YouNow: Diese Teenie-App ist ein Eldorado für Pädophile

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Bei YouNow streamen Jugendliche Videos von sich live ins Netz
Bei YouNow streamen Jugendliche Videos von sich live ins Netz(© BNOW Inc., CURVED Montage)

YouNow lässt Kinder mit dem Smartphone das eigene Leben live ins Netz streamen - mitunter freizügig und naiv. Wer zuschaut, ist unklar.

Ein Mädchen, gerade einmal 14 Jahre, sitzt auf ihrem Bett. Im Hintergrund ein Kleiderschrank mit pinken Verzierungen, auf den Regalen an der Wand allerlei Krimskrams. Ein typisches Teenie-Zimmer. Das Mädchen fährt sich nervös durch die Haare, steht plötzlich auf, dreht sich im Kreis und präsentiert ihr Outfit. Es setzt sich wieder auf die Bettkante und liest Fragen vor: "Bist Du rasiert?", "Bist Du besuchbar?" oder "Wo gehst Du zur Schule?" Das Mädchen antwortet freiwillig. Wem? Das weiß das Mädchen nicht. Was sich nach der absoluten Horrorvorstellung für Eltern anhört, ist tatsächlich Realität. Denn auf YouNow muss sich niemand mit seinem echten Namen anmelden.

Noch nie davon gehört? Während die App für iOS und Android schon eine Megahype ist, ist sie unter Erwachsenen noch weitestgehend unbekannt. Was macht den Dienst so gefährlich? Das ist schnell erklärt: Jugendliche wollen Aufmerksamkeit. Jugendliche sind naiv. Das war, ist und wird immer eine gefährliche Mischung bleiben - vor allem, wenn Teenager im Netz unterwegs sind. Wurde im vergangenen Jahr noch ausgiebig vor den Gefahren des Sextings gewarnt, ist der neue Trend aber - zumindest aus meiner Sicht - noch weitaus krasser: Bei YouNow streamen Jugendliche Videos von sich live ins Netz. Und das immer häufiger. Allein in den vergangenen zwei Monaten nahm die Nutzung in Deutschland um 250 Prozent zu.

Dafür brauchen sie kein teures Equipment, sondern lediglich ihr Smartphone mit der passenden App für iOS oder Android und eine Datenverbindung. Das Portal ist ähnlich aufgebaut wie YouTube oder Twitch. Alle Videos, die dort zu sehen sind, sind Livestreams. Eine Kommentarfunktion gibt es nicht, dafür können Nutzer mit dem Streamanbieter chatten. Die Anmeldung funktioniert über den Facebook- oder Twitter-Login.

"Bei einem Livestream nutzen diese Verbote reichlich wenig"

Und genau das ist das Problem: Nicht nur kann die Altersfreigabe von 13 Jahren - bei einem ersten Test waren drei Mädchen sogar nur 12 Jahre alt - damit leicht umgangen werden. Auch können sich problemlos Erwachsene in die Livestreams von jungen Mädchen oder Jungen einloggen und mitchatten. Gerade bei jungen Frauen sind die Kommentare der Zuschauer recht oft eindeutig sexueller Natur. Zwar kann man davon ausgehen, dass viele von gleichaltrigen Jungen stammen - mit Sicherheit feststellen lässt sich das aber nicht. Denn weder Facebook noch Twitter verlangen eine Registrierung mit Altersverifizierung.

In den AGB von YouNow ist festgelegt, dass Nutzer sich nicht nackt zeigen oder vor laufenden Kameras Drogen konsumieren dürfen. Auch das Teilen von privaten Daten, wie etwa die Telefonnummer oder gar die Adresse, ist nicht erlaubt. Eigentlich. Doch laut Medienanwalt Christian Solmecke lassen sich die Jugendlichen schnell dazu hinreißen zu erzählen, wo sie wohnen und wo sie zur Schule gehen. Auch die Handynummer werde häufig mitgeteilt. Leichtes Spiel für Erwachsene also, Kindern nachzustellen. "Bei einem Livestream nutzen diese Verbote zudem reichlich wenig, denn meist ist es schon zu spät, bevor der Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen auffällt", so Solmecke. "Daran ändert auch die Tatsache, dass das Portal 24 Stunden durch die Verantwortlichen überwacht wird, nichts."

Bei einem kurzen Blick durch die Kanäle deutscher Teenies erhärtet sich dieser Verdacht: Da wird aus dem Klassenzimmer in der Freistunde gestreamt, während einer Party läuft die Kamera mit und einige Teenies versprechen sogar, die Hüllen fallen zu lassen, wenn sie eine gewisse Anzahl von Likes bekommen. Teilweise haben die Channels weit über 1000 Zuschauer gleichzeitig. Nach einem ähnlichen Prinzip, wenn auch gegen Bezahlung, funktionieren auch die Livestreams von Webcam-Pornodarstellern.

Feedback in Echtzeit

Während die Rechtslage dort aber geklärt ist, birgt YouNow eine ganze Reihe rechtlicher Stolperfallen. "Wie bei der Veröffentlichung eines gewöhnlichen Youtube-Videos müssen auch hier das Recht am eigenen Bild und die Urheberrechte beachtet werden", erklärt Solmecke. Meist wissen die Betroffenen nicht, dass sie aufgenommen werden. "Hier könnten Unterlassungsansprüche auf die Jugendlichen zukommen. Wer im Schlafzimmer seine Lieblingsmusik hört, während die Kamera läuft, muss unter Umständen auch mit einer Abmahnung rechnen. Ohne die Erlaubnis des Rechteinhabers, dürfen die Musikstücke nicht der Öffentlichkeit präsentiert werden."

Jugendliche dürfte das wohl kaum abhalten, das eigene Leben weiterhin im Netz zu präsentieren. Waren bislang Likes, Retweets und Shares bei Facebook, Twitter und Instagram ein Gradmesser für die Beliebtheit, bekommen Teenies auf YouNow ein unmittelbares Feedback in Form von Chat-Kommentaren und Zuschauerzahlen.

Dabei war YouNow eigentlich als Plattform für Musiker und Podcaster bzw. YouTuber gedacht, die sich dort direkt mit ihren Fans austauschen können. Seit 2011 existiert die Seite bereits. Doch gerade die enorme Reichweite von YouTubern wie DagiBee und anderen dürfte zu dem plötzlichen Erfolg der Plattform beigetragen haben. Mittlerweile warnen LeFloid und weitere vor den Gefahren der Plattform und rufen ihre Fans dazu auf, nicht zu viel von sich preiszugeben.

Tatsächlich dürfte dieser Aktionismus aber dazu führen, dass das Interesse an YouNow nur noch größer wird. Derweil wird es eine nahezu unlösbare Aufgabe für die Betreiber bleiben, die Livestreams tatsächlich auf die Verletzung der AGB hin zu überprüfen. Genauso unkontrollierbar ist für die Betreiber, wie alt die Zuschauer sind und ob sich unter ihnen eventuell Pädophile oder Stalker befinden. Betrieben wird das Videoportal von der YouNow Inc. mit Sitz in New York City. Abmahnschreiben deutscher Anwälte und wütende Briefe besorgter Eltern - sie haben einen langen Weg vor sich.


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