Die Verkaufszahlen sind rückläufig: Quo vadis, Tablet?

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Tablet(© 2014 CURVED)

Einst als revolutionärer Konsumartikel gehandelt, der das Ende der PC-Ära einläutete (und beinahe im Alleingang stemmen sollte), hat das Tablet seit seiner Ankunft im Massenmarkt eine kontinuierliche Talfahrt hingelegt - zumindest mit Blick auf die Verkaufszahlen. In der vergangenen Woche gab Apple bekannt, dass selbst die Verkäufe des iPads im vergangenen Quartal erneut rückläufig waren. Hat das Tablet noch eine Zukunft? Und falls ja, wo liegt die?

Nicht nur die vergangenen zwei Quartale sahen für das iPad mau aus. In vier von fünf der vergangenen Vierteljahre sanken die Verkaufszahlen aller Produkte aus Apples Tablet-Familie stetig. Und Cupertino kämpft nicht allein mit dem flachen Wunderprodukt von einst: Samsung korrigierte gar seine gesamte Gewinnerwartung für dieses Jahr deutlich nach unten — unter anderem, weil sich die eigenen Tablets nicht mehr so gut absetzen, berichtete das Wall Street Journal am Donnerstag. Der gesamte Tablet-Markt bricht ein; und das nicht erst seit ein paar Wochen.

Warum ist ein Produkt, das selbst für Tech-Verhältnisse noch vor ganz kurzer Zeit eine der vielversprechendsten Neuerung der Branche war, zu einer der größten Hardware-Blasen der jüngeren Mobile-Geschichte mutiert? Denn mit der Vorstellung des iPad 2010 traf das Tablet erstmal auf beinahe grenzenlose Euphorie: Jeder wollte eines, sämtliche Hersteller sprangen auf den laut dröhnenden Zug auf, Tablets schienen die Zukunft, der Heilsbringer einer IT-Industrie zu sein, die im Begriff war zu sterben. Bye, bye Laptop, hello Tablet!

"2010 dachte ich: Ich muss ein iPad haben! Das ist die Zukunft, das wird den PC begraben."

Ich erinnere mich an einen der ersten großen Auftritte des Apple iPad in einer Folge der US-Serie Modern Family im Frühjahr 2010 und daran, wie ich — nun wirklich kein erklärter Fan der Produkte aus Cupertino — dachte: Muss ich haben! Ein mobiler Computer, der nur aus Display bestand und auf dem virtuelle Geburtstagskerzen physikalisch korrekt brannten, die dann auch noch ausgepustet werden konnten. Wer braucht so etwas bitte nicht ganz dringend und unbedingt? Das ist die Zukunft, das ist mobiles Computing, das wird den PC und vor allem die Laptops begraben.

Apples iPad, hier in der 4. Generation

Gekauft habe ich das iPad dann nie, erinnere mich aber auch daran, wie ich mir rund anderthalb Jahre später dann mein erstes vollwertiges Tablet zulegte, ein ASUS Transformer Eee Pad Prime. Meine Hoffnung war, dass dieses Hybrid-Gerät mich befähigen würde, unterwegs effektiver zu arbeiten, Medien und Inhalte zu konsumieren und irgendwie meinen PC ablösen könnte. Das hat es aber nie getan, stattdessen lag die 600-Euro-Offenbarung nach drei Wochen intensiven Herumspielens nur noch in der Ecke.

So wie mir wird es damals vielen Tech-Fans auf der ganzen Welt gegangen sein: Das iPad und seine Nachfolger versprachen so viel — allen voran absolute Mobilität bei gleichbleibender Effektivität — und hielten dann so wenig. Das kann man nicht direkt dem Tablet anlasten, sondern darf den Grund dafür ruhig bei uns Kosumenten und auch bei den Marketing-Abteilungen der Hersteller suchen: iPad und Co. besaßen einen übergroßen Wow-Effekt und machten uns den Mund sehr, sehr wässrig. Aber sie sind einfach keine Arbeitstiere; auch weil eine Bedienung per Touch zwar cool ist, aber niemals ein Maus-Tastatur-Gespann ersetzen kann, wenn Produktivität gefragt ist.

Tablet-Konkurrent 5+-Zoll-Smartphone

Heute nutze ich ab und an ein Nexus 7 (2013), ein gutes Allround-Tablet im handlichen 7 Zoll-Format. Und jedes Mal, wenn ich es in die Hand nehme, frage ich mich, warum ich das eigentlich besitze — die meisten der Tätigkeiten, die ich auf dem Nexus 7 erledige, könnte ich genauso gut auch auf dem Nexus 5 angehen. Hier liegt das zweite große Problem des Tablets: Zeitgleich mit seinem Aufkommen wurden Smartphones nicht nur immer potenter, sondern bekamen auch immer größere Displays. Ein großer Vorteil der Tablets schwand zusehends dahin; ob 7 Zoll oder 5,5 Zoll — das macht keinen großen Unterschied oder Vorteil mehr aus. Allein: Das Smartphone trägt der Nutzer ohnehin immer mit sich herum, wozu also wegen 2 bis 3 Zoll mehr noch ein Tablet einpacken?

Und stationär? 10 Zoll-Tablets oder die 9,7 Zoll großen klassischen iPads bieten deutlich mehr Sichtfläche als ein Smartphone und damit durchaus einen Vorteil beim Lesen, Surfen, Videokonsum und auch in Apps und Spielen. Das ist zwar nicht von der Hand zu weisen, aber wenn ohnehin schon stationär, warum dann nicht gleich ein Laptop? Schaue ich mich auf meinen regelmäßigen Bahnfahrten oder aber auch in den Wohnzimmern von Bekannten um, sehe ich zwar ab und an das eine oder andere Tablet, dominiert wird die digitale Medienkonsum- und vor allem Produktivitätslandschaft aber weiterhin von Laptops.

"Die Vorteile des Tablet von einst haben sich in Wohlgefallen aufgelöst"

Die vermeintlichen Vorteile, die Tablets also noch vor vier Jahren versprachen, haben sich in Wohlgefallen aufgelöst: Smartphones sind mobiler und beinahe mit genauso großen Displays ausgestattet wie kompakte Tablets, Laptops sind performanter und leichter geworden und für die quasi-stationäre Nutzung besser geeignet, als große 10 Zoll-Tablets. Tablets sind damit ein "Zwischending", das niemand wirklich braucht. Und Dinge, die niemand wirklich braucht, werden nur von Enthusiasten gekauft — nicht von Lieschen-Müller, die ihr teuer verdientes Geld lieber in ein neues Smartphone oder einen Laptop steckt als in eine Spielerei.

Trotz gegenteiliger Bemühungen sind Tablets noch keine Produktivitäts-Maschinen

Erhebungen amerikanischer Marktforschungsinstitute habe dann auch ergeben, dass diejenigen, die Tablets irgendwie interessant oder nützlich finden, bereits eines besitzen. Bei allen anderen rangiert der Wunsch nach einem solchen Gerät sehr weit hinten, hinter konkreteren Luxus-Bedürfnissen wie großen Fernsehern, schnellen Laptops oder Desktop-Rechnern. Und selbst die Enthusiasten scheinen zwischenzeitlich derart desillusioniert von der Tablet-Technik, dass sie nicht mehr bereit sind, ihre bereits vorhanden Geräte durch neuere Modelle zu ersetzen.

Die Zukunft des Tablets liegt in der Nische

Man darf sich darüber streiten, wer das Tablet erfunden und wer ihm zum Durchbruch verholfen hat. Apple jedenfalls war nicht das erste Unternehmen, dass sich an dieser Gerätekategorie versucht hat: Bereits Jahre zuvor gab es Tablets — als Nischenprodukte für professionelle Grafiker beispielsweise.

Und exakt dort, in der Nische, liegt erneut die Zukunft des Tablets: Apple ist jüngst eine bemerkenswerte Allianz mit dem einstigen Erzrivalen IBM eingegangen; ein Zweck dieses Bündnisses dürfte eine Offensive von Apple-Produkten im Business-Sektor ein; selbstredend unter starker Einbeziehung des iPad. Auch im medizinischen, wissenschaftlichen und Ingenieurssektor sind effektive Anwendungsbereiche für Tablets denkbar.

Und im privaten Bereich? Das Tablet wird in seiner aktuellen Form als Konsumgerät kein Massenprodukt mehr werden. Möglich, dass es Microsoft mit seinen Surface-Geräten, die den Vorteil einer portablen Tastatur und eines vollwertigen Produktiv-Betriebssystems irgendwann gelingt, dem Laptop nennenswerte Anteile abzunehmen. Aber wo liegt eigentlich der konzeptionelle Unterschied zwischen einem Windows-Tablet mit Tastatur und einem Windows-Laptop mit (eventuell abnehmbaren) Touchscreen? In Redmond scheint man also auch eher daran zu arbeiten, das Tablet zum Laptop zu machen ... aus nachvollziehbaren Gründen.

Das Tablet als erweiterte Spielkonsole

Mögliche Nische für Tablets: Mobile Spielkonsolen à la Nvidia Shield

Alternativen, wie Nvidia sie derzeit mit dem Shield Tablet andenkt, scheinen da erfolgversprechender: Das Tablet als Grafik-potenter Ersatz für die Spielkonsole, mit Gamepad und problemlos an den großen TV zuhause anzuschließen, gleichzeitig aber portabel und per Touch zu bedienen. In solchen Konzepten liegt die Zukunft des Tablet; in Bereichen, in denen die Möglichkeiten eines Tablet nicht für sich stehen, sondern bestehende Konzepte erweitern. Das Tablet also als Mehrwert, nicht als eigenständige Produktkategorie, die Althergebrachtes ersetzen soll.

Ich jedenfalls würde mir sehr wahrscheinlich kein neues Nexus-Tablet kaufen — warum auch? Mein "altes" Nexus 7 (2013) reicht zum YouTuben und Surfen vollkommen aus. Ein Shield Tablet hingegen bietet verspricht mir etwas, dass aktuell weder Smartphone noch Konsole bieten können. Ersetzen würde es Beides nicht, aber ergänzen. Klar ist, dass solche möglicherweise im Kleinen erfolgreichen Konzepte den Massenmarkt nicht jucken werden; das tut das Tablet aber jetzt auch schon nicht mehr. Und in der Nische liegt dann wenigstens die Rettung dieses einst so strahlenden Konzepts.

Das Ende des Tablets in der Breite soll damit aber nun noch nicht endgültig  besungen sein. In den genannten Nischen darf es sich etablieren und zur festen Größe werden. Und eines Tages, vielleicht, wenn es neuartige Eingabemethoden gibt oder auch die Hardware in die Cloud gezogen ist, erlebt das Tablet einen weiteren Frühling — wenn wir bis dahin nicht allesamt schon mit Datenbrillen oder Implantaten ausgestattet sind. Außerdem bleibt ja auch noch der Optimismus des Tim Cook, der trotz der schlechten Zahlen versichert, Apple sei optimistisch, was die Zukunft des Tablet-Markt angeht; weil man noch diverse Innovation in der Hinterhand hätte.

Hat das Tablet noch nicht abgeschrieben: Apple-CEO Tim Cook

Ob er damit nun Recht behält, oder nicht, etwas Versöhnliches hat das Scheitern des Tablets auf dem Massenmarkt wenigstens sozio-kulturell betrachtet: Wir Konsumenten sind eben doch nicht solche Schafe, wie Technik-Kritiker in den letzten Jahren immer wieder vorgehalten haben. Wir haben dem Tablet widerstanden, weil es zwar reizvoll schien, unser Leben aber eben nicht ausreichend bereichert hat, trotz der vollmundigen und jahrelang mit Inbrunst vorgetragenen Argumente der Industrie.

Nutzt Ihr ein Tablet? Träumt Ihr seit Ewigkeiten davon, eines zu besitzen? Oder haben Euch diese Geräte von Beginn an kalt gelassen? Berichtet uns von Euren Erfahrungen oder Eurer Meinung zum Thema in den Kommentaren — wir sind gespannt.


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