Netto zeigt, wie Apple Pay (nicht) funktioniert

Peinlich !33
Smartphone statt Portemonnaie – bei Netto soll das funktionieren
Smartphone statt Portemonnaie – bei Netto soll das funktionieren(© 2014 Netto, CURVED Montage)

Apple Pay ist zwar noch nicht in Deutschland gestartet, aber wer per Fingerabdruck bezahlen will, muss dafür nicht in die USA reisen: Der Einzelhändler Netto erlaubt die Zahlung per Touch-ID. Oder jedenfalls fast. Wir waren mal beim Discounter einkaufen.

Endlich muss ich kein Portemonnaie mehr zum Einkaufen mitnehmen. Auch die EC-Karte kann getrost zu Hause bleiben. Kein langwieriges Suchen mehr nach Kleingeld, keine Pin-Eingabe mehr, keine Unterschrift auf einem Kassenzettel, bei dem ich nie auf den Betrag hingewiesen werde. Apple Pay erlaubt es mir, dass ich künftig meine Einkäufe per iPhone bezahlen kann: Einfach den Finger auf den Touch-ID-Sensor legen – fertig. Naja, fast, denn das ist bislang in Deutschland nur eine theoretische Möglichkeit. Denn noch gibt es diesen Service weder im Supermarkt um die Ecke noch im Klamottenladen. Selbst wenn ich bei einem Elektrohändler ein Apple-Produkt kaufen wollte, könnte ich das vorerst nicht mit einem Apple-Produkt bezahlen.

Aber zum Glück gibt es ja die Supermarktkette Netto. Mir war vorher nicht klar, dass es hier nicht nur Brötchen, Milch und Waschpulver gibt – offenbar ist es das Innovationsparadies Deutschlands. Der Ort, wo Technik von Morgen schon heute eine Heimat gefunden hat. Denn: Hier kann ich bereits per App und Fingerabdruck bezahlen. Okay, es ist schon blöd, dass sich die nächste Filiale nicht gerade vor meiner Haustür befindet, aber egal: Für einen Blick in die Zukunft muss ich halt Opfer bringen. Also: Einkaufsliste geschrieben und auf zum Markt.

Virtueller Einkaufszettel

Die Netto-App, die mir die futuristischen Einkaufsfreuden ermöglichen soll, erspart mir zuerst einmal Zettel und Stift: Ich kann mich durch die aktuellen Angebote zappen und mich virtuell im Sortiment umschauen und gewünschte Artikel zu meiner Liste hinzufügen. Bin ich dann im Laden, nutze ich diesen digitalen Einkaufszettel und fülle nach und nach meinen Einkaufswagen. Ja, das muss ich noch selbst erledigen. Da wartet leider kein netter Einkaufsroboter, der anhand meiner Wunschliste meinen Warenkorb zusammenstellt. Oder noch besser: Mir Tomaten, Zahnpasta und Schnittkäse direkt nach Hause liefert.

Aber hey, das wäre vielleicht von einem Discounter auch zu viel verlangt. Also laufe ich mit dem iPhone in der Hand an den Regalen vorbei, fülle langsam den Einkaufswagen – und bin schon langsam richtig aufgeregt. Gleich geht es los, denke ich. Gleich darf ich an der Kasse meine Einkäufe mit meinem einzigartigen Fingerabdruck bezahlen.

Tja, manchmal liegen Wunsch und Wirklichkeit dann doch ziemlich weit auseinander.

An der Kasse nennt mir die Mitarbeiterin den zu zahlenden Betrag: 23,49 Euro. Als ich ihr mit einem Lächeln das iPhone vors Gesicht halte, natürlich habe ich die Netto-App aufgerufen, schaut sie mich gefühlt eine Stunde lang irritiert an. Und ich spüre die Blicke der anderen Kunden, die hinter mir in der Schlange stehen. "Haben Sie sich für die Handy-Zahlung registriert?", fragt mich die Kassiererin. Ich kann ihren Blick nicht deuten. Sie spricht langsam, sehr deutlich, betont jede Silbe – in einer Lautstärke, durch die auch die ältere Dame fünf Plätze hinter mir aufhört, ihre Schokoladen-Tafeln, Feinherb-Nuss, aufs Laufband zu legen.

Zum Glück habe ich mein Portemonnaie dann doch dabei. Ich hüstel kurz, gebe ihr 25 Euro und vergesse fasst mein Wechselgeld. Schnell raus hier. Ob sich meine Eltern auch so fühlten, als sie das erste Mal mit einer EC-Karte bezahlt haben? So aufregend – und so peinlich, als sie ihre Pin-Nummer vergessen hatten? Ich bin doch ein moderner Mensch, ich kenne mich ganz ordentlich mit Technik aus, wieso passiert mir das? Vielleicht, weil ich erst einmal immer glaube, was man mir sagt. Zum Beispiel, dass es jetzt ganz einfach sein wird, überall mit dem Handy zu zahlen. Ich freue mich tatsächlich darauf – aber machmal liegen Wunsch und Wirklichkeit dann doch ziemlich weit auseinander.

Codes, Codes, wir brauchen Codes

Wieder zuhause angekommen schaue ich mir die Netto-App noch einmal genauer an. Wie konnte ich das nur übersehen: Da steht doch ganz klar, in den Einstellungen, unter dem Punkt "Mobile Payment", dass ich zuerst einmal Freischaltcodes eingeben muss. Hätte ich vielleicht die Kassiererin nach diesen Codes fragen sollen? Ach, nein, da steht es ja: Ich muss mich erst für die bargeldlose Zahlung registrieren. Dafür teile ich Netto meine persönlichen Daten mit, also Adresse und Bankverbindung. Dann wird mir auf meine angegebene Telefonnummer ein Code geschickt, den ich eintragen muss. Ein weiterer Code wird mir dann per Bankauszug mitgeteilt: Mir wird ein Cent überwiesen. Im Zahlungsgrund steht der Code.

Irgendwie habe ich ja schon ein wenig Skrupel, irgendeinem Geschäft meine Daten anzuvertrauen. Aber wenn ich es mir genau überlege, wäre ich bei einer Verweigerung nicht konsequent:  Wenn ich dort mit einer Karte bezahlt hätte, würde Netto diese Daten ja schließlich ebenfalls haben. Also gut, gedacht getan, trage ich Namen, Geburtsdatum, Adresse und Bankverbindung ein. Es hätte mich nicht gewundert, wenn Netto auch noch meine Schuhgröße und Lieblingsfarbe abgefragt hätte.

Warten statt shoppen

Kaum habe ich die Daten notiert, bekomme ich tatsächlich den ersten Code per SMS, den ich auch sofort eintrage. Insgesamt hätte ich 21 Tage Zeit, die Registrierung abzuschließen. Aber ich will ja morgen wieder einkaufen, also will ich keine Zeit vertrödeln. Nur: Der zweite Code macht mir einen Strich durch die Rechnung: Es dauert, bis Netto mir einen Cent überweist – nach drei Tagen ist auf meinem Konto immer noch nichts von einem Code zu sehen.

Während ich warte, habe ich die Fantasie, dass sich alle Deutschen die App herunterladen und gleichzeitig die Registrierung vornehmen. 80 Millionen Cent, also 800.000 Euro, müsste Netto überweisen. Mal eben so. Vielleicht ist ja genau das gerade passiert, vielleicht muss ich deshalb so lange auf die Überweisung warten. In der Zentrale raufen sich die Buchprüfer die Haare, weil sie nicht wissen, wo jetzt der Cent für Herrn Blank herkommen soll. In der Zeit hätte Netto mir übrigens auch einen Brief schicken können. Oder mich anrufen. Oder einen Mitarbeiter aus der Firmenzentrale in Maxhütte-Haidhof – das liegt in Bayern - zu mir nach Hamburg schicken können. Der hätte mir dann den Code ins Ohr flüstern können, damit kein anderer etwas davon mitbekommt.

Es geht voran

Nach insgesamt einer Woche ist es soweit, der Code erscheint auf dem Auszug! Endlich kann ich die Registrierung abschließen, endlich kann ich bei Netto einkaufen und bargeldlos zahlen. Bis zu 250 Euro kann ich ausgeben, höher schätzt der Supermarkt meine Kreditwürdigkeit nicht ein. Aber es reicht immerhin, um aus dem aktuellen Angeboten ein Konvektionsheizgerät für 19,95 Euro oder gleich mehrere Princess Nail Maniküre-Sets für je 9,95 Euro zu kaufen. Eigentlich reicht der Betrag, um im Laden "einmal alles" zu rufen. Also was beklage ich mich?

Inzwischen habe ich mich auch weiter mit der App beschäftigt. Die Zahlung an der Kasse funktioniert offenbar auch mit Smartphones, die keine Fingerabdruck-Prüfung haben. Dafür muss ich dann eine Pin-Nummer eingeben – immerhin eine, die ich bei der Registrierung selbst festgelegt habe. Der Fingerabdruck ist nur dafür da, dass ich mir diese Pin nicht merken muss. Diese Zahlung hat nichts mit Apple Pay zu tun.

Konzept für die Vergesslichen

Bei Apple Pay registriere ich Zahlungsmittel wie eine Kreditkarte. Bin ich in einem Laden, erspare ich mir dann, diese Karte vorzuzeigen. Diese Shops haben ein NFC-fähiges Lesegerät, und sobald ich das iPhone darauf lege, wird der zu zahlende Betrag im Display angezeigt. Sobald ich die Zahlung per Fingerabdruck autorisiere, wird Geld von dem Karteninstitut direkt auf das Konto des Geschäfts überwiesen.

Bei Netto läuft das ein wenig anders – und nicht nur, weil der Supermarkt gar keine NFC-Lesegeräte hat. Hier gebe ich Netto eigentlich nur die Erlaubnis für ein Lastschriftverfahren: Sobald ich per Smartphone zahle und die Pin eingebe, bucht Netto von meinem Konto ab. Und die App nutzt lediglich die Apple-Technik, mir das Eintippen der Pin zu ersparen.

An der Kasse sage ich der Kassiererin, dass ich per Smartphone zahlen will. Auf dem Smartphone tippe ich dann innerhalb der App auf "Coupons einlösen & Bezahlen", dadurch wir dein Nummer generiert, die nur ein paar Minuten gültig ist und die ich der Kassiererin nenne oder zeige. Die Netto-Mitarbeiterin tippt diese Nummer dann in ihre Kasse ein – und schon habe ich gezahlt.

Interessant, aber umständlich

Wäre Netto der Supermarkt meines Vertrauens, also der Laden, in dem ich täglich einkaufe, dann würde ich diese Zahlungsmethode sicher häufiger ausprobieren. Wenn ich zum Beispiel beim Hundespaziergang nur die Jogginghose trage und wieder einmal nur meinen Schlüssel und mein Handy dabei habe – und auf dem Weg noch schnell ein wenig Sahne für meinen White Russian, äh, meinen Kaffee brauche.

Immerhin ist die App ein netter Versuch, Netto. Aber leider sind Insellösungen kein Schritt in Richtung Zukunft, sondern eine Einbahnstraße. Und das Zahlen per App sollte nicht wie ein Gimmick wirken, sondern wie eine echte Alternative zu bestehenden Systemen. Die Anmeldung ist viel zu kompliziert, die Einsatzmöglichkeiten zu limitiert. Stammkunden könnten vielleicht ihre Freude damit haben, neue Stammkunden generiert man so allerdings nicht.

Mich auf jeden Fall nicht, denn ich möchte nicht für jeden Händler eine eigene App nutzen – geschweige denn jedem Händler meine persönlichen Daten zur Verfügung stellen. Wäre Netto ein Monopolist wie die Deutsche Bahn, hätte ich kein Problem damit. Aber Einkaufen ist halt kein Bahnfahren: Ich wechsle gerne mal den Anbieter. Es ist schon ein Fortschritt, dass ich in Deutschland inzwischen fast überall mit einer Karte bezahlen kann. Meine Vermutung ist, dass es sicher noch eine Weile dauern wird, bis ich mein Smartphone genauso einsetzen kann. Und da ich dann doch meistens meine Geldbörse dabei habe – verzichte ich eben auf diese vermeintlich fortschrittliche Methode und wähle Bargeld oder die EC-Karte.

In einer älteren Version des Artikels stand fälschlicherweise, dass die Zentrale von Netto in Mecklenburg-Vorpommern liegt. Das ist natürlich quatsch – sie liegt in Bayern. Wir haben den Fehler korrigiert.


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