TV-Serie "The Affair": Seitensprung mit Tiefgang

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The Affair
The Affair(© 2014 Showtime)

Nachdem Gillian Flynns "Gone Girl" zurecht die internationalen Bestseller-Charts gestürmt und David Finchers gleichnamige Verfilmung des Romans positive Reviews en masse eingesammelt hat, schlägt Showtime mit "The Affair" in genau diese neue Scharte: Wie Gone Girl erklärt die Serie das Scheitern moderner Mann-Frau-Beziehungen mit Egoismus und Verlorenheit, beleuchtet es aus konträren Erzählperspektiven und vermischt es mit einer Portion Crime. Das Ergebnis ist äußerst sehenswert — auch weil ein fantastisches Ensemble der Sommer-Affäre die nötige Ehrlichkeit einhaucht.

Spoiler-Warnung: Auch wenn in den folgenden Absätzen möglichst keine konkreten Handlungsdetails beschrieben werden, kommt der Autor nicht umhin, Strukturen und Geschehnisse zu beschreiben, die potenzielle Konsumenten der Serie als Spoiler empfinden könnten. Wer diesbezüglich auf Nummer sicher gehen möchte und The Affair zu einem späteren Zeitpunkt völlig unvoreingenommen schauen möchte, klickt jetzt besser weg.

"I was screaming into the canyon at the moment of my death; the echo I created outlasted my last breath," singt Fiona Apple im Intro der Serie mitreißend, ergreifend und deprimierend — und setzt damit den Tonfall für die folgenden Geschehnisse, die zunächst gar nicht so düster erscheinen: Ein mittelmäßig erfolgreicher Schriftsteller und Dozent aus New York und seine Familie verbringen ihren Sommer in einem kleinen Ort auf Long Island, dort wo reiche New Yorker seit je her ihre Urlaube verleben. Eine verheiratete Bewohnerin der Kleinstadt kellnert in einem Touristen-Restaurant und bedient die Familie gleich am ersten Tag ihrer Ankunft. Zwischen Schriftsteller und Kellnerin funkt es, die Affäre zwischen Strand, Dünen und Fischerbooten beginnt. Soweit, so Rosamunde Pilcher.

Wer meine Lobpreisung von "The Leftovers" gelesen hat, weiß, dass ich einen Faible für die schonungslos deprimierenden Stücke habe — warum also Lob für eine Serie, die schon ihrer Anlage nach Groschenroman oder Seifenoper klingt? Aus drei guten Gründen:

Die Besetzung: Von The Wire über ER und Fringe bis Luther

Spielten sich in The Leftovers weitestgehend unbekannte Schauspieler die Seele aus dem Leib, fährt Showtime für The Affair ein — zumindest für Serien-Kenner — ganz großes Staraufgebot auf: Dominic West aka Jimmy McNulty aus The Wire spielt den Schriftsteller Noah Solloway, Ruth Wilson, die fantastische Alice aus der BBC-Perle "Luther", gibt die gefallene Alison Bailey. Solloways Frau wird von Maura Tierney, bekannt aus Emergency Room, dargestellt und Alisons Ehemann verkörpert Joshua Jackson, den mancher noch aus Dawsons Creek kennt, der für mich aber eher der gute Peter Bishop aus Fringe ist.

Daneben treten weitere bekannte Gesichter auf: Etwa Noahs arroganter und schwer reicher Schwiegervater, der Dominic West als William A. Rawls ebenfalls in The Wire schon einmal das Leben schwer gemacht hat. Und sogar ein Wiedersehen mit Deacon aus King of Queens hält The Affair parat ...

Die schauspielerische Ehrlichkeit allein macht The Affair sehenswert.

Es sind aber natürlich nicht die Namen, die der Serie ihr Leben einhauchen: Wenn Dominic West in seiner für ihn typischen tölpelhaft-männlichen Art breit grinsend Ruth Wilson anbaggert, dann empfindet der Zuschauer Sympathie, Mitleid und ein bisschen Abscheu gleichermaßen. Wenn Alison ihrerseits in ihrer Trauer und Suche nach Ausweg und Nähe darauf eingeht, dann spürt man, dass es Verzweiflung ist, die sie antreibt, weniger Lust, Leidenschaft oder Hedonismus. Wenn sie Noah in einer anderen Situation ganz sexy und verführerisch (zu diesen Perspektivwechseln gleich mehr) zu einer gemeinsamen Dusche einlädt oder sich vermeintlich unbedacht den Rock hebt, um sich den Sand vom Po zu wischen, dann ist man(n) wie Noah hin und her gerissen zwischen dem Drang diesem Lockruf nachzugeben und anständig zu bleiben.

Genauso, wenn auch weniger präsent, geben Tierney und Jackson die gehörnten Ehepartner — die dabei aber keineswegs Unschuldslämmer sind, sondern zwischen Verständnis für die Probleme ihrer umtriebigen Partner und den mehr oder weniger nachvollziehbaren eigenen Zickereien und Unarten changieren.

Diese schauspielerische Ehrlichkeit allein macht The Affair sehenswert: Man nimmt den Akteuren ihre Menschlichkeit im Guten wie im Schlechten ab. Nichts wirkt affektiert und selbst die Sex-Szenen sind weder übertrieben erotisch noch absichtlich abstoßend oder unbeholfen; sondern so, wie Sex vermutlich zwischen den meisten, in diesem Fall zugegeben recht (aber nicht zu) attraktiven Menschen stattfindet.

Erzählart: Perspektiven und Abgründe

Ich habe The Affair angefangen, bevor ich Gone Girl in die Hände bekommen hatte. Insofern war mir die Parallelität der Erzählstrukturen beider Werke zunächst gar nicht bewusst. Vielmehr war ich überrascht, als nach der Hälfte der ersten Folge, das gerade Gesehene von neuem geschah — nur diesmal aus der Perspektive von Alison, statt wie zuvor aus Noahs Sicht. Dieser Wechsel, der in jeder Folge stattfindet, und wenigstens anfangs beinahe exakt die gleichen Vorgänge aus männlichem und dann aus weiblichem Erleben darstellt, gibt der Serie Raum, die Affäre objektiv zu erzählen.

"Ich bin sehr daran interessiert, wie Männer und Frauen über Geschehnisse denken und wie sie sie erzählen. Das war von Beginn an Teil des Konzepts der Serie." -Sarah Treem, Produzentin und Autorin von The Affair

Während Alison in Noahs Wahrnehmung stets mit ihren großen Augen, ihrem schmolligen Mund und ihrer mädchenhaften, unbefangenen Weiblichkeit reizt, ist es aus Alisons Sicht vielmehr Noah, der sie männlich-forsch zum Fehltritt überredet. In Noahs Erinnerung  trägt Alison meist kurze Röcke und lockere Kleidchen, in ihrer Version hat sie Jeans an. Das geht zuweilen so weit, dass selbst Gespräche und Treffen zwischen den beiden ganz unterschiedlich verlaufen, als zuvor gesehen. Mich hat das ein ums andere Mal zum Nachdenken über meine "Legendenbildung" der eigenen Vergangenheit gebracht; und darüber, wie sich wohl verflossene und meine aktuelle Partnerin an unser Kennenlernen und Zusammenleben erinnern ...

Begründet ist dieses Stilmittel im Interesse der Schöpferin, Produzentin und Drehbuchautorin von The Affair, Sarah Treem, die unter anderem auch schon House of Cards mitproduzierte und schrieb, an Geschlechterfragen: "Ich bin sehr daran interessiert, wie Männer und Frauen über Geschehnisse denken und wie sie sie erzählen. Das war von Beginn an Teil des Konzepts der Serie. [...] Wir versuchen beim Schreiben der Folgen ganz bedacht, keinen der Charaktere zu be/verurteilen."

Folgerichtig geht die Serie aber auch inhaltlich eine Eben tiefer und untersucht unter Zuhilfenahme der unterschiedlichen Betrachtungsweisen der Affäre die Motivationen seiner Protagonisten. Was Alison und Noah treibt, ist mehr als nur Langeweile und Lust auf's Abenteuer: Es ist der Frust über die eigene Realität, der tiefe Schmerz der eigenen Vergangenheit, die vermeintliche Sinn- und Ausweglosigkeit der modernen Happy-und Leistungs-Gesellschaft. Und es ist ganz einfach auch ein bisschen menschliche Schwäche und Egoismus. Weder Alison noch Noah haben dabei aber — denn wir sind glücklicherweise ja eben nicht bei Rosamunde Pilcher oder der Twilight-Saga — die Hoffnung auf eine irgendwie bessere, glücklichere, erfülltere Zukunft miteinander. Beiden ist bewusst, dass ihre Affäre falsch, fatal und temporär ist. Auch das ist sehr ehrlich und entspricht vermutlich eher der Realität vieler Seitensprünge, denn der Lockruf der großen Liebe, den andere Werke zu diesem Thema zuweilen propagieren oder als Rechtfertigung nutzen.

Nichts ist, wie es zunächst scheint

Auch in The Affair geht es aber nicht allein um Beziehungen, sondern zusätzlich um einen Kriminalfall. Und auch hier weiß der Zuschauer zu Beginn nicht genau, was eigentlich vorgefallen ist, geschweige denn, wer schuldig ist — vielmehr scheint irgendwie jeder direkt oder wenigstens im übertragenen Sinne schuldig zu sein. Die Affäre hat in irgendeiner Form zu einem Verbrechen geführt und dieses Verbrechen wiederum gibt The Affair die Möglichkeit, sein erzählerisches Stilmittel überhaupt auffahren zu können: Wir erleben die Geschehnisse als Zeugenberichte von Noah und Alison in Vernehmungen mit dem ermittelnden Detective.

Dabei tun sich auch andere Abgründe auf: Alison ist nicht (nur) das unschuldige Mädchen vom Land, die liebevolle, kümmernde Familie ihres Ehemannes ist in dunklere Machenschaften verstrickt, im Ort gibt es Fehden, die Generationen zurückreichen. Noahs Schwiegervater ist nicht nur ein unangenehmer Großkotz, sondern auch ein Schwerenöter, was sowohl seine eigene Ehefrau als auch seine Tochter geprägt hat. Und Noahs Kinder kämpfen ihrerseits (und er mit ihnen) mit den Problemen der Generation Internet.

Das alles macht The Affair zu viel mehr als lediglich einem Tagebuch einer Sommer-Affäre — wie Gone Girl, wie The Leftovers, wie Fight Club ist es eine Parabel auf unseren Zeitgeist. Wie diese benötigt es ein konkretes Thriller-Element, um seine Handlung entwickeln zu können. Dabei bestünde natürlich die Gefahr, zu einem müden TV-Abklatsch speziell von Gillian Flynns Roman zu verkommen. Soweit ich die erste Staffel bislang erlebt habe, sind die Parallelen auch deutlich sichtbar; aber The Affair ist im Szenario und seiner Problematik gleichzeitig anders genug, um eine eigene Daseinsberechtigung zu haben. Dafür sind Cast und Themen mehr als gut genug.

Zu einem Deutschlandstart von The Affair gibt es derzeit noch keine Informationen. In den USA hat Showtime jüngst die Produktion einer zweiten Staffel bekanntgegeben.


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