Verbraucherschutzministerin Aigner fordert digitale Vergesslichkeit

Unangenehme Ereignisse geraten glücklicherweise irgendwann in Vergessenheit:  Das Interesse an den peinlichen Verfehlungen auf der letzten Weihnachtsfeier lässt irgendwann auch bei den gößten Spaßvögeln nach. Nachdem man sich einige Monate lang anhören muss, wie einen die Kollegen volltrunken aus dem Bach gefischt haben ("dein iPhone ist untergegangen wie ein Stein!"), hört der Spott irgendwann auf. Außer...ja außer, jemand hat Fotos gemacht.

Facebook vergisst nie

Tauchen die Bilder erstmal in einem sozialen Netzwerk auf, kann man sich sicher sein, dass auch die Kollegen in der neuen Firma noch Spaß an der Sache haben. Man wird die Geschichte einfach nicht los.

Unangenehm wird es, wenn bei der nächsten Bewerbung gefragt wird, was zur Hölle man mit Weihnachtsmannkostüm im Bach zu suchen hat. Dass auch das Internet irgendwann vergisst, möchte nun Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CDU) durchsetzen.

Derartige Versuche, die digitale Welt mit menschlicher Vergesslichkeit auszustatten, sind bisher stets jämmerlich gescheitert - und auch dieses Mal sieht es nicht gut aus.

Der digitale Radiergummi

Anlässlich der Veranstaltung "Verbraucher im Netz" von Aigners Ministerium präsentierte der Saarbrücker Informatiker Michael Backes seine Lösung für das Gedächtnis-Problem: Die kleine Software X-Pire soll den Nutzer selbst entscheiden lassen, wie lange ein Bild im Internet bleibt. Über ein Firefox-Plugin soll der Nutzer seine Partybilder mit einem digitalen Verfallsdatum versehen können.

Einen "Digitalen Radiergummi" nennt man das, weil die Bilder nach Ablauf der Frist angeblich unsichtbar werden. Ob das allerdings die Lösung des Problems ist, bleibt zweifelhaft. X-Pire soll inder kommenden Woche fertiggestellt werden und gegen eine monatliche Gebühr von 10 Euro erhältlich sein. Backes sehe kein anderes Finanzierungsmodell für kommerzielle Softwareentwicklung an Universitäten, heißt es. Immerhin soll auch pro Bild abgerechnet werden können.

Gegen Screenshots ist kein Kraut gewachsen

Der Knackpunkt ist die digitale Reproduktion. Mittels eines einfachen Screenshots kann jeder mittelmäßig begabte Bürohengst ein noch so aufwändig gesichertes Bild kopieren . Und diese Kopie kann er nach belieben im Netz verteilen - das musste auch Backes einräumen.

Aigner hatte sich schon in der Vergangenheit am Thema Datenschutz im Internet versucht. Die aktuelle Veranstaltung sollte dieses Thema wieder aufgreifen. Doch die selbsternannte Datenschützerin konnte nicht einmal bis zum Ende bleiben. Denn es gibt nur eines, was den Verbraucher noch mehr entsetzt, als peinliche Fotos im Internet: Dioxin-Eier.

In der Tat ist das unerbittliche Gedächtnis des Internet ein Problem. Das räumte sogar ein Sprecher des Chaos-Computer-Clubs (CCC) in der Süddeutschen Zeitung ein. Auch sieht man Backes Ansatz nicht grundsätzlich als Falsch an. Trotzdem dürfte der erhoffte Erfolg wohl ausbleiben: Die technischen Probleme zum einen, der notorische Geiz der Internetuser zum anderen. Im Klartext: Welcher Depp bezahlt monatlich zehn Euro für ein Produkt, dass nicht einmal zuverlässig funktioniert?

Das einzig wirksame Mittel bleibt wohl der verantwortliche Umgang mit Bildmaterial. Solange der Verbraucher jedoch sorglos seine Fotos ins Netz stellt, kann die Ministerin sich den Mund fusslig reden.