Mobile Payment - warum wir es wagen sollten

Das Thema mobile Payment ist in der Smartphone-Industrie nicht mehr wegzudenken. Vor wenigen Wochen hatten wir ausführlich darüber berichtet und gezeigt, was bereits möglich ist. So neu dieses Thema auch erscheint, zerbrechen sich Wissenschaftler und Marketing-Experten schon seit Jahren den Kopf darüber. So hat die Universität Augsburg  schon 2003 eine Studie über die Akzeptanz des mobile Payment verfasst. Bis heute konnte sich innovatives mobiles Bezahlen nicht flächendeckend durchsetzen, obwohl bereits 2001 über 60% von 16.000 Befragten meinten, sie könnten sich in der Zukunft auf jeden Fall Bezahlen mit dem Mobiltelefon vorstellen. Zehn Jahre später ist von denen nicht viel übrig geblieben. Doch wo liegen die Gründe? Wir zeigen euch die Vor- und Nachteile des mobile Payment.

Mobile Payment - was dafür spricht

Unabhängig von der Art des mobile Payment, verkürzt es Wartezeiten beim Kauf von Produkten oder Dienstleistungen. Dazu zwei Beispiele aus der Praxis: Ich sitze im Büro in Hamburg und muss den nächsten ICE bekommen. Auf dem Weg im Taxi, kann ich innerhalb von 2 Minuten mein Ticket und die Platzreservierung buchen und bekomme dieses per Email auf mein Smartphone geschickt. Im Zug wird dann einfach das Smartphone mit dem Barcode gezeigt und gescannt. Zettelwirtschaft und Wartezeit am Ticketschalter sind von gestern.

"Einen Double Chocolate Latte Macchiato mit Strawberry Cheescake bitte!" Smartphone herausgeholt, am Lesegerät kurz ausgelesen und bestätigt. Der Bezahlvorgang ist durch und Starbucks bucht 7,50€ von der Kreditkarte ab. Guten Appetit!
Was für uns noch nach Zukunft klingt, ist in Palo Alto, Kalifornien schon wieder Vergangenheit. Erste Läden zahlen bereits mit Gesicht. Kunden, die etwas kaufen wollen, sagen an der Kasse ihren Namen und der Verkäufer sucht dazu das passende Gesicht in der Kundendatenbank. Findet der Verkäufer eine Übereinstimmung mit Kunden und Bild, das er vor sich hat, wird der Kauf ausgelöst und das Geld bequem von der Kreditkarte abgezogen.

Wer mobil bezahlt, hinterlässt massenhaft Daten. Ort, Zeit, Art der Produkte und Gesamtbetrag werden erfasst. Für viele Deutsche und Verbraucherschützer eine Angstvorstellung aller erster Güte. Doch lässt man sich mal auf das Experiment ein, kann der Supermarkt aus diesen Daten durchaus maßgeschneiderte Vorteile anbieten. Kennt man mein Kaufverhalten, so kann man mir auch passende Produkte anbieten und ich spare Zeit beim Suchen dieser Produkte. Klar, 100% unabhängig bin ich dann nicht mehr (was Werbung auch bewirken soll), aber durchaus schneller beim Einkaufen, da ich weniger suchen muss. Und sind wir doch mal ehrlich: Warum lesen wir den neusten Angebotskatalog von Edeka? Natürlich, weil wir einen persönlichen Vorteil haben wollen.

"Mobile Payment kann man auch mit Location Based Services (LBS) oder LBS-spezifizierte Angeboten kombinieren." Der Satz klingt komplizierter als es wirklich ist: Ich laufe durch die Stadt und habe plötzlich Hunger. Ich hole mein Smartphone raus und suche mit Hilfe von GPS und einem entsprechenden Dienst die Umgebung nach Mittags-Angeboten ab. Dienste wie Gettings, Foursquare und favor.it bieten das bereits an. Wer mit favor.it einen Mittagstisch sucht, kann diesen auch gleich mobil bezahlen.

Wer sich für mobile Payment entscheidet, spart nicht nur Zeit, sondern muss auch in Zukunft weniger mit sich herumtragen. Bargeld und Kreditkarten können zu Hause gelassen werden. Die Gefahr, dass diese verloren gehen, besteht nun auch nicht mehr. Sollte das Smartphone verloren gehen, so besteht noch weniger Gefahr, dass Fremde an Geld von meinem Konto gelangen, da viele Bezahlverfahren trotzdem immer noch über einen Pin gesichert sind. Auch ist das Smartphone meist über einen Code gesichert, was es Dieben erschwert an meine Daten zu kommen.

Mobile Payment - was dagegen spricht

Strukturelle Nachteile des mobile Payment bestehen bis heute eigentlich nur in der fehlenden Infrastruktur oder am fehlenden einheitlichen Standard. Ohne einen einheitlichen Standard sind die vielen unterschiedlichen Lösungen zum Bezahlen jeweils nur Insellösungen, was dazu führt, dass für Nutzer ein App- und Übersichtschaos auf dem Smartphone herrscht. Für jedes Geschäft oder jede Bestellung eine andere Bezahlmethode zu wählen und seine Daten jedes Mal neu einzutragen, dürfte viele Nutzer schlichtweg überfordern. Die Frage des einheitlichen Standards ist nur ein Frage der Zeit und so wären wohl klassische Finanzanbieter wie Visa oder Mastercard im Vorteil, da Transaktionen bis jetzt zum Großteil über diese beiden Anbieter abgewickelt werden.

Um mobile Payment nutzen zu können, muss eine Infrastruktur geschaffen werden, die Smartphones, QR-Codes und NFC-Chips lesen kann. Der Kunde ist mit solch Geräten wie Smartphones meist gut versorgt, nur mangelt es vielfach bei deutschen Einzelhändlern an einer adäquaten Infrastruktur zum Lesen der Kundendaten. So kann man bis heute bei MediaMarkt und Kaufland nicht mit Visa oder Mastercard zahlen und bei der Kaffeehaus-Kette Worldcoffee kann man ohne Bargeld nicht Mal einen Espresso kaufen. Klar funktioniert das Geschäft auch ohne Kreditkartenzahlung, nur sind seit Jahren amerikanische Einzelhändler und Gastronomen wie Starbucks, McDonald‘s oder Amazon auf dem deutschen Markt und bieten Kartenzahlung ohne Mindestbetrag an.

Der eklatanteste Nachteil ist wohl die Sicherheit bei NFC-Chips. Diese können, wie auch beim neuen Ausweis, ohne Probleme ausgelesen werden. So ist es ein Kinderspiel an Rolltreppen die Kreditkarteninformationen von ahnungslosen Passanten auszulesen und für eigene Einkäufe zu verwenden.

Die wohl größte Herausforderung für den Erfolg des mobile Payment liegt jedoch bei den Kunden selbst. Es gibt ein großes Akzeptanzproblem in der deutschen Gesellschaft, sich vom Bargeldzahlen zu lösen. Das liegt zu einem an dem hohen Standard, den wir an die Privatsphäre und Datensicherheit legen und zum anderen an der Angst, persönliche Informationen an Dritte preiszugeben und zur Verfügung zu stellen. Daraus resultiert auch der zurückhaltende Gebrauch von Kreditkarten. "Man könnte mir ja plötzlich Geld abbuchen und ich kann nix dagegen unternehmen." ist ein oft gehörter Einwand. Dieser Einwand ist berechtigt, aber genauso gut kann auch meine Bank pleite gehen oder ich werde ausgeraubt. Auch hier ist in beiden Fällen mein Geld weg. Ein weiteres Problem ist, dass mit elektronischen Bezahlsystemen Geld plötzlich nicht mehr physisch „greifbar“ ist und die Übersicht über mein Geld verloren gehen kann. Jetzt kann man die Gründe psychologisch und historisch wunderbar erklären, was aber nicht zielführend ist.

Fakt ist, dass es Unternehmen in Deutschland schwer haben werden, die Akzeptanz mobiler Bezahlsysteme zu bekommen. Dabei gibt es bereits viele wunderbare mobile Lösungen, die in Deutschland funktionieren und sich niemand dabei aufregt oder Sicherheitsbedenken hat. Ob Zug- bzw. Flugtickets, Bücher, Briefmarken, Musik oder Apps - viele von uns nutzen Dienste der Bahn, Lufthansa, deutschen Post, Amazon und iTunes mobil auf dem Smartphone oder Tablet. Ich selbst nutze alle Dienste regelmäßig und hatte noch nie Probleme. Wenn es jetzt noch adäquate Dienste in den lokalen Geschäften gibt, dann werden sich auch diese durchsetzen.