Profitlose Startups: Zahlen die Falschen drauf?

In der TV-Serie "Silicon Valley" entwickelt das Startup einen Musikdienst. Ein Geschäftsmodell haben die Gründer dafür - wie im echten Silicon Valley - nicht.
In der TV-Serie "Silicon Valley" entwickelt das Startup einen Musikdienst. Ein Geschäftsmodell haben die Gründer dafür - wie im echten Silicon Valley - nicht. (© 2014 Youtube/HBO)

Die meisten Services in der Tech-Szene leben großteils von Risikokapital. Ist das verwerflich oder der notwendige Motor für Innovation im Silicon Valley?

Monetarisierung ist Nebensache

Monetarisierung: Dieses Wort hat im Silicon Valley einen geringen Stellenwert - was besonders Europäer überrascht, wenn sie hierher kommen und das System kennenlernen. Ebenso selten wie das Geschäftsmodell wird auch die Profitabilität hinterfragt. Das Thema stellen viele Startups in den ersten Jahren hinten an.

Vor einigen Wochen hatte ich einige Geräte in der Flohmarkt-App Fobo gelistet. Eines davon holte der Gründer des Startups selbst ab, weil es sich nicht an andere Nutzer verkaufte. Auf die Frage, was mit dem Produkt geschieht, zuckte er die Schultern: "Keine Ahnung, das müssen wir uns überlegen. Noch haben wir ja eine Finanzierung." Eine Aussage, die man als Journalistin hier oft zu hören bekommt.

Die Mittelschicht finanziert riskante Geschäfte

Ob Taxi-Alternativen, Kleiderreinigung, Essenslieferung oder Putzvermittlung: Die meisten Services, die in der San Francisco Bay Area getestet werden, sind zu niedrig bepreist, um ihren Kundenstamm rasch aufzubauen. Diese Strategie lassen sich Unternehmer durch Wagniskapital fördern.

Das klingt zwar nicht verwerflich, hat aber einen unangenehmen Beigeschmack, wie Tech-Kolumnist Kevin Roose im New York Magazine aufdeckt. Renommierte VC-Firmen wie Andreessen Horowitz sammeln für ihre Fonds Gelder von Rentenfonds oder auch Universitäten. Man könnte behaupten, die Mittelschicht finanziert mit ihren Rentengeldern risikoreiche Geschäfte. Damit hat Roose natürlich recht, aber Fonds sind meist mit einem bestimmten Niveau von Risiko verbunden.

 Viele Produkte würde es heute wohl nicht geben, wenn sich ihre Erfinder den Kopf über Profitabilität zerbrechen müssten.

Klarer sind die Verhältnisse bei etablierten Technologie-Unternehmen. Google etwa bezieht einen großen Teil seines Umsatzes durch Werbegelder und kann damit Experimente und Projekte finanzieren, die wahrscheinlich nie profitabel werden.

Ein Beispiel dafür ist Google Shopping Express. Der Lieferdienst ist für Kunden in den ersten sechs Monaten kostenlos - zumindest behauptete das der Betreiber zum Launch vor einem Jahr. Google scheint noch immer kein Preismodell für den Same-Day-Deliver-Service gefunden zu haben. Ich lasse mir seit fast einem Jahr Haushaltswaren liefern, ohne dafür eine Gebühr an Google abgeben zu müssen.

Amazon weiterhin ohne Gewinn

Amazon ist wahrscheinlich das bekannteste Beispiel für ein Erfolgsunternehmen ohne Gewinn. Der E-Commerce-Konzern schreibt seit Jahren Verluste, CEO Jeff Bezos steckt den Großteil des Umsatzes in Forschung und Entwicklung. An der Börse wird die Aktie trotzdem hoch gehandelt. Innovationen wie Kindle, Fire TV, eigene TV-Produktionen und bald sogar Smartphones halten den Kapitalmarkt bei Laune.

Dass die jungen Unternehmen in der Tech-Branche den Luxus haben, nicht von Monetarisierung und Profitabilität  getrieben zu sein, hat den großen Vorteil, dass die Innovation floriert. Viele Produkte würde es heute wohl nicht geben, wenn sich ihre Erfinder den Kopf darüber zerbrechen müssten.

Die Motivation sinkt zudem durch aktuelle Deals: Wenn Facebook zwei Milliarden Dollar für eine Virtual Reality-Brille zahlt, die noch nicht mal am Markt erhältlich ist, machen sich Startup-Gründer wohl immer weniger Sorgen darüber, wie sie ihr Geschäft monetarisieren. Viele Investoren sehen das ähnlich: Momentum, Innovation und Reichweite sind in der ersten Phase wichtiger als ein funktionierendes Business-Modell. Denn existiert bereits ein Publikum, kann noch immer auf das "Worst Case-Szenario" zurückgegriffen werden - die Werbevermarktung.


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