Mit Apples Problemkind im Urlaub: iPad, der neue iPod

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Relikte der ruhmreichen Apple-Vergangenheit: Das erste iPad und der erste iPod
Relikte der ruhmreichen Apple-Vergangenheit: Das erste iPad und der erste iPod(© 2014 CURVED)

Das iPad wird zum immer größeren Sorgenkind in Cupertino. Die jüngste Quartalsbilanz offenbart erstaunlich deutlich einen Einbruch auf das schlechteste Absatz-Niveau seit zwei Jahren. Vier Jahre nach dem furiosen Debüt scheint klar: Apples jüngste Produktkategorie ist vermutlich die überflüssigste im aktuellen Portfolio. CURVED-Chefredakteur Nils gab dem iPad mini im Sommerurlaub noch eine Chance –und schmierte das Apple-Tablet doch fast nur mit Sonnencreme voll. Die Besichtigung eines Apple-Produkts, das bald seinen Platz neben einem anderen Kultgadget im iMuseum einnehmen könnte.    

Manchmal braucht man den Abstand des Urlaubs, um etwas klarer zu sehen. 15 Tage Sommerurlaub in Frankreich zwischen Paris und der Côte d’Azur mit Zwischenstopps in Marseille und der Provence  – und somit erhöhter Reiseaktivtität – werfen die Frage auf: Welche Gadgets brauche ich für den Sommerurlaub wirklich?

Um den schreibtischgeschädigten Rücken maximal zu entlasten, fällt die Wahl auf das Nötigste: Das MacBook Air, das iPad mini, das iPhone 5s und, dem notorisch schwachen Akku und notorisch vollen Speicher geschuldet, das iPhone 4s als Back-up iPhone. Bleibt nach 15 Tagen die Frage: War das nötig? Oder bewahrheitet sich wieder einmal der Urlaubsklassiker: am Ende zu viel eingepackt?

Schreiben: MacBook schlägt das iPad immer

Die Wahrheit fällt vor allem für das mutmaßlich ideale Reise-Gadget iPad unangenehm aus: Dank es MacBook Air habe ich das Apple-Tablet am seltensten genutzt. Über das MacBook gibt es wenig zu diskutieren: Wer viel schreibt, braucht einen funktionsfähigen Laptop, selbst wenn Apple-Chef Tim Cook behauptet, 80 bis 90 Prozent seiner Arbeit auf dem iPad zu erledigen.

Wenn ich im Urlaub noch schnell an einem neuen Artikel, an meinem Blog oder im TGV an einer schnellen Reiseskizze schreiben will, dann klappe ich mein inzwischen vier Jahre altes MacBook Air auf, das ich auf der Reise dem Alltags-Arbeitsgerät MacBook Pro vorziehe – es ist leichter, und ich möchte mir nicht um meine Pro-Variante inklusive aller Daten Gedanken machen, wenn ich am Pool liege.

MacBooks veralten weniger schnell als iPads

Warum das iPad nicht zum Einsatz  kommt? Es schreibt sich auf dem MacBook einfach um Lichtjahre besser.  An dieser Stelle offenbaren sich zwei Grundprobleme der seltsamen Großbaustelle iPad: Das Anwendungsszenario und die Haltbarkeit. Mein MacBook Air ist fast so alt wie mein erstes iPad.  Während ich mit dem MacBook Air immer noch gut bedient bin, habe ich allein zwischen 2010 und 2012 drei iPads erworben – die erste, die zweite und die vierte Generation.

Das erste iPad ruht in meinem persönlichen Apple-Archiv, gleich neben dem ersten iPod aus dem Jahr 2001 – zur verhängnisvollen Nähe später mehr.  Das iPad der zweiten Generation staubte erst Jahre vor sich hin, ehe sich meine Mutter begann, dafür zu interessieren: Es liegt für sie mit iOS 7 bereit zur Abholung. Das iPad der vierten Generation ging an die Freundin –  ich selbst nutze indes aktuell die Retina-Version des iPad mini, das mir Apple als Testgerät zur Verfügung gestellt hat.

Wenn die Testphase in einigen Monaten endet, bin ich möglicherweise erstmals seit vier Jahren iPad- und also Tablet-los – und ok damit, denn ein Android-Tablet wäre für mich keine Alternative.

Das iPad konnte sein Versprechen nicht einlösen

„So viel besser als ein Laptop oder ein Smartphone“ sollte das iPad als neue Produktkategorie in der Anwendung von Internet, Email, Fotoverwaltung und vor allem Betrachtung und Nutzung von Multimedia-Inhalten (Video, Filme, Musik) werden, versprach Steve Jobs in seiner Einführungskeynote im Januar 2010.

Doch es kam anders. Im Arbeitsalltag nutze ich MacBook Pro und iPhone 5s. In den Ferien nutzte ich iPhone 5s – und manchmal das MacBook Air. Immer wieder habe mich bei dem Gedanken ertappt, dass es im Urlaub endlich an der Zeit wäre, dem eigentlichen Luxusgerät iPad mini nun die wohlverdiente Chance zu geben, zumal das Apple-Tablet formvollendet schön aussieht und sich angenehm mit einer Hand bedienen lässt – Argumente,  mit denen sich Erstkäufer des iPads von der Ästhetik und Apple-Magie verführen ließen.

Allein: Das iPad staubt zu Hause ein oder brutzelt vor sich auf einem Pooltisch hin - oder wird mit Sonnencreme verschmiert, wenn man es dann doch in die Hand nimmt. Notizen schreiben schreiben sich schlechter als auf dem griffigen iPhone, die Sonnenreflexion nervt trotz Retina-Display bei meinem Lektüre-Versuch, nach 20 Jahren mal wieder stilecht in Antibes F. Scott Fitzgeralds „Tender is the Night“ zu lesen. Auch wenn ich das Original für ganze 49 Cent im iTunes Store bekomme,  würde ich nach 10 Minuten genervter Blinzelei auf das Retina-Display den Roman in Papierform vorziehen.

Eigentlicher Nutzen: Bilder anschauen und den SPIEGEL lesen

Was das iPad kann: mir die 1000 neusten Bilder im Fotostream hochauflösend auf dem fast 8 Zoll großen Display anzeigen, fraglos ein echter Genuss. Ebenfalls: die Digitalversion des Print-SPIEGELs ab Sonntag, einen Tag  vor dem physischen Heft. Aber reichen die beiden Argumente, für eine weitere Produktkategorie, die am Ende des Tages Ballast und bis zu 800 Euro Kosten bedeutet?

Für mich lautet das Urteil nach dem Sommerurlaub wie für zuletzt immer mehr Tablet-Käufer: eher nicht. Nur noch 13 Millionen Einheiten setzte Apple im Frühsommer zwischen April und Juni dieses Jahres ab: und das, obwohl iPad Air und iPad mini fraglos der Goldstandard der noch jungen Produktkategorie sind – und das, obwohl sich die verbliebenen Käufer im Verhältnis 2:1 für die günstigere Mini-Version entscheiden.

Es spricht einiges dafür, dass das große iPhone 6 zum iPod-Moment des iPads wird 

Doch es dürfte noch schlimmer für Apples seltsam schnell schrumpfende Produktkategorie kommen – vieles erinnert an den Sommer 2007, als ein anderer Apple-Klassiker von einem neuen Stern abgelöst wurde: der iPod touch vom iPhone. Diesmal vollzieht sich die Evolution rückwärtsgewandt: Die ältere Produktkategorie iPhone dürfte die neuere des iPad kannibalisieren.

Die Alternative zum iPad mini dürfte nämlich von Apple selbst kommen, auf 5,5 Zoll schrumpfen – und in Form des großen iPhone 6 ausgeliefert werden. Es spricht einiges dafür, dass das große iPhone 6 zum iPod-Moment des iPads wird. In anderen Worten: zum Sargnagel einer Produktkategorie, die ihren Erwartungen nie gerechnet geworden ist.

Die neuen Kaufanreize von Apples iPad Air und iPad mini dürften über den Preis kommen

Seit über einem Jahr sind die Absatzprobleme von Apples jüngster Produktkategorie hinreichend dokumentiert – ab dem vierten Quartal dürften sie sich indes noch mal brutal beschleunigen. Nur im letzten Weihnachtsquartal konnte Apple zuletzt mit den zwei innovativen Releases in Form des iPad Air und iPad mini die Vorjahresumsätze noch einmal leicht schlagen – in den vergangenen beiden Quartalen brachen die Absätze regelrecht ein.

Inwiefern Apple das iPad Air und iPad mini mit Retina-Display diesmal weiterentwickeln wird, dass die neuen iPads  einen neuen Kaufanreiz bieten? Unklar. Das Kaufargument kann fast nur über den Verkaufspreis erfolgen, der dann wiederum die Marge unter Druck setzt. Da die IBM-Kooperation erst im kommenden Jahr Wirkung zeigen dürfte, könnten die kommenden Monate dem iPad eine erdrutschartige Erosion zufügen, wie sie der iPod nach dem Launch des iPhones erlebt hat – die Blütezeit ist überschritten.

Selbst-Kannibalisierung gewollt: iPhone 6 frisst das iPad mini

Keine Frage: Es gibt hinreichend viele Nutzer, die aktuell mit ihrem iPhone 5s oder 5c zufrieden sein mögen und sich schlicht nach einem Tablet sehnen – oder sogar Android-Nutzer, die ein iPad einem Android-Tablet vorziehen. Auf der anderen Seite jedoch dürften die abwanderungswilligen iPad-Nutzer, die nach Jahren des Wartens endlich ihr iPhone-Phablet bekommen und dafür auf ihr iPad (mini) verzichten, in der Überzahl sein – das iPad wird zum neuen iPod, zu einer Produktkategorie, die obsolet wird.

So fatal die Entwicklung für ein Produkt auch klingt, das vor viereinhalb Jahren noch zum großen Hoffnungsträger hochgejazzt wurde, einmal das iPhone zu beerben, so gewollt ist die Selbst-Kannibalisierung doch von Apple. Tatsächlich trägt das iPad mit Erlösen von 5,89 Milliarden Dollar im abgelaufenen Quartal nur noch 16 Prozent zum Gesamtumsatz bei, während die Gewinn-Kontributation sich längst in den marginalen einstelligen Prozent-Bereich verabschiedet haben dürfte.

RIP, iPad – Apples Erfolgsstory hängt einzig und allein am iPhone 6

Ganz anders das iPhone 6, an dem Wohl und Wehe von Apples Zukunft hängt. Wird das iPhone 6 zum durchschlagenden Erfolg, den die Wall Street bereits begonnen hat einzupreisen, geht Apples Erfolgsstory weiter – und der Kultkonzern aus Cupertino verdient so viel wie nie. Eine Million mehr verkaufte iPhone 6 gleichen den Absatzrückgang von einer Million iPads um ein Vielfaches aus.

Entsprechend achselzuckend dürfte Tim Cook die voranschreitende Erosion des iPads inzwischen betrachten. Die Produktkategorie hat in den ersten drei Jahren ihr Soll übererfüllt, sie konnte aber nie den überbordend hohen Erwartungen gerecht werden, nun folgt sie dem vorgezeichneten Weg des iPods. Ruhe in Frieden, ungeliebtes Apple-Tablet – lang lebe das iPhone!


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