Schrott or not: Wohin mit meinem alten Handy?

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Viele Altgeräte landen in der Schublade, aber es gibt andere Möglichkeiten
Viele Altgeräte landen in der Schublade, aber es gibt andere Möglichkeiten(© 2014 CURVED)

Die Vertragslaufzeit ist vorbei. Das neue, noch leistungsfähigere und schnellere Handy bereits erwählt. Doch was passiert mit dem Altgerät? Oder besser: Was sollte damit passieren? Wir entdecken die Möglichkeiten: vom Verkauf über die Weiterverwendung bis zum Recycling.

Der Mobilfunkmarkt hat seine eigenen Gesetze. Obwohl das Handy noch immer tadellos funktioniert und bis auf ein paar Kratzer optisch vollkommen in Ordnung ist, muss – in der Regel nach zwei Jahren – ein neues her. So ist das halt, wenn man technisch am Puls der Zeit bleiben will. Monatliche Produktneuheiten und die Subventionierung des Neukaufs durch den Provider machen die Entscheidung leicht. Das Altgerät landet indes auf Nimmerwiedersehen in der Schublade. Schätzungen zufolge teilen etwa 106 Millionen ausgediente Handys dieses Schicksal, Tendenz steigend. Im Durchschnitt hat also jeder Bundesbürger mindestens ein Handy in irgendeiner dunklen Ecke liegen. Das muss und sollte nicht sein.

Die Smartphones sind voll von recyclefähigen Rohstoffen, darunter Metalle, die weltweit unter großem Aufwand im Bergbau oder auch in der Tiefsee geschürft werden. Voraussetzung für das sogenannte Urban Mining ist, dass das Handy dem Wertstoffkreislauf wieder zugeführt wird. Aber dazu später  im Text mehr. Denn wenn das Gerät noch gut in Schuss ist und funktioniert, ist der Wiederverkauf die erste Option.

Der erste Gedanke ist die Versteigerung auf Ebay. Doch neben der Arbeit, das Gerät mitsamt Fotos und detaillierter Beschreibung ins System einzustellen, schwankt der zu erzielende Preis stark – das Risiko, unter der Erwartung zu bleiben, ist groß. Einen Festpreis und mehr Komfort versprechen auf den Wiederverkauf von Elektronikgeräten spezialisierte Unternehmen wie Momox, Wirkaufens oder Flip4New.

Das Schema ist immer das selbe: Nach der Beantwortung einiger standardisierter Fragen zum Modell und Zustand des Geräts in einem Online-Fragebogen bringt man das alte Handy auf den Postweg. Die Versandkosten übernimmt in der Regel der Anbieter. Aber was passiert dann? Kambiz Djafari, Online-Marketing-Chef des Resellers Flip4New erklärt den Prozess: "Das Gerät kommt an, wird eingescannt und von den Technikkollegen unter die Lupe genommen. Entweder bestätigen wir das Gebot – das passiert bei 92 Prozent der Fälle – oder wir passen das Gebot nach oben oder unten an und der Kunde erhält sein Geld. Nach der Techniküberprüfung gehen die Geräte in den Wiederverkaufsprozess."

Apple-Geräte bringen 30 Prozent mehr

Der Wiederverkaufswert von einem Apple-Gerät liegt bei 60 bis 70 Prozent(© 2014 CURVED)

Zu den Käufern der gebrauchten Geräte gehören neben Privatkunden, die die Geräte über Plattformen wie Ebay ersteigern, vor allem auch Unternehmen. Ein möglicher Grund für die Beliebtheit von "Dumb Phones", wie die Handys ohne Internetanschluss und Touchscreen umgangssprachlich genannt werden: Die lange Akkulaufzeit und die robuste Bauweise versprechen in vielen Situationen Vorteile gegenüber den technisch überlegenen, aber deutlich weniger bruchsicheren Smartphones bieten.

Für Verkäufer, Händler und Käufer bietet sich somit eine Win-Win-Win-Situation. Dass noch nicht deutlich mehr Verbraucher diesen Weg gehen, erklärt Djafari mit dem fehlendem Vertrauen zu den Zwischenhändlern. "Wir haben vielleicht zehn Prozent der deutschen Kunden erschlossen. Vor acht bis neun Jahren war es beim Online-Handel aber auch nicht anders. Wir müssen versuchen, noch mehr Vertrauen zu schaffen, damit die Leute auch hochpreisige Geräte verkaufen können."

Ein weiterer Trend, den die Verantwortlichen bei Flip4New ausmachen, sind immer kürzer werdende Lebenszyklen. Lag die durchschnittliche Gebrauchsdauer eines Smartphones vor kurzem noch bei etwa 24 Monaten, liegen zwischen Kauf und Verkauf aktuell nur noch etwa 16 bis 18 Monate. "Die Leute wollen immer das neueste Gerät haben", erklärt Djafari. Dabei scheint es nur den wenigsten Kunden um den Aspekt Umweltschutz zu gehen." Den meisten Kunden geht es ganz einfach um den Erlös, mit dem das nächste Smartphone teilfinanziert wird."

Besonders lohnenswert ist der Verkauf eines alten Apple-Geräts, so Djafari. "Bei Apple-Geräten ist der Restwert ziemlich stabil. Zum Vergleich: Ein Samsung-Smartphone hat nach einem Jahr etwa einen Wiederverkaufswert von etwa 40 Prozent. Bei einem Apple-Gerät sind das 60 bis 70 Prozent." Doch auch bei Android-Smartphones erkennt der Insider inzwischen eine Wertstabilisierung, wenngleich die Geräte aufgrund der Marktsättigung vermutlich nie das iPhone-Level erreichen werden. "Das große Angebot senkt ganz einfach die Preise."

Der Selbstversuch:

Wie viel man für ein altes Modell bekommt, haben wir mit Blick auf den bevorstehenden Produktstart des iPhone 6 im September getestet. Angesichts einer üblichen Vertragsdauer von zwei Jahren dürften vor allem iPhone-5-Eigentümer im Rahmen der Vertragsverlängerung zum neuen iPhone greifen. Unser Modell hat 16 Gigabyte Speicherkapazität und ist außer einigen kleinen Dellen und Kratzern völlig in Ordnung und funktional. Das Originalzubehör ist inklusive, und ein SIM-Lock, der nur die Verwendung einer bestimmten SIM-Karte erlaubt, ist nicht vorhanden. Bis auf reBuy, die derzeit "aufgrund hoher Lager­bestände" das von uns gebotene iPhone grundsätzlich nicht kaufen wollten, konnten wir bei den gängigen Verkaufsportalen zwischen 160 Euro und 250 Euro erzielen. Das ist für das kommende iPhone ein nicht unbeträchtlicher Bonus.

Einsatz in vier Wänden

Wenn sich der Verkauf nicht mehr lohnt, lässt sich das Smartphone aber auch zu Hause weiterhin 'smart' verwenden. Da spielt es auch keine Rolle, wenn der Akku nicht mehr voll funktioniert oder das Display Risse hat. So genügen eine Wandhalterung, die entsprechende App sowie ein Kabel für die permanente Stromzufuhr, um aus dem Smartphone eine Überwachungskamera oder ein Babyphone zu machen. Ebenfalls mit einer permanenten Stromverbindung und ein paar Lautsprechern wird aus dem alten Smartphone zum Beispiel ein Player für Internetradio, Podcasts, Spotify oder auf dem Gerät gespeicherter Musik. Das Küchenradio Marke Eigenbau ist so mit wenigen Handgriffen möglich.

Noch einen Schritt weiter können Bastler gehen, indem sie das alte Smartphone dauerhaft mit einem Ladekabel im Auto verankern. Dort steht anschließend die Hörbuchsammlung oder der Soundtrack für unterwegs zum Abspielen bereit. In Kombination mit einer günstigen Prepaid-SIM-Karte und einem entsprechenden Datenkontingent sowie der passenden App lässt sich das Smartphone auch als Ortungsgerät auf großen Parkplätzen und zur Diebstahlsicherung einsetzen. Anwendungen wie Apples Freunde-App verschicken automatisch ein Signal, sobald sich das Auto ungewollt von der Stelle entfernt. Eine Alternative im Auto in Kombination mit einem entsprechend größeren Datentarif ist die Verwendung des Smartphones als WLAN-Hotspot für Mitreisende.

41 Handys bringen fünf Gramm Gold

Doch wohin mit alten Handys und Smartphones, die sich nicht mehr verkaufen oder wiederverwenden lassen? Von einigen wenigen Nostalgikern abgesehen, die ein paar Euro für ein Museumsstück übrig haben, wird kaum ein Unternehmen Geld für ein defektes Gerät zahlen. Doch keinesfalls sollten die Geräte im gelben Sack, oder – schlimmer noch –im Hausmüll landen. In einigen Kommunen dürfen inzwischen zwar selbst Elektronikgeräte in der gelben Tonne entsorgt werden, doch die winzigen und vor allem wertvollen im Mobilgerät enthaltenen Rohstoffe wie Platin, Gold, Silber, Kupfer, Zinn, Nickel und Blei sowie die sogenannten Metalle der seltenen Erden lassen sich nur mit speziellem Werkzeug trennen und wiederverwerten.

Am Ende der Recycling-Strecke bei Alba sind 80 Prozent des Handys wiederverwertbare Rohstoffe(© 2014 Alba)

Über solches Werkzeug verfügt unter anderem ALBA Electronics Recycling im rheinland-pfälzischen Lustadt. Von den bei ALBA eintreffenden Geräten – etwa 35.000 pro Jahr oder 0,7 Tonnen – wird knapp ein Drittel nach einer technischen Überprüfung als funktional weiterverkauft oder mit Ersatzteilen, die ALBA ebenfalls sammelt, repariert. Lediglich 60 Prozent gelangen zur Zerlegung in ihre Einzelteile auf die Förderbänder. Dass sich das Geschäft für Alba lohnt, zeigen die Zahlen. Durchschnittlich 41 Handys enthalten in etwa soviel Gold wie eine Tonne Erz, nämlich ein bis fünf Gramm. Der Begriff Urban Mining – urbaner Bergbau – ist also durchaus berechtigt.

Die Verarbeitung von Kleinelektronik findet bei Alba in einer getrennten Abteilung für Hightech-Geräte statt. ALBA trennt diese so weit es geht in ihre Einzelteile und schickt das wertvolle Innenleben – Leiterplatinen samt aufgelöteter Elektronikkomponenten – an Kupferhütten. Hier wird zuerst das Kupfer vom Rest getrennt und anschließend die Restmasse in mechanischen und chemischen Prozessen in seine verwertbaren Einzelkomponenten aufgeschlüsselt. Am Ende der Recycling-Strecke sind 80 Prozent des Handys wiederverwertbare Rohstoffe. Lediglich ein Fünftel eines Handys wird verbrannt. Der Prozess scheint zwar einfach, doch ein wichtiges Problem wurde bisher noch nicht gelöst: Effizienz.

"Man kann nie alle Wertstoffe zurückholen. Je nach Recycling-Verfahren konzentriert man sich auf Gold oder andere Metalle. Da die Recycling-Technologie noch in den Kinderschuhen steckt, ist diese noch sehr ineffizient", sagt Sascha Roth, Experte für Umweltpolitik beim Naturschutzbund Deutschland (NABU). Damit das Recycling-Geschäft mit Mobilfunkgeräten dennoch lukrativ ist, müssen die Mengen dem Gesetz der 'economies of scale' entsprechend groß sein. Finanzielle Ressourcen für Investitionen in neue Anlagen können sich nur große Unternehmen leisten. Kleineren Verwertern oder Zwischenhändlern, die Handys einsammeln und weiterverkaufen, sind die Optionen zur umweltgerechten Weiterverwertung dadurch begrenzt. Die Folge: Fast die Hälfte des in Deutschland gesammelten Elektroschrotts verschwindet illegal aus Deutschland, um auf Deponien in Entwicklungsländern zu landen.

Afrikanische Deponien statt Wiederverwertung

Dabei ist der Export von Elektroschrott eigentlich aufgrund des 1989 abgeschlossenen 'Basler Übereinkommens über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung', dem Deutschland 1995 beigetreten ist, verboten. Seit 2006 gelten die Regeln des Übereinkommens aufgrund einer Europäischen Verordnung sogar europaweit.

Doch die Verwertung von Elektroschrott ist ein lukratives Geschäft: Etwa 6.000 Euro bringt eine Tonne Elektroschrott auf dem Weltmarkt ein, bis zu 15.000 Euro, wenn es sich dabei ausschließlich um alte Handys handelt. Initiativen, die sich dem Kampf gegen giftige Mülldeponien verschrieben haben und für eine fachgerechte Wiederverwertung vor Ort sorgen, gibt es nur wenige. Damit die wertvollen Rohstoffe tatsächlich wiedergewonnen werden können, müssen die Platinen, nachdem Gehäuse, Komponenten und aufgelötete Teile entfernt wurden, paradoxerweise wieder zu Spezialunternehmen in Europa zurück.

Hinzu kommt: Je winziger und je mehr verklebt und verlötet die Einzelteile sind, desto schwieriger ist die Wiedergewinnung der wertvollen Metalle. Laut Roth haben es die Unternehmen selbst in der Hand, das Recycling zu verbessern: "Das Beispiel des niederländischen Smartphone-Herstellers Fairphone zeigt, dass Fortschritte hinsichtlich Recycling-Fähigkeit möglich sind." Außerdem lassen sich sämtliche Teile des Fairphones im Falle eines Defekts ersetzen, was die Lebensdauer ebenso wie die lange Unterstützung der Software von Seite des Unternehmens verlängert.

Richtig recycelt

Am meisten können derzeit die Verbraucher selbst tun, um das Recycling voranzutreiben. Angebote gibt es genug: So bietet die Deutsche Post unter www.electroreturn.de die Möglichkeit, Altgeräte kostenlos auf den Weg zum fachgerechten Recycling zu schicken. Doch nicht nur die Post macht in Sachen Recycling mobil, sondern auch die hiesigen Mobilfunkanbieter. Altgeräte werden entweder in den Shops kostenlos entgegengenommen oder können mit vorfrankierten Umschlägen kostenfrei abgeschickt werden.

Davon profitieren nicht nur die Mobilfunker, die noch einen kleinen Betrag für die Geräte erhalten, sondern auch gemeinnützige Organisationen wie der NABU. "Wir haben beispielsweise ein Recycling-Programm mit E-Plus. Zusammen versuchen wir gerade mit dem Müllverwerter ALBA, den Recycling-Anteil zu erhöhen", sagt Roth. In Zahlen ausgedrückt bedeutet diese Kooperation, dass der NABU für jedes im E-Plus-Shop oder per Brief an E-Plus eingeschickte Smartphone 2,50 Euro erhält.

Die Deutsche Telekom kooperiert hingegen mit der Deutschen Umwelthilfe, die dafür sorgt, dass die Erlöse aus dem Handy-Recycling Naturschutzprojekten oder Projekten von Sammelgruppen zugutekommen. Wer sein Smartphone oder Handy in O2-Shops abgibt oder zu O2 schickt, unterstützt damit ebenfalls gemeinnützige Organisationen. 2013 wurden so 41.300 Euro an den Naturefund e.V., Plant-for-the-Planet und ein Umweltprojekt in einem SOS Kinderdorf gespendet.

Vodafone, laut eigener Aussage der erste Mobilfunkanbieter mit Recycling-Programm, spricht lediglich von einem "zusätzlichen Geldbetrag für ausgewählte gemeinnützige Einrichtungen". Derzeit befeuert das Düsseldorfer Mobilfunkunternehmens das eigene Programm mit der aktuellen Kampagne "jedes Jahr ein topaktuelles Smartphone", die den Tausch des Altgerätes einschließt. Dass mit dem Angebot gleichzeitig der Elektroschrott von Morgen gepusht wird, gehört zu den eigenen Gesetzen des Mobilfunkmarkts.


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