Samsung Galaxy S6: Was soll der iPhone-Look?

ANALYSEPeinlich !1588
Leider scheint sich dieses Konzept des Galaxy S6 zu bewahrheiten ...
Leider scheint sich dieses Konzept des Galaxy S6 zu bewahrheiten ...(© 2015 Gotta Be Mobile)

Die beiden großen zu erwartenden Highlights des MWC 2015 — das HTC One M9 und das Samsung Galaxy S6 — sind bereits mehrere Tage vor ihrer offiziellen Vorstellung am Sonntag quasi vollständig geleakt. Wir können also mit ziemlicher Sicherheit schon heute sagen, wie beide Geräte aussehen werden. Und wo wir im evolutionären Design des taiwanischen Flaggschiffs beim zweiten Hinschauen durchaus viel Gutes entdecken können, wundert uns der Weg, den Samsung mit dem Galaxy S6 geht.

Kaum ein Smartphone-Hersteller hat in den vergangenen Jahren so viel Smartphones verkauft wie Samsung. Und kaum einer stand wegen des einerseits eher alltäglich und "pragmatisch" anmutenden Designs seiner Geräte derart in der Kritik und andererseits ob der diversen Design-Anleihen beim großen Konkurrenten Apple mal mehr, mal weniger berechtigt im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Waren die Patent-Streitigkeiten mit Apple zuletzt beinahe vollständig abgeklungen, so blieb die Kritik an der lieblosen Gestaltung der technisch meist hervorragenden Flaggschiffe aus Korea stets aktuell: Das letztjährige Galaxy S5 wurde von vielen als Höhepunkt einer Ignoranz des Wunsches vieler Nutzer nach einem hochwertigen Smartphone interpretiert — denn nicht nur machte die schnöde Art und Weise wie Samsung hier den Kunststoff einsetzte, wenig Lust, das S5 anzufassen und stolz vorzuzeigen, auch ähnelte das Gerät seinem Vorgänger zu sehr, als dass man Samsung wenigstens hätte attestieren können, es versucht zu haben.

Mit dem kommenden Galaxy S6 sollte nun alles, anders und besser werden. Unter dem Codenamen Project Zero erfuhren wir im Vorjahr, dass die ewige Kritik im Headquarter der Koreaner angekommen war und Samsung mit dem Galaxy S6 neue Designwege beschreiten werde. Die Gerüchte, Leaks und Konzepte der folgenden Monate versprachen ein edles Smartphone mit viel Metall, viel Glas und wenig Kunststoff — ein Flaggschiff zum Verlieben eben, so wie es einst das HTC One M7 war und so wie es für viele Nutzer jede iPhone-Generation ist. Große Erwartungen also, die Samsung da passiv schürte ...

Enttäuschung vorprogrammiert: Das ist doch abgeschaut!

... und die sie am Sonntag wohl für manchen enttäuschen werden: Nach dem jetzigen Kenntnisstandder wenig Raum für Abweichung lässt — wird das Galaxy S6 tatsächlich mit Metallrahmen und verglastem Rücken kommen. Allein, die Anordnung und Formsprache dieser Komponenten gibt wenig Grund für Lob in Richtung der Koreaner. Von vorne wird das Galaxy S6 wohl die bisherige Designsprache mit dem prägnanten Home-Button beibehalten. Das ist soweit in Ordnung, ein 911er Porsche sieht ja irgendwie auch immer aus wie ein 911er Porsche. Auch die plane, mit Glas überzogene Rückseite gewinnt keine Innovationspreise (so sehen Sonys Xperia-Flaggschiffe seit mehreren Generationen aus), stellt wenigstens für Samsung aber einen gewaltigen Schritt nach vorne dar. Was aber an den Rändern stattfindet, ist äußerst irritierend: Warum sehen vor allem die Ober- und Unterkanten beinahe — nur schlechter, weil dicker — genauso aus, wie die des iPhone 6?

In der Vergangenheit konnte man trefflich darüber streiten, ob nun "abgerundete Ecken" wirklich etwas sind, das Apple sich als geistiges Eigentum überhaupt schützen lassen darf. Die ersten Galaxy-Smartphones hatten eben die Form beinahe jedes anderen Smartphones und damit auch des iPhones. Aus meiner Sicht hatte Apple damals nie wirklich einen design-technischen Grund, sich an den Samsung-Geräten zu stören. Beim Galaxy S6 liefert Samsung Cupertino diesen quasi auf dem Serviertablett.

Es drängt sich damit die Frage auf, ob Samsungs-Designabteilung schlicht die unkreativste Ansammlung von "Kreativen" der Branche darstellt, oder es tatsächlich freches Kalkül ist, dass das S6 so offen markante Designelemente des iPhone 6 übernimmt. Samsung wird sich im Falle eines Streites darauf berufen, dass die Rückseite und die Front ja ganz anders aussähen, als die des iPhone 6 — das sind dann jedoch maximal juristische Argumentationen.

Galaxy-Käufer sind keine heimlichen iPhone-Fans

Aber was hat man denn in Seoul eigentlich für ein verschrobenes Bild von den eigenen Konsumenten? Glaubt Samsung wirklich, dass die potenziellen Galaxy S6-Käufer still und heimlich nach einen iPhone 6 lechzen, das aber von Samsung produziert wissen möchten? Oder gerne Android drauf laufen hätten? Oder nur gewartet haben, dass sie Samsungs neue Themes darauf benutzen können? Über den Preis jedenfalls wird das Galaxy S6 wenigstens zum Start keine "zu-arm-für-Apple"-Käufer gewinnen (sofern es die wirklich gibt), denn gerüchteweise kopiert Samsung Cupertino auch bei der Preisgestaltung seinen Flaggschiffs.

Für Beobachter wie für ebenjene potenzielle Nutzer und Kunden dürfte sehr deutlich sein, dass das S6 der seltsame Versuch ist, das iPhone 6 zu kopieren. Und das wird vielen sauer aufstoßen: Denjenigen, die Samsungs Geräten ohnehin nichts abgewinnen können sowieso, vor allem aber denjenigen, die mit Apples Design nicht anfangen können oder wollen — ich für meinen Teil, als überzeugter Android-Nutzer, möchte nicht mit einem 800 Euro-Smartphone (oder mehr) herumlaufen, das wie ein iPhone 6-Plagiat aussieht. Wenn es Samsung schon nicht peinlich ist, mir wäre es das.

Ich hatte Anfang der Woche darüber geschrieben, dass das Design des ebenfalls am Sonntag offiziell werdenden HTC One M9 eher evolutionär, aber dennoch sehr gelungen ist — weil es schon zuvor gut war. Sieht das Galaxy S6 aus wie wir es aktuell erwarten, hat Samsung nicht nur die Gelegenheit vertan, der mobilen Welt endlich zu zeigen, dass sie designtechnisch in der HTC-Liga spielen können und stattdessen endgültig bewiesen, dass für die Android-Marktführer paradoxerweise Apple das große Vorbild ist. Dann hat vor allem auch HTC mit dem One M9 alles richtig gemacht — und erneut das schönste Smartphone des Jahres gebaut. Das ist für Samsung schade, aber eben selbst verschuldet. Es ist vor allem aber enttäuschend für alle, die sich auf ein ganz besonderes Galaxy S6 gefreut hatten und nun wohl ein dubioses "s6-Phone" vorgesetzt bekommen.

Wie HTC One M9 und Samsung Galaxy S6 final und leibhaftig aussehen, wie sie sich anfühlen und was sie können, das erfahren wir im Laufe des kommenden Sonntages — CURVED ist für Euch vor Ort in Barcelona und wird von beiden Präsentationen berichten und Euch schnellstmöglich mit allen Infos, Spezifikationen, EIndrücken und Hands-Ons-Videos der beiden heiß erwarteten Flaggschiffe versorgen. Wir sind weiterhin gespannt und freuen uns auf eine tolle Messewoche mit Euch.


Weitere Artikel zum Thema
Galaxy S7-Update belegt: Mit Nougat wird aus TouchWiz Samsung Expe­ri­ence
Her damit !7Samsung Experience auf dem Galaxy S7 Edge: Mit Android Nougat sagt TouchWiz offenbar Goodbye
Alles anders mit Android Nougat: In der neuesten Beta-Version für das Galaxy S7 soll die Benutzeroberfläche nicht mehr TouchWiz heißen.
Galaxy S7 Edge in Pearl Black: Samsungs Diamant­schwarz kommt im Dezem­ber
3
Peinlich !10Das Galaxy S7 Edge in Pearl Black besitzt offenbar eine spiegelnde Oberfläche
Das Galaxy S7 Edge in Pearl Black: Samsungs Flaggschiff könnte im glänzenden Schwarz auf den Markt kommen – inklusive Speicherupgrade.
Android: App-Upda­tes sollen künf­tig mehr als 50 Prozent klei­ner sein
Christoph Groth
App-Updates unter Android sollen künftig kleiner werden
Google gibt bekannt, dass App-Updates im Schnitt künftig rund zwei Drittel kleiner sein sollen – in manchen Fällen sogar bis zu 90 Prozent.