Warum Apple immer noch Tesla kaufen sollte!

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Hat das Zeug zum iCar: Kultauto Tesla
Hat das Zeug zum iCar: Kultauto Tesla(© 2014 Tesla, CURVED Montage)

Ein halbes Jahr nach meinem Plädoyer für eine Übernahme des Elektroautoherstellers durch Apple findet auch der Business Insider Gefallen an der Idee einer Tesla-Akquisition. Die Argumente haben sich weiter verdichtet: 2015 wäre der perfekte Augenblick für einen mutigen Zukauf!

Alles braucht seine Zeit. Eine Jahr ist es her, dass Apple durch die schwerste Identitätskrise seit 15 Jahren ging. Die Post-Steve-Jobs-Ära hatte erkennbar begonnen: Das erste Jahr unter Tim Cook war noch ein Freifahrtschein mit alten Tricks, doch spätestens nach der Einführung des iPhone 5 begann Apples Erfolgsstory Risse zu bekommen.

Das Wachstum ging zu Ende und verwandelte sich schnell ins Negativwachstum, die Gewinne erodierten immer schneller, Tim Cook verlor die Kontrolle über die Außendarstellung von Apple: Der sechs Monate zuvor noch mit 250 Milliarden Dollar Vorsprung wertvollste Konzern der Welt, gab den Börsenthron gab und verkam zum Punchingball von Hedgefondsmanagern, Analysten und Techreportern – ich habe diese dunkle Periode in der jüngeren Geschichte des Kultkonzerns aus Cupertino in meinem Buch „Das Apple-Imperium“ beschrieben.

Spektakulärer Turnaround in fünf Akten

Zwölf Monate später steht Apple wieder wie der strahlende Meister aller Klassen da.  Das Comeback ist fraglos die größte Erfolgsstory des Jahres, die sich in fünf Akten vollzog:

  Aktienrückkäufe legten einen Boden unter die Aktie

Als sich Tim Cook im Frühjahr 2013 zu einer massiven Ausweitung der Aktienrückkäufe entschloss, verband er damit eine klare Botschaft: Bis hierhin - und nicht weiter. Das war bei Kursen von 400 Dollar, heute splitbereinigt 57 Dollar, der Fall. Die massiven Aktienrückkäufe waren das Fundament, auf dem das Comeback gebaut werden sollte.

  Carl Icahn dreht die Wall Street um

Der zweite Akt war vielleicht der überraschendste: Nachdem sich die Wall Street ein Jahr an Apple abgearbeitet hatte, bekam Tim Cook plötzlich von ungewöhnlichster Stelle Schützenhilfe. Der Corporate Raider Carl Icahn investierte plötzlich Milliarden in Apple – und begann seinen Kreuzzug für die Aktie. Dass er sich dabei auch Cook vorknöpfte, gehört zum Geschäft. Ein großes Verdienst bestand in Cooks Bereitschaft, von Icahn zu lernen – und seine Vorschläge nach noch weiteren Aktienrückkäufen und sogar später einem Aktiensplit umzusetzen. Mit Icahn im Rücken zog die Aktie wieder an.

  Trendwende 2014: Das Wachstum kehrt zurück

Es waren keine spektakulären Zugewinne, doch ab dem zweiten Quartal zogen auch die Gewinne wieder an. Das iPhone 5s, eigentlich ein Lückenfüller, entwickelte sich robuster als erwartet – ein Absatzrückgang, der nach den nur marginalen Änderungen zum iPhone 5 noch befürchtet wurden, fand nicht statt. Plötzlich war Apple wieder in der Spur - und das Beste stand schließlich noch bevor…

   iPhone 6-Boom und Apple Watch-Ausblick

Im September  debütierte endlich das lang erwartete iPhone 6. Es war nicht nur der erwartete Hit – sondern ein Mega-Mega-Hit, der Apple zum besten Weihnachtsquartal aller Zeiten verhelfen dürfte. Alle Indikationen deuten auf den totalen Erfolg, der so groß ist, dass Apples ärgstem Rivalen, Samsung die Gewinne nur so wegbrechen. Mit Apple Pay und vor allem der Apple Watch hat Tim Cook zudem zwei Zukunftsprodukte in der Hinterhand, die ab 2015 zusätzlichem Einfluss in der Bilanz haben dürften – zuerst marginal, aber doch mit erheblichem Potenzial.

  Beats-Übernahme als Türöffner

Zunächst schien es ein schlechter Scherz zu sein: Apple übernimmt einen Kopfhörer-Hersteller, während die Konkurrenz Milliarden für Smart Home-, Messenger- und Virtual Reality-Anbieter investiert?  Klar wurde schnell: Bei Beats ging es weniger um die Hardware, als vielmehr um den Streaming-Dienst, das Human Capital – und vor allem auch, um das Zeichen, das Tim Cook damit setzte.

3  Milliarden Dollar verdient Apple in einem Monat, 3 Milliarden Dollar machen nicht mal 0,5 Prozent des Börsenwertes aus – und doch war es mit Abstand die größte Übernahme in der 38-jährigen Historie des Kultkonzerns. Es war in gewisser Weise ein sich selbst finanzierendes Investment: Allein die Tatsache, dass Apple offenkundig nun doch bereit war, Milliarden in die Hand zu nehmen, ließ Apples Börsenwert um Milliarden steigen.

Apple besitzt weiter 120 Milliarden Cash –  was stellt Tim Cook damit an?

155 Milliarden Dollar hat Apple trotz der größten Aktienrückkäufe immer noch auf der Bank, die Verbindlichkeiten liegen bei 35 Milliarden Dollar. Macht summa summarum: ein Polster von 120 Milliarden Dollar. Es gibt drei mögliche Szenarien für die weitere Cash-Verwendung:

–  Apple macht weiter wie bisher und  reicht die Nettoeinnahmen von ca. 40 Milliarden Dollar nach bester Value Stock-Manier an Aktionäre weiter, der Barmittelanteil bliebe größtenteils erhalten – dies ist die wahrscheinliche Variante.

– Apple weitet die Aktienrückkäufe nach dem von Carl Icahn skizzierten Plan noch weiter aus und akkumuliert in den kommenden ein bis zwei Jahren noch mehr eigene Anteile, befeuert weiter den Aktienkurs, riskiert damit aber, den Bogen zu überspannen, wenn das Gewinn-Wachstum nach der Blütezeit des iPhones ausgereizt ist. Dies ist das unwahrscheinlichste Szenario – Tim Cook wird zwanzigmal seine Musterrechnung durchführen, bevor er das Eigenkapital weiter abschmilzt. Investoren sollten daher eher nicht auf eine Ausweitung der Rückkäufe hoffen.

– Tim Cook macht etwas, was die Wenigsten von ihm erwarten und wagt sich an eine Mega-Übernahme. Dieses Szenario ist ein Joker: Übernahmeziel, Preis und Gelegenheit müssen perfekt zusammenpassen. So vage eine solche Spekulation bis zum Tag einer Verkündung bleibt, so haben sich die Vorzeichen für eine vermeintlich „verrückte Zukunftswette“ 2014 deutlich erhöht.

Das liegt in erster Linie an der in Punkt eins bis fünf geschilderten Entwicklung: Das Apple zum Jahresende 2014 ist in der besten Form der inzwischen dreijährigen Amtszeit von Tim Cook, der gleichermaßen so fest im Sattel sitzt wie nie zuvor. Apple geht es grandios, der Techpionier ist fast wieder so wertvoll wie zu Spitzenzeiten 2012, die Aktie ist längst wertvoller, das Wachstum beschleunigt sich, die nahe Zukunft scheint für den Kultkonzern aus Cupertino zu laufen –  die Konkurrenz aus Mountain View und Seoul leckt ihre Wunden.

Tim Cook wäre jetzt aus einer Position der Stärke in der Lage zur Großübernahme

Aus der Position der absoluten Stärke könnte sich Cook eine Megawette leisten, wie sie vor 18 Monaten als totaler Akt der Verzweiflung wahrgenommen worden wäre. Heute kann Tim Cook eine 50 Milliarden Dollar schwere Übernahme durchziehen und würde als Visionär gelten, als Architekt der Zukunft – so sehr hat sich the narrative inzwischen zugunsten des Apple-CEOs verschoben.

Cook und sein Beraterstab wissen natürlich um dieses Opportunitätsfenster, das nicht ewig offen steht. Hat die Apple Watch einen schweren Start oder geht den iPhone 6-Verkäufen nach zwei starken Quartalen im Frühsommer die Kraft aus, hat Cook neue Krisenherde zu löschen – und die Argumentation eines Panikkaufs erhielte neue Nahrung. Der Augenblick, in Apples Zukunft zu investieren, liegt in den nächsten sechs Monaten.

Dass Tim Cook schließlich einen neuen Wachstumstreiber für die Ära nach dem goldenen iPhone-Zeitalter braucht, ist offenkundig. Wie viele Jahre der iPhone-Zyklus noch auszureizen ist, ist aus heutiger Sicht unklar – man muss kein Branchen- und Wall Street- Experte wie Henry Blodget oder Doug Kass sein, um vorauszusagen, dass der iPhone 6-Boom möglicherweise der letzte seiner Art sein könnte.

Der iPhone-Zyklus läuft nicht ewig –Apple braucht einen neuen Wachstumstreiber

Was dann? Das iPad hat seine besten Tage offenkundig gesehen, obwohl es 2,5 Jahre jünger ist als das iPhone. Und ob die Apple Watch tatsächlich den turmhohen Erwartungen gerecht werden kann oder nicht auch (und vielleicht sogar schneller) dem Vorbild des iPads folgt, ist reine Spekulation.

Vor allem jedoch angesichts des immer größeren Aufwands und der immer längeren  Zeitspanne, die Apple aufwenden muss, um selbst eine neue Produktkategorie zu etablieren, erscheint es aus heutiger Sicht fast unerlässlich, dass sich das Apple der Zukunft sein Wachstum irgendwann in den kommenden Jahren kaufen muss – das ist das Gesetz der Größe, die Innovation aus dem Inneren des Unternehmens bei einer fortschreitenden Bürokratisierung der Abläufe immer weiter erschwert.

Netflix, Xiaomi, Jawbone? Begrenzte Übernahmeziele im Techsektor

Die Auswahl der Möglichkeiten ist für ein Unternehmen wie Apple, das wie kein zweites aus der Welt von seinem Kultfaktor lebt, indes extrem begrenzt.  Langfristiges Wachstum soll die Übernahme schaffen und doch zum Markenkern passen, ohne die Firmenkultur zu verwässern oder gar zu beschädigen. Rückwärtsgewandte Hauruck-Beispiele wie Googles Motorola-Manöver scheiden ebenso aus wie überteuerte App-Abenteuer wie Facebooks WhatsApp-Wahnsinn.

Um Steve Jobs zu zitieren: „Wenn wir in Zukunft einmal jemanden übernehmen müssen, um das fehlende Puzzlestück zu finden, dann könnten wir dafür einfach einen Scheck ausstellen.” Welches Unternehmen könnte nun das passende Puzzlestück liefern, das Apples Imperium sinnvoll und zukunftsträchtig ergänzt?

Im klassischen Tech- und Internetsektor sind die Übernahmemöglichkeiten extrem übersichtlich. Ein Smartphone-Rivale wie der aufstrebende China-Konkurrent Xiaomi? Braucht Tim Cook nicht – es wäre zudem eine Wette auf die nächsten ein bis drei Jahre, nicht  die nächsten zwei Jahrzehnte. Ein Wearable-Anbieter wie Fitbit oder Jawbone? Nur wenn die Apple Watch floppt – die Akquisition dürfte zudem im Portokassen–Bereich von Beats liegen.

Ein Streaming-Champion wie Netflix? Wäre eine Alternative – aber nur für den Fall, dass es dem Content-Team von Eddy Cue einfach nicht gelingen sollte, Hollywood Studios zur Lizenzierung ihres Filmmaterials zu bewegen – was die Frage aufwerfen würde, was Reed Hastings so viel besser macht als Tim Cook? Eine Netflix-Übernahme wäre eine Option, aber eine defensive, die mehr Fragen aufwerfen als Lösungen anbieten würde, zumal HBO und CBS nun selbst Streaming-Angebote angekündigt haben, die wunderbar ins Konzept eines Apple-Fernsehers passen würden – Tim Cook braucht Netflix heute weniger als noch vor sechs Monaten.

Tesla-Übernahme macht auch bei 30 Milliarden Dollar Börsenwert Sinn

Bleibt die Frage, ob es überhaupt ein Unternehmen gibt, das zur DNA des Techpioniers passen würde? Die Antwort heute wie vor einem halben Jahr ist dieselbe: Tesla! Dass Apple schon lange über ein Auto nachdenkt, gab Marketingchef Phil Schiller im ersten Patentprozess mit Samsung halb augenzwinkernd zu. "Bevor wir das iPhone gemacht haben, haben wir darüber diskutiert, was wir als nächstes entwerfen können", erklärte der Marketingchef bei der Anhörung im Sommer 2012.

Wäre ein iCar nun wirklich so abwegig wie es klingt? Die Produktion vermutlich schon eher als eine einfache Übernahme, über die spätestens spekuliert wird, seit sich Telsa-Chef Elon Musk mit Apples führenden M&A-Managern zu einem Gespräch traf. Keine Frage: Der Tesla ist der Mac der Autobahn – Image und Wachstumsperspektiven sind so brillant wie bei Apple zu Beginn der iRevolution vor rund einer Dekade.

Die Börse weiß das natürlich und hat die Tesla-Aktie in den vergangenen 18 Monaten auf einen atemberaubenden Höhenflug geschickt: Bis auf über 290 Dollar ging es in der Spitze, aktuell werden 250 Dollar je Anteilsschein bewilligt und Tesla damit mit 30 Milliarden Dollar bewertet. Angesichts des immensen Wachstumspotenzials erscheint eine Wertverdopplung im Falle einer Übernahme nicht ausgeschlossen.

Tesla: Verkauf dürfte Teil von Elon Musks Wachstumsplan sein

Aber selbst für 60 Milliarden könnte sich Apple Tesla problemlos leisten – die Übernahme wäre mit dem Gewinn von sechs Quartalen oder einem Zehntel seines aktuellen Börsenwertes bezahlt. Wenn Apple sich dafür die Unternehmenssparte zukaufen könnte, die in der kommenden Dekade zum Wachstumstreiber wird, wäre der Zukauf allemal gerechtfertigt.

Tesla selbst wird das in den vergangenen Jahren vorgelegte Wachstumstempo kaum durchhalten können. Der 11 Jahre alte Elektroautohersteller dürfte dieses Jahr 4 Milliarden Dollar umsetzen und etwa 33.000 Wagen ausliefern. Zum Vergleich: Beim Weltmarktführer Toyota waren es im vergangenen Jahr über 10 Millionen Stück! Dass Tesla an Kapazitätsgrenzen stößt, gab Konzernchef Elon Musk in der jüngsten Telefonkonferenz zu.

Tatsächlich geht der Seriengründer mit Tesla eine ähnliche Zukunftswette ein wie Steve Jobs in seiner Zeit nach Apple mit NeXt:  Entweder sie geht auf und ein größerer Käufer mit ganz anderen Produktionsmöglichkeiten tritt auf den Plan – oder der vielleicht umtriebigste Unternehmer unserer Zeit verliert irgendwann die Lust an seinem Projekt. Dass Musk ein Mann der vielen Missionen ist, ist ein offenes Geheimnis – Space X, Hyperloop und ein angestrebter Ausflug auf den Mars kommen zu fünf Kindern hinzu. Anders als Amazon für Jeff Bezos muss Tesla nicht das Lebensprojekt für Elon Musk sein – ein Verkauf zu einem angemessenen Preis scheint Teil des Wachstumsplans zu sein.

Investment von 100 Milliarden entspricht nur 17 Dollar je Aktie

Für Apple wäre Tesla fraglos die radikalste Expansion in neue Geschäftsfelder – doch es ist ein Weg, zu dem es bereits mittelfristig kaum Alternativen gibt, wenn Apple weiter wachsen will. Tim Cook hat diesen Weg einer Großübernahme in den vergangenen 18 Monaten mit einem extrem aktionärsfreundlichen Managementstil vorgezeichnet: Eine zweistellige Milliarden-Akquisition im Jahr 2015 wäre weniger eine Überraschung als eine konsequente Folge des Neustarts der vergangenen zwei Jahre.

Und wenn es schiefgeht? Es gab schon verrücktere Übernahmen in der Wirtschaftsgeschichte, die mit Totalabschreibungen in dreistelliger Milliardenhöhe endeten, AOL lässt grüßen. So absurd es klingt: Ein Zukauf von Tesla für 60 Milliarden Dollar und weiteren nötigen Investitionen in Höhe von vielleicht 40 Milliarden in den kommenden zehn Jahren wäre das kleinere Risiko, als nichts zu tun und zuzuschauen, wie Google und Facebook mit selbstfahrenden Autos und Augmented Reality aggressiv auf die Zukunft wetten.

100 Milliarden Dollar Börsenwert entsprechen 17 Dollar je Aktie – das ist der Unterschied von 110 zu 93 Dollar, also jenem Niveau, auf dem Apple im Mai notierte, als ich die Übernahme-Idee von Tesla zum ersten Mal skizziert habe. Elektrisiert der Kauf die Wall Street und gelingt es Apple, mittelfristig Gewinne mit dem Kultauto einzufahren, könnte sich der Preis für die Übernahme ähnlich schnell amortisieren...


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