Sundar Pichai im Google-Olymp: Quo vadis, Android?

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Der neue starke Mann bei Google: Sundar Pichai
Der neue starke Mann bei Google: Sundar Pichai(© 2014 Google+/I'm Programmer)

Am Samstag erreichte uns die Meldung, dass Google-Chef Larry Page weitreichende Kompetenzen an den bis dato nur für Android, Chrome und die Web Apps des Unternehmens verantwortlichen Sundar Pichai abgegeben hat. Wir freuen uns für den Mann, der das Android OS zuletzt in vielerlei Hinsicht merklich optimiert hat — machen uns aber auch ein wenig Sorgen. Wird Pichai ob der neuen Aufgaben noch genügend Zeit und Energie in das mobile Betriebssystem investieren können oder droht Android nun etwa die große Vernachlässigung? Ein paar Gedanken zur Bedeutung der Personalie ...

Andy Rubin hatte das Android OS aufgebaut und bei Google groß gemacht; dennoch räumte der geniale Entwickler im Frühjahr 2013 seinen Platz als Chefentwickler des mobilen OS, wechselte in die Roboter-Forschung des Unternehmens und machte den Weg frei für Sundar Pichai. Der indische Tausendsassa mit gleich mehreren Abschlüssen renommierter Universitäten im Portfolio war bei Google zuvor mit der Entwicklung von Google Drive, Chrome und Chrome OS, aber auch schon Maps und Gmail betraut gewesen.

Unter Pichai erlebte das Android OS eine erfolgreiche Weiterentwicklung, die auch den geschäftlichen Kompetenzen des Google-Senior-VPs geschuldet sind. Mit den zukünftigen, am Wochenende bekannte gewordenen Aufgaben Pichais erweitert sich dessen Betätigungsfeld bei Google dramatisch. Als Beobachter könnte man nun fürchten, dass das ungünstige Auswirkungen auf die weitere Entwicklung von Android haben könne. Das ist aber wenig wahrscheinlich — eher deutet Larry Pages Maßnahme in eine weiterhin spannende Zukunft des Betriebssystems, das ganz so wie Sundar Pichai selbst mehr und mehr zum "Herr aller Dinge" werden soll.

Vom "Nerd OS" zum echten iOS-Wettbewerber — Sundar sei Dank

Um zu verstehen, warum Sundar Pichai Pages Vertrauen genießt — und zwar nicht nur als Person, sondern auch hinsichtlich seiner Kompetenzen, Android in die von Google gewünschte Richtung voranzubringen — muss man zunächst Revue passieren lassen, was der 42-Jährige in den vergangenen Monaten aus und mit dem Betriebssystem getan hat.

War Andy Rubin eher der introvertierte Bastler, der das technische Fundament für die Evolution und die Verbreitung von Android legte, hat Pichai das OS genommen und dahingehend optimiert, dass es insgesamt immer massentauglicher wurde. Gleichzeitig hat der als harter Verhandlungspartner bekannte Pichai die Hardware-Partner gezwungen, mehr auf die Design- und Update-Vorgaben Googles einzugehen, Android als Produkt prominenter herauszustellen und das OS selbst technisch unabhängiger von den eher trägen Aktualisierungsprozessen der OEMs gemacht.

Zwar liegt die Design-Hoheit für das Android OS bei Matías Duarte, und insofern zeichnet Pichais nicht direkt verantwortlich für den Look von Android 4.4 KitKat, dem ersten Android-Release der unter seiner Ägide ausgerollt wurde, oder das neue Material Design, das Android 5.0 Lollipop bringt — als Android-Chef dürfte er aber maßgeblich an der Entwicklung des generellen "Look and Feel" des Betriebssystems in den vergangenen Monaten beteiligt gewesen sein. Und damit daran, dass Android sich zusehends weg von der einst nerdigen oder etwas billig anmutenden iOS-Alternative hin zum flüssigen, stromsparenden und schickem Produkt entwickelt hat, das Apples OS technisch in nichts mehr nachsteht.

Pichai hat Android breit aufgestellt. Nun folgt der nächste Streich ...

Gleichzeitig hat er es durchgesetzt, dass Hersteller neue Geräte nunmehr mit halbwegs aktuellen Versionen von Android veröffentlichen müssen, wenn sie die offiziellen Google-Segnungen in Form von Play Store- und Play Services-Verfügbarkeit auf ihren Geräten wissen möchten. Und apropos Play Services: Die Entwicklung, dass zahlreiche kleinere Updates nicht mehr über Firmware-Aktualisierungen, die ewig bei OEMs oder Providern hängen, sondern direkt über die Play Services auf die Geräte der Nutzer kommen, hat Pichai forciert — und damit zusammengenommen nicht nur ein Machtwort gesprochen, sondern auch effektive Maßnahmen gegen die Android oft vorgeworfene Fragmentierungs-Problematik ergriffen.

Das alles führt zur Prämisse von Pichais Schaffen als Android-Chef: Den Nutzer, und zwar den Otto-Normal-Nutzer, interessieren die ehemals von seinen Hardcore-Fans hochgelobten Vorzüge wie Offenheit und Individualisierbarkeit weniger; der gemeine Smartphone- und Tablet-Käufer will Apps, will surfen, will Videos schauen, navigiert werden, Musik hören und ab und an vielleicht spielen. Für all diese Bedürfnisse hat Google Apps, sehr gute sogar: YouTube, Maps, die Google-Suche in Kombination mit Google Now, den Chrome Browser, Play Music, Play Movies und den Spiele Hub Play Games. Und darunter eben jene Play Services, die dafür sorgen, dass die für diese Apps relevanten APIs immer aktuell sind.

Last but least — es mag vielleicht sogar die wichtigste Entwicklung unter Pichai sein, die teilweise auch seine neue Position erklärt — haben während seiner Schaffenszeit an der Spitze der Android-Sparte Android Wear, Android Auto und der nächste Versuch der Wohnzimmer-Eroberung in Form vom Android TV stattgefunden. Pichai hat Android breit aufgestellt. Nun folgt der nächste Streich ...

Gmail, Suche, Maps, YouTube: Alles auf Android, alles bei Pichai

Googles Kerngeschäft und das, mit dem das Unternehmen seine Umsätze generiert, heißt nicht Android. Es heißt auch nicht Glass oder Project Loon. Es ist weiterhin die Suche und läuft vor allem über Anzeigen.  Sämtliche Produkte von Android über Chrome bis hin zu Android TV, Wear oder Auto sind letztendlich nur Vehikel, dieses Kerngeschäft, das zuletzt jedoch stagniert, an möglichst viele Nutzer zu bringen.

Die Hochzeiten des Desktop-Browsers neigen sich aber endgültig dem Ende zu; die Google Suche, ob getippt oder neuerdings gesprochen, findet auf mobilen Geräten statt, bald auch auf TVs und unterwegs im Auto. Da möchte, da muss Google hin. Und die Wege dorthin sind Chrome, Chrome OS und allen voran Android.

Insofern macht es absolut Sinn, das Pichai, der Zugführer des Android- und Chrome-Expresses zusätzlich zu seinen bisherigen Verantwortungsbereichen auch die Zügel über die genannten Primär- und Sekundär-Produkte in die Hand bekommt: die Suche, Werbung und Commerce, Maps und Gmail (einzig YouTube als Tochterunternehmen bleibt unter der Leitung von Susan Wojcicki  — dass die aber nun direkt an Pichai statt an Page berichtet, ist sehr wahrscheinlich).

Dass Pichai Googles neuer "Herr aller Dinge" ist, ist eine Entscheidung, die tief blicken lässt in das, was Google vorhat. Und deren Intelligenz für den Konzern und seine Führung spricht.

Android ist der Hub für alle Produkte Googles. Pichais Aufgabe wird es nun sein, all diese Dienste effektiv zusammenzuführen und auf allen von Android bedienten, in ihrer Zahl stetig wachsenden Plattformen optimal nutzbar zu machen. Und besser, und begehrenswerter.

Wir hoffen und denken nicht, dass einer wie Sundar Pichai darüber nun den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen und Android künftig vernachlässigen wird. Und selbst wenn er möglicherweise nicht mehr ganz so konkret in Entwicklungsvorgänge eingreifen wird können — natürlich hat es auch einen Grund, dass Page sich ein wenig zurückzieht und sich statt um die kleinteiligen Baustellen seines Unternehmens lieber um das "big picture" kümmern möchte —, er hat ausgezeichnete Teams, und es wird ausreichen, wenn er denen die Marschrichtung vorgibt.

Dass Pichai Googles neuer "Herr aller Dinge" ist, so wie auch Android die Plattform aller Produkte ist, ist also mehr als einfach nur pragmatisch oder bequem — es ist eine Entscheidung, die tief blicken lässt in das, was Google vorhat. Und deren Intelligenz für den Konzern und seine Führung spricht.


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