Vergiss Beats, Apple!

Unfassbar !30
Verschwommene Vision: Was hat sich Tim Cook bei Beats-Übernahme nur gedacht?
Verschwommene Vision: Was hat sich Tim Cook bei Beats-Übernahme nur gedacht?(© 2014 CC: Flickr/blakespot, CC: Flickr/MjZ Photography, CURVED Montage)

Das Gerücht schlägt ein wie eine Bombe. Allein: sie ging nach hinten los. Apples mögliche Übernahme des Kopfhörer-Herstellers Beats stößt auf Unverständnis – in Techblogs und an der Wall Street. Der Deal ist nicht nur zu teuer – er sendet auch die falsche Botschaft. 

Noch ist es eine Hypothese: Apple könnte Beats kaufen. Für 3,2 Milliarden Dollar. Das Übernahmeziel, vor allem aber der Kaufpreis sorgte reflexartig für einen Abgesang auf Twitter:

So nobody likes this Beats deal? I don't see anyone who's positive....
— Eric Jackson (@ericjackson) 9. Mai 2014

Selbst Gene Munster, über Jahre ein flammender Apple-Fürsprecher, war alles andere als begeistert von der möglichen Übernahme: „Es klingt nach einem schlechten Deal. Natürlich würde Apple mit Beats eine Weltklasse-Musikmarke  erwerben, aber Apple besitzt bereits eine Weltklassemarke und hat nie wegen einer Marke eine Übernahme gestartet“, schrieb Munster in einer ersten Stellungnahme nach den Gerüchten. „Wir glauben, Apples Geld wäre besser im Internet-Service-Bereich eingesetzt.“  Doch das sind nicht die einzigen Gegenargumente:

1.) Beats ist nicht Apple-Standard

Der Business Insider legte bereits gestern den Finger in die Wunde: "Apples Mission ist es, die besten Produkte in der Welt anzubieten. Allerdings würde keiner behaupten, dass Beats die besten Kopfhörer in der Welt herstellt“. Apple hat eine lange Historie mit Musikprodukten, angefangen mit dem ersten iPod 2001. Die mitgelieferten Apple-Kopfhörer sehen stylish aus, haben einen passablen Klang und kosten doch nur 30 Dollar / Euro. Die fraglos coolen Retro-Wifi-Kopfhörer von Beats sind unter Apple-Fanboys sicher beliebt, aber sie sind kein Musthave-Produkt, kein „fehlendes Puzzlestück“, von dem Steve Jobs 2010 zur Verwendung der Barreserven einst sprach. Beats-Kopfhörer fehlen schlicht nicht in Apples Produkt-Portfolio.

2.) Beats ist zu teuer

3,2 Milliarden Dollar.  Das ist knapp zehnmal mehr, als Apple für seine bislang höchste Übernahme aller Zeiten hinblätterte – 2011 für den israelischen Flashspeicher-Hersteller Anobit. “Apple kauft von Zeit zu Zeit kleinere Technologiefirmen, wir kommentieren unsere Absichten aber nicht“, lautete die Standard-Antwort aus dem PR-Team von Katie Cotton. Beats ist zwar „eine kleinere Technologiefirma“, der Preis ist aber ein großer. Um den Deal zu rechtfertigen, müsste Apple weitaus mehr erwerben als nur den Zugang zu einem Accessoire-Anbieter – nämlich dem Streaming-Dienst Beats Music. Doch was sind 500.000 zahlungswillige Abonnenten gegenüber geschätzten 8 bis 9 Millionen bei Spotify bzw. 3,3 Millionen beim Internet-Radio-Anbieter Pandora, der es auf 250 Millionen registrierte Nutzer bringt. Wenn Apple seine mit iTunes Radio bislang wenig erfolgreichen Streaming-Aktivitäten ausbauen und iTunes endlich ins neue Jahrzehnt hieven will, warum denkt Cupertino dann nicht groß und kauft einen der Platzhirsche, sondern einen Nischenplayer? Keine Frage: Apple kann sich die Beats-Übernahme leisten, aber die Verhältnismäßigkeit ist aus den Fugen geraten – die Milliarde sieht aus wie die neue Million.

3.) Beats ist eine Investition ins letzte Jahrzehnt

Schlimmer noch: Nicht nur die Verhältnismäßigkeit stimmt nicht – die Botschaft, die Apple mit der Beats-Übernahme aussendet, ist noch verheerender. Beats wurde 2006 gegründet – und genauso alt ist das Image auch. Ja, Dr. Dre ist ein cooler Typ, der ironischerweise Jay-Z den Titel des ersten HipHop-Milliardärs wegschnappt, obwohl der 49-Jährige seit 1999 kein Album mehr veröffentlicht hat und gegenüber Jay-Z, Kanye West und Drake eher wie ein Pate als der Protagonist des modernen Hip Hop aussieht. Und genauso wirkt der Deal auch: Wie eine Übernahme aus dem vergangenen Jahrhundert – bestenfalls: vergangenem Jahrzehnt. Wenn es einen Zeitpunkt gab, in einen Kopfhörer–Hersteller zu investieren, dann war es zur Hochzeit von iTunes und dem iPod – also der Ära von 2001 bis 2007. Wie das erste Treffen zwischen Steve Jobs und Dr. Dre ablief, ist indes in Walter Isaacsons Biografie hinreichend dokumentiert.

Kaufpanik bei Apple? Beats-Übernahme kommt mit fataler Botschaft daher

Tim Cook bricht erneut mit der Steve Jobs-Ära – doch er tut es mit einer Investition, die in dieser goldenen Dekade beheimatet ist. Dass Cook willens ist, seinen eigenen Weg zu gehen, ist zu begrüßen. Allein: Es gibt mindestens zwei Hände voll von Übernahmezielen, die geeigneter wären als Beats. Das ist das eigentliche Minus des Deals: nicht die 3,2 Milliarden Dollar verbranntes Geld, sondern die falsche Botschaft, die mitschwingt:  Die Beats-Übernahme wirkt wie Cupertinos Antwort auf Googles Nest- und Facebooks Occulus Rift-Kauf. Der Zukauf ist Apples „Action Jackson“-Moment: „Just do something. Anything“.  Das Geld muss ja weg. 

@ericjackson Just do something, Action Jackson. — Jay Yarow (@jyarow) 8. Mai 2014

Es sieht nach blankem Aktionismus aus – nach echter Kaufpanik. Apple wirkt wie die neureichen Fußballscheinriesen Manchester City oder Paris St. Germain, die alleine durch ihre immensen Cash-Reserven dank ihrer Finanziers aus den Emiraten einen viel höheren Preis für neue Spieler zahlen als nötig.

Bei Beats ist das noch egal. Die 3,2 Milliarden Dollar sind Peanuts für Apple, die der wertvollste Konzert der Welt im abgelaufenen Quartal in dreieinhalb Wochen verdiente. Allein: es bleibt die Frage nach der nächsten „Next Episode“. Was kommt danach?

Tim Cook geht noch weiter „all in“: Was kommt nach Beats?

„3 Billion down, 150 Billion to go“, twitterte Vermögensverwalter Eric Jackson nach dem Deal.  Und ergänzte umgehend:  „Angela Ahrendts zeigt bereits ihr Gewicht“. Der völlig überteuerte Zukauf markiert zweieinhalb Wochen nach der überraschend großen Ausweitung der Aktienrückkäufe die nächste Episode der Zeitenwende – Tim Cook geht noch weiter „all in“.

Wenn er Beats schon für 3,2 Milliarden Dollar kauft – was wird dann der eigentliche Königstransfer, wie es im Fußball so schön heißt? Und wichtiger noch: Wie viel muss Apple dafür bezahlen? Die Botschaft, die Tim Cook mit Beats aussendet, gefällt der Wall Street nicht.

I think it's time to dump my Apple stock.
— Henry Blodget (@hblodget) 9. Mai 2014

Die Aktie fällt an einem ausgeglichenen Handelstag 7 Dollar zurück – und vernichtete dabei mit 6 Milliarden Dollar Börsenwert fast doppelten Kaufpreis. Was wird passieren, wenn Apple für Spotify, Square oder Twitter bietet?  Groß-Übernahmen sind offenkundig nun kein Tabu mehr in Cupertino.


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