Men-Finale: Don Drapers letzter Pitch

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Wohin geht die Reise für Don Draper? Fest steht: Mit der letzten Mad Men-Staffel geht eine Ära zu Ende
Wohin geht die Reise für Don Draper? Fest steht: Mit der letzten Mad Men-Staffel geht eine Ära zu Ende(© 2014 AMC)

Heute Nacht beginnt in den USA die siebte und letzte Staffel vom Werberepos Mad Men, das viele für eine der besten TV-Serien aller Zeiten halten. Auch im Social Media-Zeitalter ist Mad Men-Hauptcharakter Don Draper omnipräsenter Gast der Facebook-Timelines. Warum eigentlich? Die Besichtigung eines Phänomens.  

Es gibt dieses ikonische Schwarz-Weiß-Bild von Don Draper im jüngsten TIME Magazine: Eigentlich ist alles wie immer, doch diesmal ist alles anders. Draper steht, die eine Hand in der Hosentasche, mit fokussiertem, gesenktem Blick und zusammengepressten Lippen, wie er immer steht: Ganz Alphatier, Herr der Situation, ein Rhetorikweltmeister vor seinem nächsten Punch.

Doch etwas stimmt nicht: Don Draper starrt auf ein iPhone. Ein iPhone! Das Foto, ob inszeniert oder zufällig am Set entstanden, fängt die Faszination zweier Zeitgeist-Phänomene auf brillante Weise ein. Mad Men wie das iPhone, haben dieselbe Ära geprägt – und doch liegen vermeintlich fast 50 Jahre in der Zeitachse zwischen ihnen. Es war im selben Jahr, 2007, als Apples ikonisches Smartphone debütierte und Matthew Weiners Ode an die Blütezeit der Werbebranche beim Spartensender AMC startete, die in den kommenden Jahren einen ähnlichen Kultstatus erlangen sollte wie das Gadget des IT-Pioniers aus Cupertino.

Don Draper ist ein moderner Gatsby

Don Draper ist ein Held, wie ihn das Fernsehen lange nicht gesehen hat – und auch anno 2014 nicht mehr sehen würde. Der aufstrebende Werbetexter, der im Serienverlauf zum Agenturpartner wird, aber doch immer wieder von den Dämonen seiner Vergangenheit eingeholt wird, ist ein so schillernder Charakter, dass er eigentlich zu groß für den durchschnittlichen 45-minütigen Sonntagabend-Primetime-Handlungsstrang Hollywoods ist.

Draper ist, wenn man in der Literatur nach Vergleichen sucht, eine 60er-Jahre Variation von F. Scott Fitzgeralds Großem Gatsby – ein Mann, der sich komplett neu erfindet, die Vergangenheit abstreift – und doch immer wieder von ihr eingeholt wird.  Er ist unter den denkbar schlechtesten Vorzeichen aufgewachsen: Elternlos, im Hurenhaus groß geworden, hat eine Kindheit voller Entbehrungen durchlebt, die mit aller Macht zurückschlägt, wie man in den seltsam verstörenden Minuten der letzten Staffel noch einmal zu sehen bekommt.

Mad Men 2014: Don Draper würde um Apple und Facebook pitchen

Der Don Draper, der sich sechs Staffeln, bewaffnet mit einem schier unerschöpflichen  Arsenal an Drinks, Lucky Strikes und schönen Frauen, erfolgreich durch die Werbewelt New Yorks schlägt, ist kein besonders liebenswerter Charakter. Er ist zynisch, auf dem Weg nach oben verhältnismäßig skrupellos und immer ein gnadenloser Macho, der trotz einer Muster-Ehe und zwei Kindern keinen Seitensprung auslässt. Dass das nicht gut enden kann, liegt in der Natur der Sache.

Doch wie sähe der Don Draper aus, wenn Mad Men nicht im Jahr 1969 enden, sondern im Jahr 2014 spielen würde? Cooper Sterling & Partners würden um Apple und Facebook pitchen – und am Ende wohl doch einen glamourösen SuperBowl-Spot für Samsung produzieren, der Cupertino zur Weißglut bringen würde. Man kann sich bildlich vorstellen, wie der geschniegelte Werber mit einem Rihanna–Verschnitt in seinen Tesla einsteigt und im kalifornischen Sonnenuntergang verschwindet.

Anziehungskraft Kaliforniens: Goldrausch des Silicon Valleys wirft Schatten voraus

Ob die Draper-Masche indes in unserer Zeit noch funktionieren würde, ist eine andere Frage. Das Männerbild hat sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten fundamental gewandelt, Draper müsste sich als moderner Macho voller Selbstironie neu erfinden – als Hank Moody in Californication, der seine ständige Schürzenjagd als Clownerie tarnen muss.

Und doch ist die Brücke zur Moderne gegen Ende von Mad Men unverkennbar sichtbar.  Die Serie verändert sich – nach Westen. Bereits in der vergangenen Staffel ging die Reise immer öfter nach Kalifornien, das kurz an der Schwelle zum vermeintlich Gelobten Land steht.

Der kommende Goldrausch des Silicon Valleys deutet sich zwar in Mad Men noch nicht explizit an, doch die Anziehungskraft der Westküste lockt: „Alles ist neu und sauber“, schwärmt Draper und will selbst gen Westen aufbrechen – die Versinnbildlichung des amerikanischen Ideals des Western Movements. Die sterilen Büroräume von Sterling Cooper & Partners durchzieht der Klang von IBM-Schreibmaschinen, doch die Aufbruchsstimmung des Silicon Volleys der frühen 70er liegt bereits fühlbar in der Luft.

Mad Men seiner Zeit voraus: Don Draper enthüllt die Facebook Timeline

Dass Draper seiner Zeit ohnehin stets voraus ist, bewiesen schon in der ersten Staffel die besten drei Minuten der Serie, als Draper den Sales Pitch für Kodaks bahnbrechenden Dia-Projektor Carousel mit der faszinierenden Schilderung der Macht der Nostalgie eintütet – der später maßgeblichen Triebkraft von Facebook.

Nicht umsonst ging der Kunstgriff zum Launch des neuen Facebook-Profils 2011 viral ("Don Draper enthüllt die Facebook Timeline.") Und ist es wirklich reiner Zufall, dass Dropbox sein hochgehyptes, neues Foto-Tool nun nach dem Kodak-Projektor benannte : Carousel?

Warnung der Mad Men-Ära: Pan Am, GM und Philip Morris als Apple, Google und Facebook der 60er Jahre

Auch wenn die Serie ein halbes Jahrhundert vor unserer Zeit spielt, erscheint sie in der Gegenwart wie ein nie verhallendes Echo. Apple, Google und Facebook sind die bestimmenden Konzerne unserer Tage, die so cool, allgegenwärtig und omnipräsent erscheinen wie in den 60er Jahren Pan Am, General Motors und Philip Morris.

Die Warnung der Mad Men-Ära könnte jedoch lauter kaum ertönen: Pan AM? Erlebte die spektakulärste Pleite der Luftfahrt-Geschichte. General Motors? Der einst größte Autobauer der Welt wurde unter Obama wieder zurück aus der Insolvenz in die Geschäftstätigkeit geführt. Philip Morris? Ist im Zeitalter des steigenden Gesundheitsbewusstseins ein Anachronismus, wie er Don Draper selbst wäre.

Kommt Mad Men als Kinofilm zurück?

Wie endet also die vielleicht beste TV-Serie, die die Fernsehwelt je gesehen hat? „Es ist Dein Leben. Du weißt nicht, wie lange es geht, aber Du weißt, dass es nicht gut enden wird“, hatte der Top-Werber in bekanntem Zynismus einst seine Lebensmaxime ausgegeben. Mad Men-Fans bleibt der Abschiedsschmerz zumindest zunächst erspart:  In Häppchen, wie es Breaking Bad schon vorgemacht hat, wird das Ende der Kultserie serviert. Der Auftakt der letzten Staffel läuft in den USA ab heute Nacht an, die letzten sieben Teile  im Frühjahr 2015.

Und so ganz geht man bekanntlich ja nie, wie Sex and The City vorgemacht hat: Vermutlich plant Hollywood längst Spielfilm-Fortsetzungen, die die Brücke in die 70er-Jahre schlagen könnten. Und doch: Ob man Don Draper jemals auch im Bewegtbild mit einem Apple-Produkt und Steve Jobs in die Arme laufen sehen wird, erscheint höchst fraglich – der Kultkonzern aus Cupertino nahm bekanntlich erst am 1. April 1976 seine Geschäfte auf…

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