Viral-Hit "Look up": Die bittersüße Smartphone-Illusion

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Gemeinsam einsam? Der britische Schriftsteller Gary Turk hält der Smartphone-Generation den Spiegel vor
Gemeinsam einsam? Der britische Schriftsteller Gary Turk hält der Smartphone-Generation den Spiegel vor

Das tut ein bisschen weh, Smartphone-Junkies: Einfach mal das iPhone ausschalten und mit offenen Augen durchs Leben gehen. Diese Botschaft vermittelt der Brite Gary Turk in seinem fünf Minuten-Video „Look up“, das viral geht. 15 Millionen Mal wurde der reduzierte Clip, der wie die britische Antwort auf Julia Engelmann daherkommt, bei YouTube in den vergangenen Tagen bereits angeklickt.

Turks Botschaft trifft offenbar einen Nerv:  "Ich habe 422 Freunde, aber ich bin einsam. Jeden Tag spreche ich mit ihnen, aber niemand kennt mich wirklich.“ Seufz. Omnipräsente Facebooker kennen das Problem, es ist schließlich ein Gesellschaftsproblem – das Problem der Generation „ Always on“.  Hier noch ein Facebook-Post, da noch ein Instagram-Foto, und ein Re-Tweet geht sowieso immer. Warum? Weil ich's kann! #ausgruenden

Der Londoner Schriftsteller hält uns allen in seinem Video ein wenig den Spiegel vor – und doch ohne moralischen Zeigefinger. Zu dezenten Gitarrenklängen trägt Turk sein Gedicht vor, das er szenisch nachgespielt hat.

Im Video sehen wir Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die alle auf gewisse Weise entrückt erscheinen – ihre Smartphones und MacBooks sind mächtiger als die Welt, die sie umgibt. "Wenn wir unsere Computer öffnen, schließen wir gleichzeitig damit Türen", versucht sich der Brite an ziemlich dick aufgetragenen Aphorismen.

Im zweiten Teil des Clips wird es dann noch gefühlsduseliger. Der Protagonist trifft an einer Straßenecke bei der Frage nach dem richtigen Weg eine Frau, die er wenig später zum Date einlädt. Es kommt, wie es kommen muss: Aus einer Zufallsbekanntschaft wird schnell Liebe, das Paar zieht zusammen, es bekommt Kinder, die wieder Kinder bekommen.

In der Vorhersehbarkeit eines Paulo Coelho-Romans rammt uns Gary Turk dann den Pflock ins schmachtende Herz: All das wäre nicht passiert, wenn der Protagonist an der Straßenecke den Kopf gedankenversunken auf sein Smartphone geneigt und so nicht den menschlichen Kontakt gesucht hätte.

Schon 15 Millionen Abrufe bei YouTube in 11 Tagen

Ob die neuen Technologien nun „nur eine Illusion“ seien, die uns tatsächlich unsozial werden lassen, dürfte wohl noch bis zur Besinnungslosigkeit bei Jauch, Lanz und Maischberger diskutiert werden.  Und doch: Gary Turks Social-Abgesang trifft uns an einem wunden Punkt – es gibt bekanntlich wenig schmerzhaftere Erkenntnisse, als dass sich die Realität am Ende anders darstellt als sie zuvor in der Filterbubble erschien.

Der Viral-Hit ist dem britischen Multitalent, der laut seinem Twitter-Account auch Filme und Musikvideos dreht, vollauf gelungen – 15 Millionen Abrufe wurden auf YouTube binnen nur 11 Tagen gezählt. Bleibt die Frage, ob am Ende – wie bei so vielen Viral-Phänomenen:  etwa den vermeintlich unbekannten Küssern – nicht doch noch die Auflösung kommt, dass hinter dem Web-Hit PR-Kalkül steckt...


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