Was Fitnesstracker und Smartwatches noch deutlich besser machen können

Wearables haben noch Entwicklungspotenzial
Wearables haben noch Entwicklungspotenzial(© 2017 istock.com/Jacob Ammentorp Lund)

Der "Personal Trainer am Handgelenk" ist die charmante Umschreibung für Fitnesstracker und Smartwatches. Doch für dieses Prädikat fehlt den Wearables noch ein entscheidender Faktor. Die neuesten Software-Entwicklungen der großen Anbieter Samsung, Garmin, Fitbit, TomTom und Co. machen jedoch Hoffnung.

Wie in jedem Jahr präsentierten die große Anbieter ihre neuesten Fitnesstracker und Smartwatches auch 2017 auf der Internationalen Funkausstellung Anfang September in Berlin. Dort haben wir aber nicht nur gesehen, dass Wearables wie erwartet immer umfangreicher, zuverlässiger und schicker werden. Sondern auch, dass es noch einige Baustellen im Software-Bereich gibt. Warum, erfahrt ihr im Folgenden:

Fitnesstracker können zu Selbstüberschätzung führen

Bisher kamen Studien zur Effektivität von Fitnesstrackern zu gemischten Ergebnissen: Der Großteil der Nutzer ist zwar durch die motivierenden Wearables etwas aktiver geworden – im Schnitt sind es 1.000 Schritte mehr am Tag, die Leute mit einem Fitnessarmband gehen. Klingt erstmal gut, allerdings muss man berücksichtigen, dass diese 1.000 Schritte mehr gerade mal 50 Kalorien extra verbrennen. Tatsächlich nehmen viele Wearable-Träger sogar zu. Der Grund: Sie führen sich nun täglich vor Augen, wie aktiv sie sind und belohnen sich dafür. Dabei überschätzen viele ihre sportliche Betätigung und unterschätzen im Gegensatz dazu die Snacks außer der Reihe und sorgen für einen Kalorienüberschuss.

Das zweite Problem nach der sportlichen Selbstüberschätzung ist der Gewöhnungseffekt: Weitere Studien auf diesem Gebiet haben gezeigt, dass die Mehrheit der Nutzer den Fitnesstracker nach spätestens sechs Monaten gar nicht mehr aktiv nutzt. Woran mag das liegen?

Was nützen nackte Zahlen ohne Relationen?

Fitnesstracker sammeln zwar fleißig Daten, sodass man am Ende des Tages und vor allem am Ende der Woche einen Überblick über seine Alltagsaktivität gewinnt. Doch was nützen die nackten Zahlen, wenn keine konkrete Einordnung erfolgt? Und dementsprechend keine Empfehlungen für weitere, andere oder mehr Fitness-Taten und die passende Ernährung je nach Körperziel?

Ein Beispiel: Mein Fitnesstracker muss mich abends pünktlich ins Bett schicken, damit ich mehr Schlaf bekomme und dadurch fitter für das Training bin und besser regeneriere. Außerdem muss er mir ermöglichen, Aktivitäten, die nicht automatisch getrackt werden, manuell nachzutragen, damit die Bilanz an Ende stimmt. Beides ist möglich. Allerdings vermisse ich Trainingserinnerungen, Empfehlungen für Regenerationsphasen, die Anpassung meiner Trainingspläne und ein umfangreiches Ernährungscoaching.

Nur wenn alle Aktivitäten erfasst werden, kann die App zuverlässig meinen Grundumsatz ermitteln. Und je nach Fitness- und Körperzielen lassen sich mit dieser Schlüsselinfo passende Ernährungs-Konzepte finden: Wie viele Kalorien brauche ich am Tag, um abzunehmen oder Muskeln aufzubauen, wie hoch sollte der Anteil an Makronährstoffen (Kohlenhydraten, Proteinen, Fett) sein? Welche Fitnessarten und Programme passen zu meinen Zielen und in meinen Terminkalender? Im Verlauf wäre neben der Gewichtsentwicklung auch interessant zu wissen, wie sich die Ausdauer verbessert und wie fit man im Vergleich zu Gleichaltrigen ist. Kurzum: Fitnesstracker sollten uns noch besser dabei helfen, individuelle Fitnessziele zu setzen und diese durch die richtige Motivation und angepasstes Coaching auch zu erreichen.

Samsungs Gear Fit2 Pro möchte allumfassender Alltags-Coach sein.(© 2017 CURVED)

Smartwatches sind auf dem Vormarsch

Gute Aussichten für Smartwatches: Im Vergleich zum Vorjahr ist der Umsatz um mehr als 44 Prozent gestiegen und soll laut Branchenerwartungen bis 2020 weiter kräftig wachsen. Der durchschnittliche Preis für eine intelligente Uhr liegt übrigens bei 257 Euro – aber dafür erwarten Käufer auch immer mehr praktische Vorteile.

Natürlich hängt der Erfolg eines neuen Activity Trackers oder einer Smartwatch maßgeblich von der verbauten Hardware und dem Design ab. Da bleiben sich die namhaften Anbieter wie Apple, Samsung, Fitbit, Garmin und TomTom auch treu. Die IFA 2017 hat aber auch gezeigt, dass diese bei ihren neuesten Modellen verstärkt auf spezialisierte Software setzen – eben um die Wearables auch inhaltlich nützlicher für Fitnessbewusste zu gestalten. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Endlich: TomToms neue Software ermöglicht den direkten Fitnessbezug

Bestes Beispiel ist hier TomTom: Der niederländische Navigationsexperte hat auf der Messe gar keine brandneue Sportuhr vorgestellt, sondern ein Software-Update für die "TomTom Runner 2", die "Spark", die "Runner 3", die "Spark 3" sowie die "Adventurer". Die neue Software soll Fitnessdaten nicht mehr bloß sammeln und auswerten, sondern euch auch darauf abgestimmte Workouts zusammenstellen. Mit diesem Schritt ist TomTom den Konkurrenten weit voraus: So gibt das Feature "Fitness-Alter" Aufschluss über die Ausdauerleistung in Relation zum Alter und Fitness-Punkte sollen für anhaltende Motivation sorgen. Ein cleveres Feature, wie wir finden.

Das Besondere: Die Punkte werden angepasst an Sportarten und das persönliche Trainingsniveau verliehen. Wer schon fit ist, muss etwas mehr für Punkte ackern als ein Fitnessanfänger. Das i-Tüpfelchen des Software-Updates sind aber die personalisierten Trainingsempfehlungen und Workouts je nach Fitnesszielen. Damit machen sich die Fitnessuhren von TomTom erstmals wirklich verdient als "Personal Trainer am Handgelenk". Zumindest in der Theorie. Denn ausprobieren konnten wir die nagelneuen Features noch nicht. Aber wir bleiben selbstverständlich dran und halten euch auf dem Laufenden.

Andere Smartwatches setzen auf eigene Betriebssysteme und App-Partner

Auch andere namhafte Anbieter haben ihre Hausaufgaben gemacht und fleißig an hauseigenen Apps für ihre neuesten Fitnessuhren gearbeitet, statt wie viele andere auf das massenkompatible Android Wear zu bauen: Absoluter Vorreiter ist natürlich die Apple Watch mit watchOS und zahlreichen Fitnessfunktionen. Auf der Fitbit Ionic läuft "Fitbit OS", Garmin hat mit "Garmin OS" sein eigenes Betriebssystem und die Samsung Gear Sport arbeitet mit "Tizen OS". Alle drei Betriebssysteme zeichnen sich dadurch aus, dass sie einfache Standards nutzen, so dass angeblich auch Drittanbieter leicht Apps dafür kodieren könnten. Es bleibt also zu hoffen, dass sich der Nutzungsumfang für die Anwender auf ihrem Interessengebiet Fitness stetig verbessern wird – nicht nur in der Theorie, sondern hoffentlich auch in der praktischen Umsetzung der Fitnessziele.

Attraktive App-Kooperationen als Alleinstellungsmerkmal?

Sich über Drittanbieter exklusive Dienste zu sichern, scheint auch eine attraktive Strategie zu sein: Samsung hat bereits namhafte Partner für seine Tizen-Software gewonnen: So interagieren die Samsung Gear Sport und Samsung Fit2 Pro bereits mit Spotify, wobei Nutzer sich ihre Musik auch offline auf die Fitnessarmbänder laden können. Außerdem arbeiten Samsung neueste Geräte mit Speedos Schwimm-Tracking-App. Allerdings hat sich darüber hinaus seit 2015 wenig im Samsung-Store getan. Für Android Wear hingegen gibt es zum Beispiel Runtastic, Runkeeper und Strava als Standalone-Apps.

Garmin hat mit Mastercard ein praktisches Feature für Sportler in seiner App etabliert: Mit der Garmin Vivoactive 3 können die nicht nur ihr Training aufzeichnen, sondern im Anschluss auch ein Getränk oder einen Sportlersnack kaufen, ohne erst die Geldbörse aus der Sporttasche zu kramen. Bargeldloses Bezahlen über die Smartwatch soll es möglich machen – zumindest theoretisch, denn in Deutschland ist die Funktion noch nicht verfügbar und es ist fraglich, ob und wann es sich hierzulande durchsetzen kann. Auch bei Garmin besteht also noch Potential, attraktive App-Features für die Zielgruppe der Sportler zu etablieren.

Garmins Vivoactive 3 will das bargeldlose Bezahlen auch hierzulande salonfähig machen.(© 2017 CURVED)

Fazit: Vielversprechende Entwicklung, solange die Qualität der Apps stimmt

Unterm Strich scheint also das Bestreben der Wearable-Anbieter groß, mit eigenen Betriebssystemen, die die Anbindung für Dritt-Apps so einfach wie möglich machen, unabhängiger von Google zu werden. Dadurch werden vor allem Smartwatches immer smarter: Wer sich jetzt zum Beispiel die Fitbit Ionic kauft, wird auch im nächsten Jahr von neuen App-Features profitieren, weil diese fortlaufend relativ einfach von Drittanbietern entwickelt werden können. Zumindest in der Theorie. Dabei denken wir nicht nur an die Anbindung an beliebte Dienste wie Spotify oder Uber, sondern vor allem auch Apps und Funktionen, die uns den Alltag erleichtern, zu einem fitten Lifestyle beitragen, langfristig motivieren und dabei helfen, die getrackten Fitnessdaten besser einzuordnen, zu vergleichen und dann gezielter zu trainieren – eben wie ein richtiger "Personal Trainer am Handgelenk".
Solange dabei stets die Qualität der kooperierenden Apps Vorrang vor der Vielzahl von Anwendungen hat, ist dies eine sehr vielversprechende Entwicklung. Wer das Rennen in Sachen Software-Ausstattung hier machen wird und sogar eines Tages an die Apple Watch heran kommt, bleibt allerdings noch abzuwarten.