Warum Apple beim iPhone 6 auf Saphir verzichten sollte


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Saphir
Saphir(© 2014 istock.com/Reimphoto)

Drei Wochen noch bis zum iDay. Dass Apple am 9. September zwei neue iPhones präsentieren wird, ist ein offenes Geheimnis. Analysten haben ihre Schätzungen bereits kräftig angehoben und erwarten bis Jahresende bis zu 80 Millionen abgesetzte neue iPhones. Dabei darf jedoch nichts schiefgehen. Ein Saphirglas-Display, über das immer wieder als eine der zahlreichen Neuerungen spekuliert wurde, erscheint für einen reibungslosen Launch zu riskant und noch zu kostspielig.

Es wäre Stoff für ein Hollywood-Epos im Stil des „Social Networks“: David Fincher könnte Regie führen, Aaron Sorkin das Skript schreiben. Arbeitstitel: „iPhone 6: Das Telefon für die Welt.“  Es wäre zumindest ein echter Globalisierungsklassiker: Was sich in diesen Tagen rund um den Globus abspielt, ist der Gipfel der kapitalistischen Produktionskette.

Allein: Nur das Produkt, das iPhone 6, das aller Wahrscheinlichkeit nach am 9. September vorgestellt und zehn Tage später in den wichtigsten Industrienationen der Welt in den Handel kommt, ist bekannt. Binnen wenigen Tagen bekommt die Welt ein neues Spielzeug, das die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren, Bilder schießen und sie wieder teilen, auf eine nachhaltige Weise verändert. Man kann jetzt schon feststellen: Ab dem 19. September wird die Welt ein Stück weit eine andere sein.

Die dunkle Seite des iPhone 6-Booms

Was sich indes hinter den Kulissen abspielt, so dass das Gadget für die Welt bis Jahresende in mutmaßlich in 80-Millionen-facher Ausführung verfügbar ist, ist eine andere Geschichte, für die sich kaum ein Konsument interessiert. Die Kosten an der Ressource Mensch ist seit Jahren hinreichend dokumentiert und werden Apple immer wieder vor Augen gehalten.

„1 Million Arbeiter. 90 Millionen iPhones. 17 Selbstmorde“, titelte Wired schon Anfang 2011 über die dunkle Seite des iPhone-Booms, über die in allererster Linie beim Auftragsfertiger Foxconn berichtet wird. Was man über die Arbeitsbedingungen in Fabriken von Foxconn hört, lässt schlimmste Globalisierungsszenarien präsent werden: „Dein iPhone wurde zum Teil von 13-Jährigen zusammengebaut, die 16 Stunden am Tag für 70 Cent in der Stunde arbeiten“, legte Henry Blodget vom Business Insider vor zweieinhalb Jahren den Finger in die Wunde.

Das iPhone 6 dürfte mehr in der Verarbeitung kosten

Wie es in den Fabriken von Foxconn in diesen Tagen aussieht – alleine in Shenzen arbeiten 450.000 Menschen – kann man sich bildlich ausmalen. Zum iPhone 5-Launch vor zwei Jahren bekam auch die Weltöffentlichkeit etwas von den Nebengeräuschen mit, die beim größten Smartphone-Launch des Jahres wohl dazugehörten.

Während Apple und seine treue Anhängerschaft den Launch am 21. September 2012 frenetisch feierten und die Apple-Aktie wie bestellt auf neue Allzeithochs spurtete, brannten 12.000 km entfernt in Shenzen in den Foxconn-Werken die Sicherungen durch. Tage später war von lauthalsigen Aufständen in den Fertigungsstätten zu hören, von Massenschlägereien und Arbeitsprotesten. Tim Cook handelte - und bemühte sich in den Folgemonaten um deutliche Verbesserungen der Arbeitsbedingungen.

Die Saphirglaswette dürfte vom Endkunden bezahlt werden

Die Wall Street dürfte sich unterdessen weitaus weniger für den Weg als für die Kosten der Produktion interessieren. Knapp 200 Dollar kosten die Komponenten im aktuellen Modell, dem iPhone 5s, bei dem das Retina Display mit 41 Dollar als größter Kostenfaktor zu Buche schlägt.

Doch  es dürfte teurer werden, weil Apple im neuen iPhone neben dem Größenfaktor offenbar versucht, zwei der größten Probleme der jüngsten iPhone-Modelle zu beseitigen – den schwachen Akku und die Bruchanfälligkeit des Glas-Displays. Während der verbesserte Akku mit zwischen drei und vier Dollar zu Buche schlägt, dürfte das Display weit teuer werden.

Apple schwenkt Produktion auf Saphirglas auf – in der Zukunft

Nach jüngsten Gerüchten "denkt Apple darüber nach, Saphir-Bildschirme in den teureren Modellen der beiden neuen, größeren iPhones einzusetzen", berichtete das Wall Street Journal Ende vergangener Woche.  Wird das 5,5 Zoll große Modell also möglicherweise aus einem anderen Glas gefertigt werden als in der Vergangenheit – nämlich Saphirglas statt Gorilla Glass?

Wie ernst Apple dieses Vorhaben offenbar ist, unterstreichen die hinreichend dokumentierten Bemühungen, nach denen der iKonzern bereits 700 Millionen Dollar in den Aufbau einer Fabrik mit Kooperationspartner GT Advanced Technologies investiert hat.  „Niemand hat jemals so viel Geld in Saphir investiert“, wird der französische Analyst Eric Viren im Wall Street Journal zitiert.

Saphirglas fünf- bis zehnmal teurer als Gorilla Glas

Der Schritt zum extrem kratzfesten und bruchsicheren Display hat sich seit Monaten angekündigt und kann in der Zukunft als sehr wahrscheinlich gelten. Allein: zu welchem Preis? Die Herstellungskosten eines Saphirglas-Bildschirms sind im Vergleich zum von Corning angebotenen Gorilla Glass, das in den bisherigen iPhone-Modellen zum Einsatz kam, um den Faktor 5 teurer.

Entsprechend wahrscheinlich dürfte eine Preisanhebung für den Kunden sein, um die heilige Gewinnmarge, die beim letzten großen Geräteupgrade auf das iPhone 5 empfindlich unter Druck geriet, nicht weiter in Mitleidenschaft zu ziehen. Ein Aufschlag von 100 Dollar erscheint angesichts des größeren Displays und teureren Herstellungsmaterials in Form von Saphirglas beim neuen iPhone also zumindest nicht unrealistisch.

80 Millionen iPhones bis zum Jahresende: Keine Luft für Produktionsengpässe

Bleibt nur die Frage, ob dieser Schritt bereits beim iPhone 6 vollzogen wird. Wichtiger noch als eine konstant hohe Gewinnmarge wird Tim Cook schließlich der reibungslose Abverkauf sein, der nur bei einer reibungslosen Fertigung gesichert erscheint. Verbaut  Apple bereits beim iPhone 6 Saphirglas, würde sich die Lieferkette anders als beim Vorgängermodell 5s nicht nur aus neuen Komponenten in unterschiedlichen Größen, sondern auch neuen Materialien zusammensetzen.

Das Nadelöhr könnte bereits in Arizona beginnen: Wie das WSJ berichtet, sei Apples Saphir-Fabrik so gut wie fertig und bereite sich jetzt auf die Massenherstellung vor, doch „die vollständige Betriebseffizienz wird das Werk allerdings nicht vor Anfang nächsten Jahres erreichen“, wird GT-CEO Gutierrez im WSJ zitiert.

JP Morgan: Saphirglas wird 2014 nicht mehr in iPhones verbaut

Hakt es auch nur an einer Stelle der komplexen Lieferkette, drohen Auslieferverzögerungen, die den Rollout von 80 Millionen Einheiten gefährden könnten. Die Börse reagierte auf jegliche Form von Hiobsbotschaften notorisch allergisch. Hierin liegt Apples eigentliche Herausforderung in den kommenden Wochen: Die Nachfrage nach dem Smartphone für die Welt ist überwältigend groß. Die Herkulesaufgabe besteht darin, die Lieferkette so weit zu optimieren, dass die Auslieferung auch bis Weihnachten vermeintlich 100 Nationen rund um den Globus erreicht.

Entsprechend wenig wünschenswert wäre das Vabanquespiel eines Saphirdisplays. Es kommt schlicht eine Generation zu früh bzw. könnte bei der iWatch zum Zuge kommen, die in limierten Stückzahlen debütieren soll. Wie JP Morgan-Analyst Rod Hall prognostiziert, wird das kratzfeste Mineral daher beim iPhone 6 nicht zum Einsatz kommen.


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