So instrumentalisieren Feministinnen den Selfie

Selfies, Belfies, Groufies und Suglies. Nie zuvor haben wir uns und Teile unseres Körpers dermaßen häufig abgelichtet und das Resultat online verbreitet. Besonders beliebt sind die Aufnahmen bei Frauen. Traurig, aber wahr: Wer nackte Haut zeigt, dessen Selfies sind besonders erfolgreich. Nun diskutieren ausgerechnet Feministinnen darüber, ob Frauen durch das Verbreiten von Selfies ihre  eigene Weiblichkeit torpedieren - oder aber ganz im Gegenteil: Stolz zeigen.

Dem vorgangegangen war eine Diskussion über "Selfitis", die vermeintliche Sucht nach Selfies. Mit anderen Worten: Wer Selfies von sich schießen würde, der leide an einer psychischen Störung. Das hätte die American Psychiatric Association (APA) herausgefunden. Wie nicht anders zu erwarten im Jahr des Selfies ging diese News innerhalb kürzester Zeit viral.

Alles Nonsens, wie sich wenig später herausstellte. Erfunden von einer Gruppe von Menschen, die etwas gegen die Flut von Selfies in den Social Networks ausrichten wollten. Vergeblich. Doch anscheinend will die Kritik am Selfietum nicht abebben und bekommt nun neues Futter: aus der feministischen Ecke.

Schrei nach Liebe oder Zeichen des Stolzes?

Erin Gloria Ryan, Bloggerin für Jezebel, sieht das häufige Posten von Selfies für einen Schrei nach Aufmerksamkeit, eine narzisstische Schwäche, die aus der Unfähigkeit herrühren würde, wie Frauen mitunter mit dem Web umgingen.

Wohl auch deswegen nutzten einige Feministinnen Ende des vergangenen Jahres die Social Networks, um mit dem Hashtag #feministselfies für mehr weiblichen Stolz zu demonstrieren. Auf der US-Webseite Bustle erschien zudem ein Beitrag, der sich dagegen ausspricht, dass Selfies angeblich "anti-sozial" seien. Im Gegenteil: Sie könnten modernen Frauen dabei helfen, unrealistische Ideale zu hinterfragen und den eigenen Körper besser zu akzeptieren.

TechCrunch verweist auf eine Umfrage der Today, wonach 65 Prozent der befragten Frauen angaben, dass Selfies ihnen ein besseres Lebensgefühl vermitteln. Und für Rachel Simmons von Slate liefern die Schnappschüsse sogar "kleine Fetzen von Girl Pride".

Selfies als Ausdruck praktizierten Feminismusses? Oder gar als Verneinung eben dieses? Wer hätte gedacht, das ausgerechnet die harmlosen Social-Media-Bildchen eine solche Diskussion lostreten könnten?

Nackte Haut hui, Laptops pfui

Ob man mit dem Verbreiten des eigenen Konterfeis nun seine eigene Würde verletzt oder unter Beweis stellt, das muss wohl jede Frau sich selbst selbst beantworten. Doch machen wir uns nichts vor: Die "Selfitis" hat längst einen kritischen Status erreicht. War das Schießen von Bildern mit der Frontkamera des Smartphones sowieso schon populär, ist durch den Oscar-Selfie von Ellen de Generes eine neue Welle losgetreten worden. Forscher meinen sogar schon, die perfekte Selfie-Formel gefunden zu haben.

Dazu haben sie Millionen von Bildern ausgewertet. Das Ergebnis: Menschen sehen gerne Bilder anderer Menschen – am liebsten auch mit nackter Haut. Zu den positiven Faktoren im Bildinhalt gehören BHs, Bikinis und Miniröcke. Neben leichter Kleidung zeigt die Studie aber auch Revolver und Tassen bei den beliebtesten Bildinhalten. Einen mittleren Wert bringen Tiere wie Pandas, Marienkäfer und Lamas, aber auch Basketbälle und Schneepflüge. Abschreckend wirken hingegen Pfannenwender, Pümpel und Laptops. 

Nackte Haut, Bikinis und Waffen? So dürfte es Frauen schwer fallen, entsprechend viel "Girl Pride" zu versprühen, oder? Fest steht: Zumindest im Social Web braucht es Viralität, um bemerkt zu werden. Ohne genug Aufmerksamkeit gibt es keine Viralität. Und ohne die eben genannten - wohl weitestgehend - sexistischen Schlüsselreize bekommen Selfies nicht die Aufmerksamkeit, die sich vielleicht benötigen. Ein Dilemma, in dem der Feminismus steckt? Womöglich. Und plötzlich erscheint einem das Treiben der freizügigen "Femen"-Damen ein wenig sinnvoller...


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