"The Circle": Ist ja nur ein Roman. Oder?

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Die Verlockung der sozialen Netzwerke ist groß
Die Verlockung der sozialen Netzwerke ist groß(© 2014 CC: Flickr/Marcin Wichary)

Wehret den Anfängen, achtet auf Euer Verhalten bei Facebook und Co – denn digital ist doof, soziale Netze sind eh gefährlich. So simpel könnte man das Buch "The Circle" von Dave Eggers zusammenfassen. Aber das wäre viel zu kurz gefasst, denn der Roman zeigt eindringlich, wie schwer es ist, sich den oft kostenlosen Verlockungen zu widersetzen. Eine Buchempfehlung.

Endlich ein neuer Job, nein, DER Job in DEM Unternehmen: Als Mae Holland ihren ersten Tag beim Circle beginnt, fühlt sie sich wie im Paradies. Alle neuen Kollegen sind so freundlich, ihr Arbeitsplatz ist fantastisch. Zur Begrüßung bekommt sie gleich ein neues Smartphone und ein Tablet in die Hand gedrückt. Geräte, die es noch gar im Handel gibt und, wie praktisch, schon komplett auf ihren Namen eingerichtet sind.

Alle ihre persönlichen Daten sind auch schon drauf. Für die 24-Jährige hat sich ein Traum erfüllt, sie arbeitet schließlich für den wichtigsten Internet-Konzern der Welt. Und ihre Eltern sind ja so stolz – auch wenn sie gar nicht verstehen, was ihre Tochter dort überhaupt macht.

Schon die ersten Seiten des Buches sind ein ständiges Déjà-vu. Auch wenn sie in "The Circle" andere Namen tragen, man erkennt natürlich, welche Unternehmen gemeint sind. Google, Facebook und Twitter dienen unverkennbar als Vorlage für Circle und Zing. Und die Firmenchefs sind offenkundig von Mark Zuckerberg, Steve Jobs, Eric Schmidt und Elon Musk mehr als nur inspiriert.

Da gibt es den Nerd, der plötzlich ein gigantische Imperium lenkt; da gibt es den coolen Geschäftsmann für die Besänftigung der Aktionäre; und natürlich den Liebling der Presse, der selbst bei der Präsentation bedenklicher Produkte mit Standing Ovations bedacht wird.

"The Circle" von Dave Eggers(© 2014 Kiwi Verlag)

Oberflächlich – und doch real

Auf dem ersten Blick wirkt es wie eine Schwäche des Buches, dass viele der Charaktere nur sehr oberflächlich beschrieben werden. Sie bleiben unnahbar, auch wenn man viel von ihnen erfährt. Aber es könnte auch ein Trick von Dave Eggers sein, genau mit den Mitteln des sozialen Webs zu arbeiten.

Was wissen wir wirklich über jemanden, wenn wir nur dessen Posts und Statusmeldungen kennen? Dürfen wir uns ein Bild von jemanden machen auf Grund seiner digitalen Aktivitäten – und danach beurteilen? Eggers spielt mit unserer Wahrnehmung und mit unseren Vorurteilen. Geschickt lässt er uns in eine faszinierende Welt eintauchen, eine Welt, die uns doch so vertraut und vor allem erstrebenswert erscheint.

Denn wie schön muss es sein, wenn der Arbeitsplatz wie eine Heimat ist. Wenn nicht nur das Essen gratis und natürlich bio ist, sondern auch kostenlose Appartements für Mitarbeiter zur Verfügung stehen, die den letzten Shuttle in die Stadt verpasst haben. Es gibt Kochclubs und Hundegruppen, Sportplätze und Kinos, es ist mehr Kleinstadt als Campus. Wer einmal hier ist, will hier bleiben, ein Teil der Gemeinschaft sein. Bis hin zum Vergessen des eigenen Selbst.

Schluss mit der Selbstbestimmung

Na klar ist das Buch eine plakative Kritik: an der künftigen Arbeitswelt und an der Gesellschaft im Allgemeinen, an den neuen Medien im Besonderen. Oder besser: an den Unternehmen, die damit ihr Geld verdienen. Die Hauptfigur Mae, eigentlich aufgeklärt und gebildet, erliegt rasend schnell der Faszination des Circle.

Sie wundert sich nicht über massive Eingriffe in ihre Privatsphäre, im Gegenteil: Sie macht bereitwillig mit und findet daran Gefallen. Eigentlich müsste sie es besser wissen. Schritt für Schritt gibt sie aber immer mehr von sich preis – und damit ihre Selbstbestimmung auf. Und als Leser denke ich die ganze Zeit: Was für ein Naivchen.

Protagonistin Mae ist die komprimierte Version von uns allen

Aber ist sie wirklich so anders als wir? Vermutlich nicht, auch wenn Eggers bei seiner Darstellung nicht gerade subtil vorgeht. Mae ist die komprimierte Version von uns allen. Oder wie ist es anders zu erklären, dass wir trotz NSA-Skandal, Spähprogrammen, Wikileaks und Edward Snowden noch immer bereitwillig private Daten in sozialen Netzen teilen oder in die Cloud hochladen und teilweise tagelang für ein neues Smartphone Schlange stehen.

Wir leben mit digitalen Scheuklappen und erfreuen uns an den Erleichterungen und Freuden des Alltags, die wir durch umfassende Vernetzungen haben. Wir sind always on und sind dadurch always trackbar, das Smartphone ist ein Spion in der Hosentasche – und dabei ist es egal, von welchem Hersteller wir die Technik nutzen.

Private Daten? Die gibt es hier nicht!

Aber ja, natürlich ist es toll, per Webbrowser verlorene Handys aufzuspüren oder nachzuschauen, wo man wann war – inklusive Darstellung der Route auf einer digitalen Landkarte. Als kürzlich ein Kollege sein Telefon im Taxi vergessen hatte, waren wir froh, über diese Möglichkeiten.

Wir sind online, wenn wir spielen, wenn wir fotografieren, wenn wir kommunizieren. Wir vertrauen Firmen, die für uns aus der Ferne wie Disneyland wirken. Orte, die einem Paradies schon verdammt nahe kommen. Und wenn ich schon nicht selbst an diesen Orten sein kann, will ich wenigstens die Technik dieser utopischen Welt nutzen. Und die eigenen Daten? Ach egal, ich habe ja nichts zu verbergen. Und es ist doch prima, wenn ich nur noch Anzeigen sehen, die mich auch interessieren. Macht doch nichts, wenn Firmen, deren Namen ich nicht mal buchstabieren kann, dafür in meinem Profil rumschnüffeln.

Man könnte Eggers vorwerfen, dass er "The Circle" ein wenig so darstellt, als wäre der Konzern eine Sekte. Als würden alle, die dort arbeiten, ihre Selbstachtung und ihr Gehirn an der Garderobe abgegeben habe. Doch für eine Indoktrination bedarf es keines spirituellen Führers – manchmal genügt es eben auch, für einen von einem Visionär geführten Unternehmen zu arbeiten. Die Mechanik einer Sekte funktioniert auch in Konzernen: Kritik von außen wie von innen wird nicht zugelassen. Das gibt es nur im Roman? Wer ist hier naiv?

Wir passen ja auf!

Aber wir Leser haben es ja auch einfach, wir kennen "1984" von George Orwell und haben den dystopischen Film "Brazil" von Terry Gilliam gesehen. Wir mussten während der Schulzeit "Die Welle" lesen und wissen, wie totalitäre Systeme funktionieren. Wir würden das nicht tolerieren.

Nicht so wie Mae Holland, die sich immer weiter im Netz von "The Circle" verstrickt – und dabei noch freudig juchzt. Am liebsten würde sie über die Buchseiten hinweg anschreiben "Nun nimm doch endlich die rosarote Brille ab! Wach auf!" Nur: Haben wir nicht selbst häufig so eine Brille auf der Nase, wenn wir uns all zu oft auf die Heilsversprechen von Unternehmen verlassen und von den tollen Features von Services und Hardware blenden lassen? Wie schnell man nicht mehr darauf verzichten mag. Und die Privatsphäre? Die ist aber so was von Vorgestern.

In "The Circle" wird an einer Stelle eine neue Kamera präsentiert. Sie ist winzig, der Akku hält ewig, und vor allem ist sie günstig. Per Satellit überträgt sie Livebilder in alle Welt, Nutzer können sie überall platzieren und ihre Umwelt im Auge behalten. Und sie ist vernetzbar. Alles unter Kontrolle, jeder kann jeden jederzeit beobachten, keine Geheimnisse mehr. Und alles in der Hand einiger Konzerne, die wir nur aus dem Internet kennen. Doch statt zu protestieren, statt zu boykottieren – gibt es Beifall. Beängstigend? Ja. Nur Science Fiction? Naja, schaut Euch Euer Superduper-Smartphone doch mal etwas genauer an...

Kein guter Stil

Sicher, literarisch ist "The Circle" kein großer Wurf. Zu schnell formuliert, der Schreibstil ist wenig facettenreich. Und doch ist der Roman ist ein echter Pageturner, konzipiert wie ein Krimi. Vergleichbar vielleicht mit Werken von John Grisham oder Michael Crichton. Doch während die Thriller-Autoren ihre Themen häufig weit von uns entfernt ansiedeln, können wir uns bei "The Circle" nicht in unserer vermeintlichen Komfortzone ausruhen, denn wir stecken mitten drin – wir sind bereits ein Teil vom Circle.

Eggers spielt mit unseren Ängsten, die unterschwellig in uns lauern, obwohl wir ja an dieser herrlichen Gagdet-reichen Welt teilhaben wollen. Und genau dafür dient "The Circle" sehr gut: Die Story bietet einen Blick in unsere gar nicht so ferne Zukunft. Wir erfahren mehr über unser digitales Verhalten, als wir vielleicht wollen – und werden so hoffentlich ein wenig aufmerksamer.

"The Circle" von Dave Eggers erschien bei Kiepenheuer & Witsch.


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