Von Filterbubbles und meiner semipermeablen Membran

Impulskontrolle lernen
Impulskontrolle lernen(© 2014 Elisabeth Rank)

Ich stehe an der U-Bahn-Haltestelle und lese über Kiew. Ich sitze im Büro, klicke mich durch Mails und finde Kiew. Ich gehe Mittagessen, mein Blick fällt auf Zeitungen, in meinem Kopf ist Kiew. Ich esse Kuchen, scrolle durch Tweets: Kiew.

Zwischen Fotos von Kämpfen auf dem Majdan Nesaleschnosti immer wieder auch andere Status Updates, Beziehungsenden, die über Twitter verhandelt werden, Witze, Wetter, Facebook hat Whatsapp gekauft, das Gebrüll scheint mir noch lauter als sonst an dem Abend, als dieser Deal bekannt wird.

Erleichtert es uns, eine Nachricht zu retweeten, ein Foto, eine Mitteilung? Ist das Engagement? Verkaufen wir uns selbst das als Aktivismus? Oder hilft es, eine Öffentlichkeit zu schaffen?

Ich muss alles ausmachen, weil mir schlecht wird. Mein Zwerchfell tut weh, als wäre es das Spannungsfeld zwischen meiner privaten Filterblase, meinem Alltag, und all dem, was da draußen passiert und von dem ich durch das mobile Internet und soziale Netzwerke, Onlinemedien und Blogs immer wieder lesen kann. Ich habe so viele Fragen und keine Antwort, keine einzige.

Erleichtert es uns, eine Nachricht zu retweeten, ein Foto, eine Mitteilung? Ist das Engagement? Verkaufen wir uns selbst das als Aktivismus? Oder hilft es, eine Öffentlichkeit zu schaffen? Sehen wir den Retweet eines unabhängigen Fotos als eine Art Spende? Oder wollen wir zeigen, dass wir das Thema auf dem Schirm haben? Wollen wir einfach nur nicht unbeteiligt wirken? Oder ist das Verbreiten von Artikeln, Berichten und Bildern über das eigene Netzwerk ein Schritt, ohne den eine Verkettung, ein Netzwerkeffekt nicht nötig wäre?

Und wenn es einen digitalen Dominoeffekt gibt, führt dieser wirklich zu mehr realem Engagement oder lehnen wir uns nach dem Klick alle zurück und haben unser Tagwerk damit erfüllt? Wie weit können wir uns von hier aus mit allem beschäftigen, was da draußen passiert, ohne zu platzen? Welche Kriterien legen wir an, um ein eigenes Set an relevanten Themen zu schaffen?

Wann übersteigt die Welt da draußen unsere eigenen Kapazitäten? Brauchen wir Banales als Ausgleich? Und wann ist auch einfach mal genug kommuniziert? Wie viel von diesem Digitalen wird bleiben? Was davon hat eine reale Auswirkung, wird zu anfassbarem Engagement? Wo hört das Internet auf? Teile ich jetzt wirklich ein Lied und das landet dann direkt über den Neuigkeiten aus Kiew, neuen Bildern von Toten und der neuen Eiscremesorte vom Café um die Ecke?

Will ich selbst mit etwas, an das sich eh morgen keiner mehr erinnert, anderen den Platz klauen, die ihn gerade brauchen, um zum Beispiel aus Kiew zu berichten? Oder sind andere, im direkten Vergleich banale Status Updates gerechtfertigter Ausgleich? Habe ich mir das mit der Kuratierung meiner Timeline vielleicht einfach genau so ausgesucht?

Mir persönlich geht die Sprache aus. Weil meine Publikationen im Netz eben dann doch immer irgendwas mit mir zu tun haben, mit meinem Namen und damit auch mit meiner Person verknüpft sind irgendwo. Ich vermute in vielen Worten, die ich gerade spontan in das leere Feld bei Twitter tippe, Banalität.

Ich weiß nie, wo meine geschriebene Äußerung nach Veröffentlichung einsortiert wird, wo sie letztendlich erscheint, und in diesen Tagen spielt das plötzlich wieder eine größere Rolle. Meine eigene Grenzregion zwischen digital und analog, zwischen innen und außern zittert derzeit, ist in ständiger Anspannung und ich versuche, einfach stillzuhalten, jeden Reflex, etwas zu schreiben, zu retweeten, zu tippen kurz sacken zu lassen. Weniger Reflex, mehr Impulskontrolle.

Mein Kopf dröhnt von den Kämpfen und all den Banalitäten dazwischen, die jedoch dennoch zu den Leben einzelner Menschen gehören, deren Äußerung auch durch subjektive Gründe gerechtfertigt ist. Funktioniert das halt einfach so? Muss das so bleiben? Hält man das aus? Dann doch lieber Filterbubble mit mehr Bubble und anderen Filtern? Oder dagegen anselektieren, sich bewusst aussetzen, bewusst grübeln, bewusst hinspüren?

Ich hätte hier an dieser Stelle auch über Whatsapp schreiben können, aber dazu ist mir nichts eingefallen, über meinen Besuch in Zürich vielleicht, vermutlich hätte ich dann auch nicht siebzehnmal Sätze gelöscht, weggestrichen, umformuliert und mich nach Beendigung des Textes nicht immer noch völlig unzureichend gefühlt. Ich möchte diesen Platz hier dennoch nutzen, um zu bitten, mitzulesen, sich nicht wegzuducken, weil es anstrengend ist, eine Meinung wachsen zu lassen, darum bitten, vielleicht aus diesem digitalen Rauschen eine Essenz zu extrahieren. Hier könnt Ihr für Reporter ohne Grenzen spenden.

Elisabeth Rank lebt und arbeitet in Berlin als freie Autorin und Konzepterin für Digital und Print. Ihr erster Roman "Und im Zweifel für dich selbst" kam 2010 bei Suhrkamp heraus, der zweite namens "Bist du noch wach?" erschien 2013 im Berlin Verlag. Lisa schreibt für CURVED eine Kolumne über mobiles Leben: "Das Internet läuft nicht weg."


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